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Das Stichwort 'Medien' hat viele Facetten. Neben der theoretischen Reflexion über die Entwicklung moderner Mediengesellschaften und die Folgen des medialen Umbruchs hat sich in den vergangenen Jahren ein ganz praktischer Umgang mit den digitalen Medien entwickelt, der für unsere traditionellen geisteswissenschaftlichen Produktions- und Rezeptionsgewohnheiten nicht ohne Folgen geblieben ist.

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Das enorme Potential der neuen Medien (Hypertext, Interaktion, Multimedialität) scheint allerdings noch kaum ausgeschöpft: Inwieweit heute noch avantgardistisch wirkende Publikations- und Kommunikationsformen – wie die 'living documents', welche 'statische', im Peer-Review-Verfahren publizierte Journalartikel mit neuen Formen der 'live'-Kommunikation im Netz (Weblogs, Wikis) kombinieren – die Fachkulturen und 'eingefleischten' Publikationsgewohnheiten beeinflussen werden, wird sich freilich erst in der konkreten Anwendung zeigen können.

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Verweisen die geradezu explodierenden Nutzerzahlen von wissenschaftlichen Fachportalen, begutachteten E-Journals, Publikationsplattformen, offenen Archiven und digitalen Editionsprojekten in den einzelnen Disziplinen einerseits auf eine Erfolgsgeschichte der neuen Medien, die den Hautgout des Banalen, Peripheren und Unseriösen längst verloren haben, so fehlt es andererseits häufig an einer kritischen Reflexion über die Konsequenzen dieses atemberaubenden Medienumbruchs, der nicht mehr so einfach als Spezialgebiet einzelner 'Technik-Freaks' abgetan werden kann.

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Was bedeutet es beispielsweise für die Karrierechancen des wissenschaftlichen Nachwuchses, wenn die 'visibility' im Netz von Berufungskommissionen zunehmend als starkes Argument gesehen wird? Wie verändert sich das Verhältnis von 'Zentrum' und 'Rändern', wenn Subdisziplinen die weltweiten Verbreitungsmöglichkeiten des Netzes nutzen, um mit ihren Arbeitsgebieten und Publikationen bekannt zu werden, mithin für den Leser eine Präsenz beanspruchen, die in der 'Fächerwirklichkeit' gar nicht vorhanden ist? Zwingen uns erfolgreiche neue Formen der wissenschaftlichen Zusammenarbeit – wie sie in Wikipedia praktiziert werden – nicht dazu, über scheinbar feste Fundamente der Geisteswissenschaften wie das Bild des genialischen Autors nachzudenken?

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Den hier skizzierten Fragen widmete sich die Tagung 'Digitale Medien und Wissenschaftskulturen', die am 30.03.06 in Köln stattfand. Ausgerichtet wurde die Tagung durch prometheus – Das verteilte digitale Bildarchiv für Forschung und Lehre und historicum.net – Geschichtswissenschaften im Internet; der Thyssen-Stiftung ist für die Förderung der Veranstaltung zu danken.

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Der Themenkomplex ist zu sehr im Fluss und der Medienumbruch noch zu jung, um hier einen umfassenden Über- und Einblick geben zu können. Vielmehr handelt es sich bei dieser Ausgabe, die die Ergebnisse der Tagung zusammenträgt und durch weitere Beiträge ergänzt, um eine punktuelle Bestandsaufnahme der grundlegenden Fragestellungen und Themenbereiche, die mehr Fragen hervorrufen als Antworten geben werden. Eine Wissenschaft, die sich den neuen Möglichkeiten der digitalen Medien zuwendet, die weit über das bisherige Distributionsmedium Buch hinausgehen, sollte über ein intensives Wissen darüber verfügen, inwieweit dieser Medienwandel die Inhalte und Methoden der Fächer verändert. Einen Diskurs in diese Richtung voranzutreiben, ist das Anliegen der Herausgeber.

Köln, im Dezember 2006

Sabine Büttner, Holger Simon

Empfohlene Zitierweise:

Sabine Büttner / Holger Simon : Zu dieser Ausgabe , in: zeitenblicke 5 (2006), Nr. 3, [2006-12-05], URL: http://www.zeitenblicke.de/2006/3/Editorial/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-6926

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