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In der älteren Forschung, wie sie das Bild des frühneuzeitlichen Adels zumindest bis zu Beginn der 1980er-Jahre weithin bestimmte, gilt der Adel oft als der klassische Modernitätsverlierer. Der historische Fortschritt, welche Form er nun auch immer annahm, die des bürokratischen Machtstaates wie im Absolutismus, die des auf Sozialdisziplinierung ausgerichteten Konfessionsstaates oder eher die einer auf Handel und Gewerbe ausgerichteten bürgerlichen Gesellschaft wie in den Niederlanden im Goldenen Zeitalter oder in England im 18. Jahrhundert, seien gegen den Adel durchgesetzt worden und seien getragen worden von neuen Funktionseliten, von Juristen oder von einem selbstbewussten Bürgertum, nicht vom Adel. Blickt man auf ältere historische Werke könnte man zuweilen fast den Eindruck gewinnen, vom Ausgang des Mittelalters bis zur Französischen Revolution habe sich der Adel in einem kontinuierlichen Niedergang befunden. Auf das Ende des Rittertums im späten 15. Jahrhundert mit seinen sozialen und militärgeschichtlichen Implikationen und seinen negativen Auswirkungen auf die Identität des Adels als Stand folgte die durch die Inflation des 16. Jahrhunderts und den Zwang zur demonstrativen Verschwendung, aber auch eine angeblich irrationale Wirtschaftsgesinnung bedingte finanzielle Krise des hohen Adels um 1600, die die Forschung in den 1970er-Jahren noch eindeutig glaubte konstatieren zu können. [1]

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Als diese so genannte Krise überwunden war, sah sich der Adel, so die überkommene Sichtweise, spätestens Mitte des 17. Jahrhunderts der Herausforderung seiner Macht durch die absolute Monarchie gegenüber, eine Herausforderung, der er sich, wie man meinte, nur unzureichend gewachsen zeigte. Aus selbstbewussten Magnaten, die ganze Regionen dominierten, wurden Höflinge, deren größtes Glück darin bestanden habe, in der Umgebung des Monarchen einen nichtigen Rangvorteil zu erlangen, die aber keine wirkliche politische Macht mehr ausüben konnten. Ein Teil der Zeitgenossen sah schon im 18. Jahrhundert die Lage des Adels unter der Herrschaft absoluter Monarchen in diesem Licht. So schrieb etwa der 1794 gestorbene französische Cardinal de Bernis in seinen Memoiren: "On entendait autrefois par le terme de 'grand seigneur' un homme d'un naissance illustre qui possédait des grands biens, les grandes charges de la couronne, ou qui, maître dans ses terres, ne dédaignait pas d'y habiter, avait du crédit auprés du roi et ne se montrait à la cour que rarement. Ces anciens seigneurs avaient presqu'autant de créatures que de vassaux, et la noblesse ne rougissait pas de leur être attachée, la raison en est bien simple: les grands seigneurs avaient alors le crédit de faire la fortune des gentilshommes. Les temps sont bien changés: les possesseurs des grands fiefs n'habitent plus leurs terres, et les seigneurs d'aujourd'hui ont à la vérité des titres et des dignités, mais aucun crédit qui leur soit propre." [2]

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Noch bekannter sind die entsprechenden, etliche Jahrzehnte früher formulierten Urteile des Herzogs von Saint-Simon, denen sich ein großer Teil der Forschungsliteratur angeschlossen hat, die in Saint-Simon einen Kronzeugen für die Domestizierung des Adels nicht nur in Frankreich sondern im monarchisch regierten Europa überhaupt sieht; eine Einschätzung, die durch neuere Arbeiten über den barocken Hof und die Monarchie dieser Epoche freilich erheblich relativiert wird. [3]

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Das 18. Jahrhundert gilt überhaupt oft als Epoche der gewissermaßen finalen Adelskrise. Eine öffentliche Meinung, die zwar durchaus noch an der der Lebenswelt des Adels entstammenden Idee festhielt, dass es das Streben nach Ehre sei, das Menschen zu besonderen Leistungen motiviere, jedoch wirtschaftliche oder intellektuelle Leistung den militärischen des Schwertadels gleichstellen wollte und überdies den Monarchen nicht mehr als den natürlichen Richter über Ehre und Status sah, begann die traditionelle Legitimation der adligen Privilegien in Frage zu stellen. [4] Der Adel drohte entweder, so scheint es in einer allgemeinen durchaus auch bürgerlich geprägten staatlichen Funktionselite wie sie etwa das preußische Beamtentum darstellte, aufzugehen, oder aber er wurde von Aufklärung und Revolution hinweggefegt wie in Frankreich.

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In diesem Kontext stellt sich natürlich die Frage, warum ein so lange währender scheinbar kontinuierlicher Niedergang eines Standes nicht zum vollständigen Verschwinden dieser sozialen Gruppe führte, und dieser Zustand trat offenbar nicht ein. In vielen Ländern Europas, Deutschland einschließlich der Habsburgermonarchie oder England sind dafür nur zwei Beispiele, blieb vielmehr der Adel zumindest bis zu den Strukturveränderungen durch die Industrialisierung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts politisch und sozial dominierend, ja zum Teil sogar darüber hinaus, auch wenn diese Führungsstellung sicherlich nicht unangefochten war. Sie blieb aber stark genug, um auch das Bürgertum zur Anpassung an adlige Wertvorstellungen zu bewegen, ein Vorgang, der namentlich mit Blick auf Deutschland oft als Teil des deutschen Sonderweges beklagt worden ist, der aber gar so einmalig und ungewöhnlich gar nicht war. [5] In der Tat ist es auffällig, wie stark sich die Forschung der letzten Jahre gerade auch diesem Fortwirken adeliger Traditionen und adeligen Einflusses im 19. und 20. Jahrhundert zugewandt hat. Fast könnte man den Eindruck haben, dass diese Epoche jetzt intensiver erforscht wird – jedenfalls in Deutschland – als die Adelsgeschichte der älteren Epochen. [6]

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Damit stellt sich umso mehr die Frage nach der Selbstbehauptung des Adels in der Frühen Neuzeit. Dass seine traditionelle Vorrangstellung angefochten war und es immer wieder galt, fundamentalen Herausforderungen zu begegnen, das steht freilich außer Zweifel. Schon allein der frühmoderne Staatsbildungsprozess mit seiner Tendenz zur Monopolisierung der legitimen Anwendung physischer Gewalt, der Ächtung der Fehde und der Verrechtlichung sozialer und politischer Konflikte stellte eine solche Herausforderung dar. Auch große adlige Magnaten konnten ihre Rechtsansprüche jetzt nicht mehr auf eigene Faust durchsetzen, sondern mussten sich an die Gerichte wenden, wo sie sich dem Urteil gelehrter Juristen zu unterwerfen hatten, deren Denken weit entfernt war von der Welt in der sich der Adel bewegte. [7] Ähnliches galt aber für den konfessionellen und kulturellen Wandel der frühen Neuzeit. Der Humanismus als eine Bildungsbewegung, die sich an Laien, nicht mehr primär an Kleriker richtete, ließ die kulturellen Defizite des Adels, der der Welt der Gelehrsamkeit und des Buches überhaupt zu Beginn des 16. Jahrhunderts noch weitgehend mit Distanz gegenüberstand, in düsteren Farben hervortreten. [8] Hinzu trat die Ausbildung der Konfessionskirchen, die mit ihren neuen Forderungen nach religiöser Konformität und nach einem im Sinne der Kirche disziplinierten und durch die kirchlichen Instanzen zu überwachenden sittlichen Verhalten auch der Nichtkleriker das traditionelle Ethos des Adels und die Werte, die sein Verhalten bestimmt hatten, durchaus in Frage stellten. Der eher selbstherrliche Umgang mit kirchlichem Vermögen und kirchlichen Ämtern und Pfründen, aber auch die Orientierung an überkommenen Vorstellungen von Standesehre, die oft eher laxe Sexualmoral und nicht zuletzt die Tendenz, sich zu Loyalitäten zu bekennen, die im Konflikt mit den Konfessionsgrenzen standen, mussten alle gleichermaßen auf klerikale Kritik stoßen. [9]

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Schließlich ist immer wieder behauptet worden, dass der Adel sich mit einem rationalen Wirtschaftshandeln schwer tat. Verschwendung und Verschuldung, so scheint es, waren Probleme, die auch und gerade die wohlhabendsten Adelsdynastien immer wieder heimsuchten, die damit zumindest zeitweilig in eine starke Abhängigkeit nicht nur von städtischen respektive bürgerlichen Gläubigern gerieten, sondern auch von den Fürsten und Monarchen, die ihnen durch Pensionen, einträgliche Beteiligungen an Monopolen und Steuerpachten oder auch einfach nur durch Schutz vor ihren Gläubigern finanziellen Rückhalt gaben. Das Wirtschaftsverhalten des Adels besaß jedoch durchaus seine eigene Rationalität. Zumindest für große Magnaten war die Durchsetzung von lokalen Besitz- und Herrschaftsansprüchen ebenso wie von wirtschaftlichen Interessen, die sich eben oft mit dem Streben nach einträglichen Ämtern oder Privilegien verbanden, immer auch eine politische Frage. Daher konnten hohe Investitionen in Konsum und Repräsentation oder in Wohltaten unterschiedlichster Art für ein Heer von Klienten, aber auch hohe und höchste Ausgaben im Dienst des Fürsten durchaus zweckdienlich sein, denn letztlich hingen in der frühen Neuzeit auch die bei Eigentumsstreitigkeiten so wichtigen Prozesschancen vor Gericht sehr stark davon ab, ob es gelang, den Herrscher auf die eigene Seite zu bringen, oder zumindest die Richter mit den Mitteln der Patronagepolitik, wenn nicht gar durch Geldgeschenke oder andere materielle Vorteile günstig zu stimmen. Für einen Adligen war letztlich sein politischer Kredit wichtiger als sein finanzieller, oder besser, dort wo er ausreichend politischen Kredit genoss, fand er auch einen Geldgeber, der ihm monetären Kredit gewährte. [10]

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Auch in anderen Bereichen hat die neuere Forschung deutlich werden lassen, dass der Adel seine eigenen Mechanismen entwickelte, um den Herausforderungen einer sich wandelnden Gesellschaft und eines erstarkenden Staates zu begegnen. Dabei muss man sich natürlich darüber im Klaren sein, dass man nur in einem sehr eingeschränkten Sinne von dem Adel als einem homogenen Stand sprechen kann, obgleich es ohne Zweifel ein adeliges Selbstverständnis, wenn man so will eine ständische Ideologie, gab, die eben diese Einheit immer wieder durchaus postulierte. Selbst Monarchen wie Karl I. von England oder Ludwig XIV. von Frankreich verstanden sich auf eine gewisse Weise als Adelige als 'first gentleman' oder als 'premier gentilhomme' ihrer Reiche und waren auf diese Weise selbst mit den einfachen Provinzadligen verbunden. [11] In der Praxis war diese Einheit aber problematisch wenn nicht sogar rein fiktiv. Der Abstand etwa zwischen einem böhmischen Magnaten vom Schlage der Fürsten Liechtenstein, die als Grundherren über halb Mähren herrschten, und einem einfachen Mitglied des Ritterstandes war ebenso groß wie der zwischen einem französischen Herzog und einem bretonischen 'hobereau', einem 'Stoppelhopser', der sich mit Mühe und Not einen oder zwei Diener leisten konnte. [12] Sehr viel hatte ein solcher Landedelmann mit einem reichen Aristokraten letztlich nicht gemein. Lediglich in jenen Ländern, wie etwa England, in denen der niedere Adel nicht juristisch definiert war und sich auch allen Tendenzen eine solche Definition durchzusetzen entzog, sondern sich im Kern vor allem durch Lebensstil, Standeskultur und Besitz von der übrigen Bevölkerung unterschied, fehlte jene unterste Schicht des Kleinadels, die eigentlich nur noch ihre Wappenbriefe und Privilegien besaßen, diese aber dafür besonders im 18. Jahrhundert um so erbitterter verteidigte. Aber die Heterogenität des Adels als Stand war nicht nur bedingt durch Unterschiede des Vermögens oder den Rang in der ständischen Hierarchie. Wichtig war auch von jeher die Frage des Zugangs zur Macht oder der Nähe zum Thron und dafür waren Herkunft, Rang und Vermögen keineswegs allein ausschlaggebend. Persönliche Beziehungen oder die Fähigkeit und Bereitschaft sich an politische und konfessionelle Veränderungen rasch anzupassen waren ebenso wichtig. Von daher ist es auch nicht verwunderlich, dass es innerhalb des Adels einerseits Gruppen gab, die vom Prozess der Staatsbildung profitierten und andere, die eher auf der Seite der Verlierer standen.

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Gelegentlich waren es in der Tat die sprichwörtlichen 'overmighty subjects', die großen einst halb unabhängigen Magnaten, die im Zuge einer stärkeren politischen Zentralisierung und einer Stärkung der monarchischen Autorität, verbunden auch mit dem Funktionsverlust der militärischen Gefolgschaften des Adels, eine deutliche Einbuße an Einfluss erlitten. Für die Mark Brandenburg, in der im 16. Jahrhundert eine kleine Zahl, kaum mehr als ein Dutzend, von reichen Familien Stände und Hof gleichermaßen beherrscht hatten, mag das etwa gelten. [13] Ähnliche Prozesse findet man an der Peripherie dynastischer Großreiche, etwa in Irland mit seinen anglo-irischen Magnaten, oder im Norden Englands. [14] Oft waren es aber eher die kleinen Adligen in der Provinz, die im 17. und 18. Jahrhundert auf der Strecke blieben, weil sie nicht über genügend Einfluss bei Hof verfügten, oder weil mit der zunehmenden Konzentration politisch-administrativer Entscheidung in der Metropole regionale Patronagenetzwerke, die den einfachen Edelmann mit dem mächtigen Magnaten verbunden hatten, zumindest schwächer wurden, auch wenn sie sicherlich nicht ganz verschwanden. Die Habsburgermonarchie bietet aber ein klassisches Beispiel dafür, wie hier im Zuge des Staatsbildungs- und Konfessionalisierungsprozess der Ritterstand an Einfluss verlor, während die Magnaten Hof und Gesellschaft weitgehend dominierten, jedenfalls in den Ländern der Wenzelskrone und in Ober- und Niederösterreich. [15] Dass sich dieser Magnatenstand im 17. Jahrhundert auch durch Integration von ursprünglich landesfremden Familien nach der Verdrängung der protestantischen Adligen gewissermaßen neu hatte erfinden müssen, als eine durchgehend katholische, der Dynastie gegenüber rückhaltlos loyale Elite, um zu überleben, ist freilich nicht zu leugnen. [16] Auch in Frankreich hatten die Grands, die Prinzen von Geblüt und großen Aristokraten im Herzogsrang, nach der Fronde ihre Rolle im Staat neu definieren müssen. Der heroische Individualismus eines Condé, des Siegers von Rocroi, – der weder die Regeln der Kirche noch die der Krone respektierte – gehörte der Vergangenheit an und wich einem Adelsideal, das stärker auf die Anpassung an den Staatsdienst und die Konventionen der höfischen Welt ausgerichtet war. [17] Nicht jeder Familie gelang eine solche Anpassung, manche verloren ihren ererbten Status und sanken ab, wenn sie nicht sogar auf Grund falscher konfessioneller oder politischer Entscheidungen unter Aufgabe ihres Besitzes ins Exil gehen mussten.

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Es gab jedoch von jeher einen beständigen Prozess des Auf- und Abstiegs von Familien. Detailuntersuchungen haben freilich gezeigt, dass ältere etablierte Familien oft eine bessere Chance hatten, sich auch in Krisenzeiten zu behaupten, als rasch aufgestiegene noch nicht vollständig etablierte Familien. Dies war einerseits auf die Tatsache zurückzuführen, dass seit langer Zeit etablierte Familien oft über zahlreiche unterschiedliche Zweige verfügten, so dass die Wahrscheinlichkeit, dass zumindest einer dieser Zweige biologisch, politisch und wirtschaftlich überlebte, hinreichend groß war, andererseits besaßen solche Adeldynastien meist auch ausgedehnte, zum Teil durch Konnubien über Jahrzehnte hinweg stabilisierte Freundschafts-, Patronage- und Klientelverbindungen, die der Sicherung des Überlebens dienten. [18] Es waren im Übrigen oft eher solche Patronage- und Klientelbindungen, die mehr als juristische Privilegien und kulturelle Normen tatsächlich eine gewisse Kohärenz des Adels über alle Statusunterschiede und auch über die Distanz zwischen Metropole respektive Hof und Provinz hinweg gewährleisteten. [19]

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Dessen ungeachtet beruhte das Überleben des Adels über weite Epochen hinweg freilich auch auf der Fähigkeit, auch Aufsteiger zu integrieren, mochten auch einzelne Adelsgruppen großen Wert auf ihre Exklusivität und auf ihre Abschließung gegen alle 'homines novi' wert legen; diese Tendenz war freilich dort am stärksten, wo adlige Eliten selber über ihre Exklusivität wachen konnten und mussten, weil die monarchische Herrschaftsgewalt gegenüber dem Adel eingeschränkt war. Hier hing der Adelsstatus nur begrenzt von einer monarchischen Nobilitierungspolitik oder von der Bestätigung dieses Status durch den Besitz von Ämtern am Hof, in der Verwaltung respektive durch den Militärdienst ab. Unter diesen Umständen erhielten dann die Herkunft und das mit Hilfe der Genealogie und Geschichtsschreibung immer wieder aktivierte dynastische Gedächtnis, das diese Herkunft verbürgte, eine ganz zentrale Bedeutung für die Legitimation des Adels als Herrschaftsstand. Dafür bietet der katholische Stiftsadel in Deutschland, besonders der westfälische Teil dieses Stiftsadels ein eklatantes Beispiel, das andere deutsche und europäische Adelige oft eher befremdete aber eine enorme Geschlossenheit der etablierte Eliten und letztlich auch ihr biologisches Überleben garantierte. Hier sorgte im 17. und 18. Jahrhundert auch die Einrichtung des Fideikommisses, ähnlich dem 'strict settlement' in England, für ein hohes Maß an Stabilität unter den etablierten Familien, zumal Erben, die über die weibliche Sukzession in den Besitz der Familiengüter gelangten, oft den Namen der ursprünglichen Besitzer annahmen. [20] Die englische 'peerage' erreichte im 18. Jahrhundert ein ähnliches Maß an Stabilität, auch hier bestand eine starke wenn auch nicht ganz so konsequente Tendenz zur Endogamie, denn die sprichwörtliche Offenheit der englischen Elite gegenüber Aufsteigern war am ehesten in ihren unteren Rängen gewährleistet; in die eigentliche Spitzengruppe aufzusteigen war zumindest nach Abschluss der Besitztumsverteilungen, die die Reformation mit sich gebracht hatte, deutlich schwieriger. [21] Da die Krone zwar das volle Nobilitierungsrecht für den Hochadel besaß, im 18. Jahrhundert vor allem nach ca. 1730 aber nur recht vorsichtig handhabte, [22] und auch sonst in England, das in dieser Epoche manche Züge einer Adelsrepublik mit monarchischer Spitze trug, die 'peerage' ihre soziale Identität in hohem Maße selbst definierte, wurden Herkunft und familiäre Kontinuität – allerdings eben nur für die hohe Aristokratie, nicht für die 'gentry' – mehr denn je zu zentralen Werten, weitaus mehr als in Adelsgruppierungen, die sich nur durch die Zusammenarbeit mit neuen Funktionseliten behaupten konnten, ob es sich nun wie etwa in Dänemark um bürgerliche oder frische nobilitierte Offiziere, oder wie in Frankreich um amtsadelige Juristen oder noch sehr viel wichtiger um mächtige Finanziers und Steuerpächter handelte. In diesen Ländern suchte der ältere Adel oft auch die Ehepartner, zumindest für die Söhne, in diesen Kreisen. [23] Solchen Heiraten, die nur oberflächlich gesehen als Messaliancen erscheinen, steht auf der anderen Seite eine starke Tendenz dieser Funktionseliten gegenüber, sich an den etablierten Adel in einem Prozess der kulturellen Assimilation anzupassen.

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Ausgeprägt war diese Tendenz vor allem im 17. Jahrhundert, das als die große Epoche der Rearistokratisierung von Gesellschaft und Staat in den meisten europäischen Ländern schlechthin gelten kann. Die Konsolidierung der 'noblesse de robe' in Frankreich und ihre Annährung an die höheren Ränge des Schwertadels, für die sie nach dem Wegfall der Ständeversammlung über die 'parlements' fast eine Sprecherrolle übernahm, ist dafür nur ein Beispiel. Man könnte auch auf Italien verweisen, wo selbst in Norditalien zahlreiche neue Lehen vergeben wurden, um eigentlich städtischen Eliten den Status feudaler Grundherren zu gewähren und um ihnen den entsprechen Lebensstil zu ermöglichen. Genuesische Finanziers, die im Dienste der spanischen Krone standen, kauften sich in großem Stil Landgüter in Süditalien, und wurden dort in den Fürstenstand erhoben. Während hier mit den neuen Titeln meist auch beträchtliche lokale Herrschaftsrechte verbunden waren, war dies im Norden Italiens nicht unbedingt immer der Fall. Aber auch über das vor allem in Südeuropa zu beobachtende Phänomen der Refeudalisierung eigentlich urbaner Gesellschaften hinaus, ist im 17. Jahrhundert ein Prozess der Anpassung ursprünglich bürgerlicher Eliten an die adlige Welt und ihre Werte zu verzeichnen. [24] Schon allein der dominierende Einfluss der durch und durch aristokratischen höfischen Kultur förderte diese Tendenz, die nach der Mitte des Jahrhunderts selbst Länder erfasste, in der eigentlich eher bürgerlich-städtische Eliten den Ton angaben. Es wurde jetzt für den gesellschaftlichen Erfolg wichtiger denn je wie ein adliger Höfling aufzutreten und auch so auszusehen, selbst wenn man es nicht war. [25] Das galt letztlich auch für Deutschland; die gelehrten Räte oft bürgerlicher Herkunft mit ihrer späthumanistischen Bildung, die in den deutschen Territorien noch im Dreißigjährigen Krieg vielfach den Ton angegeben hatten, verloren nun an Einfluss. Sie erschienen vielen Zeitgenossen nun als allzu unbeweglich und altbacken. Das Schlagwort, mit der die Vorherrschaft der späthumanistisch geprägten gelehrten Bildung und ihrer Vertreter bekämpft wurde, war von jeher schon im späten 16. Jahrhundert das des 'Pedanten'. Ein 'Pedant' war – aus der Sicht der Verfechter galanter Umgangsformen – ein Mann, der bei jeder Gelegenheit sein vorgeblich universales Wissen und seine Gelehrsamkeit seiner Umwelt vor Augen führen musste, der in jeden Satz drei lateinische Klassikerzitate einflocht und der geschliffene und gute Manieren ebenso für überflüssig hielt, wie elegante Kleidung und die Fähigkeit zur unterhaltsamen Konversation, die auch in weiblicher Gesellschaft noch ihren Glanz entfaltete. [26] Nichts konnte weiter vom Lebensideal des Adels entfernt sein, das seit der Renaissance vom Leitbild der Lässigkeit, der scheinbar vollständigen Natürlichkeit des Verhaltens, der anstrengungslosen sozialen Überlegenheit und zugleich der Nonchalance (ital. 'sprezzatura'), wenn nicht sogar eines gewissen Understatement geprägt war. Erstmals von Baldassare Castiglione im Italien des frühen 17. Jahrhunderts formuliert, hatte dieses Lebensideal nicht zuletzt den Sinn oder erhielt ihn jedenfalls in der sozialen Praxis, den Abstand zwischen den geborenen Adligen, für die ihre soziale Vorrangstellung in der Tat natürlich und die dazugehörigen Umgangsformen Teil ihres familiären Erbes waren, und den Aufsteigern und Parvenus beiderlei Geschlechts, die die Gesten und die Symbolsprache der Elite erst mühsam als Erwachsene in fortgeschrittenem Alter erlernen mussten, zu markieren. [27] Faktisch mochte diese Natürlichkeit auch bei Angehörigen der traditionellen Oberschicht in Wirklichkeit einstudiert sein, aber Aufsteiger wurden gerade durch ein scheinbar regelwidriges oder nachlässiges Verhalten der etablierten Eliten immer wieder in ihre Schranken verwiesen, da sich nur derjenige, der von Geburt zum Adel gehörte, und über die notwendige Sicherheit des Auftretens verfügte, sich solche kalkulierten Regelverstöße leisten konnte. [28] Der Adel konnte im 17. Jahrhundert seine kulturelle Hegemonie auch deshalb wieder festigen, weil er selektiv Element des Humanismus aber auch generell der städtischen Kultur übernommen hatte, aber geschickt in sein eigenes Wertesystem einbaute. Guter Geschmack in Fragen der Kunst und Architektur, aber auch der Kleidung oder der Küche galt nun als etwas spezifisch Aristokratisches, als etwas, was man nur durch 'breeding', um hier einen englischen Ausdruck, der schwer ins Deutsche zu übersetzen ist, erwerben konnte. [29]

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Aber die Symbiose zwischen gelehrter Bildung und Adelskultur ging weiter. In weiten Bereichen beruhte das Selbstverständnis des Adels seit dem späten 16. und frühen 17. Jahrhundert ganz wesentlich auf der Kultur des Buches des geschriebenen Wortes, die ihm zum Ausgang des Mittelalters noch weitgehend fremd gewesen war. Die Genealogie etwa, die eine so große Rolle für die Legitimation von Statusansprüchen spielte, war eine wissenschaftliche Disziplin, die die Identität des Adels wesentlich prägte. Allerdings war ihre Aufgabe widersprüchlich. Sie konnte und sollte denen Argumente liefern, die soziale Aufsteiger ausschließen wollten, aber oft genug kaschierten scheinbar exakte genealogische Arbeiten durch den Bezug auf bewusst oder unbewusst erfundene oder zweifelhafte Vorfahren auch die wahre, recht bescheidene Herkunft neuer Adelsgeschlechter, machten dadurch deren Aufstieg freilich in einer traditionsorientierten Gesellschaft auch akzeptabel. [30] Doch gelehrte Werke beeinflussten Identität und Selbstverständnis des Adels noch auf andere Weise. Das Ehrverständnis des Adels etwa war ganz wesentlich durch gelehrte Abhandlungen über das Verhalten in der höfisch-aristokratischen Welt geprägt, Abhandlungen, die in Italien im 16. Jahrhundert in der Regel unter der Rubrik 'scienza cavalleresca' eingeordnet wurden, erklärten dem Edelmann sehr genau, nicht nur welche Höflichkeitsbezeugungen er seiner Umgebung schuldete, sondern auch wann er sich beleidigt fühlen musste, wenn ihm selber nicht respektvoll begegnet wurde. Das Duell, das sich als besondere Form des Konfliktes zwischen Adligen seit der Zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts von Italien ausgehend über Europa verbreitete, war sehr stark durch solche Abhandlungen inspiriert, war also weniger Ausdruck archaischer Gewalttätigkeit, die vielmehr durch das strengen Regelen gehorchende Duell partiell zurückgedrängt wurde, sondern Teil einer Kultur, die durch das geschriebene Wort und durch einen hoch komplexen, konsequent systematisierten Ehrenkodex, der ohne eine quasi wissenschaftliche Interpretation gar nicht verständlich war, geprägt war. [31]

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Indem er sich neuen kulturellen Tendenzen anpasste, behauptete der Adel seine eigene Stellung. Kein Zweifel kann jedenfalls bestehen, dass der Adel, sei es nun unter selektiver Assimilation und Integration neuer Eliten oder wahlweise mit Hilfe einer Strategie der konsequenten Abwehr von Aufsteigern, seine kulturelle Hegemonie, die im 16. Jahrhundert gefährdet erschien, im Zeitalter des Barock erneut festigen konnte und die Wirkungen dieses kulturellen Sieges reichten weit bis in das 18. Jahrhundert hinein. Das galt letztlich selbst für England, in dem man nach 1700 oft eine neue 'middle class society' hat erkennen wollen – nicht in jeder Hinsicht zu Unrecht, denn die neue Konsumkultur wurde in der Tat wesentlich durch die wohlhabenden städtischen Mittelschichten mitgeprägt: indes eine neue Studie zur Geschichte und Theorie des Duells hat deutlich gemacht, dass die neuen Ideale des eleganten und zwanglosen Umgangs einer Gesellschaft gleichgestellter 'gentlemen', deren Verhalten nicht mehr beständig durch einen Monarchen als Schiedsrichter von Rangkonflikten kontrolliert wurde, doch noch immer viel dem alten Ethos einer höfisch-aristokratischen Gesellschaft und ihrem Ehrbegriff verdankte. Die 'commercial society' des 18. Jahrhunderts – deren relative Modernität die Forschung immer wieder beschäftigt hat – war zumindest anfänglich und in wichtigen Teilbereichen auch längerfristig in ihren Werten durchaus älteren Traditionen verhaftet, so sehr, dass das Duell, das sicher ein wesentlicher Ausdruck dieser Traditionen war, gerade als Garant der Stabilität dieser Gesellschaft erscheinen konnte. [32] Galt dies schon für England, so galt es noch weitaus mehr für die meisten Länder des Kontinents.

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Das 17. Jahrhundert war, wie bereits betont, auch in besonderer Weise das Jahrhundert des Hofes und der höfischen Kultur. Die ältere Literatur hat den Hof oft vor allem als einen Ort der Domestizierung des Adels gesehen – auf die Wirkung, die in dieser Sicht die Schriften des Herzogs von Saint-Simon ausübten, an denen sich auch Norbert Elias in seiner Interpretation wesentlich orientierte, wurde bereits verwiesen. Bei dieser Deutung ist nicht nur das Modell des französischen Hofes nach 1660 unzulässig verabsolutiert worden, auch dieses Modell selbst ist, wie neuere Forschungen zeigen, mit größerer Vorsicht zu interpretieren. [33] Der Erfolg Ludwigs XIV. als Herrscher beruht ja nicht zuletzt darauf, dass er gerade auch bei der Besetzung höfischer Ämter große Rücksichten auf ererbte Ansprüche der großen Familien nahm, und im Übrigen auch nur wenige neue Hochadelstitel verlieh, deutlich weniger als seine Vorgänger wenn man von den allerdings umstrittenen Rangerhöhungen für seine außerehelichen Söhne absieht. [34]

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Die Höflinge des Königs waren jedenfalls keineswegs durchgehend funktions- und machtlose Drohnen, dafür sorgte schon die Tatsache, dass sie selber oder ihren nahen Verwandten meist auch die hohen Kommandostellen in der Armee monopolisierten. Die höheren Positionen in der Armee blieben letztlich bis weit ins 18. Jahrhundert überwiegend im Besitz des Hofadels, und in einer Epoche, in der die Armee nicht nur enorm expandierte, sondern auch fast beständig Krieg geführt wurde, wie es ja unter Ludwig XIV. der Fall war, war eine starke Position im militärischen Bereich sicherlich keineswegs politisch wertlos, auch wenn selbst hohe Adlige sich jetzt stärker formalen Regeln in der Armee unterwerfen mussten. [35] Dennoch blieben für eine Karriere in der Armee die Zugehörigkeit zum kleinen Kreis des höfischen Adels oder zumindest enge persönliche Beziehungen zu diesem Kreis von größter Bedeutung. Die Attraktivität des Hofes für den Adel bestand letztlich geradezu darin, dass er der Ort war, wo man Zugang zum Monarchen erlangen konnte, um so die eigene Karriere oder die der Verwandten und Klienten in der Provinz zu fördern, aber auch um dort jene Anerkennung der eigenen militärischen Leistung durch den Inhaber der Souveränität zu erhalten, die wichtiger war als das Urteil der Standesgenossen oder gar einer einstweilen doch eher amorphen öffentlichen Meinung. [36] Die Forderung nach einem stärker meritokratischen Laufbahnsystem in Heer und Verwaltung, wie sie im 18. Jahrhundert dann allerdings zunehmend erhoben wurde, stand zu der Ökonomie der Gnade und Gunst, wie sie am Hofe nun einmal maßgeblich war, allerdings in einem starken Gegensatz und hätte dem Hof als politischem Herrschaftszentrum gewissermaßen seine eigentliche Grundlage entzogen. [37]

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In der Regel blieb der Hof, soweit er nicht von einem landesfremden Adel dominiert wurde, wie in manchen deutschen Territorien eine Hochburg aristokratischen Einflusses; seine spezifische politische Kultur bildete allerdings einen erkennbaren Gegensatz zu wichtigen strukturellen Veränderungen, die den frühneuzeitlichen Staatsbildungsprozess in anderen Bereichen begleiteten, insbesondere zum besonders in der deutschen Forschung, aber nicht nur dort, oft beschworenen Vorgang der Verrechtlichung von Herrschaft. [38] Die persönlichen Beziehungen der Höflinge beiderlei Geschlechts zum Herrscher beruhten nicht auf Verträgen oder vertragähnlichen Vereinbarungen die man vor Gericht hätte einklagen können, sondern auf Gunst einerseits und Loyalität und Vertrauen andererseits. [39] Ähnlich sah es mit den Beziehungen innerhalb der höfischen Führungsschicht aus; persönliche Freundschaften, die sich oft nicht von Klientelbindungen unterscheiden ließen, blieben hier von größter Bedeutung – für den Adel bestand im Übrigen auch im 18. Jahrhundert noch kein wirklicher Gegensatz zwischen Klientelbindungen einerseits und Freundschaft auf der anderen Seite, anders als im romantischen Freundschaftsideal, das zu Ausgang des 18. Jahrhunderts an Gewicht gewann, konnten in der Welt des Adels auch Personen die nicht den gleichen Status hatten – soweit sie denn überhaupt adlig waren – durchaus befreundet sein, und dass in einer solchen Freundschaft auch Gegenleistungen von den Partnern erwartet wurde, vertrug sich damit durchaus, solange diese Leistungen nicht expressis verbis zu einem bestimmten Zeitpunkt offen eingefordert wurden, was mit dem Ethos der Freundschaft freilich nicht vereinbar gewesen wäre. [40]

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In der älteren Forschung erscheint der frühneuzeitliche Adel oft als Modernitätsverlierer. Ein solches Urteil unterschätzt jedoch die Anpassungsfähigkeit der traditionellen Elite an neue Herausforderungen. Sicherlich wurden aus mehr oder weniger autonomen Herrschaftsrechten des Adels in der frühen Neuzeit zunehmend Privilegien, die der Monarch oder Landesherr anerkennen musste, damit sie ihre Kraft behielten und Status und Rang innerhalb der sozialen Hierarchie, die in der Vergangenheit durch das Urteil der Standesgenossen bestätigt und wenn man so will erst geschaffen wurden, beruhten nun stärker auf Titeln und Auszeichnungen, die der Herrscher aus eigenem Ermessen verlieh. Zugleich ist ein gewisser politischer Bedeutungsverlust der ritterschaftlichen Korporationen und der Ständeversammlungen in vielen Ländern und Territorien im Laufe des 16. und 17. Jahrhunderts schwer zu leugnen, auch wenn es zu dieser Tendenz wichtige Ausnahmen gab. Indes auch hier darf man nicht vergessen, dass Adelige durchaus dazu in der Lage waren, je nach Kontext und Zeitpunkt unterschiedliche politische und soziale Rollen zu spielen. Ein Adeliger, der als fürstlicher Amtsträger – vorzugsweise natürlich außerhalb der eigenen engeren Heimat – als entschiedener Verfechter der fürstlichen Autorität und als Anwalt zentralisierender Verwaltungsreformen auftrat, konnte zugleich als Gutsherr und Inhaber lokaler Jurisdiktionsrecht unerbittlich seine Unabhängigkeit und Freiheit verteidigen. Ebenso konnte im 16. und 17. Jahrhundert auch ein adliger Magnat einerseits den Höfling spielen, der um die Gunst seines Herrschers rang, und andererseits im nächsten Moment als Frondeur an die Spitze einer Revolte treten, wenn ihm diese Gunst verweigert wurde. [41] Die Überlebensfähigkeit des Adels als Stand war auch wesentlich durch die Fähigkeit bedingt, mit solchen Widersprüchen zu leben, und die eigene ständische Identität situationsbedingt ganz unterschiedlich zu inszenieren, respektive innerhalb ein- und derselben Familie ein Spiel mit verteilten Rollen zu betreiben, eine Taktik, die sich sowohl gegenüber dem obrigkeitlichen Konfessionalisierungsdrang des 16. Jahrhunderts wie gegenüber der absoluten Monarchie bewährte. Trotz der aufklärerischen Adelskritik des 18. Jahrhunderts war Europa am Ende des Ancien Régime mehr denn je durch eine aristokratische Gesellschaftsordnung geprägt, deren prägende Kraft nicht zuletzt darin deutlich wird, dass sich auch Republiken wie die Schweiz und die Niederlande dieser Ordnung anpassten. [42]



[1] Ein klassisches Beispiel für diese Sicht der Dinge ist natürlich Lawrence Stone: The Crisis of The Aristocracy, 1558-1641, Oxford 1965. Eine vergleichbare Sicht findet sich aber zum Beispiel auch noch in Thomas Winkelbauer: Krise der Aristokratie? Zum Strukturwandel des Adels in den böhmischen und niederösterreichischen Ländern im 16. und 17. Jahrhundert, in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 100 (1992), 328-353. Vgl. dagegen Jack Hexter: The Myth of the Middle Class in Tudor England, in: ders.: Reappraisals in History, Chicago 1979, 71-116.

[2] Mémoires et Lettres de François-Joachim de Pierre Cardinal du Bernis, hg. v. F. Masson, 2 Bde., Paris 1878, I, 103.

[3] Siehe dazu jetzt insbesondere Jeroen Duindam: Vienna and Versailles. The Courts of Europe's Dynastic Rivals, 1550-1780, Cambridge 2003, und ders.: Norbert Elias und der frühneuzeitliche Hof – Versuch einer Kritik und Weiterführung, in: Historische Anthropologie 6 (1998), 371-387.

[4] J. Shovlin: Toward a Reinterpretation of Revolutionary Antinobilism: the Political Economy of Honor in the Old Régime, in: Journal of Modern History 72 (2000), 35-66.

[5] Zum Adel im 19. Jahrhundert siehe Heinz Reif: Adel im 19. und 20. Jahrhundert (= EDG 55), München 1999. Vgl. in jüngster Zeit auch Jens Neumann: Der Adel im 19. Jahrhundert in Deutschland und England im Vergleich, in: Geschichte und Gesellschaft 30 (2004), 155-182. Siehe ferner Dominic Lieven: Abschied von Macht und Würden. Der Europäische Adel 1815-1914, Frankfurt a. M. 1995. Trotz des Titels zeigt das Werk eher den Erfolg des Adels in der Verteidigung seiner gesellschaftlichen Hegemonie.

[6] Vgl. dazu eine Reihe von Beiträgen in dieser und der nachfolgenden Ausgabe der zeitenblicke.

[7] Zum Verhältnis von Adel und Recht bereitet Christian Wieland (Freiburg) eine größere Studie (am Beispiel Bayern) vor.

[8] Vgl. zu dieser Frage jedoch mit anderer Akzentuierung Gerrit Walther: Adel und Antike. Zur politischen Bedeutung gelehrter Kultur für die Führungselite der Frühen Neuzeit, in: Historische Zeitschrift 266 (1998), 359-385.

[9] Zum Verhältnis von Adel und Konfessionalisierungsprozess siehe meine Freiburger Antrittsvorlesung 'Religiöse Selbstinszenierung zwischen Anpassung und Widerstand: Adel und Konfession im Zeitalter der Glaubenskriege', die demnächst im Druck erscheinen wird, voraussichtlich im Historischen Jahrbuch 2005, sowie Joël Cornette: Les nobles et la foi, du siècle des réformes au siècle de l'état absolu, in: Société, culture vie religieuse aux xVIe et xvIIe siécles (Association des Historiens Modernistes, Bulletin 20), Paris 1995, 139-196.

[10] Dies betont Jonathan Dewald: The Ruling Class in the Market Place: Nobles and Money in Early Modern France, in: Thomas L. Haskell / Richard F. Teichgräber (Hg.): The Culture of the Market. Historical Essays, Cambridge 1994, 43-65.

[11] Zum Selbstverständnis Ludwigs XIV. als erster Adliger seines Reiches siehe James B. Collins: The State in Early Modern France, Cambridge 1995, 79-85.

[12] Zum armen Adel in Frankreich siehe Michel Nassiet: Noblesse et pauvreté. La petite noblesse en Bretagne, xve-xviiie siècles, Banalec 1993, und Roger Baury: Sentiment et reconaissance identitaires de la noblesse pauvre en France à l'époque moderne (XVIe-XVIIIe siècles), in: L'identité nobiliaire. Dix siècles de métamorphoses (IXe-XIXe siècles) hg. von der Université du Maine, Le Mans 1997, 78-99.

[13] Siehe dazu Peter-Michael Hahn: Struktur und Funktion des brandenburgischen Adels im 16. Jahrhundert, Berlin 1979.

[14] Steven G. Ellis: Tudor Frontiers and Noble Power, Oxford 1995.

[15] Zu Böhmen Vaclav Buzek and Petr Mat'a: Wandlungen des Adels in Böhmen und Mähren im Zeitalter des "Absolutismus" (1620-1740), in: Ronald G. Asch (Hg.): Der Adel im Ancien Régime. Von der Krise der ständischen Monarchien bis zur Revolution (1600-1789), Köln 2001, 287-322, hier 308; vgl. Grete Klingenstein: Der Aufstieg des Hauses Kaunitz. Studien zur Herkunft und Bildung des Staatskanzlers Wenzel Anton (= Schriftenreihe der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 12), Göttingen 1975, 134. Zu vergleichbaren Vorgängen in Frankreich siehe Jonathan Dewald: Pont-St.-Pierre 1398-1789: Lordship, Community and Capitalism in Early Modern France, Berkeley (CA) 1987, 112-117.

[16] Am individuellen Beispiel zeichnet dies sehr gut nach Thomas Winkelbauer: Fürst und Fürstendiener. Gundaker von Liechtenstein, ein österreichischer Aristokrat des konfessionellen Zeitalters, Wien / München 1999, vgl. jetzt auch ders.: Österreichische Geschichte 1522-1699. Ständefreiheit und Fürstenmacht. Länder und Untertanen des Hauses Habsburg im Konfessionellen Zeitalter, 2 Teile, Wien 2003, I, 191-196 und II, 245-259, sowie James Van Horn Melton: The Nobility in the Bohemian and Austrian Lands, 1620-1780, in: Hamish M. Scott (Hg.): The European Nobilities in the Seventeenth and Eighteenth Centuries 2 Bde., London 1995, II, 110-143.

[17] Katia Béguin: Les Princes de Condé. Rebelles, courtisans et mécènes dans la France du grand siècle, Paris 1999, und Mark Bannister: Condé in Context: Ideological Change in Seventeenth-Century France, Oxford 2000.

[18] James B. Wood: The Nobility of the Election of Bayeux, 1463-1666, Princeton 1980, 121-129 und 154-155, vgl. Mathieu Marraud: La Noblesse de Paris au XVIIIe siécle, Paris 2000, 264-271 und 338-341. Zu den umfangreichen Familiennetzwerken, die das Überleben der älteren Adelsfamilien sicherstellten, nicht zuletzt, indem sie eine erfolgreiche Karriere im Militär erleichterten, vgl. auch ebd. 188, zur relativen Kurzlebigkeit von neuen Adelsdynastien, die den Kreisen der Steuerpächter und Finanziers entstammten.

[19] In diesem Sinne bemerkt Marraud: Noblesse (wie Anm. 18), 341, "Malgré son caractère parfois impersonnel, le 'protectionnat' est sans doute un des rare éléments cohesifs capables de relier les extrémités du second ordre, en un sens province-Paris" vgl. dazu im Kontrast die Feststellung "Plus que ses découpages sociaux, le monde des idées fait appaître en définitive les déchirements et les tensions qui font de la noblesse une entité presque fictive", 334.

[20] Heinz Reif: Westfälischer Adel 1770-1860. Vom Herrschaftsstand zur regionalen Elite, Göttingen 1979, 81-82, vgl. zum Stiftsadel jetzt auch Christophe Duhamelle: L'héritage collectif: la noblesse d'eglise rhenane, Paris 1998. Zur Rolle des 'strict settlement' in England: Eileen Spring: Land, Law and family: Aristocratic Inheritance in England 1300 - 1800, Chapel Hill 1993, bes. 100-102, und 95.

[21] John Cannon: Aristocratic Century: The Peerage of Eighteenth-Century England, Cambridge 1984; Lawrence Stone / Jeanne C. Fawtier Stone: An Open Elite? England 1540-1880, Oxford 1984, und Ellis Wasson: Born to Rule: British Political Elites, Stroud 2000.

[22] Cannon: Century (wie Anm. 21), 26, zu der sehr begrenzen Nobilitierung von Aufsteigern.

[23] Duhamelle: Eglise (wie Anm. 20), 289-290 mit Bezug u. a. auf Dänemark und Russland; zu Frankreich siehe Marraud: Noblesse (wie Anm. 18), 194-218, jedoch ohne Zahlen.

[24] Siehe dazu Ronald G. Asch: Nobilities in Transition 1550-1700. Courtiers and Rebels in Britain and Europe, London 2003, 128-129 und 144-145.

[25] Christopher Black: Early Modern Italy: A Social History, London 2001, 139: "the prime importance was for the urban patriciate to look and sound noble-like and be attractive as courtiers", mit Bezug auf Florenz.

[26] Die Ablehnung des gelehrten Pedanten war nach der Mitte des 17. Jahrhunderts ein gesamteuropäisches Phänomen, siehe etwa Mordechai Feingold: The Humanities, in: The History of the University of Oxford, Bd. IV: The Seventeenth Century, hg. von Nicholas Tyacke, Oxford 1997, 211-356, hier 239. Zu Deutschland vgl. Joachim Lampe: Aristokratie, Hofadel und Staatspatriziat in Kurhannover. Die Lebenskreise der höheren Beamten an den kurhannoverschen Zentral- und Hofbehörden 1714-1760, 2 Bde., Göttingen 1963, I, 219-225.

[27] Peter Burke: The Fortunes of the Courtier. The European Reception of Castiglione's Cortegiano, Cambridge 1995.

[28] Siehe dazu am englischen Beispiel Anna Bryson: From Courtesy to Civility: Changing Codes of Conduct in Early Modern England, Oxford 1998, 243-275.

[29] "Taste became a matter of breeding" und "social pre-eminence was based on cultural superiority", Dana Arnold: The Illusion of Grandeur? Antiquity, Grand Tourism and the Country House, in: dies. (Hg.): The Georgian Country House, Stroud 1998, 100-117, hier 116.

[30] Rosario Villari: The Revolt of Naples, Cambridge 1993, 187: "The most important task [of genealogists] was apparently contradictory; to reaffirm, … the validity of genealogical criteria, and at the same time provide a conventional moral justification for the expansion of the aristocracy by showing the ancient heritage of the families that had recently acquired fiefs and titles." Zur Rolle der Genealogie auch A. Burguière: L'état monarchique et la famille (XVIe-XVIIIe siècle), in: Annales HSS 57 (2001), 313-335, hier 325-327, und die verschiedenen Beiträge zu Annales ESC 46 (1991)/ 4 zum Thema 'La culture généalogique'.

[31] David Quint: Duelling and Civility in Sixteenth-Century Italy, in: I Tatti Studies 7 (1997), 231-275, bes. 265: "the codification of the duel thus partook of, even as it contested it, the growing legalism of modern society." Vergl. Stefano Prandi: Il "Cortegiano" Ferrarese: I Discorsi de Annibale Romei e la cultura nobiliare nel cinquecento, Florenz 1990, 175 ff., und Francesco Erspamer: La biblioteca de Don Ferrante. Duelle e onore nella cultura del cinquecento, Rom 1982, 55-71.

[32] Markku Peltonen: The Duel in Early Modern England: Civility, Politeness and Honour. Cambridge 2003, 298-305.

[33] Vgl. neben der in Anm. 3 genannten Literatur jetzt auch Claudia Opitz (Hg.): Höfische Gesellschaft und Zivilisationsprozess: Norbert Elias' Werk in kulturwissenschaftlicher Perspektive, Köln / Weimar / Wien 2005, und Daniel Gordon: Citizens without Sovereignty. Equality and Sociability in French Thought, 1670-1789, Princeton 1994, bes. Kap. 3, The Civilizing Process Revisited, 86-128.

[34] Katia Béguin: Louis XIV et l'aristocratie, in: Histoire, économie et société 19 (2000), 497-512, und Leonhard Horowski: Das Erbe des Favoriten. Minister, Mätressen und Günstlinge am Hof Ludwigs XIV, in: Jan Hirschbiegel / Werner Paravicini (Hg.): Der Fall des Günstlings. Hofparteien in Europa vom 13. bis zum 17. Jahrhundert, Ostfildern 2004, 77-126, sowie Jean-Pierre Labatut: Les Ducs et pairs de France au XVIIe siècle, Paris 1972, 61-69, 80-85.

[35] Die enge Verbindung zwischen der militärischen Karriere und einer Präsenz der jeweiligen Familien am Hofe betont auch Marraud: Noblesse (wie Anm. 18), 225-237.

[36] Vgl. Jay M. Smith: The Culture of Merit: Nobility, Royal Service, and the Making of Absolute Monarchy in France, 1600-1789, Ann Arbor 1996.

[37] Marraud: Noblesse (wie Anm. 18), 350.

[38] Asch: Nobilities (wie Anm. 24), 86-89; vgl. John Adamson (Hg.): The Princely Courts of Europe: Ritual, Politics and Culture under the Ancien Régime 1500-1750, London 1999.

[39] Siehe zu dieser Frage auch Aloys Winterling: "Hof". Versuch einer idealtypischen Bestimmung anhand der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Geschichte, in: Reinhard Butz Reinhardt Butz / Jan Hirschbiegel / Dietmar Willoweit: Hof und Theorie. Annäherungen an ein historisches Phänomen (= Norm und Struktur 22), Köln 2004, 77-90.

[40] Zur Rolle der Freundschaft am Hof Bernard Hours: Louis XV et sa cour, Paris 2002, 45; generell zur gesellschaftlichen Bedeutung der Freundschaft in der frühen Neuzeit Lynn Johnson: Friendship, Coercion and Interest: Debating the Foundations of Justice in Early Modern England, in: Journal of Early Modern History 8 (2004), 46-64; Peter N. Miller: Friendship and Conversation in Seventeenth-Century Venice, in: Journal of Modern History 73 (2001), 1-31; vgl. auch Heiko Droste: Patronage in der Frühen Neuzeit – Institution und Kulturform, in: Zeitschrift für Historische Forschung 30 (2003), 555-590, und Wolfgang Reinhard: Freunde und Kreaturen. "Verflechtung" als Konzept zur Erforschung historischer Führungsgruppen. Römische Oligarchie um 1600 (= Schriften der Philosophischen Fachbereiche der Universität Augsburg 14), München 1979; gekürzt wiederabgedruckt in: ders.: Ausgewählte Abhandlungen (= Historische Forschungen 60), Berlin 1997, 289-310.

[41] Dazu Asch: Nobilities (wie Anm. 24), 112-119.

[42] Walter Demel: Der europäische Adel vor der Revolution: sieben Thesen, in: Asch: Adel (wie Anm. 15), 409-33, hier 409-410.

Empfohlene Zitierweise:

Ronald G. Asch : Zwischen defensiver Legitimation und kultureller Hegemonie: Strategien adliger Selbstbehauptung in der frühen Neuzeit , in: zeitenblicke 4 (2005), Nr. 2, [2005-06-28], URL: http://www.zeitenblicke.de/2005/2/Asch/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-1219

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