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Zusammenfassung

Das Aufkommen der digitalen Medien hat zu erheblichen Verschiebungen im etablierten System der wissenschaftlichen Informationsvermittlung geführt: neue Informationsdienstleistungen wie Google Book Search treten in Konkurrenz zu den Angeboten der traditionellen Akteure, der Wissenschaftsverlage und Bibliotheken. Trotz des Anspruchs und des Umfangs dieses Massendigitalisierungsprojekts steht dabei auch Google Book Search nicht für eine "digitale Universalbibliothek", sondern als paradigmatisches Beispiel für die zunehmende Ausdifferenzierung und Partialisierung der Informationslandschaft. Vor dem Hintergrund dieser wachsenden Heterogenität der wissenschaftlichen Informationsvermittlung haben auch die Bibliotheken ihre Rolle neu definiert.

Neue Akteure in der wissenschaftlichen Informationsvermittlung

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Für den Prozess des wissenschaftlichen Erkenntnisgewinns ist Kommunikation von elementarer Bedeutung: über die Darstellung und Verbreitung der gewonnenen Forschungsergebnisse können diese überhaupt erst nachvollzogen, überprüft und weiterentwickelt werden. Wissenschaft ist damit auf Kommunikationskanäle angewiesen, über die sich die Distribution der Forschungsergebnisse vollziehen kann. Hierbei spielt die 'informelle', mündliche Kommunikation (etwa Vorträge, Diskussionen und Gespräche auf Kongressen) eine nicht zu unterschätzende Rolle; das eigentliche mediale Zentrum der wissenschaftlichen Kommunikation jedoch bildet ohne Zweifel die 'formelle' schriftliche Kommunikation, d.h. das wissenschaftliche Publikationswesen: "In der schriftlichen Publikation ist ein wesentliches Element der Wissenschaft gegeben. Erst durch geschriebene Dokumente erreicht das Wissen jene Allgemeinheit, die es beansprucht" [1].

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In diesem Bereich hat sich seit dem 19. Jahrhundert ein relativ stabiles Distributionssystem etabliert, das auf einer Arbeitsteilung zwischen Autor, Verlag und Bibliothek beruht:

  • die Wissenschaftlerin / der Wissenschaftler verfasst einen Text, mit dem sie / er neugewonnene Erkenntnisse dokumentiert und damit zugleich ihr / sein geistiges Eigentum an diesen Erkenntnissen deklariert;

  • der Verlag übernimmt den Prozess der Selektion, Produktion und Distribution dieser Texte (von Qualitätssicherung und Lektorat über Layout, Druck bzw. Online-Publikation bis hin zu Vertrieb und Werbung);

  • die Bibliothek schließlich nimmt die Publikationen in ihren Bestand auf und macht die neugewonnenen Erkenntnisse so der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zugänglich.

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Den Verlagen und Bibliotheken ist in diesem System also die Aufgabe der Informationsvermittlung übertragen. Für die Rolle der Verlage war dabei das Aufkommen der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts von zentraler Bedeutung. [2] Diese Fachzeitschriften sind in der Regel nicht mehr – wie die ersten akademischen Journale des 17. Jahrhunderts – an die Akademien oder andere wissenschaftliche Gesellschaften gebunden, sondern werden inhaltlich von Universitätsgelehrten getragen und sind finanziell oft privatwirtschaftlich organisiert. Diese Fachzeitschriften nehmen bald eine zentrale Rolle im wissenschaftlichen Kommunikationssystem ein. Mit der zunehmenden Ausdifferenzierung der einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen, auf die auch die Fachzeitschriften reagieren, entsteht dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Typus des reinen Wissenschaftsverlegers, der sein Programm auf eines oder wenige Wissenschaftsgebiete ausrichtet.

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Parallel dazu bildet sich im 18. und 19. Jahrhundert die wissenschaftliche Gebrauchsbibliothek heraus. [3] Bis ins 17. Jahrhundet hinein sind Bibliotheken im wesentlichen Privatbibliotheken, die nur einem sehr beschränkten Benutzerkreis offen stehen. Mit der Aufklärung beginnen sich Bibliotheken als Unterstützungsinstrument der Wissenschaft zu definieren; ein erstes, frühes Beispiel ist die 1737 eröffnete Universitätsbibliothek Göttingen, die ihren Bestandsaufbau nun an den Bedürfnissen der Forschung ausrichtet und ihre Benutzungsbedingungen deutlich liberalisiert. Diese Idee einer wissenschaftlichen Gebrauchsbibliothek setzt sich im 19. Jahrhundert durch: der Bibliotheksbau wird in die Funktionsbereiche Magazin, Buchbearbeitung und Benutzung gegliedert, die Bestände werden zunehmend besser erschlossen, und es entstehen fachlich spezialisierte Teilbibliotheken. Die wissenschaftliche Gebrauchsbibliothek wird zum festen Bestandteil des akademischen Kommunikationsprozesses.

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Das Aufkommen der digitalen Medien hat in diesem etablierten Distributionssystem zu erheblichen Verwerfungen geführt. Die wissenschaftliche Kommunikation hat sich in den letzten zehn Jahren ganz neue Kanäle gesucht. So sind nicht nur mit Internetportalen, Mails, Wikis und Weblogs ganz neue Formen wissenschaftlicher Kommunikation entstanden; auf dem Gebiet der Informationsvermittlung finden sich nun auch stark veränderte bzw. völlig neue Akteure. Verlage wenden sich über Internetplattformen zunehmend direkt an ihre Leser; pay-per-view-Angebote zielen auf einen elektronischen 'Direktvertrieb' der Publikationen – als Alternative zur Bereitstellung durch die Bibliotheken. Elseviers "Science Direct" beispielsweise bietet unter seinen Geschäftsmodellen neben der Lizenzierung durch Bibliotheken auch einen pay-per-view-Zugang für Einzelnutzer; die Kosten belaufen sich auf 30$ pro Artikel. [4]

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Daneben treten aber auch vollkommen neue Informationsanbieter und -vermittler auf den Plan. Diese Akteure kommen, wie Google, Yahoo und MSN zeigen, in der Regel aus der IT-Branche und bieten nun (wie beispielsweise Google mit Google Scholar) Dienste an, die – frei im Netz verfügbar und leicht zu bedienen – in direkter Konkurrenz zu den Angeboten der traditionellen Akteure, den Bibliothekskatalogen und Bibliographien stehen.

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Mit diesen Verschiebungen im wissenschaftlichen Kommunikationsprozess entstehen alternative Zugangswege zu wissenschaftlicher Literatur und Information; es gibt mithin zunehmend Datenströme, die an den Bibliotheken vorbeifließen. Bei einem Versuch einer Antwort auf die Frage, welche Konsequenzen diese Verschiebungen auf den Prozess der wissenschaftlichen Informationsvermittlung haben, bietet sich Google Book Search als paradigmatisches Beispiel an. Schon durch seinen Anspruch, seinen Umfang und seine finanzielle Ausstattung scheint dieses Projekt neue Maßstäbe zu setzen; an ihm kristallisieren sich einige grundsätzliche Fragen hinsichtlich des derzeitigen Wandels der wissenschaftlichen Informationsvermittlung.

Google Book Search - eine digitale Universalbibliothek?

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Bei Google Book Search [5], das im Oktober 2004 unter dem Namen "Google Print" gestartet wurde, handelt es sich um ein umfangreiches Digitalisierungsprojekt: insgesamt 15 Mio. gedruckte Bände (vor allem aus dem Wissenschaftsbereich) sollen gescannt, mittels OCR in Textdateien umgewandelt und online verfügbar gemacht werden. Zu den Kooperationspartnern gehören dabei bedeutende Wissenschaftsverlage ebenso wie einige der renommiertesten amerikanischen und englischen Universitäten – unter anderem Stanford, Harvard und Oxford. Das Projekt weitet letztlich Googles Anspruch, das "Wissen der Welt zu organisieren" [6], nun auch auf den Bereich des gedruckten Wissens aus. Entsteht hier also mit den neuen technischen Möglichkeiten der elektronischen Medien und des Internet eine allumfassende digitale Bibliothek? Ein Artikel von Kevin Kelly, dem Mitbegründer der Zeitschrift "Wired", im "New York Times Magazine" argumentiert in diese Richtung. [7] Kelly entwirft in diesem Beitrag die Vision einer "universal library", die durch die Fortschritte der Scantechnologie und die nun angestoßenen Massendigitalisierungsprojekte möglich geworden sei: "In several dozen nondescript office buildings around the world, thousands of hourly workers bend over table-top scanners and haul dusty books into high-tech scanning booths. They are assembling the universal library page by page". Diese Idee einer "Bibliotheca Universalis" hat eine lange Tradition, die bis zur Bibliothek von Alexandria und ihrem Auftrag zurückreicht, die gesamte überlieferte (griechische) Literatur zu sammeln. In der Frühzeit des Internet erlebte diese Idee eine Renaissance – hier fand sich vielerorts die Vorstellung, das World Wide Web realisiere diesen alten Traum der Universalbibliothek, weil das ganze Wissen der Menschheit nun in einem weltweit vernetzten Wissensraum gespeichert werden könnte. [8] An solche Utopien der Vernetzung erinnert auch der oft visionäre Gestus des Artikels von Kelly, etwa wenn er davon spricht, dass in einer solchen "library of all libraries" alle Bücher miteinander verknüpft sein würden: "each word in each book is cross-linked, clustered, cited, extracted, indexed, analyzed, annotated, remixed, reassembled and woven deeper into the culture than ever before".

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Einer solchen Position steht allerdings die zum Teil heftige Kritik gegenüber, die das Google Book Search-Projekt hervorgerufen hat. Häufig bemängelt werden die teilweise schlechte Qualität der Scans und der Texterkennung sowie die insbesondere bei mehrbändigen Werken unzureichenden bibliographischen Daten. [9] Massive Kritik äußerte auch der Präsident der Bibliothèque nationale de France, Jean-Noël Jeanneney: das Digitalisierungsprojekt sei unausgewogen und berge die Gefahr einer angloamerikanischen Kulturhegemonie. [10] Ganz unabhängig von der Validität einer solchen Kritik [11] ist der umstrittenste Punkt des Projekts jedoch ohne Zweifel sein urheberrechtlicher Status. So haben im September 2005 der amerikanische Autorenverband und die Association of American Publishers Klage gegen das Projekt eingereicht, das sie als massive Copyright-Verletzung ansehen. [12] Ebenfalls Klage eingereicht haben im Juni 2006 die französische Verlagsgruppe La Martinière sowie die Wissenschaftliche Buchgesellschaft in Deutschland; beide Klagen wurden auch von den jeweiligen Verlegerverbänden unterstützt. Für eine Bewertung dieser für das ganze Projekt zentralen urheberrechtlichen Fragen ist eine grundsätzliche Unterscheidung nach den beiden Teilprojekten notwendig, aus denen sich Google Book Search zusammensetzt: dem Verlagsprogramm ("Google Books Partner Program") und dem Bibliotheksprogramm ("Google Books Library Project").

Urheberrechtliche Fragen

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Das "Google Books Partner Program" basiert auf Verträgen, die zwischen Google und einzelnen Verlagen abgeschlossen werden. Google erhält von den Verlagen Bücher oder digitale Vorlagen; die Bücher werden von Google gescannt und via OCR in Textdateien umgewandelt. Für die Anzeige werden die Scans mit einem Digital Rights Management System geschützt; erzielt ein Benutzer bei einer Suche einen Treffer, so werden die Seite mit dem Treffer sowie eine bestimmte Anzahl von Seiten vor und nach dieser Trefferseite angezeigt – Google spricht hier von der "Limited Preview" (siehe Abb. 1). [13]

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Über die Kategorie "Buy this book" bzw. "Dieses Buch kaufen" ist die Trefferanzeige mit dem jeweiligen Verlag sowie mit Online-Buchhändlern verlinkt. Das Ziel des "Partner Program" ist damit klar: aktuell verlegte Bücher sollen über die Einbeziehung ihrer Inhalte in den Google-Index im Internet leichter auffindbar und sichtbarer werden; die gezeigten Ausschnitte aus den Büchern fungieren – analog zu Amazons "Search Inside" – als Kaufanreiz. Insofern ist es nur nahe liegend, dass Google selbst vom "Partner Program" als einem "kostenlosen weltweiten Vertriebs- und Marketingsystem" spricht. [14]

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Da es auf Verträgen zwischen den Verlagen und Google basiert, ist das "Partner Program" urheberrechtlich unbedenklich; ganz anders hingegen stellt sich die Lage beim "Google Books Library Project" dar. [15] Dem "Library Project" liegt eine Kooperation zwischen Google und renommierten amerikanischen und englischen Bibliotheken zugrunde: den Universitäten in Stanford, Harvard, Michigan und Oxford, der New York Public Library sowie seit August 2006 auch der University of California. Aus diesen Partnerbibliotheken sollen etwa 15 Millionen Bände gescannt und online verfügbar gemacht werden; die beteiligten Bibliotheken erhalten eine Kopie der Digitalisate von den eigenen Beständen zu ihrer Verfügung.

<13>

Urheberrechtlich problematisch ist diese Kooperation, weil die wissenschaftlichen Autoren bei einer Verlagspublikation in der Regel die exklusiven Nutzungsrechte an den jeweiligen Verlag abtreten; dadurch sind diese Verlage, nicht jedoch die archivierenden Bibliotheken Rechteinhaber dieser Publikationen. Google geht dabei nach dem so genannten "opt-out-Prinzip" vor: die Bücher werden gescannt; möchte ein Verlag dies nicht, muss er bei Google Einspruch erheben und seine Titel herausnehmen lassen. Verleger und Autorenverbände fordern dagegen eine "opt-in-Lösung": kein Buch soll ohne Zustimmung in das Projekt eingestellt werden.

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Bei der urheberrechtlichen Bewertung sind dabei zwei Sachverhalte zu unterscheiden: das Einscannen der Bücher, das letztlich die Herstellung einer digitalen Kopie des Buchs bedeutet; und die Verfügbarmachung über das Internet. Nach Kubis könnte das Einscannen ganzer Bücher im Rahmen des angloamerikanischen Copyright nach dem Grundsatz des "fair use" durchaus möglich sein, wenn dies auch eher unwahrscheinlich ist. [16] Nach deutschem Recht ist eine vollständige Digitalisierung eines Buches eindeutig nicht durch die entsprechenden Schrankenbestimmungen des Urheberrechts gedeckt und verletzt damit die Rechte der Urheber und Verleger. [17] Hinsichtlich der Anzeige der Scans im Internet ist nach deutschem Recht – wenn überhaupt – nur die Anzeige kleiner Ausschnitte möglich. [18] In der Konsequenz heißt dies: urheberrechtlich geschützte Werke können von Google Book Search nur in kleinen Ausschnitten sichtbar gemacht werden (und auch hier ist die vorausgegangene Digitalisierung urheberrechtlich bereits bedenklich). Bei einem Treffer werden dementsprechend nur bibliographische Informationen sowie wenige Zeilen um den Suchbegriff herum angezeigt (sog. "Snippet View", siehe Abb. 2). [19]

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Vollständig angezeigt werden können nur so genannte "gemeinfreie" Werke, d.h. Werke, deren Schutzdauer abgelaufen ist (siehe Abb. 3). [20] Dies ist gemäß deutschem Urheberrecht und amerikanischem Copyright in der Regel 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers der Fall.

<16>

Eine Studie hat ermittelt, dass über 80% der im Bibliotheksprogramm digitalisierten Titel noch urheberrechtlich geschützt sind. [21] Nur eine Minderheit der gescannten Bücher sind also im Volltext lesbar; und bei diesen Werken handelt es sich in der Regel nicht um aktuelle Publikationen, sondern um solche, die allenfalls für eine historische Forschung relevant sind. Alle anderen Titel können zwar im Volltext durchsucht, nicht aber im Volltext angezeigt werden. Aufgrund der urheberrechtlichen Schranke ist also auch in Google Book Search der Medienbruch zwischen der gedruckten und der elektronischen Welt der wissenschaftlichen Information nur ansatzweise überwunden; insofern ist Google Book Search weniger eine "digitale Bibliothek" (im Sinne einer Sammlung online zugänglicher Texte) als vielmehr eine Suchmaschine für Buchinhalte, die bestimmte Stichwörter oder Wortfolgen in einem gedruckten Werk auffindbar macht und zudem einen ersten, ausschnitthaften Einblick in das Werk ermöglicht. [22] Der eigentliche Zugang zum Buch erfolgt dann über andere Institutionen: über die Buchhändler, die von den Trefferseiten aus verlinkt sind; und über die Bibliotheken, zu deren Katalogen Google ebenfalls Links einrichten will (für die USA ist dies bereits durch einen Link zum WorldCat realisiert).

Die Ausdifferenzierung der Informationsvermittlung

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Der Akzent des Google Book Search-Projekts liegt also nicht auf einem Archiv von Volltexten, nicht auf einer "digitalen Universalbibliothek", sondern auf einem weiteren Recherchetool im Google-Portfolio, das den Google-Index um die Welt der gedruckten Information erweitern soll. (So ist es beispielsweise auch unklar, ob es auf Seiten von Google überhaupt eine wirkungsvolle Strategie für die Langzeitarchivierung der gespeicherten Daten gibt.) Dieses Recherchetool kann wie ein Bibliothekskatalog für die Literaturrecherche benutzt werden; die Anzeige von Titelblatt, Inhaltsverzeichnis und Textausschnitt kann dabei eine wesentliche Erleichterung bei der Sichtung der in Frage kommenden Literatur darstellen. [23] Angesichts der schieren Masse der durch Indexierung erschlossenen Texte sowie angesichts der leistungsfähigen Google-Suchtechnologie handelt es sich dabei ohne Zweifel um ein sehr mächtiges Werkzeug. Wertvoll könnte Google Book Search deshalb bei Suchen nach Informationen zu hochspezialisierten Themen oder nichtkanonisierten Autoren sein, die durch die traditionelle Sacherschließung (Klassifikation, Schlagwort, Abstract) nicht erfasst sind, weil sie in den Büchern nur kursorisch behandelt werden. In ähnlicher Weise bietet sich Google Book Search auch für das Wiederauffinden von Zitaten an.

<18>

Darüber hinaus hat das Google Book Search-Projekt, wie Jeanneney es formuliert, als eine Art "choc stimulant" gewirkt. [24] Es hat eine Reihe weiterer, staatlicher wie privater Akteure auf den Plan gerufen, die – als direkte Antwort auf Google Book Search – ihrerseits Digitalisierungsprojekte gestartet haben. Jeanneney hat als Reaktion auf die von ihm befürchtete angloamerikanische Kulturhegemonie eine "contre-attaque" von (kontinental-) europäischer Seite gefordert: ein Expertengremium soll besonders digitalisierungswürdige Bibliotheksbestände auswählen; diese sollen dann in einem einheitlichen Portal präsentiert werden. [25] Diese "Europäische Digitale Bibliothek" nimmt mittlerweile Gestalt an: im April 2005 haben 19 europäische Nationalbibliotheken ein Abkommen unterzeichnet, das auf eine Digitalisierung des kulturellen Erbes Europas abzielt; im März 2006 hat die EU-Kommission diese Pläne dahingehend konkretisiert, dass innerhalb von 5 Jahren mindestens 6 Mio. Bücher, Dokumente und andere kulturelle Werke digitalisiert und ein europaweites Netzwerk von Digitalisierungszentren geschaffen werden sollen. [26]

<19>

Auch auf privater Seite hat sich ein Konkurrenzprojekt etabliert: die Open Content Alliance, an der unter anderem das Internet Archive, Yahoo, MSN, die Research Libraries Group und die Johns Hopkins University beteiligt sind. In bewusster Abgrenzung zu Google Book Search hat sich die OCA die strikte Wahrung des Urheberrechts auf die Fahnen geschrieben: Digitalisierung und Online-Publikation sollen nur mit Einverständnis der Rechteinhaber erfolgen; die Resultate sollen frei zugänglich sein.

<20>

Neben die bereits etablierten universitär-bibliothekarischen Digitalisierungsprojekte (wie zum Beispiel JSTOR, Persée und DigiZeitschriften) [27] treten damit noch eine Reihe weiterer Anbieter. Die Entwicklung, die sich mit Google Book Search und den genannten Konkurrenzprojekten vollzieht, steht damit letztlich nicht im Zeichen von Totalisierung (Stichwort Universalbibliothek), sondern im Zeichen einer Partialisierung, einer fortschreitenden Ausdifferenzierung der wissenschaftlichen Informationsvermittlung.

<21>

Am Beispiel Google Book Search wird somit sichtbar, dass durch den beschriebenen Wandel die Informationslandschaft zunehmend heterogener und unübersichtlicher wird. Vor diesem Hintergrund haben auch die Bibliotheken ihre Rolle neu definiert: ihre Aufgabe liegt nun verstärkt darin, Orientierung in dieser heterogenen und sich zudem ständig wandelnden Informationslandschaft zu schaffen. Bibliotheken agieren dabei – anders als Unternehmen wie Google – unabhängig von kommerziellen Interessen und können so als neutrale Anbieter und Vermittler von Informationen fungieren.

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Ein in den vergangenen Jahren verfolgter Lösungsansatz besteht dabei darin, verschiedene, verteilt vorliegende, heterogene Ressourcen unter einer einheitlichen Oberfläche zu bündeln, sodass sie über diese Oberfläche zugänglich sind und idealerweise mit nur noch einer Suchanfrage eine möglichst große Zahl relevanter Ressourcen abgefragt werden können. Dieses Ziel verfolgen beispielsweise die von der DFG geförderten "Virtuellen Fachbibliotheken", die die gedruckten und elektronischen Informationsangebote der Sammelschwerpunkts-Bibliotheken zum jeweiligen Fach in einem Portal zusammenführen sollen. Zu den Kernelementen der Virtuellen Fachbibliothek gehört dabei immer auch die Metasuche. In einem weiteren Schritt wurden die Virtuellen Fachbibliotheken gemeinsam mit den vom BMBF geförderten "Informationsverbünden" unter dem Dach von "vascoda" [28] zu einem einheitlichen Dienstleistungsangebot verknüpft – den Wissenschaftlern soll damit ein "single point of entry" für ihre Informationsrecherchen angeboten werden. Weitere Beispiele sind das "Gateway Bayern" und die vor allem in Nordrhein-Westfalen eingesetzte "Digitale Bibliothek" (DigiBib). [29] In ersteres sind neben dem Verbundkatalog der bayerischen Bibliotheken weitere Bibliothekskataloge wie etwa die anderen deutschen Verbundkataloge, der britische COPAC und der Katalog der Library of Congress sowie Aufsatzdatenbanken wie JADE oder Springer LINK eingebunden. Mittels der SFX-Technologie kann dann von dem jeweiligen Literaturnachweis in der Datenbank oder dem Katalog zum Bestandsnachweis der eigenen Bibliothek oder unter Umständen auch direkt zum Volltext verlinkt werden. Die DigiBib ermöglicht die parallele Suche in Bibliothekskatalogen, bibliographischen Datenbanken und Publikationsservern; in diese Suche können auch die von der jeweiligen Bibliothek lizenzierten Datenbanken eingebunden werden. Nach einem Login ist dann beispielsweise die parallele Suche in den deutschen Verbundkatalogen und in Bibliographien wie der IBZ und der MLA möglich. Auch hier kann von der Trefferliste zu Bibliotheksbeständen vor Ort, zur Fernleihe, zu Dokumentlieferdiensten oder zum Volltext verlinkt werden.

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Parallel zu diesem Aufbau von Suchinterfaces für heterogene Datenquellen vollzieht sich an vielen wissenschaftlichen Bibliotheken eine Neuausrichtung der traditionellen Benutzerschulung. Die beschriebene Ausdifferenzierung der Informationslandschaft macht spezifische Kompetenzen im Umgang mit diesen Informationsangeboten notwendig: stärker als bisher kommt es für Studierende und Wissenschaftler darauf an, sich auf den beschriebenen Wandel einzustellen, neue Informationsangebote zur Kenntnis zu nehmen, Informationen über die Zugangsmodalitäten zu besitzen, die neuen Angebote in ihrer Qualität und ihrem Nutzen gegeneinander abwiegen zu können und ihre jeweiligen Potentiale ausschöpfen zu können. Die Vermittlung solcher Kompetenzen schon im Grundstudium steht deshalb zunehmend im Zentrum bibliothekarischer Schulungsmodelle, wie sie beispielsweise an der UB Konstanz, der UB Freiburg oder der TUB Hamburg-Harburg praktiziert werden. [30] Ein solches Orientierungswissen, eine solche "Informationskompetenz" ist eine wesentliche Antwort auf den gegenwärtigen Wandel der wissenschaftlichen Informationslandschaft.

Abbildungen

Abb. 1
Beispiel für eine "Limited Preview" ( http://books.google.de )

Abb. 2
Beispiel für eine "Snippet View" ( http://books.google.de )

Abb. 3
Beispiel für eine "Full View" ( http://books.google.de )

Autor:

Dr. Thomas Stöber
Universitätsbibliothek Augsburg
Universitätsstraße 22
86159 Augsburg
thomas.stoeber@bibliothek.uni-augsburg.de



[1] Michael Cahn: Der Druck des Wissens. Geschichte und Medium der wissenschaftlichen Publikation, Wiesbaden 1991, 41.

[2] Vgl. Rudolf Stichweh: Das Kommunikationssystem moderner Wissenschaft: Publikation und die wissenschaftliche Zeitschrift, in: Ders.: Zur Entstehung des modernen Systems wissenschaftlicher Disziplinen, Frankfurt am Main 1984, 394-441; zur Geschichte der wissenschaftlichen Kommunikation vgl. auch Cahn: Der Druck des Wissens (wie Anm. 1) sowie Hermann Rösch: Wissenschaftliche Kommunikation und Bibliotheken im Wandel. Entwicklungsstationen unter dem Einfluß wechselnder Leitmedien, in: BIT online 7 (2004)/ 2, 113-124.

[3] Vgl. Uwe Jochum: Kleine Bibliotheksgeschichte, 2. Aufl., Stuttgart 1999, Kap. VIII ff.

[6] "Google's mission is to organize the world's information and make it universally accessible and useful" ("Company Overview", http://www.google.com/intl/en/corporate/index.html ).

[7] Vgl. Kevin Kelly: Scan this book!, in: New York Times Magazine, 14. 5. 2006, 42-49 (online zugänglich unter: http://www.nytimes.com/2006/05/14/magazine/14publishing.html
?%20ex=1305259200&en=c07443d368771bb8&ei=5090
).

[8] Vgl. Peter Haber: Der wiedererwachte Traum von der "Bibliotheca Universalis". Das totale Wissen im digitalen Zeitalter, in: Neue Zürcher Zeitung, 24.01.2000, 25 (online zugänglich unter: http://www.hist.net/haber/texte/103559.pdf ).

[9] Hier ist allerdings zu berücksichtigen, dass sich das Google Book Search-Projekt noch im Beta-Stadium befindet.

[10] Vgl. Jean-Noël Jeanneney: Quand Google défie l'Europe, in: Le monde, 24.01.2005, 13 (online zugänglich unter: http://www.bnf.fr/pages/dernmin/pdf/articles/lemonde_2401.pdf ); Ders.: Quand Google défie l'Europe. Plaidoyer pour un sursaut, Paris 2005. Das Buch ist (in aktualisierter Form) auch in deutscher Übersetzung erschienen: Googles Herausforderung. Für eine europäische Bibliothek, Berlin 2006.

[11] Für eine kritische Auseinandersetzung mit dem oft polemischen Gestus Jeanneneys vgl. die Rezension von M. Hollender in der Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 53 (2006)/ 3-4, 215-217.

[12] Vgl. die jeweiligen Presseerklärungen: "Author's Guild Sues Google" ( http://www.authorsguild.org/news/sues_google_citing.htm ), "Publishers Sue Google Over Plans to Digitize Books" ( http://www.publishers.org/press/releases.cfm%20?PressReleaseArticleID=292 ).

[14] Vgl. "Google Buchsuche - Buch Partner-Programm", http://books.google.de/intl/de/googlebooks/publisher.html .

[15] So richtet sich die Klage der Author's Guild auch nicht gegen das "Partner Program", sondern gegen das "Library Project".

[16] Vgl. Sebastian Kubis: Digitalisierung von Druckwerken zur Volltextsuche im Internet - die Buchsuche von Google ("Google Book Search") im Konflikt mit dem Urheberrecht, in: Zeitschrift für Urheber- und Medienrecht 50 (2006)/ 5, 370-379, hier: 372-374.

[17] Vgl. Kubis: Digitalisierung von Druckwerken (wie Anm. 16), 375f., 377.

[18] Vgl. Kubis: Digitalisierung von Druckwerken (wie Anm. 16), 376.

[21] Vgl. Brian Lavoie / Lynn S. Connaway / Lorcan Dempsey: Anatomy of Aggregate Collections. The Example of Google Print for Libraries, in: D-Lib Magazine 11 (2005)/ 9, http://www.dlib.org/dlib/september05/lavoie/09lavoie.html , Kap. "Copyright".

[22] Auch Kelly sieht im aktuellen Urheberrecht das zentrale Hindernis für den Aufbau jener "library of all libraries" (vgl. Kelly: Scan this book! (wie Anm. 7)).

[23] Vgl. Olivier Vilaça: Google Print: changement de support ou changement de paradigme?, in: EspacesTemps.net 11 (2005), ( http://espacestemps.net/document1684.html ). Bibliotheken gehen im übrigen derzeit zunehmend dazu über, ihre Kataloge im Rahmen einer "Titeldatenanreicherung" ebenfalls mit zusätzlichen Informationen wie Inhaltsverzeichnissen oder Abstracts auszustatten.

[24] Jeanneney: Quand Google défie l'Europe (wie Anm. 10), 10.

[25] Vgl. Jeanneney: Quand Google défie l'Europe (wie Anm. 10), 1, 70, 102.

[26] Vgl. die Presseerklärung "European Commission steps up efforts to put Europe's memory on the Web via a European Digital Library" ( http://europa.eu.int/rapid/pressReleasesAction.do?reference=IP/06/253 ).

[27] http://www.jstor.org, http://www.persee.fr, http://www.digizeitschriften.de ; einen Überblick über zahlreiche weitere Digitalisierungsprojekte gibt das Portal "Zentrales Verzeichnis Digitalisierter Drucke" ( http://www.zvdd.de/sammlungen.html ).

[30] Vgl. http://www.ub.uni-konstanz.de/serviceangebote/teaching-library.html , http://www.ub.uni-freiburg.de/schulung/ , http://www.tub.tu-harburg.de/index.php?id=911 . Zur bibliothekarischen Fachdiskussion vgl. exemplarisch Claudia Lux / Wilfried Sühl-Strohmenger: Teaching Library in Deutschland. Vermittlung von Informations- und Medienkompetenz als Kernaufgabe für Öffentliche und Wissenschaftliche Bibliotheken, Wiesbaden 2005.

Empfohlene Zitierweise:

Thomas Stöber : Der Wandel in der wissenschaftlichen Informationsvermittlung: das Beispiel Google Book Search , in: zeitenblicke 5 (2006), Nr. 3, [2006-12-03], URL: http://www.zeitenblicke.de/2006/3/Stoeber/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-6497

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