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Einleitung

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Am 7. Mai des Jahres 1750 zog der Senior der Kirche St. Jakobi in der Reichsstadt Nordhausen, Friedrich Christian Lesser, mit seiner Pfarrgemeinde vor das Siechen-Tor, um unter freiem Himmel eine so genannte Flur-Predigt abzuhalten. Was er vor den Mauern der Stadt über die Offenbarung Gottes in der Natur in Anlehnung an die Apostelgeschichte Kap. 15 vortrug, erschien auf Wunsch einiger Zuhörer in einer stark erweiterten Version im August desselben Jahres im Druck. [1] Drei Jahre später, 1753, veröffentlichte Lesser den "Versuch einer Heliotheologie oder einer natürlichen und geistlichen Betrachtung der Sonne". Auch diese Schrift dürfte auf eine Predigt vor den Toren der Stadt zurückgegangen sein. [2] Mit Blick auf die Harzer Umgebung leitete Lesser seine Gemeinde dazu an, Gottes Werke in der Natur gewahr zu werden und aufmerksam zu betrachten. Seine Botschaft lautete: Wie aus der Betrachtung der Natur in ihrer bewundernswürdigen Schönheit, Ordnung und Zweckmäßigkeit die Existenz Gottes, seine Allmacht, Weisheit und vor allem seine Güte erwiesen werden kann. Dieses Anliegen verfolgte der 1692 in Nordhausen geborene Pastorensohn, der in Halle bei August Herrmann Francke Theologie studiert und bei Friedrich Hoffmann Medizinvorlesungen besucht hatte, mit wachsendem Selbstvertrauen und zunehmender Sachkompetenz. 1735 erschien seine "Lithotheologie, Das ist: Natürliche Historie und geistliche Betrachtung derer Steine", 1738 seine Insekten- und 1744 seine Testaceo-, das heißt seine Schalentiertheologie. Diese waren das Ergebnis umfassender Literaturrecherchen, Begehungen der Erzgruben und Höhlen der Harzer Umgebung, eigener Objektbeobachtungen und intensiver Sammelanstrengungen. Eine Anerkennung für seine physikotheologischen Arbeiten erfuhr Lesser neben mehrfachen Auflagen seiner Werke und deren teilweiser Übersetzungen durch seine Aufnahme in der Academia Naturae Curiosorum (Leopoldina) und in der Akademie der Wissenschaften in Berlin.

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Ein ähnliches Anliegen verfolgte der Oberlausitzer Pfarrer Adam Gottlob Schirach mit der Untersuchung des fast immer gleichen Naturobjekts, mit der Biene. Der 1724 geborene Pastorensohn bezog nach seinem Besuch der Fürstenschule St. Afra in Meißen 1743 die Universität in Leipzig und studierte dort Theologie. Anfang 1748 bekam er einen Ruf nach Kleinbautzen, wo er bis zu seinem Tod 1773 wirkte. Nach dem Vorwort in seiner 1767 erschienenen Bienentheologie wurde sein Interesse für "natürliche Dinge" bereits durch seine Lehrer in St. Afra gefördert, die die Naturdichtungen des Hamburger Ratsherrn und Physikotheologen Barthold Heinrich Brockes beispielhaft hervorhoben. In diesen suchte Schirach mit seinen Mitschülern sein "irdisches Vernügen" und hatte sie "bald auswendig gelernet." Mit Beginn seines Pastorats in Kleinbautzen wandte sich Schirach gezielt der Biene zu. "[Ich gewann] … eine besondere Neigung zu ihr. Ich nahm sie aus der Reihe meiner übrigen Gegenstände. Ich schenkte ihr eine besondere Aufmerksamkeit. Ich erkundigte mich bey ihren Wärtern um ihre Natur, Eigenschaft und Wartung." [3] 1766 gründete Schirach die Oberlausitzer Bienengesellschaft, deren ständiger Sekretär er wurde. Ein Jahr später erschien seine "Melitto-Theologia: die Verherrlichung des glorwürdigen Schöpfers aus der wundervollen Biene nach der Anleitung der Naturlehre und Heiligen Gottesgelahrtheit". 1769 veröffentlichte er den "Sächsischen Bienenmeister", der ins Englische übersetzt wurde. Zahlreiche Schriften zur Biene und zur Bienenzucht folgten und machten ihn über die Landesgrenzen hinweg bekannt. So wurde er nicht nur in die Academia Naturae Curiosorum aufgenommen, sondern auch in die Gesellschaft der Wissenschaften in Harlem und in die Kaiserlich Russische Ökonomische Gesellschaft in St. Petersburg. [4]

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Die naturkundigen Pfarrer gehörten zu der Masse von vor allem protestantischen Theologen, Ärzten, Juristen und Lehrern, die seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert in einigen Ländern Europas aus jedem nur denkbaren Bereich der Natur Gottes Existenz, seine Allmacht, Weisheit und Güte ableiteten. Zu diesem Zweck entwarfen sie in steigendem Maße Schriften zu bestimmten Objekten und Erscheinungen der Natur. Im Unterschied zu den naturreligiösen Vorstellungen und Praktiken vorangegangener Zeiten entwickelte und artikulierte sich mit der physikotheologischen Bewegung eine Art 'naturreligiöser mainstream', der parallel zum Gemeingut der Gebildeten avancierte. [5] Anders als die hermetische Naturphilosophie wurde die Physikotheologie nicht primär in exklusiven Kreisen und im Arkanen betrieben, wie in den Freimaurerlogen, die im Alten Reich seit den 1740er-Jahren zu Hunderten aus dem Boden schossen, [6] sondern wurde für jedermann zugänglich und in einem offenen Kommunikationsraum thematisiert, an dem theoretisch jeder Gebildete (männlichen Geschlechts) teilhaben konnte. Die Einsicht in die Zusammenhänge der Natur sollte nicht nur wenigen, von Gott auf Grund ihres besonderen Gnadenstandes Auserwählten vorbehalten, sondern den Ansprüchen der erneuerten Naturphilosophie und der Aufklärung folgend auf rationale Weise nachvollziehbar und für jedermann einsichtig sein. Bei allen durchaus zu gewichtenden Unterschieden ging es den Physikotheologen primär um naturreligiöse Erbauung als zentrale Form gesteigerter Gotteserkenntnis. Über das vertiefte Studium bestimmter Erscheinungen und einzelner Objekte in der Natur sollte sich der Mensch um so leichter zur Andacht seines göttlichen Schöpfers erheben. Dabei war das Selbst des Physikotheologen jedoch weit mehr involviert, als es die üblichen Pauschalthesen zur Physikotheologie als endliche Versöhnung zwischen Glauben und Wissen [7] vermuten lassen. Die Betrachtung und Beschreibung der in der Natur wirksamen Allmacht und Fürsorge Gottes diente nicht nur der Erbauung der avisierten Leser, sondern wenigstens ebenso der eigenen religiösen Erhebung. Jeweils abhängig davon, wie sehr sich der einzelne Physikotheologe in das Sichten und Sammeln, Betrachten und Verstehen bestimmter Naturobjekte einließ, versenkte er sich wie in einem Gottesdienst in die Gegenstände seiner Betrachtung und verwandelte sie unter seinen Augen und Händen gleichsam zu Reliquien – nicht selten um den Preis der Angst vor einer "übertriebenen Kreaturen-Liebe".

Die Physikotheologie und ihre Verortung in der Frömmigkeitsbewegung

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Über die religiös motivierte Betrachtung und Erforschung der Natur bzw. über die Physikotheologie im deutschsprachigen Raum bestehen eine ganze Reihe von zum Teil mehr oder minder fragwürdigen Annahmen. Nur auf zwei Problemfelder soll hier kurz eingegangen werden. Zum einen wird die physikotheologische Bewegung – die deutsche, aber auch die englische – zumeist relativ pauschal der Orthodoxie zugeordnet [8] oder auf dem breiten Spektrum frühneuzeitlicher lutherischer Theologie und Frömmigkeit erst gar nicht näher positioniert. Zum anderen wird hinsichtlich der Entstehung und Eigenart der physikotheologischen Bewegung bislang vor allem auf die Bedeutung der englischen Physikotheologie und deren Einfluss auf die kontinentale Entwicklung hingewiesen. Für die Verbreitung der physikotheologischen Literatur waren die von dem Chemiker und Mitbegründer der Royal Society, Robert Boyle, gestifteten 'Boyle Lectures' tatsächlich von großer Bedeutung. Über zwei Jahrzehnte stellten diese Lesungen den zentralen Ort zur Präsentation physikotheologischer Argumente dar, mit denen die Existenz Gottes, seine Weisheit und Providenz, aus der Natur erwiesen werden sollte. Gleichwohl war die Physikotheologie auf dem Kontinent mehr als ein 'Import' englischer Naturtheologie und besonders der mit dieser grundlegend verknüpften Naturphilosophie Newtons. [9] Die Arbeiten der 'Boyle Lecturers' wurden nicht einfach kopiert, sondern übten eher eine Art Katalysatorfunktion auf bestehende naturtheologische Praktiken aus; sie wurden in Teilen adaptiert, bestimmte Aspekte wurden weggelassen, andere abgeändert und auch umgedeutet. Obwohl die Physikotheologie ein europäisches Phänomen war und bestimmte einheitliche Charakteristika aufwies, nahm sie abhängig von dem jeweiligen Land und seiner Religions- und Wissenskultur sehr unterschiedliche Erscheinungsformen an. [10]

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Zum Verständnis der Physikotheologie ist es daher unabdingbar, nicht allein nach bestimmten Umbrüchen und Neuerscheinungen zu fragen, sondern stärker als bislang auf die Kontinuitäten, auf die tradierten naturtheologischen Sichtweisen und Praktiken zu achten, ohne damit bestimmte Eigenheiten der Physikotheologie zu nivellieren. Einen entscheidenden Hinweis geben hier die von den Autoren selbst gezogenen Traditionslinien. [11] Einer der bekanntesten deutschen Physikotheologen, der Hamburger Professor für Moral und Eloquenz am dortigen Akademischen Gymnasium, Johann Albert Fabricius, stellte seiner Übersetzung von William Derhams "Astrotheologie" von 1732 eine Auflistung von weit über 200 Autoren voran, die er als Vorbilder der Physikotheologie ansah. [12] Es ist das "Verzeichniß der Alten und Neuen Scribenten / die sich haben lassen angelegen seyn durch Betrachtung der Natur, und der Geschöpffe die Menschen zu Gott zu führen." [13] Hier führte Fabricius unter anderen den Jesuitenpater Athanasius Kircher und gleich mehrere seiner Werke an. Zu diesen gehörten dessen "Ars magna sciendi sive combinatoria" von 1669, − hier legte Kircher die Grundzüge seiner Methodik dar −, sowie sein "Mundus subterraneus" von 1665. Diesen Text führte Fabricius als Beispiel dafür an, wie "aus den unterirdischen Creaturen" die Macht, Güte und Weisheit des Schöpfers erkannt werden könne. [14] Weitere Vertreter eines spezifischen Renaissance-Hermetismus bzw. einer nicht-christlichen Naturmagie finden in Fabricius' Verortung der Physikotheologie Eingang, so Marsilio Ficino und Giovanni Pico della Mirandola, die die naturmagische Tradition im 15. Jahrhundert neu begründeten. Beide zählte Fabricius ohne jede Einschränkung zu solchen 'Scribenten', die die Menschen durch die Beschreibung von Gottes Werken zu Gottes Liebe führen. [15]

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Im Vergleich zu den zahlreichen, in der Regel nur kurz angeführten Autoren stellt Fabricius den maßgeblichen Begründer der Frömmigkeitsbewegung, Johann Arndt, und dessen viertes Buch seines "Wahren Christentums", den "Liber Naturae", relativ ausführlich vor. Der "Liber Naturae" beruhte wesentlich auf (natur-)mystischen wie auch auf heidnisch-antiken Vorstellungen, was dem Gelehrten, der sich durch mehrfach neu aufgelegte Grundlagenwerke philologisch-historischer Kritik einen Namen machte, kaum entgangen sein konnte. In seinem nach dem Sechstagewerk aufgebauten Buch zeige der "fromme Verfasser", so Fabricius "wie das grosse Welt=Buch der Natur, nach Christlicher Auslegung von GOtt zeuget und zu GOtt führet, wie auch alle Menschen GOTT zu lieben durch die Creaturen gereizet, und durch ihr eigen Hertz überzeuget werden." Neben Johann Arndt nennt Fabricius andere Repräsentanten der Frömmigkeitsbewegung, die sich bewusst von der 'Streittheologie' distanzierten und für ein verinnerlichtes, zum Teil auch für ein überkonfessionelles, vorreformatorisches und (natur-)mystisches Christentum eintraten. So führt er Johann Amos Comenius an und seine Schrift "Physicae ad lumen divinum reformatorae synopsis" von 1643, aus dem Nürnberger Kreis Johann Michael Dillherr und seine "Christlichen Feld=, Welt= und Garten=Betrachtungen" von 1647 sowie Georg Philipp Harsdörffer und seine "Hohe Schule geist= und sinn=reicher Gedancken in 400 Anmuthungen, aus dem Buch Gottes und der Natur". Joseph Hall und die von Harsdörffer ins Deutsche übersetzten "Occasional Meditationes" finden ebenso Eingang wie Christian Scriver und dessen nach den "Meditationes" als Vorbild entstandenen "Andachten bei Betrachtung mancherlei Dinge der Kunst und Natur" (1663). [16]

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Die Verortung der Physikotheologie im Renaissance-Humanismus des 15. Jahrhunderts bis in die Frömmigkeitsbewegung des 17. Jahrhunderts – Fabricius bildet hier keine Ausnahme – zeigt zum einen, dass sich die deutschsprachigen Physikotheologen in einer eigenen naturtheologischen Tradition sahen; zum anderen wird deutlich, dass diese keine dominant kirchlich-orthodoxe war. Die Physikotheologen kamen entsprechend nicht aus den Reihen 'der Orthodoxie', [17] sondern es dominierten Theologen und Laienchristen, die sich an einem lebendigen, praxisorientierten Christentum, sprich an den nachreformatorischen alternativen und intensivierten Religiositätsformen der Frömmigkeitsbewegung orientierten. Mit der Physikotheologie entwickelten sie um 1700 für sich eine neue, distinkte Ausdrucksweise. Die Physikotheologen argumentierten dabei wie die Naturenthusiasten zuvor jenseits konfessioneller Standpunkte, wandten sich gegen die Kontroverstheologie und erodierten damit weiter dogmatische Glaubensvorstellungen.

Das Buch der Bücher – das Buch der Natur

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Für das Gros der Physikotheologen sollte das Studium im "Buch der Natur" das der Heiligen Schrift nicht ersetzen. Insofern kann von einem Ersatz der Natur für die Schriftoffenbarung in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht die Rede sein. [18] Obwohl sich "der Grosse GOTT in zwey Büchern offenbahret, deren das eine ist das Buch der Heiligen Schrifft, das andere das Buch der Natur", war für die meisten Physikotheologen soteriologisch allein das geoffenbarte Gnadenwort hinreichend. "Es ist aber dies Buch nicht hinlänglich genug," schreibt Lesser in seiner Lithotheologie, "uns so viele Erkänntniß GOttes als unserer Seeligkeit gehöret, beyzubringen, dieweil es von dem grossen Erlösungs=Wercke, so durch JEsum Christum geschehen ist, uns keine Nachricht giebt, auf welchem doch der Grund unserer Seeligkeit beruhet." [19]

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Im Unterschied zum "Buch der Heiligen Schrift" hatte die Erkenntnis Gottes im "Buch der Natur" den Charakter einer vorbereitenden, deshalb aber nicht weniger notwendigen Gotteserkenntnis. Die Natur unterrichtete den Menschen überhaupt erst von der Existenz Gottes und dessen Eigenschaften und animierte ihn, um so genauer Gott erkennen zu wollen. Sie war unabdingbar, um zum richtigen Verständnis der Heiligen Schrift und zur eigentlichen, vollkommenen Erkenntnis Gottes zu gelangen. Diese Natur-Schrift-Relation veranschaulichte Lesser mit dem Aufbau des Salomonischen Tempels, den er als Modell in den Franckeschen Stiftungen gesehen haben dürfte: [20]

"In diesem Buche sehen wir GOtt gleichsam in der Dämmerung, welche wir im Buche der Heiligen Schrifft als im aufgeklährten Tages=Lichte deutlicher sehen. […] Eine jegliche Creatur ist gleichsam eine Leiter, auf deren Spalen [mitteldt. für Sprossen] wir immer weiter zu Göttlichen Dingen auffsteigen. Der Tempel zu Jerusalem hatte 3. Theile: Den Vorhoff, das Heilige, und das Allerheiligste. Dies bildet gar artig ab, wie die Erkänntniß von GOTT anfange, fortgehe, und vollendet werde. Die Natur ist gleichsam der Vorhoff, in welchen alle Menschen gehen können, zu schauen die Wercke des Herrn. Sehet der Mensch hier mit reiflicher Erwegung durch, so gelanget er in das Heiligthum der Heiligen Schrifft, in welchem er noch mehr siehet, höret und lernet, bis er endlich durch einen seeligen Tod in das Allerheiligste des Himmels kommt, da dieses sein Wissen nicht mehr Stück=Werck, sondern Vollkommenheit ist. Wie aber einer nimmermehr wird Lesen lernen, der nicht vorher die Buchstaben gelernet, also wird auch keiner in der Erkänntniß GOttes recht fortkommen, wann er nicht den rechten Grund darzu aus dem Buch der Natur geleget." [21]

Naturerkundung als Form praxisorientierter Frömmigkeit

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Tatsächlich ging das Naturverständnis der Physikotheologen über das einer primär pädagogischen Anleitung zum besseren Gottesverständnis jedoch hinaus. Gerade für diejenigen Naturkundigen, die der Frömmigkeitsbewegung oder dem Pietismus nahe standen, war die Naturbetrachtung eine spezifische Form gelebter Frömmigkeit. Das zeigt sich beispielhaft an dem Nordhäuser Pietisten Lesser. Dieser wuchs in einem pietistischen Umfeld auf und wurde später durch Francke an die intensivierte, erfahrungsbezogene Frömmigkeit herangeführt. Von seiner pietistisch geprägten Religiosität zeugen Lessers Hinweise auf seine Taufe als einer Reinwaschung vom "sordibus istis adamiticis", besonders aber die Erwähnung seines Bußkampfes und seines Bekehrungserlebnisses während der Hallenser Studienzeit. [22]

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In den 21 erhaltenen Briefen an seinen ältesten Sohn Johann Philipp Friedrich während dessen Studium zunächst in Leipzig später in Göttingen aus den Jahren 1738 bis 1742 [23] finden sich weitere Hinweise, die davon zeugen, dass Lesser der pietistischen Glaubensvorstellung in seinem weiteren Leben treu geblieben ist. Von zentraler Bedeutung ist ihm die eigene religiöse Erfahrung und das Leben in der Nachfolge Christi. In diesem Sinne rät er seinem Sohn: "laß die lebendige Erkäntniß Jesu Christi und dessen H. Nachfolge dein vornehmliches Studium seyn" [24] und "dencke immer, daß du Christum cognit[ione] pract[ica] müsstest kennenlernen." [25] Mit seinem Wunsch vom 3. Januar 1742, sein Sohn möge mit dem alten Jahr "den alten Menschen ab" und mit dem neuen Jahr "den neuen anlegen" weist er auf die von den Pietisten angestrebte Erneuerung des inneren Menschen schon im diesseitigen Leben, auf den Gnadenstand der Wiedergeburt, der immer wieder neu erkämpft werden muss. [26] Die spiritualistisch-pietistische Zielvorstellung der Wiederherstellung der Gottesebenbildlichkeit, der Transformation des alten, von der adamitischen Erbsünde gezeichneten Menschen in eine geistliche "neue Creatur" gab für Lesser auch den entscheidenden Ausschlag, Gott zunächst in der Natur und dann in der Heiligen Schrift zu suchen. "Wir sind natürliche Menschen", schreibt er in seiner Vorrede zur "Lithotheologie", "ehe wir geistliche Christen werden. Dannenhero muß die natürliche Erkänntniß aus dem Buche der Welt, der Ordnung nach der Christlichen Erkänntniß der Heiligen Schrifft vorgehen." [27] Insofern sind seine Physikotheologien als eine betont praxisbezogene Umsetzung seiner spezifisch pietistischen Vorstellungen zu verstehen.

Rationale Naturerkenntnis und erfahrungsnahes Gotteserleben

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Auch in pietistischen Kreisen (die radikalpietistischen Gruppierungen ausgenommen) beruhte die Erkenntnis der Natur weder auf einem göttlichen Gnadenakt noch war sie in Entsprechung zum pietistisch 'wahren' Verständnis der Schrift an die geistige Wiedergeburt geknüpft. Die Natur liege nach Lesser vor den Menschen wie ein "aufgeschlagnes Buch", welches sie, sofern sie über eine natürliche Vernunft verfügen, nur aufmerksam anschauen müssen, um es zu verstehen. Die den Menschen eigene, gleichwohl aber von Gott herrührende Vernunft, die für die Aufklärer zum entscheidenden Erkenntniskriterium wurde, verhalf auch nach Ansicht des pietistischen Pfarrers zur rechten Einsicht in die Natur: "Alle Menschen, die gesunde Vernunfft haben, haben Augen zusehen, und eine natürliche Begierde, was zu lernen. Beyde haben sie nicht umsonst von GOtt empfangen, sondern zu dem Ende, daß sie sich durch die Begierde zu lernen, die ihnen natürlich ist, solten antreiben lassen ihre Augen recht zu gebrauchen, die Wercke der Natur recht anzuschauen." [28] Vorbehalte gegen eine Überbewertung der Vernunft und gegen sogenannte Vernunfturteile kommen bei den naturtheologisch engagierten Pietisten, wie Lesser, oder bei dem Pietismus nahe stehenden Frommen, wie dem Hallenser Mediziner Friedrich Hoffmann, nicht vor. [29] Für sie hält die Natur einen durch reine Vernunftschlüsse und damit einen prinzipiell für jeden erkennbaren Weg wahrhaft lebendiger Gotteserkenntnis bereit. Aufklärerisch-vernünftige Epistemologie und pietistisch vitale Gotteserfahrung greifen bei der Erkundung der Natur auf diese Weise ineinander. Die Beschreibung von Lessers "Insecto-Theologia" als "Vernunfft=und Schrifftmäßiger Versuch, wie ein Mensch durch aufmercksame Betrachtung derer sonst wenig geachteten Insecten zu lebendiger Erkäntniß und Bewunderung der Allmacht, Weißheit, der Güte und Gerechtigkeit des grossen GOttes gelangen könne" bringt diese Synthese von rationaler Naturerkenntnis und erfahrungsnahem Gotteserleben zum Ausdruck.

Die aufmerksame Betrachtung des Gewöhnlichen

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Die Grundlage der deutschsprachigen physikotheologischen Arbeiten bildete in der Regel weder die Analyse kausal-mechanischer Abläufe noch eine wie auch immer geartete "detaillierte naturwissenschaftliche Untersuchung". [30] Im Zentrum stand die wiederholte, sinnliche Erfahrung im Sinne einer aufmerksamen Betrachtung. Diese entsprach, wie Peter Dear in anderen Kontexten gezeigt hat, dem zeitgenössischen Verständnis von 'experimenta'. [31] Die Betrachtung der überall in der Schöpfung wirksam werdenden göttlichen Allmacht und Fürsorge soll den Menschen an seine Geschöpflichkeit erinnern und zu einer gesteigerten, lebendigen Erkenntnis Gottes führen. [32] Zum Zwecke der Erbauung konzentrierten sich die Physikotheologen in wachsendem Maße weniger auf die großen kosmischen Erscheinungen als auf Themen aus dem Bereich der Naturgeschichte, auf Pflanzen, Tiere und Minerale. Neben Melitto-, Litho-, und Testaceo-Theologien entstanden auch Rana-, Akrido-, Phyto-, oder Chorto-Theologien. Mit der Konzentration auf bestimmte Einzelobjekte und damit zumeist auch auf ganz banale und alltägliche Gegenstände der Natur lagen die physikotheologischen Laienforscher im Trend der erneuerten Naturphilosophie. Bewusst versuchten Gelehrte wie Robert Hooke und Robert Boyle, auch Gewöhnliches mit der gleichen intensiven und ausdauernden Aufmerksamkeit zu betrachten wie seltene und außergewöhnliche Phänomene. Spätere Naturforscher verlangten, durch beständige Aufmerksamkeit das Wunderbare im Gewöhnlichen zu entdecken. [33] Gerade die Mikroskope, die seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts vermehrt für naturkundliche Untersuchungszwecke gebraucht wurden, [34] hatten an den alltäglichsten und scheinbar simpelsten Objekten Strukturen und Funktionszusammenhänge von solcher Feinheit und Perfektion enthüllt, die nach ihrem Ermessen niemals ein Produkt des Zufalls sein konnten. Jedes noch so niedere Tier, jedes kleine Pflänzlein und jeder Tropfen Wasser wies eine Komplexität, Schönheit und Zweckmäßigkeit auf, die sich allein auf Gott als einen allmächtigen und übernatürlichen Werkmeister zurückführen ließ. Auch in den Kunst- und Naturalienkammern richtete sich das Augenmerk vermehrt auf das Gewöhnliche, das Alltägliche und Regelmäßige. [35] Das Staunen, das vordem dem Besonderen und Bizarren gegolten hatte, galt nun vermehrt dem Gewöhnlichen und Unspektakulären, welches als göttliches Wunderwerk gepriesen wurde. [36]

Intensivierung religiöser Empfindungsfähigkeit

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Besonders die von Gebildeten bzw. Bürgerlichen errichteten Kunst- und Naturaliensammlungen können als Versuch verstanden werden, der Vielfalt natürlicher und künstlicher Objekte habhaft zu werden, sie im eigentlichen wie im übertragenen Sinne zu begreifen und der eigenen Beobachtung zugänglich zu machen. [37] Im Verhältnis zum Buchstudium war das Sammeln und Aufbewahren bestimmter Gegenstände eine Form besonders praxisnaher, objekt- und materialbezogener Erkenntnisgewinnung und Wissensaneignung. [38] Denn im Unterschied zu den späteren Museen waren die Objekte der Kunstkammern keine bloßen Anschauungsobjekte, die Distanz verlangten. Sie konnten vom Besitzer und seinen Besuchern in die Hand genommen, ertastet, gedreht und gewendet und unter immer wieder neuen Aspekten betrachtet und untersucht werden. [39] Im Unterschied auch zur oft flüchtigen und einmaligen Sichtung in der Natur konnte ein Exponat sehr genau und im Prinzip unbegrenzt besehen werden.

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Der eigentliche Sinn und Zweck der Naturaliensammlungen lag laut der Museographia von 1727 in der erbaulichen Wirkung, die die Betrachtung der Naturobjekte beim Betrachter auslösen sollte. Die Museographia galt für ein halbes Jahrhundert als das maßgebliche deutsche Handbuch zum Sammelwesen. Es wurde von dem Hamburger Kaufmann Caspar Friedrich Neickel, eigentlich Jenckel, verfasst und von dem Breslauer Stadtarzt und Mitglied der Academia Naturae Curiosorum, Johann Kanold, ergänzt und herausgegeben. Um den Zusammenhang zwischen dem Naturalienkabinett und der Verherrlichung Gottes näher zu verdeutlichen, erläuterte Neickel zunächst den grundsätzlich religiösen Sinn der Naturbetrachtung, bevor er die verschiedenen Möglichkeiten des 'Hausvaters' zur erbaulichen Naturbesinnung behandelte. Zu Gottes Lob und Preis "kan er sich auf mancherley Weise eine Gelegenheit machen, entweder zur Abends=Zeit, da er nach vollbrachten Geschäfften, [...] ein Buch zur Hand nimmt, von dergleichen Materia, [...] und darinn entweder den Seinigen selbst, oder sich von seiner Eh=Frau oder einem seiner Kinder, etwa eine Stunde, oder so lange man daran Vergnügen findet, daraus vorlesen liesse." Eine weitere Möglichkeit böte sich, "wann er nemlich und zwar zur angenehmen Frühlings=und Sommer=Zeit, entweder auf den Wällen der Stadt, oder auch [...] in einem Garten, mit den Seinigen offtermals einen erbaulichen Spatziergang vornimmt, dabey er ihnen alsdann die so vielfältig vor Augen stehende Wunder des Höchsten erkläret, […]." [40] Einen noch größeren erbaulichen Nutzen hätte jedoch der Besuch einer Kunst- und Naturaliensammlung, zumal wenn der Hausvater sich und seine Familie durch das Lesen bestimmter Bücher darauf vorbereitete. Denn äußere und innere Empfindungen wirkten hier wie nirgends sonst unter Beteiligung aller Sinne, wie Neickel mit Verve ausführt, bei der Betrachtung der Naturobjekte zusammen und bestärken sich in ihrer religiösen Empfindungsfähigkeit auf das Äußerste:

"Keine bessere Gelegenheit findet man zu dieser fast mit himmlischer Lust verknüpfften Betrachtung der Natur, als in Museis oder solchen Orten, welche ausdrücklich darzu an einer bequemen und einsamen Stelle angeordnet sind, woselbst man gleichsam alle unnütze Geschäffte und weltlichen Rumor verläst, dagegen aber seine Sinnen und Gedancken zusammen rufft, und einig und allein zur Ehre GOttes in der Betrachtung aller seiner Wunder anwendet. Hier sitzt er also angeschlossen und umgeben mit herrlichen, raren, wunderbaren und fremden Sachen, über deren Anschauung seine leibliche Augen in angenehme Ergötzung und Frölichkeit gerathen; der Geruch empfindet seine Lust bey so mancher balsamischen und aromatischen Materie: Der Geschmack muß zu erkennen geben, ob dieses oder jenes süß oder bitter, angenehm oder widrig sey: Das Gehör vernimmt das Sausen und Brausen der Meer=Schnecken sc. und in Kunst=Sachen hat es mancherley Lust und Nutzen, absonderlich aber bringets demselben grosse Freude, wann es vernimmt die Erklärung und Bedeutung dieses oder jenes Wunder=Dinges: Das Fühlen berichtet, ob ein Ding gelind oder rauh, Eis=kalt oder warm, leicht oder schwer, zu fassen sey: In Summa, alle äusserliche Sinnen haben bey der Natur=Betrachtung ihre Lust und Nutzen. Am allermeisten aber empfindet der innerliche Mensch, das Gemüth und die Seele, bey dieser Betrachtung die gröste Freude, das höchste Vergnügen, und die unaussprechliche Lust. Diß ist das Centrum, wohin die Empfindung aller äusserlichen Sinne gehen, und daher ist hier die Empfindlichkeit desto grösser, feuriger und vollkommner." [41]

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Die Kunst- und Naturalienkammer wird von Neickel als Ort religiöser Konzentration und Versenkung beschrieben, in der sich der Besucher fern ab allen weltlichen Beanspruchungen vollständig Gott und seinen Wunderwerken hingeben kann. Wie in einer Kirche nur weit unmittelbarer ohne Pastor und ohne Ritual richtet sich der Sammlungsbesucher über seine sämtlich in Bewegung geratenen Sinne auf Gott. Denn erst durch die materielle Präsenz der unterschiedlichsten Objekte, wie sie in dieser Dichte nur in der Kunst- und Naturalienkammer möglich war, wird dem Betrachter die unglaubliche Gestalten- und Bedeutungsvielfalt der Natur als das Resultat göttlicher Schöpfungsmacht im Innersten 'fühlbar' bewusst.

Systematisieren und Verinnerlichen

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Ein Gebildeter abseits der kulturellen Zentren, wie der Nordhäuser Pfarrer Friedrich Christian Lesser, baute sich selbst eine Naturaliensammlung auf, die Räumlichkeiten waren in der Regel begrenzter, die Gegenstände weniger zahlreich, aber die avisierten Empfindungen bei der Betrachtung der Naturobjekte waren dieselben. Durch seine eigenen Sammlungsaktivitäten in der Harzer Umgebung, durch zahlreiche Tauschaktionen mit anderen Sammlern, durch die Mitwirkung von befreundeten Fernhandelskaufleuten, wie Gottfried Andreas Mohring aus Pernau in Livland, der Lesser nach einer seiner Reisen nach Ostindien über 400 Muscheln mitbrachte, [42] entstand über Jahrzehnte in seinem Pfarrhaus eine beachtliche Sammlung von Naturobjekten.

Abb. 1

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Im Zentrum seiner rastlosen Sammlungsanstrengungen stand das genaue Erfassen und Beschreiben verwandter Objekte, ihrer Ähnlichkeiten und Unterschiede. Dieses bildete auch die Grundlage für seine Stein,- Insekten- und Conchylientheologien, in denen er jeden nur irgendwie bekannten Aspekt der Objekte aufnahm und zuzuordnen suchte. Zur präzisen Erfassung und Dokumentation der Naturgegenstände kam die durch die genaue Betrachtung ausgelöste, von Neickel in seiner "Museographia" angesprochene religiöse Empfindung, ohne die jede Beschäftigung mit der Natur bar ihres eigentlichen, d.h. ihres höheren Sinns war. Die Beobachtung der Natur war Teil eines, wie Lesser schreibt, "innerlichen Dienst[es] gegen den anbethenswürdigen GOtt”. [43] Damit der Mensch aber ein "tiefferes Einsehen" [44] in das 'Buch der Natur' gewinnen könne und damit überhaupt Gott in seinen Werken erkennen konnte, musste er die Natur nicht allein mit den Augen des "Leibes", sondern, wie er betont, ebenso mit den "Augen des Gemüthes" oder mit den "innerlichen Augen" betrachten. [45] In der Korrelation des äußeren und inneren Auges mag Lesser an die hermetisch-platonische Tradition anknüpfen, nach der zwischen dem Sehen und der Seele eine enge Verbindung bestand. [46] Denn nach Platon war das Sehen ein aktiv von der Seele ausgehender Vorgang, der erst "durch Ausstrahlung des Auges" zustande kam. [47] Insofern diente die von Lesser und anderen immer wieder geforderte aufmerksame Betrachtung der Naturobjekte neben der verstandesmäßigen, auf Klassifikation abzielenden Betrachtung letztlich ihrer innerlich-seelischen Erfassung. Denn nur ein "aufmercksamer Betrachter" konnte zur beabsichtigten "andächtigen Bewunderung" der göttlichen Werke kommen. [48] Die detaillierte, kontrollierte Beobachtung der Gegenstände der Natur wurde auf diese Weise zu einer betont sinnlichen, den ganzen Menschen umfassenden Form der Gottesverehrung.

Abb. 2

Die schwierige Nähe zum Objekt

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Die intensive Beschäftigung mit den Objekten der Natur hatte ihren Preis. Die fast meditative Konzentration und Ausdauer, mit der sich nicht nur die laienhaften Naturforscher der Untersuchung und Betrachtung ihrer Objekte widmeten, rückte diese nur zu leicht in die Nähe von Reliquien. Die verzückten Betrachter schienen dabei Gefahr zu laufen, die Naturgegenstände mehr als ihren Schöpfer zu verehren. Deshalb mahnte Robert Boyle 1685, dass es sich bei den untersuchten Objekten um Dinge handelte, "die nur Geschöpfe sind, wie wir selbst, und, was noch schlimmer ist, von einer Art, die der unsrigen weit unterlegen ist." [49] Eine derartige Bewunderung käme letztlich nur Gott selbst zu. Diese Erkenntnis stürzte den niederländischen Arzt und Anatomen Jan Swammerdam zeitweilig in eine tiefe Krise, und zwar gerade weil es sein oberstes Ziel war, die Geheimnisse der Natur zu Gottes Ehren aufzudecken. Seine religiöse Motivation brachte Swammerdam bereits in seiner "Historia generalis insectorum" von 1669 zum Ausdruck, weit ausführlicher jedoch in seiner 1752 posthum veröffentlichten "Bibel der Natur". Seinen Abhandlungen über die Spinnen fügte er hinzu, er wolle sie noch genauer sezieren, "damit endlich einmal dieser Theil der natürlichen Geschichte durch vereinigte Bemühungen seine Vollkommenheit erhalten, und Gott als Urheber aller dieser Wunder in Zukunft mehr gefürchtet, und inbrünstiger geliebet werden möge, als welches das einzige Ziel und Endzweck alles unsers Thuns seyn soll." [50] Im Laufe seiner Studien wurde ihm jedoch bewusst, wie er die allein Gott zukommende Liebe und Aufmerksamkeit auch auf seine Geschöpfe übertrug und er sich Gott und dessen Willen nicht hinreichend zu unterwerfen schien. [51] Er brach seine Forschungen ab und suchte Rat bei der Prophetin Antoinette Bourignon. Diese bestärkte Swammerdam darin, von seinen wissenschaftlichen Studien zu lassen, da diese nichts anderes als "amusements de Satan" seien. [52] Auch der Lausitzer Pfarrer Schirach spürte, dass seine hingebungsvolle Beschäftigung mit den Bienen eine ungeahnte Eigendynamik entwickelte und ihn von seinem eigentlichen Wunsch, den Schöpfer zu ehren, abzubringen drohte. "Es ist wahr, wer den Reiz der Schönheiten in der Natur einmal deutlich wahrgenommen; wer das angenehme, das harmonische, das ergötzende einmal gekostet hat, wird gleichsam dahin gerissen, […]." Es gäbe genügend Beispiele der "größten und weisesten Männer", die sich "hierrinnen allzusehr vertieft haben." Daher bat er Gott inständig, ihn vor der fehlgeleiteten "Kreaturen=Liebe" zu bewahren: "O Herr, vertilge ja alle meine mir verborgene, übertriebene Kreaturen=Liebe aus meinem Herzen, damit ich dir dadurch nicht misfällig werde." Gott möge ihn lehren, ihn über alles zu lieben und sich "an [ihm] allein zu ergötzen".

Naturtheologische Betrachtungen als "Berufs=Gedanken"

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Auffallend ist der relativ hohe Anteil von Theologen unter den Physikotheologen und laienhaften Naturkundigen. Ihnen war es nur allzu bewusst, dass die Erforschung der Natur nicht zu ihren eigentlichen Aufgaben gehörte. Mit immer gleicher Vehemenz betonen sie, sie hätten ihre seelsorgerischen Aufgaben über ihre naturkundlichen Studien niemals vernachlässigt, ja es entspräche geradezu ihrer Amtspflicht, Gottes Herrlichkeit in der Natur zu verkünden. Zugleich fällt auf, was an sich nahe liegt, dass es die Pfarrer jenseits der großen städtischen Zentren waren, die hinaus aufs Feld oder ins Gebirge gingen, die Steine suchten oder Insekten beobachteten. Sie waren diejenigen, denen die Natur quasi qua Amt vor den Füßen lag. Diese von Berufs wegen verordnete Naturnähe wurde von ihnen als göttliche Willensäußerung gedeutet, sich eingehend mit der Natur zu befassen. "Zu welchem Ende setzt uns dieser gütige Herr in diese schönen, von denen Bewohnern derer düstern Mauern beneidete Gärten, als daß wir deren Früchte geniessen, und unser irdisches Vergnügen in Gott dabey haben sollen? […] Physikalisch=theologische Betrachtungen sind also meine, und aller Lehrer auf dem Lande, eigentliche Berufs=Gedanken." Die Theologen in der Provinz wussten sich einem göttlichen Auftrag entsprechend handelnd, wenn sie sich der Erkundung der Natur widmeten.

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Noch etwas besaßen die Theologen in der Provinz im Unterschied zu ihren Amtsbrüdern in den größeren Städten und auch zum größten Teil der ortsansässigen Bevölkerung: Sie verfügten über ein Mehr an Zeit, das im Negativfall an Langeweile grenzen konnte. "Wem schenkt die ewige Vorsehung oft mehr Zeit, denen geheimen Wegen der Natur nachzugehen, als uns?", gibt Schirach zu bedenken. Nach seinem Studium an der sich, wenn auch mit Verzögerung reformierenden Universität Leipzig wirkte er 25 Jahre in der Ortschaft Kleinbautzen in der Oberlausitz als Geistlicher. Sein von ihm verehrter Vorgänger in der Theologie der Insekten, Lesser, hatte in der seinerzeit neu gegründeten Universität Halle ebenfalls eine überdurchschnittlich gute Ausbildung genossen und kehrte nach kurzen Stationen in Leipzig und Berlin mit 23 Jahren in seine Geburtsstadt Nordhausen zurück, wo er bis zu seinem Tod fast 40 Jahre als Pfarrer tätig war. In diesen Orten waren die Möglichkeiten der Pastoren zum geistigen Austausch sehr beschränkt. Wenn Lesser nicht allein die Harzer Umgebung durchstreifte, sondern mit Insekten 'experimentierte', dann tat er dies zumeist ohne Begleitung, allenfalls aber mit dem örtlichen Arzt und Apotheker. Insofern dürfte die Beschäftigung mit der Natur, insbesondere das Sammeln von Naturalien, für ihn auch ein probates Mittel gewesen sein, mit Amtskollegen und anderen Gebildeten in weiter entfernten Orten in Kontakt zu treten.

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Anders als das Studium der Literatur und insbesondere der Heiligen Schrift musste und sollte das Studium der Natur nicht zurückgezogen in der Gelehrtenstube stattfinden, sondern bedurfte geradezu der Teilnahme anderer Gebildeter; im Idealfall ihrer Zeugenschaft. Die ernsthafte Beschäftigung mit der Natur stellte also immer auch ein Moment der Geselligkeit in Aussicht. [53] Über den (Aus-)Tausch von Naturalien gelang es Lesser überregionale Kontakte herzustellen. Auf Schirachs Initiative entstand die Oberlausitzer Bienengesellschaft, deren ständiger Sekretär er war. Die in Kleinbautzen entstandene Lehrimkerei zog Jahr für Jahr Fachkundige und Interessierte an. Über ihre sonstigen, zumeist heimatkundlichen Schriften wäre den Geistlichen niemals die Aufnahme in so zahlreiche wissenschaftliche Gesellschaften und mithin die Teilhabe an der 'res publica litteraria' gelungen. Es fragt sich, inwieweit diese Erwägungen, wie bewusst oder unbewusst auch immer, bei der ausdauernden Hinwendung zur Natur und ihrer Erforschung für die 'Provinzpfarrer' eine Rolle gespielt haben.

Die theologische Sprengkraft der Geistlichen in der Provinz

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Die intensive Beschäftigung protestantischer Pfarrer mit der Natur bedeutete für diese mehr als die Verbreitung erbaulicher Gedanken oder einen bloßen Zeitvertreib. Die Betrachtung der Natur stellte für sie in Anknüpfung an die Frömmigkeitsbewegung eine besonders praxisnahe Form intensivierter Frömmigkeit dar. Diese konnte sie jedoch derart in ihren Bann ziehen, dass die Naturbetrachter zeitweilig die Naturobjekte selbst mehr als ihren Schöpfer zu bewundern schienen. Besonders die Geistlichen in ländlich geprägten Orten konzentrierten sich mit ungeheuren Energien auf die Beobachtung bestimmter Naturobjekte. Oftmals war die Beobachtung und Beschreibung bestimmter Naturerscheinungen für die gut ausgebildeten Theologen die einzige Möglichkeit, mit anderen Gebildeten in näheren Kontakt zu treten. In dem Bewusstsein von der Vorsehung dazu ausersehen zu sein, auf dem Land zu wirken, verließen sie den engen Raum der Gelehrtenstube und gingen hinaus ins Freie, um dort Gottes Spuren zu suchen. Sie waren auch diejenigen, die im Gottesdienst mit vollem Sendungsbewusstsein von der Herrlichkeit der selbst erlebten Natur berichteten oder ihre Gemeinde statt ins Gotteshaus hinaus in die Natur führten, um Andacht zu halten. Die Geistlichen abseits der städtischen Zentren unterstützten auf diese Weise nicht nur wesentlich die Verbreitung naturkundlichen Wissens, sie beförderten im wort-zentrierten Protestantismus auch eine neuerliche Versinnlichung und Materialisierung und trugen damit zu einer weiteren Erosion dogmatischer Glaubensvorstellungen bei.

Abbildungen

Abb. 1
Lesser in seinem Naturalienkabinett. Frontispiz zu: Friedrich Christian Lesser: Testaceo-Theologia, oder gründlicher Beweiß des Daseyns und der vollkomnesten Eigenschaften eines göttlichen Wesens, aus der natürlichen und geistlichen Betrachtung der Schnecken und Muscheln, zur gebührenden Verherrlichung des grossen Gottes und Beförderung des Ihm schuldigen Dienstes, Leipzig 1744.

Abb. 2.
Stiche zweier Muscheln, die Lesser in seiner Lithotheologie beschreibt; Tafel Nr. 8, aus: Friedrich Christian Lesser: Lithotheologie, das ist: Natürliche Historie und geistliche Betrachtung derer Steine, also abgefaßt, daß daraus die Allmacht, Weißheit, Güte und Gerechtigkeit des grossen Schöpffers gezeuget wird, anbey viel Sprüche der Heiligen Schrifft erklähret und die Menschen allesamt zur Bewunderung, Lobe und Dienste des grossen Gottes ermuntert werden, Hamburg 1735.

Autorin:

Dr. Anne-Charlott Trepp
Max-Planck-Institut für Geschichte
Hermann-Föge-Weg 11
37073 Göttingen
Trepp@mpi-g.gwdg.de



[1] Friedrich Christian Lesser: Die Offenbahrung Gottes in der Natur aus des XIV Capitels der Apostel-Geschichte 17ten Verse [...] Anno 1750. Den 7ten Mai-Monath in einer Flur-Predigt vorgestellt [...], Nordhausen 1750.

[2] Ders.: Versuch einer Heliotheologia oder einer natürlichen Betrachtung der Sonne / vorgetragen v. Friedrich Christian Lesser, Nordhausen 1753, 5ff.

[3] Adam Gottlob Schirach: Melitto-Theologia: die Verherrlichung des glorwürdigen Schöpfers aus der wundervollen Biene nach der Anleitung der Naturlehre und Heiligen Gottesgelahrtheit, Dresden 1767, X f.

[4] Vgl. Schirachs Angaben auf dem Titelblatt zu seiner Geschichte der Erd-, Feld- und Ackerschnecken von 1772 (Adam Gottlob Schirach: Natürliche Geschichte der Erd=, Feld= oder Ackerschnecken, nebst einer Prüfung aller bisher bekannten Mittel wider dieselbigen, wobey viele neue physische Erfahrungen gemacht worden, Leipzig 1772) Hier erwähnt er auch weitere Mitgliedschaften. Zur Person Schirachs finden sich nur spärliche Angaben siehe u. a. Rainer Haas: Art. "Schirach, Adam Gottlob", in: Biographisches-Bibliographisches Kirchenlexikon 21. Hg. Friedrich Wilhelm Bautz, Hamm (Westf.) 2003, 1356-1360 ( http://www.bautz.de/bbk/a/ahlwardt_p.shtml ); ADB, Bd. 31, Berlin 1890, 307.

[5] Dazu und zu früheren Formen der Naturreligiosität vgl. die Habilitationsschrift der Verfasserin: 'Natur' als religiöse Praxis. Zum Verhältnis von Natur und Religion in der Frühen Neuzeit (1550-1750).

[6] Zimmermann schreibt vom "gelehrten Separatismus": Rolf Christian Zimmermann: Das Weltbild des jungen Goethe. Studien zur Hermetischen Tradition des 18. Jahrhunderts 1: Elemente und Fragmente, München 1969, 26; zur Rolle der Logen siehe 27ff.; dazu auch Rudolf Schlögl: Alchemie und Avantgarde. Das Praktischwerden der Utopie bei Rosenkreuzern und Freimaurern, in: Monika Neugebauer-Wölk / Richard Saage (Hg.): Die Politisierung des Utopischen im 18. Jahrhundert (= Hallesche Beiträge zur Europäischen Aufklärung 4), Tübingen 1996, 117-142; Ders.: Die Moderne auf der Nachtseite der Aufklärung. Zum Verhältnis von Freimaurerei und Naturphilosophie, in: Das achtzehnte Jahrhundert 21 (1997), 33-60; Monika Neugebauer-Wölk: "Höhere Vernunft" und "höheres Wissen" als Leitbegriffe in der esoterischen Gesellschaftsbewegung. Vom Nachleben eines Renaissancekonzepts im Jahrhundert der Aufklärung, in: Dies. (Hg.) unter Mitarbeit von Holger Zaunstöck: Esoterik und Aufklärung (= Studien zum achtzehnten Jahrhundert 24), Hamburg 1999, 170-210.

[7] Betty Jo Teeter Dobbs / Margaret C. Jacob: Newton and the Culture of Newtonianism, New Jersey 1995, 68; Richard Toellner: Die Bedeutung des physikotheologischen Gottesbeweises für die nachcartesianische Physiologie im 18. Jahrhundert, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte 5 (1982), 75-82, hier: 77; Udo Krolzik: Art. "Physikotheologie" in: TRE, Bd. 26, Berlin 1996, 590-596, hier: 594; Uwe K. Ketelsen: Die Naturpoesie der norddeutschen Frühaufklärung, Stuttgart 1974, 67, 138; Ruth Groh / Dieter Groh: Weltbild und Naturaneigung. Zur Kulturgeschichte der Natur, 2. Aufl. Frankfurt a. M. 1996, 45; Helga Dirlinger: Das Buch der Natur. Der Einfluß der Physikotheologie auf das neuzeitliche Natur-Verständnis, in: Werner Weinzierl (Hg.): Individualisierung, Rationalisierung, Säkularisierung. Neue Wege der Religionsgeschichte (= Wiener Beiträge zur Geschichte der Neuzeit 22), Wien 1997, 156-185, hier: u. a. 185.

[8] Ketelsen: Naturpoesie (wie Anm. 7), bes. 149, in seiner literaturgeschichtlichen Studie bestätigt er der von ihm untersuchten norddeutschen Naturpoesie wiederholt ihre Rückbindung an die lutherische Orthodoxie; indirekt auch Udo Krolzik: Säkularisierung der Natur: Providentia-Dei-Lehre und Naturverständnis der Frühaufklärung, Neunkirchen-Vluyn 1988, 81; auch Wolfgang Philipp: Das Werden der Aufklärung in theologiegeschichtlicher Sicht, Göttingen 1957, 42ff. Besonders nachhaltig zeigt sich die vorschnelle Zuordnung der Physikotheologen zum orthodoxen Luthertum am Beispiel Barthold Heinrich Brockes; vgl. dagegen bes. Hans-Georg Kemper: Gottesebenbildlichkeit und Naturnachahmung im Säkularisierungsprozeß. 2 Bde. Tübingen 1981, hier: 1, 14ff.

[9] Vgl. mit anderen Akzenten Manfred Büttner: Zur neuen Epochen-Gliederung der Geschichte der Physikotheologie auf Grund neuerer Forschungsergebnisse, in: Ders./ Frank Richter (Hg.): Forschungen zur Physikotheologie im Aufbruch 3. Naturwissenschaft, Theologie und Musik um 1600. Entstehung der Einzelfächer, Wandlungen innerhalb dieser und Wandlungen in ihren Beziehungen zueinander. Zur Frühzeit der Physikotheologie. Referate des Kongresses in Berlin 1996 (= Physikotheologie im historischen Kontext 4), Münster 1997, 9-22, hier: 11ff.

[10] Vgl. John Hedley Brooke: Science and Religion. Some Historical Perspectives, Cambridge 1991, 197ff.

[11] Krolzik versucht die physikotheologische Literatur zwar traditionsgeschichtlich einzuordnen und von anderen Formen naturtheologischen Schrifttums abzugrenzen, aber die von seinem Protagonisten Fabricius selbst gezogenen Bezüge, die in die Frömmigkeitsbewegung weisen, spart er aus: Krolzik: Säkularisierung (wie Anm. 8), 81, 138.

[12] William Derham: Astrotheologie, Oder Himmlisches Vergnügen in GOTT, Bey aufmercksamen Anschauen des Himmels, und genauerer Betrachtung der Himmlischen Cörper, Zum augenscheinlichen Beweiß Daß ein GOTT, und derselbige ein Allergütigstes, Allweises, Allmächtiges Wesen sey. Aus der fünfften vollständigeren Engl. Ausgabe in die Deutsche Sprache übersetzet [...] Von Jo. Alberto Fabricio, Hamburg 1732, XIII-LXXX.

[13] Zu den unterschiedlichen hier vertretenen Traditionen siehe kurz auch Ketelsen: Naturpoesie (wie Anm. 7), 138.

[14] Derham: Astrotheologie (wie Anm. 12), LXX, LXVI.

[15] Ebd., LXXIII.

[16] Fabricius kennt offensichtlich nur spätere Ausgaben. Auch Barthold Heinrich Brockes sah sich in einer Tradition mit der Frömmigkeitsbewegung und verweist auf Johann Arndt und Christian Scriver. Vgl. Ida M. Kimber: Barthold Heinrich Brockes, a Transmitter of Germinal Ideas in his "Irdisches Vergnügen in Gott", Diss. Masch. Univ. Edingburgh 1969, 396.

[17] Zur eingeschränkten Bedeutung der Orthodoxie innerhalb der differenzierten und komplexen Lutherischen Konfessionskultur des 17. Jahrhunderts siehe Thomas Kaufmann: Dreißigjähriger Krieg und Westfälischer Friede. Kirchengeschichtliche Studien zur lutherischen Konfessionskultur (= Beiträge zur historischen Theologie 104), Tübingen 1998, 144.

[18] Vgl. u.a. Sara Stebbins: Maxima in minimis. Zum Empirie- und Autoritätsverständnis in der physikotheologischen Literatur der Frühaufklärung (= Mikrokosmos. Beiträge zur Literaturwissenschaft und Bedeutungsforschung 8), Frankfurt a. M. 1980, 65; anders Irmgard Müsch: Geheiligte Naturwissenschaft: die Kupfer-Bibel des Johann Jakob Scheuchzer, Göttingen 2000, 21.

[19] Friedrich Christian Lesser: Lithotheologie, das ist: Natürliche Historie und geistliche Betrachtung derer Steine, also abgefaßt, daß daraus die Allmacht, Weißheit, Güte und Gerechtigkeit des grossen Schöpffers gezeuget wird, anbey viel Sprüche der Heiligen Schrifft erklähret und die Menschen allesamt zur Bewunderung, Lobe und Dienste des grossen Gottes ermuntert werden, Hamburg 1735, Vorrede XI.

[20] Der Salomonische Tempel gehörte zu den zahlreichen Modellbauten, die Christoph Semler im Auftrag Franckes für die Stiftungen erbaute; vgl. Thomas J. Müller: Der Realienunterricht in den Schulen August Hermann Franckes, in: Schulen machen Geschichte. 300 Jahre Erziehung in den Franckeschen Stiftungen zu Halle (= Kataloge der Franckeschen Stiftungen 4), Halle / Saale 1997, 43-65, hier: 58f.

[21] Lesser: Lithotheologie (wie Anm. 19), Vorrede XI f.

[22] Vgl. Lessers für die Aufnahme in der Academia Naturae Curiosorum verfassten Lebenslauf: Archiv der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, Halle, MM 452, F.C. Lesser. Hier wird auf die Abschrift zurückgegriffen, 2, 5.

[23] Die Briefe befinden sich im Stadtarchiv Nordhausen (unter der Signatur R Lb 15), liegen aber mittlerweile vollständig ediert vor; siehe Siegfried Rein: Friedrich Christian Lesser (1692-1754). Pastor, Physicotheologe und Polyhistor (= Schriftenreihe der Friedrich-Christian-Lesser-Stiftung 1), Erfurt 1993, 112ff. Die Antwortbriefe Johann Philipps sind nicht erhalten.

[24] Brief vom Dezember 1738.

[25] Brief vom 12. Dezember 1741.

[26] Vgl. ferner bes. zur Frage der Bußfertigkeit Lessers Wünsche an seinen Sohn im Brief vom 27. Dezember 1741.

[27] Lesser: Lithotheologie (wie Anm. 19), Vorrede XII.

[28] Ebd. XVI f.

[29] Vgl. Friedrich Hoffmann: Vernünfftige Physcalische Theologie und gründlicher Beweiß des göttlichen Wesens und dessen vollkommensten Eigenschafften aus reifer Betrachtung aller in der Natur befindlichen Wercke, bes. des Menschen. Aus d. Lat. ins Deutsche übers. von Friedrich Eberhard Rambach, Halle 1742.

[30] Krolzik: Säkularisierung (wie Anm. 8), 151f.; auch Rienk H. Vermij: The Beginning of Physico-Theology, in: Heyno Kattensted (Hg.): Grenz-Überschreitungen: Wandlungen der Geisteshaltung, dargestellt an Beispielen aus Geographie und Wissenschaftshistorie, Theologie, Religions- und Erfahrungswissenschaft, Philosophie, Musikwissenschaft und Liturgie. Festschrift zum 70. Geburtstag von Manfred Büttner, Bochum 1993, 173-184, hier: 176ff.; auch Müsch schreibt von der "Zuhilfenahme der neuesten Erkenntnismethoden" als maßgebliches Kennzeichen für die Physikotheologen: Müsch: Geheiligte Naturwissenschaft (wie Anm. 18), 21.

[31] Vgl. Peter Dear: Miracles, Experiments, and the Ordinary Course of Nature, in: Isis 81 (1990), 663-683; vgl. Fritz Krafft: "… denn Gott schafft nichts umsonst!": Das Bild der Naturwissenschaft vom Kosmos im historischen Kontext des Spannungsfeldes Gott – Mensch – Natur (= Natur – Wissenschaft – Theologie 1), Münster 1999, 86; Groh / Groh: Weltbild (wie Anm. 7), 52.

[32] Siehe auch Christian Wolffs Vorbemerkung zu Nieuwentyts Physikotheologie: Bernhard Nieuwentyt: Die Erkänntnüß Der Weisheit, Macht und Güte Des Göttlichen Wesens aus dem rechten Gebrauch derer Betrachtungen aller irdischen Dinge dieser Welt: Zur Uberzeugung derer Atheisten und Unglaubigen; [...] Samt einer Vorrede von Christian Wolffen [...]. Und mit nützlichen Registern vermehret von Wilhelm Baumann [...], Franckfurt usw. 1732, Vorrede; ebenso Fabricius' Vorwort zu Derham: Astro-Theologie (wie Anm. 12), Zuschrift an Barthold Heinrich Brockes V.

[33] Lorraine Daston: Eine kurze Geschichte der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit, München 2000, 25ff.

[34] Vgl. Marian Fournier: The Fabric of Life. Microscopy in the Seventeenth Century, Baltimore u. a. 1996; Änne Bäumer: Geschichte der Biologie 3: 17. und 18. Jahrhundert, Frankfurt a. M. 1996, 1ff.; Catherine Wilson: The invisible world: early modern philosophy and the invention of the microscope, Princeton 1995.

[35] Krystof Pomian: Sammlungen – eine historische Typologie, in: Andreas Grote (Hg.): Macrocosmos in Microcosmos: die Welt in der Stube. Zur Geschichte des Sammelns 1450 bis 1800, Berlin 1994, 107-126, hier: 115f.

[36] Lorraine Daston / Katherine Park: Wunder und die Ordnung der Natur 1150-1750, Berlin 2002, 378ff.

[37] Zu den so genannten bürgerlichen Sammlungen vgl. unter anderen Paula Findlen: Possessing Nature: Museums, Collecting, Scientific Culture in Early Modern Italy, Berkeley 1994, 201ff. (The collecting of experience); bestimmte Beiträge in: Grote: Macrocosmos (wie Anm. 35); Claudia Valter: Studien zu bürgerlichen Kunst- und Naturaliensammlungen des 17. und 18. Jahrhunderts, Diss. Phil. Univ. Aachen 1995; einen kursorischen Überblick gibt Karl-Heinz Kohl: Die Macht der Dinge. Geschichte und Theorie sakraler Objekte, München 2003, hier: 225ff.

[38] Zur komplexen Verbindung von Sammeln und Wissenschaft siehe Anke te Heesen / Emma C. Spary: Sammeln als Wissen, in: Dies. (Hg.): Sammeln als Wissen. Das Sammeln und seine wissenschaftsgeschichtliche Bedeutung, Göttingen 2002, 7-21.

[39] Vgl. Findlen: Possessing Nature (wie Anm. 37), 201 ff.

[40] [Neikel, Caspar Friedrich (eigentlich Jenckel)]: Museographia Oder Anleitung Zum rechten Begriff und nützlicher Anlegung der Museorum oder Raritäten-Kammern. [...] Auf Verlangen mit einigen Zusätzen und dreyfachem Anhang vermehret von D. Johann Kanold. Leipzig usw. 1727, 446.

[41] Ebd. 447f.

[42] Friedrich Christian Lesser: Kurzer Entwurff einer Lithotheologie, oder eines Versuches Durch natürliche und geistliche Betrachtung derer Steine, Die Allmacht, Güte, Weißheit und Gerechtigkeit des Schöpfers zuerkennen, und die Menschen zur Bewunderung, Lobe und Dienste desselben aufzumuntern, Nordhausen 1732, 15.

[43] Friedrich Christian Lesser: Einige kleine Schriften theils zur Geschichte der Natur, theils zur Physikotheologie gehörig, Leipzig 1754, Vorrede.

[44] Lesser: Lithotheologie (wie Anm.19), Vorrede XIV.

[45] Friedrich Christian Lesser: Nachricht von seinem Naturalien= und Kunstcabinet, in: Hamburgisches Magazin 3 (1748), 549-558, hier: 557; Ders.: Testaceo-Theologia, oder gründlicher Beweiß des Daseyns und der vollkomnesten Eigenschaften eines göttlichen Wesens, aus der natürlichen und geistlichen Betrachtung der Schnecken und Muscheln, zur gebührenden Verherrlichung des grossen Gottes und Beförderung des Ihm schuldigen Dienstes, Leipzig 1744, Einleitung 6.

[46] Dem Hermetismus nahe stand vor allem der von Lesser sehr geschätzte Barthold Heinrich Brockes, dessen Verse er wiederholt zur Betonung seines physikotheologischen Anliegens wiederholt, wie auch der Hallesche Anstaltsarzt Christian Friedrich Richter, dessen Arbeiten Lesser ebenfalls bekannt waren. Vgl. bes. die Studien von Hans-Georg Kemper; u.a. Kemper: Deutsche Lyrik der frühen Neuzeit 5/I: Aufklärung und Pietismus u. 5/II: Frühaufklärung, Tübingen 1991.

[47] Gudrun Schleusener-Eichholz: Das Auge im Mittelalter 1, München 1985, 53f.; vgl. Hans-Georg Kemper: Deutsche Lyrik der frühen Neuzeit 3: Barock-Lyrik, Tübingen 1988, 87.

[48] Lesser: Lithotheologie (wie Anm. 19), Vorrede IX; [Ders.]: Nachricht von Carl Clusii, Professor der Kräuterwissenschaft zu Leiden Naturalien=Cabinet, mitgetheilt von F.C.L.P.N., in: Hamburgisches Magazin 3 (1748), 559-564, hier: 559.

[49] Robert Boyle: Of the High Veneration Man's Intellect Owes to God, 1685; Zitiert nach Daston: Kleine Geschichte der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit (wie Anm. 33), 33.

[50] Jan Swammerdam: Bibel der Natur: worinnen die Insecten in gewisse Classen vertheilt [...]. Leipzig 1752, 25; vgl. dazu Wilson: The invisible world (wie Anm. 34), 185ff.

[51] Hermann Boerhaave: Johann Swammerdams Leben, in: Swammerdam: Bibel der Natur (wie Anm. 50), I-XII, hier: VII; vgl. auch die Quellenhinweise bei Marian Fournier: The Book of Nature: Jan Swammerdam’s mikroscopical investigations, in: Tractrix. Yearbook for the history of science, medicine, technology and mathematics 2 (1990), 1-24, hier 4f.

[52] G. A. Lindeboom (Hg.): The Letters of Jan Swammerdam to Melchisedes Thévenot: with English Translation & a Biographical Sketch, Amsterdam 1975, 17. Nachdem Swammerdam einige Zeit sogar in der Gemeinde der Bourignon in Schleswig verbracht hatte, die er nach einem knappen Jahr aber enttäuscht verließ, fand er eine Balance zwischen seiner Frömmigkeit und seiner wissenschaftlichen Arbeit. Vgl. dazu Abraham Schierbeek: Jan Swammerdam (12 February 1637- 17 February 1680): his life and works, Amsterdam 1967, 32ff.

[53] Vgl. allgemein Stefan Siemer: Geselligkeit und Methode: Naturgeschichtliches Sammeln im 18. Jahrhundert (= Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz 192), Mainz 2004.

Empfohlene Zitierweise:

Anne-Charlott Trepp : Zwischen Inspiration und Isolation. Naturerkundung als Frömmigkeitspraxis in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts , in: zeitenblicke 5 (2006), Nr. 1, [####], URL: http://www.zeitenblicke.de/2006/1/Trepp/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-2811

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