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Gerne war ich bereit, Ihr Projekt einer internationalen Konferenz zum Themenfeld nationaler Identitäten und internationaler Avantgarden, und der Künstlerausbildung in München im 19. und 20. Jahrhundert als Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung zu ermöglichen. Meine Bereitschaft bedenkt nicht nur meine alte Verbundenheit als Kunstminister mit der Akademie der bildenden Künste München, sondern beruht auf meinem Aufgabenfeld als Stiftungsvorsitzender: In dieser Funktion setze ich mich für die europäische Integration ein und kann dafür die bestehende Infrastruktur nutzen und ausbauen.

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Viele unterschiedliche Schwerpunkte setzt die Hanns-Seidel-Stiftung in ihrer europäischen Arbeit: politische Bildung in den Staaten ehemaliger kommunistischer Diktaturen, Schulung von Polizisten und Kommunalpolitikern und die berufliche Bildung bilden Schwerpunkte. Auch den aktuellen Nachwuchsförderpreis für politische Publizistik haben wir Europa gewidmet unter dem Titel "Wie viele Gegensätze verträgt Europa? Geistige Grundlagen und ausgewogene Steuerungen der Erweiterung und Vertiefung der EU". Diese Frage nach dem Grundproblem des Bemühens um eine allseits verträgliche europäische Einigung haben wir Studierenden an den Universitäten und Hochschulen gestellt und sehr interessante Bewerbungsaufsätze erhalten.

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Zu unserem politischen Anliegen will ich aber ausdrücklich betonen, dass wir kein bundesstaatliches Modell unserer Integrationsbemühungen anstreben, sondern einen Staatenbund favorisieren, der zwar pragmatisch Teile nationaler Souveränität an übernationale Einrichtungen abgibt, dass wir aber sozio-kulturelle und geschichtlich-politische Eigenarten, die sich in nationalen und regionalen Identitäten äußern, pflegen und fördern. Dazu gehört die Förderung von Traditionen wie auch aktuellen Entwicklungen, die unsere Identität konstituieren.

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Zahlreiche Integrationsmomente in Geschichte und Gegenwart begründen und begleiten die europäische Einigung: das Christentum, der Humanismus, die Wirtschaft, aber auch Sicherheits- und Abgrenzungsbedürfnisse. Und es gab immer schon Einrichtungen, die im nationalen Rahmen nicht existieren können bzw. verkümmern würden, wie etwa Universitäten oder expandierende Unternehmen.

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Mit der Osterweiterung haben wir einen wesentlichen Schritt getan von der Vertiefung zur Erweiterung der Europäischen Union. Dass damit auch Defizite sichtbar wurden, erstaunt die Realisten kaum, denn die zu lösenden Fragen der europäischen Integration stellen sich nicht neu, sondern begleiteten den Einigungsprozess schon in den zurückliegenden Jahrzehnten. Es sind die Fragen nach der inneren Konsistenz politischer Einheit und wie sie erhalten und vertieft werden kann und danach, wie die Europäer ihre neuen Nachbarschaften organisieren, mit welchen Handlungsoptionen sie nach außen agieren.

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Wesentlich erscheint mir, dass wir uns auf die Integrationsfaktoren besinnen und uns darauf verlassen, dass sie in unserer europäischen Wertegemeinschaft und den sie tragenden Institutionen verankert sind. Im zusammenwachsenden Europa zählen dazu auch die Kunstakademien. Sie können Scharnierfunktionen für den grenzübergreifenden künstlerischen Austausch wie für kulturpolitische Anliegen im diplomatischen Gepäck wahrnehmen – und hier meine ich keine Dienstmagdauffassung.

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Ich halte die Kunstakademien für eine wichtige Instanz beim ständigen Suchen nach und Werben für einen zeitgemäßen und hinlänglichen Kunstbegriff und für ernst zu nehmende Partner der an diesem Prozess Mitbeteiligten, der Kunstkritik, den Museen, dem Markt. Davon profitieren sowohl die Kulturpolitik, die sich aus dem Findungsprozess heraushalten sollte wie auch Verständigungs- und Vermittlungsinstanzen wie die Hanns-Seidel-Stiftung.

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Ich bin mir bewusst, dass die Akademien einer Gratwanderung ausgesetzt sind zwischen einem Akademismus zu großer Ferne zur zeitgenössischen Kunstentwicklung und einem Konformismus zu großer Nähe zu ihr. Diese Gratwanderung haben sie sowohl in ihrer Beteiligung am öffentlichen Diskurs als in ihren Lehraufgaben zu bestehen. Immer waren und sind sie vor allem Spiegel und Labor moderner Kunstentwicklung, Experimentierfeld für Materialien, Medien und Darstellungsformen. Trotz des geschützten Raumes einer Hochschule sind die Kunstakademien jedoch an die Akzeptanz der Kunst in Gesellschaft, Politik und Marktgeschehen gebunden. Ihre Absolventen haben sich langfristig zu bewähren.

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Die Kunst war immer international und die Künstlerausbildung auch, wenn sie sich dem Wettbewerb stellte und dem Anspruch seiner Qualitätskriterien unterzog. In dieser Hinsicht blickt die Akademie der bildenden Künste München auf eine reiche, fast 200jährige Tradition, in der sie bereits im 19. Jahrhundert ein künstlerisches Zentrum Mitteleuropas war mit exzellenten Verbindungen und nachhaltigen Einflüssen von der Ostsee bis nach Griechenland mit besonders guten Beziehungen nach Polen und Ungarn.

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Heute kann die Akademie im Zuge der Osterweiterung an diese gute Tradition anknüpfen und ihre Bemühungen in dem Forschungsprojekt fokussieren, das mit der Konferenz beginnt, die ich hiermit von Seiten der Hanns-Seidel-Stiftung, Ihres Kooperationspartners, eröffne. Ich wünschen allen daran Beteiligten ein gutes Gelingen und weit reichende Erträge.

Autor

Dr. h.c. mult. Hans Zehetmair
Staatsminister a. D., Senator E.h.
Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung
Lazarettstr. 33
D – 80636 München
e-mail: info@hss.de

Empfohlene Zitierweise:

Hans Zehetmair : Begrüßung zur Kooperationsveranstaltung mit der Akademie der Bildenden Künste München am 7. April 2005 um 15.30 Uhr im Konferenzzentrum Lazarettstraße durch den Vorsitzenden der Hanns-Seidel-Stiftung , in: zeitenblicke 5 (2006), Nr. 2, [19.09.2006], URL: http://www.zeitenblicke.de/2006/2/Zehetmair/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-5598

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