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Untersuchungen über Studenten, die aus dem heutigen Gebiet Rumäniens stammten und sich an den Akademien und Universitäten Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert ausbilden ließen, belegen, dass die strenge Organisation der Lehre für die meisten einen positiven Einfluss auf ihre Motivation und Perfektionierung im Bereich der schönen Künste ausübte. [1] Die Forschungen heben hervor, dass für die Erneuerung der akademischen Bildung im Modernisierungsprozess Rumäniens das deutsche Modell in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen bedeutsamen Bezugspunkt für die Verbesserung der Bildung bot, sowohl vom methodologischen als auch vom organisatorischen Standpunkt aus. Die Synchronisierung der Bildungsvorstellungen unter dem Einfluss einer fremden universitären Welt förderte die Herausbildung eines bestimmten Typus des Intellektuellen-Künstlers.

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Das Auslandsstudium in der bayerischen Hauptstadt und ihrer Akademie kann auch auf das Fehlen einer solchen Ausbildungsform für die Rumänen in Bessarabien, der Bukowina und in Siebenbürgen bis 1918 zurückgeführt werden, weiterhin auf die langsame Entwicklung in diesem Bereich in den rumänischen Fürstentümern, später in Rumänien, bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Allerdings stand oft auch in Frage, ob die Studienreise ins Ausland als nötig oder überflüssig zu werten oder gar als Leichtsinn abzulehnen war, besonders wenn eine konkrete berufliche Qualifikationsabsicht dafür nicht erkennbar war. Angeregt wurde das Studium in München in der Regel von einem Lehrer oder einem von außen kommenden Mentor, oder von privaten oder staatlichen Stipendiengebern. Ein Stipendium war für das Überleben in einer anspruchsvollen Hochschulstadt, wie in unserem Falle der Hauptstadt Bayerns, wesentlich.

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Unsere Absicht ist es in erster Linie, für die Zeitspanne 1808-1935 einige ungefähre Grundzüge zu skizzieren, was das normale Studium sowie die Weiterbildung an der Akademie der Bildenden Künste in München betrifft. [2] Wir gehen dabei von der Hypothese aus, dass die Akademie für eine beträchtliche Anzahl junger Studierender aus Rumänien eine erste Kontaktnahme mit den Ergebnissen der klassischen und modernen deutschen Kunst darstellte oder aber ein notwendiges Zwischenstadium, um ähnliche geistige Entwicklungen des künstlerischen Ausdrucks nachvollziehen zu können, wie sie in Frankreich und Italien stattgefunden hatten.

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München bildete eine Drehscheibe zwischen dem Osten und dem Westen Europas und war ein wichtiger Umschlagplatz von Informationen. Mit ihrer Atmosphäre der Toleranz war die Stadt eine ebenso anregende Herausforderung wie mit ihren Prunkbauten, den architektonischen Denkmälern, den Museen, dem Kunstverein, dem Glaspalast, den Bibliotheken, den Theatern oder der Oper. Diese Faktoren bestimmten ihr hohes Ansehen als Ort der künstlerischen Bildung, vor allem für Studierende aus dem Osten und Südosten Europas; insgesamt 108 von ihnen stammten aus Rumänien, mit einem Höhepunkt in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts und zur Jahrhundertwende hin, was dem Anwachsen der allgemeinen Zahl der Studierenden entspricht. [3] Dieser Prozess wurde von der Entwicklung der nationalen Kunstschulen in Rumänien und des sekundären künstlerischen Unterrichts in Bessarabien, der Bukowina sowie in Siebenbürgen bis 1918 beeinflusst und gleichzeitig vom Ansehensgewinn der Münchener Akademie. Im Falle der aus Siebenbürgen stammenden Studenten war der Zustrom zu ähnlichen Institutionen in Wien und Budapest (gegründet 1871) konstant.

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Die Zahl der Studierenden aus Rumänien stand in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis zu der von Slawen (Bulgaren, Polen, Russen, Slowenen), Griechen und Ungarn, wobei letztere einen Vorteil dadurch hatten, dass in München Professoren aus diesen Ländern lehrten, sei es in der Akademie oder in privaten Schulen oder in beiden gleichzeitig, zum Beispiel der Grieche Nikolaus Gysis, die Ungarn Gyula (Julius) Benczúr, Alexander Liezen-Mayer, Alexander (Sándor) von Wagner oder der Slowene Anton Ažbe. [4] Die – im Vergleich mit dem repräsentativen Prozentsatz anderer Nationen und Länder aus der Mitte und dem Südosten Europas – recht geringe Anzahl von Rumänen ist auf das Zusammenwirken verschiedener Faktoren zurückzuführen; so ist im Falle der Siebenbürger Studenten die Diskrepanz zwischen der Unterstützung durch den rumänischen Staat und dem privaten Interesse auffällig. Sicherlich war sowohl vor wie nach 1918 der Besuch einer Akademie nicht immer nur durch das Streben nach einer künstlerischen Perfektionierung motiviert, sondern auch durch den Zeitgeist beeinflusst, als Versuch, etwas Besonderes zu tun – sei es im Wechsel von einer Lehranstalt zu einer anderen oder in andere kulturelle Zentren europäischen Niveaus. Die Blütezeit, die um die Jahrhundertwende durch den Aufschwung des höheren künstlerischen Unterrichts auf dem gesamten Kontinent geprägt war, ist dann vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs und den folgenden geopolitisch-strategischen Neuordnungen Europas beendet worden.

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Der Versuch einer Zuordnung entsprechend der Muttersprache oder der Nationalität der Künstler aus Rumänien ist sicherlich problematisch. Hinsichtlich der ethnischen (Rumänen, Deutsche, Ungarn, Juden, Serben, Ruthenen, Russen) und der konfessionellen Zugehörigkeit (Orthodoxe, Katholiken, Protestanten, Reformierte, Uniaten, Israeliten, Mosaische, Konfessionslose) ist ein Pluralismus zu beobachten, entsprechend den Strukturen, die sich in Rumänien, in Bessarabien, der Bukowina sowie in Siebenbürgen bis 1918 unabhängig von der politischen Lage und der Entwicklung des geopolitischen Kontextes gestalteten.

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Die Frage nach der Spezialisierung sowie nach dem Einfluss von Lehrern und Werkstattleitern verleitet zu Überlegungen, inwieweit Neigungen und Abneigungen für bestimmte berufliche Auswahlmöglichkeiten bereits im Lande oder später im Laufe der Studien von Professoren beeinflusst wurden, die diese Möglichkeiten in einem ungeeigneten oder den Studenten unverständlichen Zusammenhang vermittelten. So erlebte die Organisation der Lehrfächer an der Akademie der Bildenden Künste allmählich formelle und grundsätzliche Veränderungen zugunsten bestimmter Themen und Modalitäten, die von gewissen Professoren aufgezwungen wurden, die als Autoritäten in den betreffenden Bereichen galten, vor allem auf dem Gebiet der historischen, der religiösen und der Landschaftsmalerei. So musste man sich zwischen Dogma und Opposition entscheiden, wobei das von Wilhelm von Kaulbach oder Karl von Piloty gepflegte, groß angelegte historische Gemälde das Angebot auf dem Gebiet der Tier- und Landschaftsmalerei übertraf.

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Die Künstler aus Rumänien studierten in dem von den erwähnten Lehrmeistern verkündeten Geist, ohne die geringste Auswahlfähigkeit zu haben, und konnten, wenn sie keine ausreichende künstlerische Kultur hatten, nicht die notwendige Unterscheidung zwischen Tradition und Innovation treffen.

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Dank ihrer besonderen Natur blieb die Bildhauerei davon ausgenommen, aber das Studium der eklektischen Architektur, gekennzeichnet von klassizistischen und romantischen Akzenten im Werk eines August von Voit oder Friedrich Ziebland, erfuhr mit der Zeit ebenfalls wertmäßige Änderungen. Eine Zusammenstellung der Studenten aus Rumänien verrät den Vorrang der Malerei (1838-1935: 81) vor der Bildhauerei (1860-1927/1928: 15) und der Baukunst (1824-1883: 12).

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Die ästhetische Ausbildung, die sich die Studierenden aus Rumänien aneigneten, hatte als Grundlage Vorlesungen für Kunstgeschichte, periodische Ausstellungen sowie die Innovation des Künstlerdirektors Karl von Piloty, der Einführungsvorlesungen ins Leben rief, um die Studentenflut zur Schule für angewandte Künste (1868) zu leiten. [5] So konnten sich die rumänischen Künstler in München an der Grenze zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert auf das Erlernen der bildenden Künste in den erwähnten Institutionen vorbereiten sowie in einer Vielzahl privater Schulen, vor allem für Malerei, wie sie von Anton Ašbe, Josef Brandt, Angelo Jank, Gabriel von Hackl, Simon Hollosy oder Hermann Groeber gegründet worden waren.

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Die immer breiter werdende Strömung, welche die veraltete Kunst in Frage stellte, entsprach Umbrüchen auf ästhetischer und ideologischer Ebene. So war etwa die 1892 gegründete Münchener Secession, die von einem berühmten Namen wie Ludwig von Herterich an der Akademie vertreten wurde, ein erstes Alarmsignal gegen den von der Mehrzahl der Professoren vertretenen 'Akademismus'. Die Bedeutung der Tradition, wie sie von der Institution und ihren Lehrern repräsentiert wurde sowie von den örtlichen Museen, wurde von dieser Bewegung, die sich zur Verbreitung der eigenen Meinungen der Zeitschrift 'Jugend' bediente, abgestritten; die Künstler aus Rumänien trugen, vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts, zu diesem Ideenstreit bei.

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Die Wanderungswege der Künstler aus Rumänien schlossen nicht nur Deutschland und München, sondern auch Paris und Rom ein. Das Interesse an der romanischen Welt war an der Schwelle des 20. Jahrhunderts eher thematisch begründet als durch die Opposition gegen den 'Akademismus', wie sie in den 90er-Jahren des 19. Jahrhunderts entstand. Diese Opposition äußerte sich dann durch den Jugendstil und darauf folgende Strömungen und beeinflusste die Generationen der aus Rumänien kommenden Künstler stark. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden Paris und Rom zu einer wesentlichen Alternative zu Wien und München. In dieser Zeit herrschte ohnehin die Vorstellung, dass jedwede Kontaktnahme, sporadisch oder wiederholt, selektive Assimilierungen mit sich brachte, die nur in einer bestimmten Situation lebenskräftig sein und funktionieren konnten. Insbesondere war die Idee verbreitet, dass die romanische Welt im Gegensatz zu den Zwängen der deutschen akademischen Übung einen für die rumänische Mentalität erträglicheren Kontaktpunkt darstellte.

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Es bleibt aber eine Tatsache, dass die Münchener Kunstakademie eine wesentliche Rolle in der Hebung des Niveaus der theoretischen und praktischen Kenntnisse einer Anzahl von Künstlern aus Rumänien spielte, die sich größtenteils bereits während der Studienzeit bekannt machten oder aber später, nach der Rückkehr in die Heimat. Für die Studierenden aus Rumänien, wo der Fachunterricht allmählich zu einem Modernisierungs- und Europäisierungsfaktor wurde, war die Münchener Akademie als eine nach modernen Auffassungen strukturierte Institution mit ihrer Atmosphäre der Konkurrenz ebenso bedeutsam wie gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Kontakt mit dem fortgeschrittenen kulturellen Milieu. Die aufeinander folgenden Generationen, die von außen (Budapest, Wien, München, Paris, Rom) nach Rumänien heimkehrten, vermittelten eine Menge assimilierter Fachkenntnisse, die in einzelnen oder kollektiven, inneren oder äußeren Manifestationen ihren Niederschlag fanden und allmählich einen wertvollen Kern der einheimischen künstlerischen wie intellektuellen Elite herausbildeten.

Literatur

Uwe Dathe: Studenten aus Rumänien an der Universität Jena den Jahren 1801 bis 1918, in: Revue Roumaine D`Histoire 35 (1997), 1-2, 49-56

Führer durch München und Umgebung, Würzburg 1893, 36-58

Illustrierter Führer durch München und Umgebung, Leipzig 1910, 65-114

Adrian Silvan Ionescu: Viaţa studenţilor români la München acum 160 de ani (Das rumänische Studentenleben in München vor 160 Jahren), in: Revista Muzeelor 36 (1999), 3-4, 139-144

Katalog der neuen Pinakothek. Führer durch die Gemälde-Sammlung, München 1894, 18-58

Wolfgang Kehr: Die Akademie der Bildenden Künste, Kreuzpunkt europäischer Kultur, München 1990

Ioan Vasile Leb: Zu den kulturellen rumänisch-deutschen Beziehungen im XVII. – XIX.ten Jahrhundert, in: Studia Universitatis Babeş-Bolyai. Teologia Orthodoxia 38 (1995), 1-2, 39-46

Stelian Mândruţ: Rumänische Studenten aus Siebenbürgen an Universitäten Österreich-Ungarns und Deutschlands im Jahre 1897-1898, in: Ungarn Jahrbuch 20 (1992), 171-180

Stelian Mândruţ: Die künstlerische Intellektualität in Rumänien und das deutsche Kulturmilieu. Das Beispiel München (1808-1935), in: Revue Roumaine D`Histoire 36 (1997), 3-4, 277-297

Lucian Nastasã: Das Europa-Bild der im Ausland studierenden rumänischen Jugend (1860-1918), in: Harald Heppner (Hg.): Die Rumänen und Europa vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Wien / Köln / Weimar 1997, 215-231

Lucian Nastasã: L'espace universitaire allemand et la formation de l'élite intellectuelle roumaine (1864-1944), in: Transylvanian Review 12 (2003), 3, 38-51

Kurt Philippi: Siebenbürgische Studierende an der Universität Tübingen (1477-1902), in: Forschungen zur Volks- und Landeskunde 33 (1990), 1-2, 13-50

Mihai Sorin Rãdulescu: Rumänische Studenten an der Universitäten in Tübingen und Halle zwischen 1848-1918, in: Revue Roumaine d'Histoire 35 (1997), 1-2, 27-47

Elena Siupiur: Die deutschen Universitäten und die Bildung der Intelligenz in Rumänien und den Ländern Südosteuropas im XIX. Jahrhundert, in: New Europe College Yearbook, 1994-1995, 211-246

Elena Siupiur: Intellektuelle aus Rumänien und den Südosteuropäischen Ländern an den deutschen Universitäten im XIX. Jahrhundert, in: Revue des études sud-est européennes 33 (1995), 1-2, 83-100; 3-4, 251-265; 39, 2001, 1-4, 143-196

Sándor Tonk: Siebenbürgische Studenten an den ausländischen Universitäten, in: König, Walter (Hg.): Beiträge zur Siebenbürgische Schulgeschichte, Wien / Köln / Graz 1996, 113-125

Emanuel Turczynski: München und Südosteuropa, München 1961

Ernst Wallner: Die Beziehungen rumänischer Persönlichkeiten zum deutschsprachigen Mitteleuropa, in: Forschungen zur Volks- und Landeskunde 39 (1996), 1-2, 7-22

Thomas Zacharias (Hg.): Tradition und Widerspruch. 175 Jahre Kunstakademie München, München 1985

Autor

Dr. Stelian Mândruţ
Institutul de Istorie "G. Bariţ"
Str. Napoca 11
RO – 400088 Cluj
e-mail: smandrut@hotmail.com



[1] Philippi 1990; Mândruţ 1992; Mândruţ 1997; Leb 1995; Siupiur 1994-1995; Siupiur 1995/2001; Tonk 1996; Wallner 1996; Dathe 1997; Nastasã 1997; Rãdulescu 1997; Ionescu 1999; Nastasã 2003.

[2] Matrikelbücher der Königlichen Akademie der bildenden Künste (1809-1920) und Testierlisten (1920-1936). Akademie der Bildenden Künste München, Archiv und Sammlungen.

[3] Führer 1893, 36-58; Katalog 1894, 18-58; Illustrierte 1910, 65-114; Turczynski 1961, 321, 323, 326; Zacharias 1985, 41, 231, 293.

[4] Turczynski 1961, 352, 354, 356; Zacharias 1985, 112, 129, 136; Kehr 1990, 12, 14, 20.

[5] Zacharias 1985, 317-319.

Empfohlene Zitierweise:

Stelian Mândruţ : Die Ausbildung der Künstler aus Rumänien an der Akademie der Bildenden Künste in München , in: zeitenblicke 5 (2006), Nr. 2, [19.09.2006], URL: http://www.zeitenblicke.de/2006/2/Mandrut/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-5631

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