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Peter Weingart ist seit 1994 Direktor des Instituts für Wissenschafts- und Technikforschung an der Universität Bielefeld.



Gesprächspartner
 

 

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Herr Weingart, Sie beschäftigen sich seit langem mit dem Verhältnis von Wissenschaft und Medien. Welche Rolle spielt das neue Medium Internet (Internetressourcen, E-Journals usw.) in Ihrer eigenen Praxis als Wissenschaftler?

Das Internet bietet eine ungeheuer gestiegene Zugänglichkeit zu Informationen und zu Publikationen, die Möglichkeit, sich sehr schnell über Kollegen zu informieren auf der einen, und eine größere Sichtbarkeit der eigenen Arbeiten auf der anderen Seite.

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Inwiefern wirken Medien allgemein verändernd auf das System "Wissenschaft"?

Die Frage ist zu umfassend. Mindestens werden die Kommunikationsstrukturen erweitert und die Kommunikation beschleunigt, vielleicht sogar enthierarchisiert. In einigen Gebieten werden auch neue Forschungsgegenstände geschaffen.

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Im Netz verschwimmen die Grenzen zwischen Leser, Autor und Produzent. Welche Rolle kommt dem Internet als einem bidirektionalen, interaktiven Medium im Vergleich zu den unidirektional ausgerichteten "traditionellen" Massenmedien wie Print, Fernsehen oder Rundfunk zu?

Mit Bezug auf die Wissenschaft, vielleicht aber auch allgemeiner lässt sich sagen: Das Internet mit seiner spezifischen medialen Charakteristik führt zu einer Steigerung der Partizipationsmöglichkeiten, damit aber auch zur Diffusion von mehr Unsinn. Bestehende Strukturen und deren Selektionen verschwinden natürlich nicht.

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Lässt sich durch die neuen Medien insgesamt eine Vermehrung und Beschleunigung der Wissensproduktion und -distribution feststellen?

Zumindest wird mehr, weil schneller, geschrieben. In der Folge muss die Selektivität der Wahrnehmung noch stärker werden.

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Welche Bedeutung werden Ihrer Meinung nach zukünftig andere Publikationsformen wie etwa Wikis und Blogs und neue Bewertungsformen wie z.B. Open Peer Review in der wissenschaftlichen Fachkommunikation haben?

Als Mittel der informellen Information nimmt deren Bedeutung jetzt schon stark zu. Die Open Peer Review könnte ein wichtiges Instrument der wissenschaftlichen Qualitätskontrolle werden.

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Das Medium Internet zeichnet sich auch durch Multimedialität und Hypertextualität aus und bietet dadurch neue Möglichkeiten der Wissensvermittlung und -darstellung. Sehen Sie hier Potentiale für neue Präsentationsformen und eine neue Didaktik der Wissenschaften?

Ja, aber ich kenne mich zu wenig damit aus, um ein festes Urteil zu haben.

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Und wie steht es um die Präsenz im Internet? Kann es sich denn ein Wissenschaftler heute überhaupt noch leisten, nicht über elektronische Publikationen präsent zu sein?

Noch kann er/sie es sich leisten, weil elektronische Publikationen noch nicht so reputiert sind wie gedruckte. Ich vermute, dass sich das bald ändern wird.

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Die Wissenschaftskulturen der Disziplinen und Fächer unterscheiden sich z.T. erheblich. Wie lässt sich das Verhältnis der Geisteswissenschaften zu den Medien, insbesondere zu den neuen Medien, beschreiben?

Die Bereitschaft der Geisteswissenschaften, sich auf die neuen Medien einzulassen, ist noch geringer als bei den Naturwissenschaften (von Ausnahmen abgesehen). Mit den alten Medien (Print, TV) gehen die Geisteswissenschaftler lockerer um. Das gilt zumindest für die Geisteswissenschaftler, die in den Feuilletons zuhause sind.

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Wir gehen von einem Hiatus zwischen "praktischer" Implementierung der neuen Medien, wie sie sich in zahlreichen Digitalisierungs- und elektronischen Publikationsprojekten zeigt, und der eher praxisfernen theoretischen medienwissenschaftlichen Reflexion aus. Wird der konkret stattfindende Medienumbruch ausreichend reflektiert und auch nach den Bedürfnissen der Wissenschaft gestaltet?

Reflexion ist ja so gut wie nie ausreichend, aber ich nehme schon eine ziemlich große Zahl an Dissertationen wahr, die sich mit den neuen Medien reflexiv beschäftigen. Die Gestaltung nach den Bedürfnissen der Wissenschaft ist dann noch einmal eine andere Sache. Im Augenblick scheitert die Einführung von 'open access publishing' weniger am Design der Medien als am Widerstand der Wissenschaftler.

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Die Wissenschaft kann sich in einer modernen Mediengesellschaft nicht auf den Elfenbeinturm zurückziehen. Welchen Einfluss hat Ihrer Einschätzung nach das Internet auf das Verhältnis von Wissenschaft und Öffentlichkeit?

Die Frage ist schwer zu beantworten. Ich vermute, dass mancher Netzsurfer inzwischen den Weg in Enzyklopädien gefunden hat oder zufällig auf Informationen stößt, wie das zuvor nicht der Fall war.

Inzwischen vielfach bestätigt ist die Funktion des Internet für die spontane Bildung von 'Interessen-' und 'Betroffenengruppen', z.B. im Fall von seltenen Krankheiten. Ohne allzu euphorisch zu sein, kann man hier eine gewisse Demokratisierung des Zugangs zu Wissen feststellen.

Gesprächspartner:

Prof. Dr. Peter Weingart
Institut für Wissenschafts- und Technikforschung (IWT)
Universität Bielefeld
Postfach 10 01 31
33501 Bielefeld

E-Mail: weingart@uni-bielefeld.de

http://www.uni-bielefeld.de/iwt/personen/weingart/index.html

Sabine Büttner / Dr. Holger Simon

Empfohlene Zitierweise:

Peter Weingart : "Demokratisierung des Zugangs zu Wissen." , in: zeitenblicke 5 (2006), Nr. 3, [2006-12-14], URL: http://www.zeitenblicke.de/2006/3/Interview/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-7279

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