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Begriffsbestimmung

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Der Begriff der 'Esoterik' ist sowohl innerhalb der wissenschaftlichen Forschung als auch im Rahmen öffentlicher Kontroversen umstritten. Stehen sich in der akademischen Diskussion ideengeschichtliche, sozialgeschichtliche und diskursive Zugriffe auf 'Esoterik' gegenüber, so bestimmen seit etwa zwanzig Jahren in der breiten Öffentlichkeit die unterschiedlichsten Schlagworte das Bild: 'New Age', 'Sekten', 'Jugendreligion', 'Okkultismus' usw. Während eine von den Medien beherrschte Öffentlichkeit 'Esoterik' meist vage mit 'New Age' gleichsetzt, versucht die religionswissenschaftliche Forschung seit den 1990er Jahren, zu einem differenzierteren Verständnis zu gelangen. [1] Ich werde im Folgenden einen kurzen Überblick über die wichtigsten wissenschaftlichen Positionen geben, um anschließend ein Interpretationsmodell vorzuschlagen, das die Esoterik als ein Grundelement Europäischer Religionsgeschichte zu konzeptionalisieren sucht.

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Schon immer gab es innerhalb und außerhalb der europäischen Christentümer Traditionslinien, die sich von den etablierten religiösen Anschauungen unterschieden und nicht selten in offener Gegnerschaft zu ihnen standen. Eine Reihe von Namen wurde diesen devianten Strömungen gegeben: Man sprach von 'platonisch-hermetischem Christentum', von 'Gnosis' oder auch von 'Mystik', um jene konkurrierenden Entwürfe christlicher und nicht-christlicher Weltdeutung begrifflich zu fassen. Jene Zuschreibungen entstammen meist einem christlich-theologischen Hintergrund und dienten in früheren Jahrhunderten dazu, das vermeintlich Häretische und Marginale aus dem akzeptierten Christentum auszugrenzen. Dadurch wurden die tatsächlich vorhandenen Spannungslinien und Zusammenhänge stark verzerrt, und man gewann den Eindruck, als habe 'Gnosis' wenig mit Christentum zu tun, ebenso wenig wie die 'hermetischen Disziplinen' Astrologie, Alchemie und Magie.

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Der Begriff der 'Esoterik' hat demgegenüber eine viel kürzere Geschichte. Das Substantiv 'Esoterik' – in der französischen Form "l’ésotérisme" – ist wohl zum ersten Mal im Jahre 1828 belegt. Im Laufe des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts etablierte sich eine Sichtweise, die esoterische Traditionslinien jenseits des Christentums verortete, als eine Art Subkultur, die sich in der Renaissance herausgebildet hatte und die von der herrschenden Kirche ausgegrenzt und verfolgt wurde.

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Bis in die 1950er Jahre hinein wurde die Esoterikforschung von Wissenschaftlern betrieben, die sich auf Mystik und Gnosis spezialisiert hatten und diese religiösen Traditionen als Gegenentwurf zu den Schriftreligionen Judentum, Christentum und Islam präsentierten (darunter Gershom Scholem, Henry Corbin und Mircea Eliade, auch Martin Buber und Carl Gustav Jung wären hier zu nennen). Nicht selten waren diese Forscher selbst Teil einer Gegenbewegung zur aufklärerischen "Entzauberung der Welt". [2]

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Einen entscheidenden Schub bekam die Esoterik-Forschung in den 1960er Jahren durch die Arbeiten von Frances A. Yates (1899–1981). Zwar hatten Wissenschaftler wie Paul Kristeller, Ernst Cassirer und Eugenio Garin schon vorher darauf hingewiesen, dass der so genannte Hermetismus der Renaissance eine vielfach unterschätzte Rolle in der Herausbildung der neuzeitlichen Wissenschaft und Kultur gespielt hatte. Diese Forscher wandten sich deshalb gegen die Meinung der meisten Historiker, eine Untersuchung des 'Aberglaubens' und Irrationalismus lohne sich nicht. F. A. Yates gelang es, die Wissenschaft auf eine neue Fährte zu bringen. In ihrem Buch "Giordano Bruno and the Hermetic Tradition" [3] und in nachfolgenden Aufsätzen behauptete sie, die neuzeitliche Wissenschaft sei im Grunde nur durch den Hermetismus der Renaissance möglich geworden. Nicht wenigen erschien dies wie eine Offenbarung: Plötzlich wurde eine vergessene und von den Theologen unterdrückte Tradition sichtbar, die in Wahrheit ein Motor der wissenschaftlichen Revolutionen gewesen sei, nämlich die 'hermetische Tradition'. Diese These entfachte eine heftige Diskussion und stieß auf Widerstand, gerade bei Wissenschaftshistorikern. Auch wenn es heute kaum noch jemanden gibt, der dem 'Yates-Paradigma' uneingeschränkt folgt, so können ihre Arbeiten doch als eine wichtige Initialzündung für die moderne Esoterikforschung betrachtet werden. [4]

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In der Folgezeit gab es eine Reihe von Wissenschaftlern, die sich der Esoterikforschung widmete und sie aus der Ecke des Obskurantismus und Okkultismus heraus holte. Inzwischen kann man mit Recht davon sprechen, dass die Esoterikforschung einen anerkannten Zweig der kulturgeschichtlich orientierten Religionswissenschaft darstellt. [5]

Ideengeschichtliche und typologische Zugriffe: Antoine Faivre

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Entscheidenden Anteil an der Profilierung der Esoterikforschung hatte Antoine Faivre. Seit den 1980er Jahren setzte er sich intensiv mit der Religionsgeschichte der Renaissance und der Neuzeit auseinander und erarbeitete ein Verständnismodell des Esoterischen, das mehrere Traditionslinien und Disziplinen systematisch zusammenfasst. Dazu gehören einerseits die 'okkulten Künste' Astrologie, Alchemie und Magie, deren Wurzeln in der Antike zu suchen sind, die jedoch seit dem fünfzehnten Jahrhundert kulturell neu positioniert wurden; hinzu kommen das neuplatonische und hermetische Denken sowie die Kabbalah, die als antikes Geheimwissen galt und mit philosophischen Anschauungen verknüpft wurde. Die Zusammenhänge jener Traditionslinien wurden schon in der Frühen Neuzeit erkannt und mit dem lateinischen Begriff "philosophia perennis", "Ewige Philosophie", belegt. Mit diesem Begriff verband sich der Anspruch, einer Wahrheit auf der Spur zu sein, die älter als alle historischen Religionen ist und die in verschiedenen Disziplinen auf je eigene Art ihren Ausdruck findet.

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Faivre entwickelte aus diesen Traditionen einen systematischen Entwurf, der die Esoterik als eine "Denkform" (frz. "forme de pensée") charakterisierte. In einer erstmals 1992 vorgestellten einflussreichen heuristischen Definition nannte er vier zentrale Komponenten der Esoterik. [6] Im Einzelnen handelt es sich um folgende Merkmale: Das "Denken in Entsprechungen" ist im Sinne Faivres als Grundkonstitutivum jeder Esoterik zu betrachten, nämlich die Annahme, die verschiedenen Ebenen oder 'Klassen' der Wirklichkeit (Pflanzen, Menschen, Planeten, Mineralien etc.) bzw. die sichtbaren und unsichtbaren Teile des Universums seien durch ein Band der Entsprechungen miteinander verbunden. Diese Verbindung ist nicht kausal, sondern symbolisch zu verstehen, ganz im Sinne des berühmten hermetischen Satzes "wie oben, so unten". Das Universum gleicht einem Spiegeltheater, in dem alles Hinweise auf anderes enthalten kann. Veränderungen geschehen parallel auf allen Ebenen der Wirklichkeit. (2) Die "Idee der lebenden Natur" fasst den Kosmos als komplexes, beseeltes System auf, das von einer lebendigen Energie durchflossen wird. Dieses naturphilosophische Modell wirkte auf die so genannte "magia naturalis" der Renaissance ebenso ein wie auf pantheistische, monistische und holistische Entwürfe des Kosmos, die vom Mittelalter bis heute fester Bestandteil Europäischer Religionsgeschichte waren. (3) "Imagination und Mediationen" (Vorstellungskraft und Vermittlungen) weisen darauf hin, dass das esoterische Wissen um die Entsprechungen hohe symbolische Vorstellungskraft erfordert, was gerade für die praktische magische Arbeit von Bedeutung ist. Außerdem wird das Wissen durch spirituelle Autoritäten (Götter, Engel, Meister oder Geistwesen) offenbart. Auf diese Weise ist es möglich, die 'Hieroglyphen der Natur' zu entziffern. (4) Die "Erfahrung der Transmutation" schließlich stellt eine Parallele her zwischen äußerem Handeln und innerem Erleben; in Analogie zur Alchemie geht es der Esoterik darum, den Menschen auf seinem geistigen Weg zu läutern und ihm eine innere Metamorphose zu ermöglichen. [7] Diese Metamorphose kann auch in Metaphern der Erkenntnis und Vernunft gefasst werden, nämlich in der Erkenntnis des höheren oder absoluten Wissens, das den Menschen vollständig verwandelt.

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Trotz der unbestrittenen Vorteile einer solchen typologischen Taxonomie haben Kritiker auf die Schwäche dieses ideengeschichtlichen Ansatzes aufmerksam gemacht, die vor allem darin besteht, dass Faivre seine Typologie aus einem ganz bestimmten Teil der neuzeitlichen Religionsgeschichte extrapolierte und damit andere Aspekte von vornherein ausklammerte. Das Ergebnis ist ein Zirkelschluss, der nur das zur Esoterik rechnet, was zuvor Grundlage der Bestimmung gewesen ist. Konkret: Da Faivre zur Generierung der Taxonomie hauptsächlich auf den Hermetismus der Renaissance, auf Naturphilosophie, die christlich transformierte Kabbalah und die protestantische Theosophie zurückgegriffen hat, werden Bereiche aus der Esoterik(forschung) ausgegrenzt, die von vielen Wissenschaftlern als entscheidend betrachtet werden: Zeitlich betrifft dies die Antike, das Mittelalter und vor allem die Moderne, inhaltlich die jüdische und muslimische Esoterik, für die Moderne auch den Buddhismus, der die europäische Esoterik des zwanzigsten Jahrhunderts stark beeinflusste. Diskursive Zugriffe auf die Esoterik (siehe unten) können als Antwort auf diese Kritik gelesen werden.

Esoterik als das 'Andere': Monika Neugebauer-Wölk

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In einem programmatischen Aufsatz hat Monika Neugebauer-Wölk den Versuch unternommen, Esoterik und Christentum kritisch gegeneinander abzugrenzen. [8] Unter Rückgriff auf Burkhard Gladigows Konzept einer "Europäischen Religionsgeschichte" (siehe unten) zeigt sie auf, dass das Esoterische als eine Alternative zum Christentum verstanden werden sollte, eine Alternative, die sich in christlichen Sinnstrukturen nicht integrieren lässt und deshalb – spätestens im Zeitalter der Konfessionalisierung – eine große Sprengwirkung entfaltete. Besonders die esoterische "Überschreitung der heiligen Schriften" und der Anspruch auf "höheres Wissen", das über das von der institutionalisierten Kirche verwaltete Wissen hinausgeht, erweise den devianten Charakter des Esoterischen. Wichtig ist hier, dass es sich um einen idealtypischen Entwurf handelt, mit anderen Worten: Der Vorschlag "entspricht der Absicht, eine religiöse Konzeption vorzustellen, also Esoterik gegen das Christentum als Paradigma abzugrenzen, nicht Esoteriker gegen Christen". [9]

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Dieser Zugang zur Esoterik ist ein wichtiger Fortschritt, denn er konzeptionalisiert und systematisiert die komplexe Struktur der neuzeitlichen religiösen Entwicklungen in Europa. Allerdings beschränkt sich Neugebauer-Wölk auf eine Bestimmung des Esoterischen in der Zeit zwischen etwa 1450 und 1800; um zu einem allgemeinen Konzept der Esoterik zu gelangen oder andere Perioden in den Blick nehmen zu können, wird man das Modell anpassen müssen. Doch selbst auf die Frühe Neuzeit bezogen ergeben sich Fragen: Lässt sich das Christentum tatsächlich mit den konfessionalisierten Kirchentümern gleichsetzen? Muss man nicht eher von einer internen Pluralisierung des Christentums sprechen, in der alternative Lesarten christlicher Tradition einen Autoritätsanspruch erhoben? Immerhin bezeichneten sich die von Neugebauer-Wölk als esoterisch gefassten Bewegungen, die das Sinnsystem des Christentums verlassen hätten, selbst als das "wahre Christentum". Meines Erachtens sollte man zwischen Kirchengeschichte und Christentumsgeschichte unterscheiden, anstatt die institutionell verfassten Christentümer (die "Kirche") als das originale Christentum zu behandeln. Andernfalls schreibt man unbeabsichtigt Trennlinien fort, die sich einem (christlich-) theologischen Abgrenzungsdiskurs verdanken. Denn für die gesamte Kulturgeschichte Europas gilt, dass wir nicht nur im historischen Längsschnitt die Traditionslinien einzelner Religionen beschreiben sollten, sondern gleichsam querschnittartig nach intrareligiösen und interreligiösen Austauschprozessen suchen müssen, und zwar zwischen vermeintlich voneinander getrennten Religionen und geteilten Interessenlagen, nach dem also, was ich als 'Diskurs' bezeichne.

Europäische Religionsgeschichte und Pluralismus

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Anders als das Schlagwort vom "Christlichen Abendland" suggeriert, ist seit der Antike – also nicht erst in der Moderne – der religiöse Pluralismus in Europa der Normalfall. Selbst wenn es Zeiten gab, in denen beispielsweise der Islam in Teilen Europas institutionell nicht vorhanden war, war er doch auch hier immer präsent, und zwar sowohl durch seine Schriften und theologischen Positionen, als auch in Form einer Kontrastfolie für vielfältige christliche und jüdische Identitäten. Man könnte sagen, er war Teil gemeinsamer Diskursfelder, was in gleicher Weise auch für den Zoroastrismus gilt. [10] In einer pluralistischen religiösen Situation sind die jeweils anderen religiösen Optionen bekannt, sie sind Gegenstand der Auseinandersetzung und dienen der Herstellung von Identitäten. Dabei wird das Gegenüber nicht nur in seiner Präsenz wahrgenommen, sondern als das Andere konstruiert. Beide Seiten bilden deshalb eine diskursive Einheit. Die Organisation von Differenz gerinnt wiederum in Konzilien, Bekenntnisschriften, Konstitutionen, sozialen Gruppenbildungen, politischen Ordnungen und in Rechtssystemen. Der religiöse Pluralismus als Organisation von Differenz ist ein Strukturelement europäischer Kulturgeschichte. Will man diese Geschichte analysieren, so muss man stets das 'Andere' mit in Rechnung stellen, das vom 'Eigenen' immerfort produziert wird.

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Zu dem Anderen gehören jedoch nicht nur alternative religiöse Optionen, sondern auch die diskursiven Verflechtungen und 'Interferenzen' zwischen religiösen Systemen und politischen oder wissenschaftlichen Systemen. Was sich in Europa spätestens seit dem Mittelalter beobachten lässt, ist ein Prozess zunehmender Pluralisierung von Wissensformen, die häufig durchaus in Konkurrenz zueinander getreten sind. Burkhard Gladigow hat darauf hingewiesen, dass die gegenseitige Bezogenheit der Religionen sowie ihre Auseinandersetzung mit den Wissenskulturen ein Kennzeichen der Europäischen Religionsgeschichte ist. Wissenschaftliche Deutungen können selber zu Produzenten von 'Sinn' werden. Dabei spielen Philosophie und Philologien eine entscheidende Rolle. "Renaissance, Humanismus und Romantik haben ihre Alternativen zur abendländisch-christlichen Kultur weitgehend den Wissenschaften entnommen. Ein wiederbelebter Platonismus konnte so engste Verbindungen mit dem Christentum eingehen, – oder aber als Theorie von Magie und Irrationalismus bis ins 18. Jahrhundert weiterlaufen; gnostische Schemata und Erlösungsvorstellungen können Interferenzen mit asiatischen, über Philologien importierten Religionen eingehen, ein Monismus in einem christlichen Pantheismus aufgehen, oder eine neue Religion konstituieren". [11] Diese Interferenzen zwischen unterschiedlichen kulturellen Systemen nenne ich 'diskursive Transfers'.

Diskursive Zugänge zur Esoterik

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Wie lässt sich nun die Rolle der Esoterik in diesem Diskursfeld näher bestimmen? Dazu bedarf es eines Esoterikbegriffs, der nicht nur Kontinuitäten abbildet, sondern der auch die Dynamik und Prozessualität von Identitätsbildung, die diskursiven Transfers zwischen einzelnen Bereichen europäischer Kultur – vor allem zwischen Religion, Naturwissenschaft, Philosophie, Philologien, Literatur und Kunst – ins Kalkül zieht. Die Darstellung von Diskursen dient gerade nicht dazu, eine ungebrochene Entwicklungsgeschichte der Esoterik in Europa zu erzählen. 'Esoterik' ist deshalb kein Gegenstand der Religionsgeschichte, sondern ein wissenschaftliches Interpretationsmodell zur Analyse historischer Sachverhalte. Um das deutlich zu machen, fasse ich das Esoterische als ein 'Diskurselement der Europäischen Religionsgeschichte' auf. Dieses Diskurselement lässt sich auf drei Ebenen analysieren, unterschieden als 'Diskurs', 'Modi' und 'Topoi': [12]

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(1) Dreh- und Angelpunkt aller esoterischer Zugriffe sind Erkenntnisansprüche, die auf das 'eigentliche' oder das absolute Wissen abheben. Dieses Wissen ist in der Regel verborgen, weshalb wir es stets mit der Dialektik von Verborgenem und Offenbartem zu tun haben, also durchaus mit 'Geheimnis', jedoch nicht in dem Sinne, dass die esoterische Wahrheit nur Eingeweihten zugänglich ist. Was einen Diskurs esoterisch macht, ist die Rhetorik einer verborgenen Wahrheit, die auf einem bestimmten Weg enthüllt werden kann und gegen andere Deutungen von Kosmos und Geschichte – nicht selten die der institutionalisierten Mehrheit – in Stellung gebracht wird. Es geht also eigentlich nicht um Geheimhaltung, sondern um die Enthüllung des Verborgenen. [13]

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In der diskursiven Analyse kommt auch dem Begriff der 'Alterität' eine beachtliche Rolle zu. 'Alterität' oder 'Devianz' sind kulturwissenschaftliche Deutungsinstrumente, die auf die Konstruktion von Differenz abheben. In dem Moment, in dem es eine Majorität gibt, entstehen deviante Minoritäten, und zwar durch die Ausgrenzung des 'Anderen' seitens der Mehrheit sowie durch die bewusste Hinwendung einer Minderheit zu alternativen Sinnkonstruktionen. Deren Ansprüche, das 'eigentliche Wissen' individuell verfügbar zu machen, hat diese Auseinandersetzung weiter verschärft. Viele Erscheinungen der Esoterik fallen in das Raster devianter religiöser Optionen, seien es die 'Häresien' des Christentums, seien es polytheistische oder pantheistische Modelle, die sich von der monotheistischen Deutung absetzen.

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(2) Auf einer zweiten analytischen Ebene lassen sich die 'Modi' beschreiben, in denen sich ein Diskurs absoluter Erkenntnis entfaltet, die Wege also, jenes Wissen verfügbar zu machen. Zu den wichtigsten Modi zählen der individuelle Aufstieg des Suchenden, wie in so genannten 'gnostischen' oder neuplatonischen Entwürfen, in der Kabbalah und anderswo; die Initiation, wie in den Geheimgesellschaften der Neuzeit; die Kommunikation mit geistigen Wesen, etwa im 'Channeling' des zwanzigsten Jahrhunderts, doch auch in der visionären Schau eines Emanuel Swedenborg (1688-1772). Solche Formen des Wissenserwerbs sind auch in wissenschaftlichen Kontexten zu finden, wie das Beispiel John Dee (1527-1608) zeigt, der Antworten auf naturwissenschaftliche Fragen suchte, indem er mit Engeln kommunizierte. [14]

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Auch die Mediation ist als ein Modus esoterischer Diskurse aufzufassen: Die Verbindung zwischen verborgenem und offenbartem Wissen, zwischen Transzendenz und Immanenz wird nämlich häufig bestimmten Autoritäten zugeschrieben – Hermes oder Zoroaster beispielsweise –, die als Vermittler auftreten und den Menschen ein 'vollkommenes' Wissen zur Verfügung stellen. Zwar kann jenes ewig gültige Wissen, die "philosophia perennis", von manchen ausgewiesenen Personen auch ohne Mediation erreicht werden – man denke an Abraham Abulafias (1240-ca. 1291) Suche nach einem direkten, ekstatischen, Zugang zur absoluten Wahrheit –, doch die Konstruktion einer Kette von 'Eingeweihten' und Weisen, welche den Gang des Offenbarungsgeschehens bestimmten, ist ein wiederkehrendes Motiv in der Geschichte der Esoterik von der Antike bis zur Gegenwart. Oft verbindet sich dieser Wissensanspruch mit der Betonung individueller Erfahrung, in denen ein Suchender durch außergewöhnliche Bewusstseinszustände Erkenntnis höherer Wahrheiten erlangt.

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(3) Die Auskristallisierungen esoterischer Diskurse in immer wieder neuen Konstellationen – in einem 'Feld' – lassen sich als 'Motive' oder 'Topoi' beschreiben. Meist sind diese Motive aus einer holistischen oder monistischen Konzeption des Kosmos hervorgegangen. Gemeint sind Entwürfe, die materielle und nicht-materielle Ebenen der Wirklichkeit als Einheit denken, die Verbindungen zwischen diesen Ebenen zu ergründen suchen: Das Entsprechungsdenken konstruiert dabei Zusammenhänge und Spiegelungen, beispielsweise zwischen Transzendenz und Immanenz, zwischen Planeten und irdischen Ereignissen (Astrologie), zwischen Seele und Körper oder zwischen Geist und Materie. Die Beispiele ließen sich vermehren, doch entscheidend ist die Art der Beschreibung von Wirklichkeit.

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Die Konzeption einer lebenden Natur wird ebenfalls meist in einem holistischen Rahmen entwickelt, indem Welt und Kosmos als ein dynamisches Geflecht von Zusammenhängen aufgefasst werden. Derartige Traditionslinien lassen sich in naturphilosophischen, pantheistischen und animistischen Entwürfen finden, die in der europäischen Kulturgeschichte immer wieder entwickelt wurden. Zu den Motiven, die einen esoterischen Diskurs stimulieren, zählt auch die Rede von einer "prisca theologia" oder "philosophia perennis". Und die Rezeption von 'gnostischen' Lehren oder von Textdokumenten wie dem Corpus Hermeticum oder den Chaldäischen Orakeln schließlich brachte ebenfalls einen wiederkehrenden Topos hervor, den man im Sinne der Bildung von alternativen Identitäten analysieren kann.

Historische Kontexte: Disparatheit und 'longue durée'

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Da es sich bei der Esoterik nicht um eine eigenständige 'Tradition' oder 'Strömung' europäischer Geschichte handelt, sondern um ein analytisches Konstrukt moderner Forschung, lässt sich im Grunde auch keine 'Geschichte der Esoterik' schreiben. Dennoch besteht in der Wissenschaft weitgehend Einigkeit darüber, dass die folgenden Themenfelder und religiösen Kontexte für die Esoterik als zentral zu bezeichnen sind: Wissensansprüche, die auf "Gnosis" (gr. "Wissen") im Sinne absoluter Erkenntnis abheben, insbesondere die Rezeption antiker Gnosis in Neuzeit und Moderne sowie der Bezug auf Hermes Trismegistos (Hermetismus); die so genannten 'okkulten Wissenschaften' (Astrologie, spirituelle Alchemie, "magia naturalis"); mystische Traditionen in Judentum, Christentum und Islam (insbesondere Kabbalah und Sufismus sowie deren Rezeption in der Christlichen Kabbalah); der Neuplatonismus der Renaissance, der mit Ideen der "prisca theologia" und "philosophia perennis" verbunden wurde; christliche Theosophie; initiatische Gemeinschaften (Rosenkreuzer, Freimaurer etc.); der so genannte 'Traditionalismus' des frühen zwanzigsten Jahrhunderts; Bewegungen im Umfeld der Theosophischen Gesellschaft (gegründet 1875); Teile der als 'New Age' bezeichneten religiösen Bewegung nach 1960.

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Trotz der Vielfalt der genannten religionsgeschichtlichen Strömungen und der Notwendigkeit, sie in ihren jeweiligen Kontexten zu bestimmen, lassen sich Elemente einer 'longue durée' isolieren, die für die Europäische Religionsgeschichte im Allgemeinen und für die Esoterik im Besonderen von großer Bedeutung sind. Ich nenne nur zwei Beispiele: (1) Die Idee der sprachlichen Verfasstheit des Kosmos lässt sich im Zugriff 'Esoterik' darstellen. Sowohl die mittelalterliche Analogie zwischen "Heiligem Buch" und "Buch der Natur", welches mit sprachhermeneutischen Mitteln zu entschlüsseln sei, gehört in dieses Erklärungsmuster, als auch die aus der jüdischen Kabbalah übernommene Vorstellung, die Welt sei sprachlich codiert und die Entzifferung der "Ursprache des Paradieses" gebe dem Menschen einen Generalschlüssel zum Verständnis des Universums an die Hand. [15]

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Diese Idee ist für christliche Forscher der Neuzeit leitend geworden, welche Sprachforschung, Kabbalah, Empirie und Naturwissenschaft in eine letztlich esoterische Suche einbanden. Das Muster der sprachlichen Verfasstheit des Universums ist noch in der gegenwärtigen Diskussion um die Entschlüsselung – "Decodierung" – des menschlichen Genoms sowie in der Geheimhaltung des "Quellcodes" von Computerprogrammen unschwer zu erkennen. (2) Ebenfalls Element einer esoterischen 'longue durée' ist die "Selbstermächtigung des erkennenden Subjekts", [16] nämlich der wiederholt erhobene Anspruch auf individuellen Zugang zur absoluten Erkenntnis und seine konfrontative Stellung gegen andere Wissensformen.

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Zukünftige Forschung wird sich nicht nur mit der detaillierten Aufarbeitung der oben genannten historischen Phänomene beschäftigen müssen, sondern auch mit dem Einfluss esoterischer Interpretationsmuster auf die Europäische Religionsgeschichte. Anstatt 'Esoterik' künstlich von 'Christentum', 'Wissenschaft' oder 'Aufklärung' abzugrenzen, halte ich es deshalb für entscheidend, das Esoterische im Zusammenhang mit einer Pluralität von religiösen Optionen, von Wissensformen und individuellen Erkenntnisansprüchen zu untersuchen.

Autor:

Dr. phil. habil. Kocku von Stuckrad
University of Amsterdam
Department of Religious Studies
History of Hermetic Philosophy and Related Currents
Oude Turfmarkt 147
1012 GC Amsterdam
Niederlande
www.vonstuckrad.com
c.k.m.vonstuckrad@uva.nl



[1] Zu den wichtigsten Publikationen, die das Forschungsfeld repräsentieren, zählen: Roelof van den Broek/Cis van Heertum (eds.): From Poimandres to Jacob Böhme. Gnosis, Hermetism and the Christian Tradition, Amsterdam 2000; Roelof van den Broek/Wouter J. Hanegraaff (eds.): Gnosis and Hermeticism from Antiquity to Modern Times, Albany 1998; Antoine Faivre: Esoterik im Überblick. Geheime Geschichte des abendländischen Denkens, Freiburg 2001; Joscelyn Godwin: The Theosophical Enlightenment, Albany 1994; Wouter J. Hanegraaff: New Age Religion and Western Culture. Esotericism in the Mirror of Secular Thought, Leiden 1996; Monika Neugebauer-Wölk (Hg.): Aufklärung und Esoterik, Hamburg 1999; Kocku von Stuckrad: Was ist Esoterik? Kleine Geschichte des geheimen Wissens, München 2004; Anne-Charlott Trepp/Hartmut Lehmann (Hg.): Antike Weisheit und kulturelle Praxis. Hermetismus in der Frühen Neuzeit, Göttingen 2001. Schon jetzt als Standardwerk anzusehen ist: Wouter J. Hanegraaff et al. (eds.): Dictionary of Gnosis and Western Esotericism, 2 vols., Leiden 2005.

[2] Zur Bedeutung des Eranos-Kreises siehe Steven M. Wasserstrom: Religion after Religion. Gershom Scholem, Mircea Eliade and Henry Corbin at Eranos, Princeton 1999.

[3] Frances Yates: Giordano Bruno and the Hermetic Tradition, London/New York 1964.

[4] Siehe dazu Wouter J. Hanegraaff: Beyond the Yates Paradigm: The Study of Western Esotericism between Counterculture and New Complexity, in: Aries. Journal for the Study of Western Esotericism 1 (2001), 5-37.

[5] Als akademisches Fach ist die Geschichte der westlichen Esoterik an den Universitäten Paris (Sorbonne) und Amsterdam (dort als Bachelor-Master-Studiengang; siehe www.amsterdamhermetica.com ) etabliert. In Großbritannien sind entsprechende Studiengänge im Aufbau. Hinzuweisen ist ferner auf die 2005 gegründete "European Society for the Study of Western Esotericism" ( www.esswe.org ), die als Pendant zur nordamerikanischen "Association for the Study of Esotericism" (ASE) betrachtet werden kann.

[6] Faivre: Esoterik im Überblick, 24-34. Hinzu treten noch zwei weitere Aspekte, die Faivre indes nicht als 'intrinsisch' betrachtet.

[7] Diese Darstellung stellt freilich eine Einengung der historischen Vielfalt der Alchemie dar und beschränkt sich auf bestimmte Traditionsbestände einer 'spirituellen Alchemie'. Zur Kritik an dieser vor allem durch C. G. Jung beeinflussten Auffassung siehe Lawrence M. Principe/William R. Newman: Some Problems with the Historiography of Alchemy, in: William R. Newman/Anthony Grafton (eds.): Secrets of Nature: Astrology and Alchemy in Early Modern Europe, Cambridge 2001, 385-431.

[8] Monika Neugebauer-Wölk: Esoterik und Christentum vor 1800: Prolegomena zu einer Bestimmung ihrer Differenz, in: Aries. Journal for the Study of Western Esotericism 3 (2003), 127-165.

[9] Neugebauer-Wölk: Esoterik und Christentum, 143.

[10] Siehe dazu Michael Stausberg: Faszination Zarathushtra. Zoroaster und die Europäische Religionsgeschichte der Frühen Neuzeit, 2 Bde., Berlin/New York 1998; siehe auch Hans G. Kippenberg/Kocku von Stuckrad: Religionswissenschaftliche Überlegungen zum religiösen Pluralismus in Deutschland: Eine Öffnung der Perspektiven, in: Hartmut Lehmann (Hg.): Multireligiosität im vereinten Europa. Historische und juristische Aspekte, Göttingen 2003, 145-162.

[11] Burkhard Gladigow: Europäische Religionsgeschichte, in: Hans G. Kippenberg/Brigitte Luchesi (Hg.): Lokale Religionsgeschichte, Marburg 1995, 21-42, hier: 29.

[12] Diesen Zugriff expliziert ausführlich von Stuckrad: Was ist Esoterik.

[13] Siehe dazu etwa Elliot R. Wolfson (ed.): Rending the Veil. Concealment and Secrecy in the History of Religions, New York/London 1999.

[14] Zu den Interferenzen zwischen Wissenschaft, Esoterik und Kabbalah in der Frühen Neuzeit siehe Allison P. Coudert: Seventeenth-Century Natural Philosophy and Esotericism at the Court of Sulzbach, in: Richard Caron u.a. (eds.): Ésotérisme, gnoses & imaginaire symbolique. Mélanges offerts à Antoine Faivre, Leuven 2001, 27-46; Paula Findlen (ed.): Athanasius Kircher. The Last Man Who Knew Everything, New York/London 2004; Deborah E. Harkness: John Dee’s Conversations with Angels: Cabala, Alchemy, and the End of Nature, Cambridge 1999; vgl. auch Andreas B. Kilcher: Die Sprachtheorie der Kabbala als ästhetisches Paradigma. Die Konstruktion einer ästhetischen Kabbala seit der Frühen Neuzeit, Stuttgart/Weimar 1998.

[15] Siehe dazu Aaron W. Hughes: The Texture of the Divine. Imagination in Medieval Islamic and Jewish Thought, Bloomington/Indianapolis 2004; Allison P. Coudert (ed.): The Language of Adam / Die Sprache Adams, Wiesbaden 1999; Moshe Idel: Absorbing Perfections. Kabbalah and Interpretation, New Haven/London 2002.

[16] Eine Formulierung von Michael Pauen: Dithyrambiker des Untergangs. Gnostizismus in Ästhetik und Philosophie der Moderne, Berlin 1994; eine kritische Übersicht zum Thema bietet Wouter J. Hanegraaff: Gnosticism, in: Kocku von Stuckrad (ed.): Brill Dictionary of Religion, 4 vols., Leiden 2005, vol. 2, 790-798.

Empfohlene Zitierweise:

Kocku von Stuckrad : Die Esoterik in der gegenwärtigen Forschung: Überblick und Positionsbestimmung , in: zeitenblicke 5 (2006), Nr. 1, [####], URL: http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Stuckrad/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-2806

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