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Das Zentrum für Medien und Interaktivität

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Das "Zentrum für Medien und Interaktivität" (ZMI), ein 2001 gegründetes interdisziplinäres Forschungszentrum der Justus-Liebig-Universität Gießen, beschäftigt sich mit den empirischen Wirkungen "neuer" Medien in allen gesellschaftlichen Bereichen. Das "Paradigma Interaktivität" im Blick auf seine technischen und sozialen Dimensionen steht im Mittelpunkt der Arbeit. Dazu werden Forschungsprojekte durchgeführt, interaktive Plattformen erprobt und wissenschaftliche Veranstaltungen aller Art durchgeführt. Das ZMI ist am Gießener Graduiertenzentrum Kulturwissenschaft und am DFG-Graduiertenkolleg "Transnationale Medienereignisse" beteiligt. Ein Master-Programm "Interactive Media" ist in Vorbereitung. Die im Campus-Verlag Frankfurt am Main/New York erscheinende Reihe "Interactiva" ist die Publikationsplattform des ZMI (Näheres s. u. www.zmi.uni-giessen.de ).

Projektverbund Wissenschaftskommunikation

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Als exemplarischen Anwendungsfall von Interaktivität bearbeitet das ZMI seit 2006 die Nutzung digitaler Medien in der internen Kommunikation unter Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen. Beispiele dafür bilden Email, Formen netzbasierten kollaborativen Wissensmanagements, Präsentationen und Wiki-Publikationen. Die Entscheidung für die Binnendimension ist damit begründet, dass zum einen Wissenschaftsforschung in den letzten Jahren die Kommunikation des Wissenschaftssystems mit anderen Subsystemen (Medien, Öffentlichkeit, Wirtschaft, Politik etc.) in den Mittelpunkt gerückt hat, zum anderen dadurch, dass digitale Medien wesentlich in der Wissenskommunikation selbst entstanden und erprobt worden sind und damit das Kommunikationsverhalten vor allem jüngerer Wissenschaftler seit langem prägen.

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Die Wirkungen "neuer" Medien auf die Generierung, Distribution und Evaluation bzw. Kritik wissenschaftlichen Wissens ist systematisch noch nicht erforscht worden. Das ZMI erarbeitet eine Synopse der Forschungsergebnisse aus diversen Teilbereichen und bereitet mit einer Serie interner und öffentlicher Workshops zur Zeit vier Teilprojekte vor.

  1. Textlinguistische Aspekte wissenschaftlicher Präsentationen (federführend: Prof. Dr. Henning Lobin, Computerlinguistik)

  2. Kollaboratives Wissensmanagement am Beispiel von Internetenzyklopädien (federführend: Dr. Christoph Bieber, Politikwissenschaft)

  3. Archäologie neuer Medien: Historische Aspekte der Wissenschaftskommunikation am Beispiel von Brief und Vorlesung im 19. Jahrhundert (federführend: Prof. Dr. Claus Leggewie, Politikwissenschaft)

  4. Aufführungsanalytische Methoden zur Analyse wissenschaftlicher Präsentationen (federführend: Institut für angewandte Theaterwissenschaft)

Untersuchungsgegenstand wissenschaftliche Präsentationen

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Als ein Beispiel für die veränderten Strukturen wissenschaftlicher Kommunikation kann die Konjunktur wissenschaftlicher Präsentationen gewertet werden. Präsentationen, verstanden als die Kombination der Projektion einer Foliensequenz und einer Rede in einem bühnenartigen Aufführungssetting, ist eine Kommunikationsform, die dem Bedürfnis nach schneller Informationsvermittlung in einer Gruppe von Menschen entsprechen will. Präsentationen wirken synchron, leben von improvisierter Rede, Gestik und Auftritt und lassen sich deshalb nur ungenügend distribuieren und archivieren. Die wissenschaftliche Präsentation bildet somit den Gegenpol zur wissenschaftlichen Publikation, die von der Situation und dem persönlichem Auftritt des Wissenschaftlers abstrahiert und alle Elemente des Zufälligen ausschließen will.

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Präsentationen stellen eine anerkannte wissenschaftliche Kommunikationsform dar, die mittlerweile sehr häufig vorkommt. Schätzungen zufolge werden täglich 30 Mio. Präsentationen gehalten, von denen ein erheblicher Teil als wissenschaftlich einzuordnen ist. In vielen Disziplinen hat die Präsentation den klassischen Vortrag, der auf einem ausformulierten Manuskript beruht, inzwischen ersetzt. Präsentationen decken auch in der wissenschaftlichen Kommunikation offensichtlich einen Bedarf nach schneller und effizienter Information, was üblicherweise als die Hauptfunktion von Präsentationen angesehen wird. Auf der Produzentenseite haben Präsentationen den Vorteil, modular aufgebaut zu sein und schnell aus existierenden Dateien zusammengestellt werden zu können. Zugleich wird in der Rede Spontansprache erwartet, was ebenfalls den Erstellungsaufwand reduziert. Auf der Rezipientenseite sind Präsentationen mit der – empirisch nicht eindeutig zu belegenden – Hypothese verbunden, dass die simultane Vermittlung von Informationen über mehrere Sinneskanäle das Verstehen und Behalten der Inhalte erleichtert. Zudem werden die Folien oft als Handout der Präsentation in gedruckter Form zur Verfügung gestellt und fungieren dann als Präsentationszusammenfassung.

Strukturierung von Wissen durch Präsentationen

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Interessant werden Präsentationen durch die indirekten Funktionen, die sich mit ihnen im wissenschaftlichen Kommunikationszusammenhang verbinden. So werden in Präsentationen durch die Reduktion von Formalität wissenschaftliche Standards gesenkt, in formaler Hinsicht (keine Zitationen, unvollständige Angaben zum Forschungsstand) wie in methodischer. Die Flüchtigkeit von Präsentationen ermöglicht die Darstellung unfertiger Forschungsarbeiten, das Äußern von Vermutungen, Spekulationen und Bewertungen mit nur einem geringen Risiko, dafür wissenschaftlich haftbar gemacht werden zu können. Präsentationen erfüllen aufgrund ihrer reduzierten Formalität somit auch die Funktion, in Wissensbeständen Ordnungen, Filterungen und Bewertungen vorzunehmen und dadurch als Elemente eines umfassenden wissenschaftlichen Aushandlungsprozesses zu fungieren. Diese "Bewertungsfunktion" bringen Forscher wie der Berliner Soziologe Knoblauch mit dem paradigmatischen Status von Präsentationen als Kommunikationsform der Wissensgesellschaft in Verbindung. Fest steht jedenfalls, dass die ungeheure Menge an wissenschaftlichen Publikationen vor dem Hintergrund des Anspruchs nach wissenschaftsangemessenem Umgang damit oftmals einer Gesamtschau entgegensteht. Präsentationen könnten sich dadurch als ein Mittel erweisen, Gesamtzusammenhänge überhaupt in den Blick nehmen zu können.

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In Präsentationen tritt dabei die rhetorische, die ästhetische und die performative Wirkung an die Seite der wissenschaftlichen Argumentation, wie es ja ursprünglich ganz offiziell auch mit dem Anspruch ein (bereits in den Tagungs-Proceedings veröffentlichtes) Papier zu "präsentieren" (engl. "to present a paper”) verbunden war. Offensicht erfüllen Präsentationen aufgrund dieser Wirkungsweise außerdem die Funktion, den wissenschaftlichen Aushandlungsprozesses, etwa auf einer Tagung, zu beeinflussen und darin Positionen zu besetzen ("Bewirkungsfunktion"). Oft genug geschieht dieses über die Inszenierung der Authentizität des Wissenschaftlers oder die aus der Hierarchie des Wissenschaftsbetriebs abgeleitete persönliche Wirkung. Für den Gießener Forschungszusammenhang ist es von besonderem Interesse, dass für die Erfüllung dieser beiden zusätzlichen Funktionen die Transitorik und die Performativität von Präsentationen eine notwendige Voraussetzung darstellen. Als Konsequenz folgt daraus aber auch, dass die Aufzeichnung, Verschriftlichung, allgemein die vollständige "Verfügbarmachung" Präsentationen grundsätzlich nicht gerecht wird, sei es nun im Rahmen von Konferenzen oder als E-Lecture.

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Am ZMI werden Präsentationen aus verschiedenen disziplinären Perspektiven betrachtet, aus einer linguistischen, einer soziologischen, einer wissenschaftshistorischen, einer didaktischen und einer theaterwissenschaftlichen. Die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erhoffen mit ihren Arbeiten die Bedingungen zu erhellen, in denen sich die digitalisierte Wissenschaftsvermittlung vollzieht und zur Konjunktur von Modellen, Theorien und Methoden beiträgt.

Autoren:

Prof. Dr. Henning Lobin
Prof. Dr. Claus Leggewie
Justus-Liebig-Universität Gießen
Zentrum für Medien und Interaktivität
Ludwigstr. 34
35390 Gießen
Henning.Lobin@uni-giessen.de
Claus.Leggewie@uni-giessen.de

Empfohlene Zitierweise:

Henning Lobin / Claus Leggewie : Der Projektverbund , in: zeitenblicke 5 (2006), Nr. 3, [2006-12-03], URL: http://www.zeitenblicke.de/2006/3/Lobin/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-6586

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