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Zusammenfassung

Dieser Beitrag geht darauf ein, in wie weit die Arbeit in der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia als wissenschaftlich bezeichnet werden kann und zeigt auf, was Wikipedia und Wissenschaft voneinander lernen können.

Die selbstorganisierte Wissenssammlung

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Um einen schnellen Überblick über ein fachfremdes wissenschaftliches Thema zu bekommen, ist für viele Menschen Wikipedia die erste Wahl. Das 2001 gegründete Projekt zur offenen Erstellung einer Enzyklopädie gehört inzwischen weltweit zu den 16 am häufigsten aufgerufenen Webseiten. In über 200 Sprachen schreiben mehr als 50.000 regelmäßige und unzählige weitere freiwillige Autoren an der größten zusammenhängenden Wissenssammlung aller Zeiten. Die mehr als vier Millionen Artikel werden gemeinschaftlich in einem Wiki erstellt, das heißt dass fast alle Artikel direkt bearbeitet und korrigiert werden können. Eine feste Redaktion oder Peer-Review-Verfahren existieren dabei nicht. Jeder Teilnehmer kann alle Bearbeitungen nachverfolgen, im Nachhinein beurteilen und bei Bedarf weiter verbessern oder rückgängig machen. Dabei organisiert sich die Community selbst: Alle Wikipedianer sind gleichzeitig Leser, Autor und Redakteur und arbeiten gemeinschaftlich an den Artikeln.

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Im Laufe der Zeit haben sich innerhalb der Wikipedia verschiedene Richtlinien für das Verfassen von Artikeln und die Zusammenarbeit herausgebildet. [1] Dazu gehört neben der Ermahnung, einen freundlichen Umgangston und das Urheberrecht zu wahren, vor allem der so genannte Neutrale Standpunkt (kurz NPOV). Der neutrale Standpunkt versucht, Ideen und Fakten in einer Weise zu präsentieren, dass sowohl Gegner als auch Befürworter einer solchen Idee deren Beschreibung akzeptieren können. Das Ziel sollte darin bestehen, eine für alle rational denkenden Beteiligten akzeptable Beschreibung zu formulieren. Für das Schreiben guter Artikel wird neben stilistischen Hinweisen unter Anderem die Verwendung von Quellen- und Literaturangaben empfohlen. [2]

Wikipedia als Teil der Wissenschaft

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Angesichts des gemeinsamen Zieles, das menschliche Wissen zu fördern, lässt sich fragen, ob Wikipedia Teil der Wissenschaft ist. Möglicherweise kann sogar die traditionelle Wissenschaft etwas von den offenen Prinzipien der Zusammenarbeit lernen. Der Vergleich sollte nicht aufgrund in Wikipedia unbestritten vorhandener Fehlern und Einträgen zu belanglosen Themen beiseite geschoben werden. Ebenso gibt es genügend Beiträge zweifelhafter Qualität im institutionellen Wissenschaftsbetrieb, ohne dass dadurch die gesamte Wissenschaft diskreditiert wäre. Was die gesamte Wissenschaft vereint ist das Prinzip des wissenschaftlichen Arbeitens. Wissenschaftliche Arbeiten sollten für jeden anderen objektiv nachvollziehbar oder wiederholbar sein. Nach "Ockhams Rasiermesser" [3] sollte dabei jeweils die einfachste Theorie zur Erklärung eines Sachverhaltes gewählt werden.

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Die Wissenschaftliche Methodik lässt sich ebenso auf die Arbeit in Wikipedia übertragen: Die Artikel sollten allgemein verständlich und so formuliert sein, dass sie den Sachverhalt für jeden rational denkenden Beteiligten akzeptabel beschreiben. Der durch die Versionsgeschichte offenliegende Bearbeitungsprozess weist dazu viele Parallelen zum wissenschaftlichen Diskurs auf. Es herrscht ein beständiges Anmerken, Zusammenfassen, Referenzieren und In-Frage-Stellen.

Weiterentwicklung der Wissenschaft

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Während in der institutionellen Wissenschaft der Austausch zum einen öffentlich in durch Fachkollegen begutachteten Publikation und zum anderen nicht-öffentlich in fachlichen Gesprächen stattfindet, gibt es in Wikipedia eine solche Trennung nicht. Alle Beiträge erscheinen direkt im System und sind für andere referenzierbar. Lediglich eine Trennung zwischen dem Artikel und der Diskussion über den Artikel ist durch die Diskussionsseiten gegeben, die zu jedem Artikel existieren. Herkömmliche Fachpublikationen haben jedoch den Nachteil, dass sie sehr langsam sind. Von der Einreichung bis zur Veröffentlichung eines Fachartikels vergehen nicht selten mehrere Monate. Hinzu kommt die so genannte Zeitschriftenkrise, durch deren Kostendruck viele Zeitschriften nicht mehr zur Verfügung stehen und so auch nicht rezipiert werden können.

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Antworten auf die Probleme des herkömmlichen Publikationswesens sind elektronische Publikationen und Open Access. Es ist jedoch unsicher, ob diese Methoden angesichts der exponentiell steigenden Menge an Wissen ausreichend sind. Weiter gehen offene Peer-Review-Verfahren und fachliche Weblogs. [4] In Ihnen können öffentlich Anmerkungen und Kommentare abgegeben werden, worauf wiederum andere Leser antworten können – sozusagen als Marginalien des elektronischen Zeitalters. [5] Die Offenheit des Systems sorgt nebenbei dafür, dass Fälschungen und Plagiate, die im Wissenschaftsbetrieb eher unter den Teppich gekehrt werden, leichter aufgedeckt werden können.

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Noch weiter gehen Wikis, bei denen nicht nur der Begutachtungsprozess und das Kommentieren offen liegen. Statt in jeder Publikation von neuem den Stand der Forschung zusammenzufassen, gibt es einen gemeinsamen Text, in den neue Erkenntnisse eingearbeitet werden können. Neben Wikipedia als allgemeine Enzyklopädie ist hier Platz für fachbezogene Wikis in einzelnen Disziplinen, wie zum Beispiel in der Genforschung. [6]

Grenzen der Wikipedia

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Die Zielrichtung auf ein allgemeines Publikum ist auch eine der Grenzen von Wikipedia. Es besteht also trotz weiterhin steigender Zahl von Mitarbeitern keine Gefahr, dass Wikipedia die herkömmliche Wissenschaft verdrängen wird. Zudem gibt es zwei strukturelle Grenzen:

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Zum einen kann in einer rein elektronischen Umgebung keine empirische Forschung über physische Sachverhalte stattfinden. Durch das gemeinsame Verfassen von Texten lassen sich weder Werkstoffe oder Medikamente überprüfen, noch unbekannte Tierarten oder verschollene Manuskripte entdecken. Der zweite Grund hat damit zu tun, dass Wikipedia im Grunde zutiefst konservativ ist. Pseudowissenschaftliches und spekulative Vorstöße ins Unbekannte finden in Wikipedia – zumindest vom Anspruch her – keinen Platz.. Aufgenommen wird nur das, was einigermaßen gesichert und belegt ist. Dabei kann es sich zwar auch um umstrittene Themen und abseitige Meinungen handeln; diese müssen aber zuvor an anderer Stelle veröffentlicht und von der Fachwelt zur Kenntnis genommen worden sein.

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Um in Wikipedia obskuren Privattheorien und unreflektierten Meinungen einen Riegel vorzuschieben, gibt es die Regel, dass Artikel stets lediglich bekanntes Wissen darzustellen haben und nicht der Theoriefindung oder Theorieetablierung dienen. [7] Wissenschaft wird also auch weiterhin außerhalb von Wikipedia ihren Platz haben. Dennoch trägt Wikipedia schon jetzt durch ihre zentrale Rolle als Nachschlagewerk zur "Fliessbandproduktion des Wissens" (Umstätter) bei. Sie dient zudem als Bindeglied zwischen den wissenschaftlichen Fachdisziplinen, indem in ihr der Stand der Forschung neutral zusammengefasst und für jeden verständlich dargestellt wird. Darauf kann wiederum die Wissenschaft mit neuen Forschungen aufbauen, die – sobald sie etabliert sind – wiederum in Wikipedia Eingang finden.

Autor:

Jakob Voß
Wikimedia Deutschland e.V.
jakob.voss@wikimedia.de



[1] Richtlinien, in Wikipedia vom 1. Oktober 2006 15:45 UTC, URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Wikipedia:Richtlinien&oldid=22105629 .

[2] Wie schreibe ich gute Artikel, in Wikipedia vom 21. September 2006 15:51 UTC, URL: http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Wikipedia:Wie_schreibe_ich_gute_Artikel&oldid=21736211 .

[3] Siehe Wikipedia-Artikel "Ockhams Rasiermesser", URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Ockhams_Rasiermesser (Zugriff am 04.10.2006).

[4] Siehe http://www.copernicus.org/EGU/acp/ad_page.html (Zugriff am 3.10.2006).

[5] Siehe Jakob Voss: Mehr als Marginalien – das E-Book als gemeinsamer Zettelkasten, in: Libreas 2 (2005), URL: http://www.ib.hu-berlin.de/~libreas/libreas_neu/ausgabe2/005zet.htm .

[6] Kai Wang: Gene-function wiki would let biologist pool worldwide resources, in Nature 439, 534 (2006), URL: http://www.nature.com/nature/journal/v439/n7076/full/439534a.html .

[7] Theoriefindung, in Wikipedia vom 27. September 2006 15:18 UTC, URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Theoriefindung .

Empfohlene Zitierweise:

Jakob Voß : Was Wikipedia und die Wissenschaft voneinander lernen können , in: zeitenblicke 5 (2006), Nr. 3, [2006-12-03], URL: http://www.zeitenblicke.de/2006/3/Voss/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-6450

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