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Durch den DFG-Förderschwerpunkt "Retrospektive Digitalisierung von Bibliotheksbeständen" wird der Aufbau einer Verteilten Digitalen Forschungsbibliothek unterstützt und vorangetrieben: Wissenschaftliche Forschungsmaterialien werden retrospektive digitalisiert und elektronisch bereitgestellt. Dies betrifft insbesondere viel genutzte oder schwer zugängliche Bestände, führt aber auch zu einer erweiterten Nutzung bislang nur wenig bekannter Materialien.

Zielstellung

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Das hier vorgestellte, durch die DFG geförderte und von der Professur für Historisch Kulturwissenschaftliche Informationsverarbeitung HKI ( http://www.hki.uni-koeln.de ) durchgeführte Projekt zur Evaluierung der Förderung der "Retrospektiven Digitalisierung von Bibliotheksbeständen" untersuchte und verglich in der Zeit von Oktober 2003 bis Dezember 2004 die verschiedenen Projekte, unter Berücksichtigung des jeweiligen Digitalisierungskonzeptes, da diese Projekte in ihrer Digitalisierungsbreite und -fokussierung stark heterogen sind. [1]

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Ziel der Evaluierung war es, präzisere Kriterien für weitere Fördermaßnahmen in diesem Bereich zu entwickeln, indem die unterschiedlichen Vorgehensweisen und Projektabläufe systematisch miteinander verglichen wurden. So konnten wir auch verifizieren, ob das eigentliche Ziel des Förderschwerpunktes erreicht wurde, indem wir überprüften, inwieweit die Nutzung des Materials durch die Digitalisierung tatsächlich intensiviert wurde.

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Als Parameter der Evaluierung fungieren die Reichweite und die Öffentlichkeitswirksamkeit der jeweiligen Digitalen Bibliothek, die Effektivität der eingesetzten Mittel, die Nutzbarkeit der digitalen Angebote sowie die Modularität und die Nachhaltigkeit der geförderten Projekte. Darüber hinaus haben wir die DFG-Projekte mit anderweitig geförderten Projekten gleicher Zielsetzung verglichen.

Vorgehensweise

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Nach der Erfassung aller geförderten Projekte sowie der dazugehörigen Projektserver haben wir zunächst mit Hilfe von Tiefeninterviews die genauen Modalitäten und Abläufe der Digitalisierung durch die Bibliotheken/Institute ermittelt. Um die tatsächliche Nutzung des Angebots durch die Öffentlichkeit festzustellen, wurden die von den Bibliotheken zur Verfügung gestellten Logfiles der jeweiligen Projektserver über einen festgeschriebenen Zeitraum analysiert. Über eine Online-Umfrage haben wir die wissenschaftliche Gemeinschaft im Detail zu den einzelnen, von ihnen genutzten Digitalen Bibliotheken befragt.

Ergebnisse

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Im Folgenden sollen zusammenfassende Antworten versucht werden. Aufgrund der extremen Heterogenität der geförderten Projekte kann jeweils nur von Trends berichtet werden; auf statistische Angaben wurde bei der Formulierung der Projektergebnisse bewusst weitestgehend verzichtet. Das DFG-Konzept, in einer ersten Förderphase durch die geförderten Projekte eine möglichst große Zahl von Fachbereichen, Materialtypen und Anwendungsformen abzudecken, führte unweigerlich dazu, dass es praktisch keine harten statistischen Kennzahlen gibt, die direkt miteinander vergleichbar wären.

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Vorab lässt sich bereits sagen, dass

  • die Förderung der Retrodigitalisierungsprojekte insgesamt als Erfolg gilt, auch wenn zukünftig in manchen Punkten sehr signifikante Änderungen vorgenommen werden müssen,

  • in aller Regel die von den Projekten für die Digitalisierung angefallenen Kosten plausibel waren, obwohl die Geldmittel nicht immer effizient eingesetzt wurden.

Es ist hervorzuheben, dass alle Projekte von den geförderten Bibliotheken auch wirklich langfristig weiter bereitgestellt werden, wenn in manchen Fällen die Intensität der Weiterbetreuung auch nicht vollkommen überzeugt.

Nutzung der Angebote

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Die bei weitem überwiegende Zahl der Forscher, die sich digitaler Ressourcen bedient hat, äußert sich sehr positiv, wenn auch häufig bedauert wird, dass nicht mehr Digitalisate zur Verfügung stünden. Trotzdem hat die Studie gezeigt, dass die digitalen Ressourcen nicht annähernd bekannt genug sind: In allen Arten von Kontakten, die im Laufe dieser Evaluierungsstudie mit Fachwissenschaftlern entstanden, wurde immer wieder Erstaunen darüber geäußert, wie groß das unbekannte Angebot sei. Innerhalb einer kleinen Fachcommunity hingegen sind die Ressourcen meist durchaus bekannt.

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Die Logfileanalyse hat ein konsistentes Auftreten von Nutzungsfällen hoher Intensität gezeigt, also eine lange Verweildauer auf einzelnen Seiten und eine lange Dauer des Besuches des Servers insgesamt. So konnten wir zeigen, dass die erzeugten Ressourcen für eine intensive Beschäftigung zu wissenschaftlichen Zwecken geeignet und sinnvoll sind. Gerade bei "exotischeren" Materialien ist zu beobachten, dass die "intensiven Nutzer" eine Wiederkehr für lohnend halten.

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Festzustellen war:

  • Jene Teile der wissenschaftlichen Gemeinschaft, die die Existenz der durch die Retrodigitalisierung geschaffenen Ressourcen wahrgenommen haben, befürworten das Unternehmen als Ganzes nachdrücklich.

  • Es existieren quantifizierbare und objektive Hinweise darauf, dass eine substantielle Zahl von Benutzern die Ressourcen hinreichend intensiv nutzt, so dass die Hypothese eines rein spielerischen Umgangs mit dem Material diese Intensität nicht erklären kann.

  • Die durch die DFG angeschobenen Projekte wurden prinzipiell in allen Fällen in die langfristige Infrastruktur der geförderten Bibliotheken übernommen.

  • Es sind in der weit überwiegenden Mehrzahl der Fälle die Fördermittel effektiv eingesetzt worden.

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Aber es ist auch Nachstehendes zu beobachten:

  • Die retrodigitalisierten Bestände sind nicht annähernd bei allen potentiellen Nutzerinnen und Nutzern bekannt, vor allem kleinere Projekte sind im Internet so gut wie unsichtbar.

  • Es werden nur minimale Synergieeffekte zwischen den Projekten erzielt.

  • Die Einrichtungen, die Projekte durchgeführt haben, beklagen einen Mangel an Betreuung und Beratung.

Die festgestellten Defizite betreffen essentiell drei Bereiche:

  1. Da es keine zusammenfassende Anlaufadresse für die Digitalisate gibt, werden sie nicht ihrem Potential entsprechend genutzt.

  2. Bei den Projektnehmern besteht ein deutliches Bedürfnis nach kompetenter und unabhängiger Beratung.

  3. Eine stringentere Erfolgskontrolle ist notwendig.

Zentrale Bereitstellung der Digitalisate

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Bei jedem einzelnen Untersuchungsansatz der Evaluation war immer wieder und meist sehr nachdrücklich folgende Feststellung zu hören: Durch die absolute Fragmentierung des Angebotes können die digitalisierten Ressourcen nicht annähernd so genutzt werden, wie dies ihrem Potential entspricht.

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Es kann aber nicht darum gehen, ein weiteres zusätzliches Angebot zu schaffen – die Fragmentierung des gesamten Informationsangebotes z.B. auf eine Vielzahl von untereinander mangelhaft koordinierter Virtueller Fachbibliotheken wird sowohl von den in Tiefeninterviews Befragten als auch bei der Webumfrage von den Bibliothekaren moniert. Gebraucht wird eine einfach strukturierte und dann nachhaltig zu propagierende Adresse im Internet, die als Anlaufstelle für das Gesamtangebot an digitalisiertem Material dienen kann. Da es sich in mehreren Befragungsformen immer wieder zeigt, dass die Abgrenzung von Projekten, die durch die Retrodigitalisierung gefördert wurden, und vergleichbarer Projekte aus anderen Förderformen oder anderen Fördereinrichtungen für den Endbenutzer nur verwirrend ist, sollte diese Anlaufadresse auch anderen Projekten offen stehen.

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Das "Verzeichnis Digitalisierter Drucke" (zvdd: http://www.zvdd.de ) ist ein Versuch, ein derartiges Portal zumindest für den Bereich jener Projekte aufzubauen, die Druckwerke digitalisiert haben. Welche praktische Bedeutung es haben wird, und ob es dem Anspruch gerecht wird, alle Projekte der Gemeinschaft der wissenschaftlichen Benutzer insgesamt – und nicht nur der bibliothekarischen Community – zu vermitteln, muss sich allerdings erst noch herausstellen.

Bereitstellung bundesweiter Beratungskompetenz

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Völlige Übereinstimmung besteht zwischen den befragten Projektnehmern – bestätigt durch die webbasierte Umfrage –, dass eine von der Industrie unabhängige Beratungskompetenz für die Planung von Digitalisierungsprojekten in hohem Maße wünschenswert sei. Völlige Übereinstimmung besteht auch darin, dass ein Forum benötigt werde, in dem ein regelmäßiger Informationsaustausch zwischen den Projektnehmern, aber auch anderen BibliothekarInnen, die Retrodigitalisierungsprojekte mit unterschiedlicher zeitlicher Perspektive planen, stattfinden könne. Gleichzeitig zeigen die überwiegend skeptischen bis negativen Kommentare zu den bestehenden Digitalisierungszentren in der ersten Phase der Retrodigitalisierung, dass bei derartigen Beratungseinrichtungen der Anschein eines Konflikts zwischen einem Digitalisierungszentrum als potentiellem Dienstleister und einem Digitalisierungszentrum als objektivem Vermittler von Informationen über Leistungen von Dienstleistern vermieden werden muss.

Erfolgskontrolle

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Auch wenn der überwiegende Teil der geförderten Projekte durchaus als erfolgreich eingestuft werden kann, kann eine stringente Erfolgskontrolle helfen, Probleme bereits früh zu erkennen. Um Fehlentwicklungen innerhalb eines Projekts rechtzeitig gegensteuern zu können, sollten die Projektnehmer innerhalb des ersten Jahres der Förderung ein funktionsfähiges Modell des Internetangebotes präsentieren. Dieses sollte Modellcharakter haben und die Basis für die weitere vollständige Umsetzung des Digitalisierungsvorhabens sein. So kann der Aufwand sowohl für die bibliothekarische Vorbereitung der Projekte wie auch für die Digitalisierung und Bereitstellung im Internet deutlich besser beziffert werden.

Der vollständige Bericht kann im Internet unter http://www.dfg.de/forschungsfoerderung/
wissenschaftliche_infrastruktur/lis/download/retro_digitalisierung_eval_050406.pdf
abgerufen werden.

Autorin:

Susanne Kurz
Historisch-kulturwissenschaftliche Informationsverarbeitung
Universität zu Köln
Albertus Magnus Platz
50923 Köln
susanne.kurz@uni-koeln.de



[1] Ein Überblick über die zu diesem Zeitpunkt online erreichbaren Projekte findet sich unter http://www.hki.uni-koeln.de/retrodig/index.html .

Empfohlene Zitierweise:

Susanne Kurz : Evaluierung des bisherigen Verlaufs des Förderschwerpunktes "Retrospektive Digitalisierung von Bibliotheksbeständen" , in: zeitenblicke 5 (2006), Nr. 3, [2006-12-03], URL: http://www.zeitenblicke.de/2006/3/Kurz/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-6556

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