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An der Ruhr-Universität Bochum ist seit einer Reihe von Jahren der Aufbau eines umfangreichen Schwerpunkts für religionsgeschichtliche und religionswissenschaftliche Studien im Gange. Wie eine Erhebung laufender und anstehender Forschungsprojekte zur Excellenz-Initiative des Bundes im Sommer 2005 ergeben hat, bearbeiten bzw. planen für die nächsten Jahre ca. dreißig Forscher und Forscherinnen der Ruhr-Universität Forschungsprojekte, die sich unter dem Oberthema "Religion und Säkularisierung" zusammenfassen lassen. Ein solches Aufkommen, vor zehn Jahren noch an keiner deutschen Universität denkbar, erscheint auf den ersten Blick gerade in der Industrieregion Ruhrgebiet überraschend. Doch bei näherem Hinsehen entspricht dies durchaus der religiösen Kultur der Region, in der heute mehr als vierhundert verschiedene Religionsgemeinschaften zum Teil weit verzweigte Gemeindenetze aufgebaut haben.

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Man erinnere sich: Das Ruhrgebiet erlebte nicht erst in den letzten Jahrzehnten, sondern schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts immer neue Einwanderungswellen, deren Träger aus ihren Heimatregionen eine stetig wachsende Zahl religiöser Bekenntnisse mitbrachten. Schon zuvor gehörten das spätere Ruhrgebiet und das benachbarte Bergische Land, dank der engen und in einander verzahnten Nachbarschaft katholischer und protestantischer Territorien, zu den produktivsten Regionen religiöser Ausdifferenzierung in Deutschland. So wurde auch die Ruhr-Universität in den 1960er Jahren von Anfang an als bikonfessionelle "Volluniversität" gegründet, deren weites Fächerspektrum der religionsgeschichtlichen Forschung heute außerordentlich vielfältige Anknüpfungsmöglichkeiten bietet: Von den beiden theologischen Fakultäten über die Philosophie, Pädagogik, Geschichtswissenschaft und eine Fülle philologischer Fächer erstreckt sich das Band beteiligter Fakultäten bis zu den Rechts- und Sozialwissenschaften und den für die Religionswissenschaft wichtigen Regionalfächern der Islam- und Ostasienwissenschaften. Sie alle wirken heute am Forschungsverbund "Religion und Säkularisierung" mit.

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In der Fakultät Geschichtswissenschaft haben sich in den letzten Jahren zwei engere Forschungsverbünde gebildet, deren einer sein Zentrum mit dem Thema "Recht, Religion, Gewalt" in der Alten und Mittleren Geschichte hat, der andere mit dem Thema "Transformation der Religion in der Moderne. Religion und Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts" in der Neuzeit. Während der eine noch in der Antragsphase steht und deshalb erst zu einem späteren Zeitpunkt vorgestellt werden kann, erlaubt der andere schon jetzt eine nähere Beschreibung:

Die Forschergruppe "Transformation der Religion in der Moderne"

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Im Herbst 2005 hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft der Einrichtung einer Forschergruppe an der Ruhr-Universität zugestimmt, deren sechs Träger den Fakultäten der Geschichtswissenschaft, der Evangelischen und der Katholischen Theologie angehören. Das Neue dieses Forschungsverbunds liegt zum einen in der konsequent vergleichenden Betrachtungsweise katholischer und protestantischer Religionsgemeinschaften in der Bundesrepublik, zum andern in der Vielfalt und engen methodischen wie theoretischen Verzahnung der Forschungsansätze.

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Das Projekt ruht auf drei thematischen Säulen: Im Forschungsbereich I "Religion und Sozialisation" (Prof. Klaus Tenfelde, Prof. Volker Krech) werden überwiegend unter sozialwissenschaftlichen Fragestellungen drei soziale Gruppen, die Arbeiterschaft, die "neuen" Mittelschichten und die evangelische Pfarrerschaft, untersucht. Der Forschungsbereich II "Transformation der Sozialformen religiösen Handelns" (Prof. Wilhelm Damberg, Prof. Traugott Jähnichen) untersucht vorwiegend unter institutionen- und theologiegeschichtlichen Fragestellungen den Wandel der kirchlichen Infrastrukturen und der diakonischen Arbeit. Der Forschungsbereich III "Mediale Repräsentationen und Semantiken von Kirche und Religion" (Prof. Lucian Hölscher, Prof. Frank Bösch) beschreibt und deutet vorwiegend unter kulturwissenschaftlichen Fragestellungen die Innen- und Außendarstellung der Kirchen in den Medien (Presse, Rundfunk, fernsehen) und in kirchennahen Institutionen (kirchliche Akademien, Kirchen- bzw. Katholikentage).

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Zusammengehalten werden diese Untersuchungen zum einen durch die leitende Frage nach den übergreifenden religiösen Wandlungsprozessen (Säkularisierung, Individualisierung, Privatisierung), zum andern durch die enge Verknüpfung sozial- und kulturgeschichtlicher Ansätze und Methoden. Um dies zu gewährleisten, wurde ein gemeinsames Kolloquium aller Arbeitsgruppen eingerichtet, in dem die Arbeitsergebnisse jeweils im Lichte der anderen theoretischen Zugriffe and methodischen Ansätze noch einmal beleuchtet werden. Das Ziel liegt dabei in der Einlösung der grundlegenden theoretischen Annahme, dass semiotische Veränderungen im Haushalt der politischen, theologischen und sozialwissenschaftlichen Beschreibung historischer Sachverhalte durch kontingente gesellschaftliche Umstände ebenso angestoßen werden wie sie diese ihrerseits auch konzeptionalisieren. Denn systematische Konzepte bedürfen einer diskurs- und mediengeschichtlichen Reflexion, um die semiotische Veränderung der Darstellung religiöser Sachverhalte angemessen berücksichtigen zu können.

Begriffsgeschichtliche Studien zur religiösen Semantik

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Schon vorausgegangen ist der Forschergruppe der Aufbau eines Forschungsschwerpunkts zur religiösen Semantik der Neuzeit am Bochumer Lehrstuhl Neuere Geschichte III (Prof. Lucian Hölscher). Anknüpfend an die begriffsgeschichtlichen Studien des von Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck herausgegebenen Lexikons "Geschichtliche Grundbegriffe" (1972-1998) sowie neuere diskursanalytische und sprachpragmatische Ansätze werden darin zentrale Strukturbegriffe der religiösen Sprache in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert auf ihren semantischen Wandel und die mit ihm einher gehenden strukturellen Veränderungen der religiösen Welt hin untersucht.

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In der ersten Projektphase wurden im Vergleich verschiedener europäischer Staaten religiöse Ordnungsbegriffe untersucht, die das Verhältnis von Kirche und Staat, Religion und Gesellschaft beschreiben. Zu solchen Ordnungsbegriffen gehören schon die Begriffe "Kirche" ("Volkskirche") und "Religion" selbst, ebenso aber auch Konzepte wie "Religionsgesellschaft", "Konfession" und "Korporation des öffentlichen Rechts", schließlich die großen und viel umstrittenen Konzepte "säkular/Säkularisierung" und "Laizismus". Trotz einer weit gehend durchgesetzten Trennung von Kirche und Staat werden mit solchen Begriffen in den verschiedenen Ländern Europas sehr unterschiedliche Verhältnisse beschrieben. Der aus einer internationalen Tagung am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz hervorgegangene Tagungsband wird 2006 erscheinen.

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Zu diesem Forschungsprojekt gehört auch eine monographische Darstellung der "Konfessionspolitik in Deutschland zwischen 1800 und 1970". Ausgehend von der in den letzten Jahren stark diskutierten These Olaf Blaschkes von einem "zweiten konfessionellen Zeitalter" wird hier der Versuch unternommen, den Wandel der Konfessionspolitik in Deutschland am Leitfaden des zeitgenössischen Sprachgebrauchs zu verfolgen. Die Analyse zielt auf eine Darstellung wechselnder religiöser Konfliktlagen, die sich alle um den religiösen Grundbegriff der "Konfession" gruppierten. Theoretisches Ziel dieses Projektes ist es, die historische Analyse einzelner Begriffe zur strukturellen Diskursgeschichte eines großen politischen Handlungsfeldes zu erweitern.

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Ein zweites Forschungsprojekt richtet sich neuerdings auf den Wandel des Jenseitsglaubens in der Neuzeit. Ausgehend von der begriffsgeschichtlichen Beobachtung, dass der christliche Jenseitsglaube mit der Entstehung des Begriffs "Jenseits" um 1800 eine wesentliche konzeptionelle Veränderung erfahren hat, verfolgt das Projekt die seither vorherrschende Dialektik von Transzendenz und Immanenz in der neueren Religions- und Ideengeschichte. Wegen des Aspektereichtums dieses Prozesses arbeiten an ihm Kultur- und Sozialhistoriker, Ethologen und Kunsthistoriker, Theologen, Religionswissenschaftler und Religionssoziologen eng zusammen. Die aus einer Tagung in der Münchner Siemens-Stiftung im Mai 2005 hervorgegangenen Beiträge werden ebenfalls 2006 als Sammelband vorliegen. Weitere Forschungsprojekte im Feld der religiösen Semantik sind für die kommenden Jahre zu den Themen "Atheismus im 20. Jahrhundert", "Kirche und Gemeinde", "Sinn und Wert" vorgesehen.

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Zusammenfassend lässt sich das forschungspolitische Ziel des Bochumer religionsgeschichtlichen Schwerpunkts mit folgenden Stichworten umreißen:

  • Analyse des Zusammenhangs von Religion und säkularer Gesellschaft in der Gegenwart und jüngeren Vergangenheit

  • konsequenter Vergleich verschiedener religiöser Bewegungen und Gemeinschaften im nationalen und internationalen Rahmen

  • Theoretischer und Methodenpluralismus, d.h. reflexive Kombination von Theorien und Methoden verschiedener Fachdisziplinen

Autor:

Prof. Dr. Lucian Hölscher
Ruhr-Universität Bochum
Fakultät für Geschichtswissenschaft
Historicum, Neuere Geschichte III
Universitätsstr. 150
44780 Bochum
lucian.hoelscher@ruhr-uni-bochum.de

Empfohlene Zitierweise:

Lucian Hölscher : Projektbericht: Neuer religionsgeschichtlicher Schwerpunkt in Bochum , in: zeitenblicke 5 (2006), Nr. 1, [04.04.2006], URL: http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Hoelscher/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-2734

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