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  3 (2004), Nr. 2: Inhalt
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Angelika Baumann, Andreas Heusler

"München a r i s i e r t". Entrechtung und Enteignung der Juden in der NS-Zeit

Veranstalter: Kulturreferat und Stadtarchiv der Landeshauptstadt München

Ausstellung vom 23. April 2004 bis 13. Juni 2004
Ort: Kunstarkaden, Sparkassenstraße 4
 

Buch zur Ausstellung:

"München a r i s i e r t". Entrechung und Enteignung der Juden in der NS-Zeit. Herausgegeben von Angelika Baumann und Andreas Heusler im Auftrag der Landeshauptstadt München, Verlag C.H Beck, München 2004, 279 Seiten und 53 Abbildungen, broschiert, 19,90 Euro, ISBN 3-406-51756-0
 
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Vom 23. April bis 13. Juni 2004 wurde in München die Ausstellung
"München a r i s i e r t". Entrechtung und Enteignung der Juden in der NS-Zeit gezeigt. Zeitgleich ist das gleichnamige Buch im Verlag C.H.Beck erschienen. Ausstellung und Buch vermitteln erstmals wesentliche und detaillierte Informationen über den Prozess der Enteignung jüdischer Bürgerinnen und Bürger in München.
 
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Buch und Ausstellung sind Teile eines breit angelegten städtischen Projekts, das durch ein umfangreiches Begleitprogramm flankiert worden ist. Dabei wurden nicht nur wesentliche Informationen über den Prozess der Enteignung jüdischer Bürgerinnen und Bürger in München präsentiert, sondern darüber hinaus wurde gezeigt, wie heute mehr denn je die Folgen der 'Arisierungen' bemerkbar sind. Museen, Archive und Bibliotheken öffneten ihre Depots und Magazine. Zahlreiche Stadtrundgänge wurden angeboten, die zu den Orten der Opfer, der Akteure und der Profiteure führten. In Podiumsdiskussionen und Vorträgen ging es nicht nur um Erkenntnisse über ein bislang zu wenig beachtetes Thema, sondern vor allem auch um dessen Gegenwärtigkeit.
 
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Die Ausstellung selbst war als Ort konzipiert, an welchem sich die Besucher in einem ersten Schritt über die Geschichte der 'Arisierungen' in München informieren konnten. Sie erhielten Aufschluss darüber, wie der Prozess der 'Arisierung' in München funktionierte. Sie erfuhren anhand von ausgewählten Einzelbeispielen, wie Beamte, Angestellte und Parteileute von ihren Schreibtischen aus dafür sorgten, dass viele hundert Münchner Geschäfte, Arztpraxen, Anwaltskanzleien, Wohnungen, Grundstücke und Häuser ihren jüdischen Eigentümern oder Mietern geraubt und an den Fiskus, die Stadt, die Partei, private und öffentliche Unternehmen oder Münchner Bürger verteilt wurden. Sie konnten erkennen, wie die Existenz von Juden bereits vor der Deportation systematisch vernichtet wurde. Deren wirtschaftliche Ausschaltung und damit der Entzug jeglicher Lebensgrundlagen vollzogen sich nach den immer gleichen Vorgaben und Mustern. Das ab 1938 geltende staatliche Regelwerk verlieh der 'Arisierung' eine legalistische Prägung, die teilweise noch in den Nachkriegsjahren den Umgang mit dem Thema bestimmte.
 
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Qualität und Gelingen des Gesamtprojekts "München a r i s i e r t" hingen in entscheidendem Maße von der Bereitschaft von Institutionen, Behörden und Unternehmen ab, die Projektinitiative von Kulturreferat und Stadtarchiv aufzugreifen. Das große Interesse der angesprochenen Partner, am Gesamtprogramm mitzuwirken und damit Licht in eine der größten unrechtmäßigen Vermögenstransaktionen der Geschichte zu bringen, hatte dieses Programm überhaupt erst möglich gemacht. Damit gelang es, ein dichtes Informationsnetz zu knüpfen, das interessierte Bürgerinnen und Bürger zur Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Aspekten des Themas einlud. Das Programm bot zudem eine Vielzahl von Möglichkeiten, in großer Anschaulichkeit mehr über die aktuellen Auswirkungen der 'Arisierungen' in München zu erfahren.
 
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Abb. 1
 
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Die Texte des Buches widmen sich Beispielen, die das Ineinandergreifen der einzelnen Maßnahmen, deren Konsequenzen und das Funktionieren nationalsozialistischer Netzwerke veranschaulichen. "München a r i s i e r t " heißt beispielsweise, dass Funktionäre des Staates und der Partei die jüdische Gemeinde der Stadt systematisch durch Willkürakte und diskriminierende Verwaltungsakte schikanierten und um ihren Besitz brachten, bevor die Mitarbeiter und Angehörigen der Gemeinde vertrieben oder ermordet wurden. In den Beiträgen von Gerd Modert über die Rolle der NSDAP und von Christiane Kuller über die Rolle der Finanzverwaltung wird die Schrittmacherfunktion öffentlicher Institutionen und deren Amtsträger für die 'Arisierung', insbesondere aber für die physische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung eindringlich beschrieben.´
 
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"München a r i s i e r t " weist auch darauf hin, dass Beamte, Angestellte und Parteileute von ihren Schreibtischen aus dafür sorgten, dass viele hundert Münchner Geschäfte wie etwa der Giesinger Warenhandel Sigmund Feuchtwanger (Beitrag von Nicole Kramer) oder die Möbelfabrik Ballin (Beitrag von Tobias Mahl), aber auch Arztpraxen, Anwaltskanzleien, Wohnungen, Grundstücke und Häuser ihren jüdischen Eigentümern oder Mietern geraubt und die Erträge dann an den Fiskus, die Stadt, die Partei, private und öffentliche Unternehmen oder Münchner Bürger verteilt wurden. Der Aspekt der 'Entmietung' und Enteignung von Immobilienbesitz wird im Beitrag von Ulrike Haerendel aufgenommen. Das Schicksal von Angehörigen der freien Berufe untersucht Axel Drecoll exemplarisch für die Münchner Ärzte.
 
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Gab es Anfang 1938 etwa 1.700 jüdische Geschäfte in München, waren es sieben Monate später nur mehr 666, am Ende des Jahres 1939 noch 27. Bis Anfang 1938 war bereits ein Viertel der jüdischen Gewerbebetriebe der 'Arisierung' zum Opfer gefallen. Gleichwohl ist die Erinnerung an von Juden geführte Unternehmen noch nicht völlig verblasst. Dies zeigt das Beispiel des Kaufhauses Uhlfelder. Das Münchner Traditionshaus ist vielen älteren Münchnern nach wie vor ein Begriff. Julia Schmideder skizziert in ihrem Beitrag die einzelnen Etappen der 'Arisierung' dieser Firma. Die abschließende Schilderung des Rückerstattungs- und Entschädigungsverfahrens wirft die Frage nach der Wirksamkeit und moralischen Qualität der bundesdeutschen Wiedergutmachungsbemühungen auf.
 
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Abb. 2
 
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In allen Fällen geht es um das Schicksal von Menschen. Sie reagierten unterschiedlich auf den organisierten Raub ihres Vermögens, auf die Liquidation oder 'arische' Übernahme ihrer Firma, auf die Wegnahme ihrer Wohnung, auf das Wegbrechen ihrer materiellen Existenzgrundlagen. In den Beispielen spiegeln sich aber auch das Verhalten und das Agieren von Angehörigen der nicht-jüdischen Bevölkerung wider ob es sich nun um die vollziehenden Beamten, die 'Ariseure', die Profiteure, die Geschäftspartner, die Kunden oder die Nachbarn handelte. Die wirtschaftliche Ausschaltung und damit die Existenzvernichtung spielten sich nach den immer gleichen Vorgaben und Mustern ab. Wie in einem Netzwerk agierten kommunale Ämter, die Behörden auf Landes- und Reichsebene zusammen mit den Parteistellen der NSDAP. Das ab 1938 geltende staatliche Regelwerk verlieh der 'Arisierung' eine legalistische Prägung, die teilweise noch in den Nachkriegsjahren den Umgang mit dem Thema bestimmte. Deutlich wird dies im Beitrag von Andreas Heusler, der am Beispiel eines 'Ariseurs' beschreibt, wie gleichgültig und unreflektiert die Inbesitznahme jüdischen Eigentums erfolgte. Dieser Akt unrechtmäßiger Aneignung bot auch lange nach 1945 keinen Anlass zu (selbst-)kritischen Fragen.
 
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Die Geschichte des Vermögensentzugs endete keineswegs mit dem Untergang der nationalsozialistischen Diktatur. Gerade der Blick darauf, wie die deutsche Gesellschaft und die Behörden der Bundesrepublik versuchten, die Opfer der Ausplünderung durch den NS-Staat und deren Hinterbliebenen materiell und ideell zu entschädigen, offenbart Einsichten in Wesen und Konflikte des Umgangs mit der Geschichte des Nationalsozialismus. Es wird aber ebenso deutlich auch dies hat die jüngere Forschung belegt , wo die Konfrontation mit Schuld und Verantwortung ihre Grenzen fand und wie Strategien der Verdrängung wirkten. Diesen Fragen geht der Beitrag von Tobias Winstel nach.
 
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Die Publikation erhebt nicht den Anspruch einer umfassenden und vollständigen Dokumentation der Geschichte der 'Arisierungen' in München. Das kann sie in Anbetracht der noch ausstehenden Grundlagenforschung auch nicht sein. Die thematische Bandbreite des Buches umfasst ganz unterschiedliche Einzelaspekte, die aber in ihrer Gesamtschau durchaus ein erstes, facettenreiches Bild des nationalsozialistischen Vermögensraubs in München skizzieren. Es ist gedacht als Anregung und Auftakt für weitere Forschungen über die Dimensionen und die Folgen einer der größten Enteignungsaktionen der Geschichte.
 
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Die Veröffentlichung entstand im Rahmen eines Projektverbunds zwischen der Landeshauptstadt München (Kulturreferat und Stadtarchiv) sowie Historikerinnen und Historikern der Ludwig-Maximilians-Universität. Sie arbeiteten im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums der Finanzen und in Kooperation mit der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns über die Finanzverwaltung und die Verfolgung der Juden in Bayern. In dieser Konstellation war es möglich, von den Erkenntnissen zu profitieren, die aus der Sichtung der von den bayerischen Finanzbehörden freigegebenen Quellen gewonnen werden konnten. Gleichzeitig bot sich die Chance, die Forschungsergebnisse anhand einzelner Beispiele im Münchner Raum zu konkretisieren und zu veranschaulichen.
 

Autoren

Dr. Angelika Baumann
Kulturreferat der LH München
Burgstr. 4
80331 München
angelika.baumann@muenchen.de

 
Dr. Andreas Heusler
Stadtarchiv München
Winzererstr. 68
80797 München
andreas.heusler@muenchen.de
 

Projektleitung, Konzept und Organisation:

Dr. Angelika Baumann, Dr. Andreas Heusler, Gerd Modert
 

Mitarbeit:

Elsbeth Bösl, Axel Drecoll, Dr. Ulrike Haerendel, Dr. Christiane Kuller, Nicole Kramer, Tobias Mahl, Nicole Marrenbach, Marian Rappl, Julia Schmideder, Doris Seidel, Tobias Winstel
 
Das Programm unter : www.muenchen.de/rathaus/referate/kult/ansprech/stadtgeschichte/
39241/index.html
 
 

Empfohlene Zitierweise:

Angelika Baumann, Andreas Heusler: "München a r i s i e r t". Entrechtung und Enteignung der Juden in der NS-Zeit, in: zeitenblicke 3 (2004), Nr. 2 [13.09.2004], URL: <http://www.zeitenblicke.historicum.net/2004/02/baumann-heusler.html>

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ZEITENBLICKE ISSN: 1619-0459