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Meine Überlegungen zu den Beziehungen zwischen den italienischen Reichslehen und den beiden habsburgischen Kronen zwischen der Mitte des 16. und dem Beginn des 18. Jahrhunderts gehen von den neuen Perspektiven aus, die durch die Neuinterpretation der spanischen Herrschaft in Italien seitens der iberischen und italienischen Historiographie in den letzten Jahren eröffnet worden sind. Es handelt sich um eine Neuinterpretation, die sich jenseits aller bloß revisionistischen Absichten einer neuen Methodologie bedient, die auf der genauen Gegenüberstellung der italienischen und spanischen Quellen, auf der Analyse der Perspektiven der Höfe und der Beziehungen zwischen den Persönlichkeiten, die dort lebten, sowie auf der Neueinschätzung des persönlichen Beitrags der einzelnen Persönlichkeiten, die an den Höfen selbst sowie in den Regierungs- bzw. Verwaltungsinstitutionen des Zentrums und der Peripherie wirkten, basiert. Dies hat unvermeidlich dazu geführt, die Aussagen einer staatlich-institutionellen Sicht, die diese mit den Beziehungen und Plänen der italienischen Dynastien verbundenen Aspekte nicht immer hinreichend berücksichtigt hat, sondern immer noch die Erforschung der Bildung des einheitlichen Nationalstaats zum Ziel hatte, aufs rechte Maß zurückzuführen. [1]

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Die Studien, die von dieser neuen Perspektive und Methode inspiriert sind, haben nicht nur die Komplexität der Beziehungen zwischen den beiden habsburgischen Höfen, sondern auch die Vielfalt der Klientelbeziehungen zwischen den Menschen, den Institutionen und den Höfen selbst ans Licht gebracht. Indem diese Ergebnisse den jüngsten Forschungen über den Reichsadel, den Wiener Hof und die habsburgischen Kaiser [2] gegenübergestellt wurden, haben sie neue Untersuchungen über die Beziehungen zwischen dem Reich, Spanien und den italienischen Staaten inspiriert. Diese haben es ermöglicht hervorzuheben, zwischen welchen Polen sich die Politik der beiden Zweige des Hauses Habsburg in Italien und Europa entwickelt hat: Sie war gekennzeichnet vom Wechsel zwischen Phasen perfekter Synergie und solchen, die zwar geprägt waren von einem Mangel an Abstimmung und von einem Antagonismus auf der Ebene der Beziehungen zwischen den Persönlichkeiten und den Höfen, in denen andererseits aber die grundlegende Interessenidentität auf internationaler Ebene fortbestand. [3] Aus diesen Voraussetzungen resultiert meines Erachtens die Notwendigkeit, sich von der traditionellen Interpretation zu verabschieden, gemäß der sich wegen der Entfernung und der Ineffizienz des Reiches das realisierte, was als spanisches "Übergewicht" bezeichnet worden ist, [4] aufgrund dessen die italienischen Reichslehen gezwungen waren, Adhärenzverträge mit der Katholischen Monarchie zu schließen und Investituren vom spanischen König zu nehmen, die in gewisser Weise Alternativen zur Reichstreue darstellten. [5] Weiterhin erscheint es mir angebracht, die Aussage, dass die Haltung Spaniens, die hinsichtlich der Reichsrechte als Übergriff betrachtet wird, geradezu ein autonomes Lehnssystem hervorgebracht habe, das dasjenige des Reichs jedenfalls überlagerte, abzuschwächen. [6]

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Es handelt sich dabei um eine Interpretationslinie, die angesichts der Ergebnisse der Studien über die spanische Herrschaft in Italien und das Verhältnis zwischen dem Reich und Italien nicht mehr in angemessener Weise der Komplexität der Beziehungen zwischen Madrid, Wien, den alten italienischen Staaten und den Reichslehen zu entsprechen scheint. Wenn man die italienischen und die Wiener Quellen einander gegenüberstellt und die Biographien der Persönlichkeiten, die in die Position von Generalkommissaren berufen worden sind, untersucht, ergeben sich zwei wichtige Anhaltspunkte:
1. Über einen großen Teil des Zeitraums, während dessen die spanische Linie des Hauses Habsburg bestand, agierte Spanien als Vermittler des Reichs in Italien;
2. Die Persönlichkeiten, denen der Kaiser in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts das Amt eines Generalkommissars [7] anvertraute, waren allesamt in Madrid bekannt und geschätzt.

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Dass Spanien als Vermittler des Reichs agiert hat, wird durch zwei Umstände bewiesen: Vor allem hatte bereits Karl V. in der Phase der schwierigen Entscheidungen über die Zukunft des eigenen Reichs daran gedacht, Spanien das ewige Reichsvikariat in Italien zu übertragen, [8] und der Madrider Hof fühlte sich immer mit dieser Autorität bekleidet (die demjenigen, der sie besaß, dieselbe Würde übertrug, wie sie der Kaiser besaß).[9] In zweiter Linie darf man nicht das Faktum übersehen, dass die Könige von Spanien, insofern sie Erben des Titels eines Herzogs von Mailand waren, während des gesamten Zeitraums, in dem der spanische Zweig des Hauses Habsburg bestand, der mächtigste Reichsvasall in Italien waren. In der Tat war das Herzogtum Mailand – das in der Ausarbeitung Mercurino Gattinaras über die Reichsidee als "llave de Italia" bzw. als "condicio sine qua non", um die Kontrolle Italiens zu gewährleisten, betrachtet und in der Folge in den politischen Betrachtungen über die Macht der spanischen Habsburger zur "corazón de la Monarquía" geworden war [10] – unzweifelhaft das mächtigste und wichtigste Reichslehen. Und das nicht nur wegen seines logistischen und strategischen Wertes (man denke an die Grenze zum Veltlin, die den Zugang zu der so genannten Spanischen Straße in die Niederlande eröffnete), [11] nicht nur weil in jüngster Vergangenheit die Sforza den Habsburgern in Verwandtschaftsbeziehungen verbunden gewesen waren, [12] sondern auch weil das Herzogtum, das die Visconti und die Sforza mit kaiserlichem Placet regiert hatten, [13] Gebiete umfasste, die eine bedeutende Rolle in der Geschichte Europas gespielt hatten – man denke an Pavia, die einstige Hauptstadt des Langobardenreichs, wo sich 774 nach der Übergabe der Stadt Karl der Große zum König der Franken und Langobarden proklamiert hatte; man denke an Monza, in dessen Dom ein Kleinod von außerordentlicher Bedeutung für die Geschichte des Reichs nicht nur der Vergangenheit gehütet wurde: jene Eiserne Krone, mit der Karl V. selbst während der einzigartigen Feiern von Bologna im Jahr 1530 gekrönt worden war.

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Mailand war zweifelsohne ein Territorium von erstrangiger Bedeutung, und das Faktum, das Karl V. es dem Erbe der spanischen Linie der Habsburger zugeteilt hatte, machte (jenseits aller anderen Erwägungen über die offensichtliche Bedeutung der Katholischen Monarchie auf internationaler Ebene) unter dem Blickwinkel der Beziehungen zwischen dem Reich und seinen italienischen Vasallen wie auch jener untereinander aus Spanien den bedeutendsten italienischen Reichsvasallen.

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Dieser Umstand reichte natürlich nicht aus, um jeden möglichen Konfliktstoff hinsichtlich der Behandlung der italienischen Lehen aus dem Weg zu räumen, und darf den Historikern nicht zum Vorwand dienen, derartige Gegensätze zu leugnen: Es ist unbestreitbar, dass es Spannungsphasen gab, über die die Quellen und die Geschichtswissenschaft breit berichten, und dass sie nicht nur sporadisch auftraten. Zudem lassen sich die Gegensätze zwischen den Höfen bzw. zwischen Spanien und dem Reich in der Behandlung der Angelegenheiten der italienischen Lehen keinesfalls leugnen. Chronologisch gesehen war Finale der erste Fall, [14] dem weitere Episoden folgten, aus denen eine Obstruktions- und Machtpolitik Spaniens hervorgeht, die sich dem Reich überordnen und seine Jurisdiktion aufheben zu wollen schien. Dennoch lässt sich, ohne hier in die Analyse der einzelnen Fälle eintreten zu können, bei einer Untersuchung der Quellen unter Berücksichtigung des Bandes, das Spanien auch in Hinsicht auf das italienische Reichslehenswesen mit dem Reich verknüpfte, allgemein feststellen, dass Spanien niemals die eigene Abhängigkeit vom Reich bestritt, sondern gewisse jurisdiktionelle Übergriffe auf Kosten der Reichsrechte in der Lunigiana oder in Ligurien zu erklären suchte, indem es sein Handeln auf zwei Ebenen rechtfertigte: Auf der einen Seite beschwor es das übergeordnete Ziel der Sicherung der Verteidigung des Stato di Milano, das ein gemeinsames Interesse der beiden habsburgischen Kronen darstelle; auf der anderen Seite gab man den "Mailänder Ministern" die Schuld, die in Regionen wie der Lunigiana oder dem Genovesato (die stets Objekt der expansionistischen Bestrebungen der herzoglichen Politik gewesen waren) das Ziel verfolgten, die traditionellen Interessen aus den Zeiten der Visconti und Sforza zu wahren. [15] Spanien suchte sich also, indem es substantiell eine Politik anwandte, die man als "Dissimulation" definieren könnte, nach den jurisdiktionellen Übergriffen gegen einen eventuellen definitiven Bruch mit dem Reich zu sichern, indem es die eigene Treue erklärte und sich in eine deutliche politische Tradition stellte, die sich darauf bezog, wie die Herzöge von Mailand in der Vergangenheit ihre eigene Herrschaft nach Ligurien auszudehnen bestrebt gewesen waren. Andererseits ist das Faktum nicht zu vernachlässigen, dass gerade die Habsburger die traditionellen regionalen Gleichgewichte zu respektieren pflegten, wo ihnen ihre politische Hegemonie dies auferlegte, die ihrerseits niemals substantielle institutionelle Veränderungen implizierte, es sei denn über sehr lange Zeiträume. [16]

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Gerade diese dissimulierende Haltung Spaniens, die darauf abzielte, mit wiederholten Treueerklärungen Handlungen gegenüber den Reichslehen, die bisweilen fragwürdig und aggressiv waren, zu beschönigen (und durch den Verweis auf politische Ziele, die im Interesse beider Höfe lägen), führte natürlich mit der Zeit zu zweideutigen Situationen, indem es in der Lunigiana und im Genovesato, doch auch in den Langhe und im Monferrato (wo Madrid gegenüber den Absichten des Herzogtums Savoyen eine Eindämmungsstrategie verfolgte) Familien von Reichsvasallen gab, die sich von der Idee, die eigene Treue gegenüber Spanien zu erklären, dazu verleiten ließen, sich von ihm belehnen zu lassen.

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Es handelte sich dabei um Familien von Reichsvasallen, die vielleicht durch die spanische Präsenz eingeschüchtert waren, die wesentlich näher und gefährlicher war als die der kaiserlichen Habsburger, Familien, bei denen einer ihrer zahlreichen Zweige womöglich Inhaber von Lehen der Mailänder Kammer war (wie zum Beispiel die Grafen-Markgrafen Crivelli-Scarampi), doch auch um Männer, die von den zahlreichen Möglichkeiten angezogen wurden, die ihre Annäherung an Spanien ihnen eröffnen mochte. [17] Die Gründe, aus denen sich zwischen dem Ende des 16. und dem des 17. Jahrhunderts diese Reichsvasallen dazu verleiten lassen, Spanien die Treue zu erklären, sind also vielgestaltig: Die spanische Lehnsnahme ist nach meiner Einschätzung mit Blick auf die aus den oben dargelegten Gründen bestehende Synergie zwischen den beiden Höfen nicht so sehr als ein Akt gegen die Reichsrechte, sondern als funktional innerhalb des habsburgischen Bündnissystems zu betrachten.

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Während es völlig unzweifelhaft ist, dass es zwischen dem Reich und Spanien in der Verwaltung der italienischen Reichsangelegenheiten in der Zeit von etwa 1612 bis 1660 eine Art Aufgabenteilung gab, ist es nicht möglich, eine einheitliche Verhaltensrichtschnur der Reichsvasallen gegenüber der spanischen Präsenz in Italien zu identifizieren. Es gab vielmehr eine ganze Reihe unterschiedlicher Verhaltensweisen, die vielleicht in einem gewissen Zusammenhang mit der Unterscheidung zwischen großen und kleinen Reichslehen steht, die aber in mancher Hinsicht auch mit den ungleichen Positionen der Familien der Vasallen zusammenhängt: Es handelt sich um eine weniger formalistische Unterscheidung, die sich nicht auf die physische Ausdehnung oder die Zahl der Feuerstellen, sondern auf das politische Gewicht jedes Einzelnen bezieht.

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Das Faktum, dass eine derartige Unterscheidung erst in den Akten des 18. Jahrhunderts auftaucht, bedeutet nicht, dass es nicht schon vorher eine Differenzierung zwischen den Vasallen gegeben hätte und dass diese nicht klar als systemimmanent betrachtet worden wäre. Dass zwischen den Familien der italienischen Reichsvasallen nach Rolle und politischem Gewicht Unterschiede bestanden, stand außer Zweifel. Während diese in einigen Fällen jener Sphäre angehörten, die Spagnoletti als die regierenden Dynastien definiert hat (man denke an die mehrfach mit den Habsburgern verschwägerten Gonzaga, die Medici, die Savoia, die Este), handelte es sich in anderen Fällen um die Herren von Staaten kleinen oder kleinsten Zuschnitts, und das nicht nur territorial gesehen – ich denke etwa an die Malaspina, doch auch an die Del Carretto. Und bekanntlich ist es wegen der extremen Bruchstückhaftigkeit der Quellen, der Vielzahl der Linien, wegen des "unermüdlichen Prozesses von Wettstreit und Disput", wie ihn Angelo Torre beschrieben hat, [18] nicht immer leicht, diese Art von Dynastien zu erforschen.

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In den letztgenannten Fällen schuf die Lage der schwächsten Reichsvasallen eine Situation, die auch das Anknüpfen von Verbindungen beispielsweise mit Genua oder dem Turiner Hof seitens der Familien der unternehmungslustigeren Vasallen (einige Malaspina, die Crivelli-Scarampi) begünstigte, die gleichzeitig aber nicht immer stark genug waren, um direkte Kontakte mit dem Madrider Hof zu suchen (wie das beispielsweise schon die gonzagischen Nebenlinien oder die Landi getan hatten).  [19]

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Daraus folgt, dass die Reaktion der Vasallen auf das Verhalten Spaniens (Intervention oder Vereinnahmung der Lehen, um die kaiserliche Jurisdiktion und das mit dieser verbundene Allianzsystem vor der Gefahr der Desintegration zu schützen) nicht immer einfach eine Fügsamkeit aus Angst war. Wir müssen annehmen, dass es in einigen Fällen Fügsamkeit aus Eigeninteresse war, auch um dem Streben nach Ehre, Nutzen und Ansehen innerhalb des habsburgischen Allianzsystems Genüge zu tun – eines komplexen Systems, in dem es erforderlich war, an zwei Fronten zu erscheinen: in Madrid ebenso wie in Prag (bzw. Wien). Man musste also fortfahren, Treue gegenüber dem Reich, zugleich aber Aufmerksamkeit gegenüber den spanischen Interessen zu bezeugen, wie dies beispielsweise einige Zweige der Gonzaga, die Linien Castiglione und Sabbioneta, taten. [20] In dieser Hinsicht lassen sich drei Grundlinien des Verhaltens unterscheiden:

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a) Zunächst die derjenigen, die zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert die größte Dynamik entfalteten und die die eigenen Anstrengungen angemessen belohnt sahen: Dies ist der Fall bei den Familien der Generalkommissare. [21] Man musste einer Familie mit vielen Verbindungen und guten Beziehungen angehören, die überdies in Spanien wohlgelitten sein musste, wie dies die biographischen Profile der kaiserlichen Kommissare Francesco Gonzaga di Castiglione sowie Ferrante und Cesare Gonzaga-Guastalla deutlich zeigen.

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b) Zweitens die Familien der Reichsvasallen, die sich vom Katholischen König belehnen ließen, um sich gute Beziehungen zur Spanischen Monarchie zu bewahren, und denen es gleichzeitig gelang, an einen der kleineren Höfe (Turin, Florenz, Genua) vorzustoßen, da sie wussten, dass sie daraus Vorteile und Ansehen ziehen konnten. Je ausgedehntere Kontakte und Verbindungen es solchen Familien zu den italienischen Höfen zu knüpfen gelang, desto wahrscheinlicher wurde für sie die Möglichkeit, sich emanzipieren, politisch aufsteigen zu können. Es ist niemals untersucht worden, ob für Spanien das Gewähren von Investituren an Reichsvasallen nicht auch ein Mittel war, um Geld als Gegenleistung für die Gewährung von Schutz aufzutreiben. Damit ist nicht gesagt, dass sich Quellen für die Bestätigung einer solchen Hypothese werden finden lassen, doch es ist angesichts der dauernden Ebbe in der Staatskasse denkbar, dass die spanische Aggressivität ein Mittel zur Einschüchterung war, um neue Geldquellen zu erschließen.

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Drittens schließlich gab es die Familien, die über keinerlei Beziehungen und nur geringe Mittel verfügten, die die Expansion der benachbarten spanischen Lombardei erduldeten, es nicht einmal wagten, Verbindungen zu den benachbarten Höfen zu suchen, und umso weniger in der Lage waren, Beziehungen nach Madrid herzustellen. Hier ist an viele Zweige der Del Carretto und der Malaspina zu denken.

Schlussfolgerungen

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Was ich hier vorstellen wollte, ist eine neue Art der Annäherung an das Problem der Beziehungen zwischen den italienischen Staaten und den beiden habsburgischen Höfen von der zweiten Hälfte des 16. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts, weil ich der Überzeugung bin, dass eine Studie über die Beziehungen der italienischen Reichslehen und dem Reich nicht von einer vertiefenden Bewertung der Rolle, die Spanien in derselben Zeit spielte, absehen kann. In dieser Hinsicht erscheint es nötig, die Vorstellung von der spanischen Vorherrschaft gegenüber der Schwäche des Reichs nicht als gegeben zu betrachten, wie dies allzu lang geschehen ist. [22]

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Durch eine veränderte Methodik und Perspektive haben neue Forschungen das synergetische Handeln der beiden betreffenden Höfe bei der Behandlung der italienischen Reichslehen gezeigt und die Vielzahl der unterschiedlichen Situationen innerhalb des Lehnssystems selbst enthüllt. Die Reichsvasallen der Halbinsel waren in der Lage, Pläne auszuarbeiten und auf verschiedene Weise vielgestaltige Beziehungen nach Madrid, Wien und zu den Höfen der regierenden Dynastien Italiens zu unterhalten. Dadurch entfaltete sich ein komplexes und vielgestaltiges Panorama von Beziehungen, in dem das Allianzsystem, das von den beiden habsburgischen Polen geschaffen worden war, eine zentrale Rolle spielte: Weit davon entfernt, ein Hindernis für die Bildung eines Nationalstaats zu sein (dort, wo nicht, wie andernorts, ein Nukleus bestand, an den man sich hätte anlagern können), war es vielmehr der Garant für den Bestand des multipolaren Systems der Höfe, der das Italien des Ancien Régime prägte.

Autorin:

Prof. Dr. Cinzia Cremonini
Università Cattolica del Sacro Cuore
Istituto di Storia moderna e contemporanea
Largo Gemelli, 1
I-20123 Milano
cinzia.cremonini@unicatt.it
http://docenti.unicatt.it/pls/unicatt/unicatt_docenti.h_preview?id_doc=390#

Die Übersetzung aus dem Italienischen hat Matthias Schnettger angefertigt.



[1] Die Studien, auf die ich mich beziehe und die meinem Eindruck nach die Wahrnehmung der spanischen Herrschaft von der Methodologie und der Perspektive her verändert haben, sind vor allem: Cesare Mozzarelli: I Gonzaga a Guastalla dalla cortigiania a principato, e alla istituzione di una città conveniente, in: Il tempo dei Gonzaga, Guastalla 1985, 11-33; Gianvittorio Signorotto: Milano e la Lombardia sotto gli spagnoli, in: Roberto Alonge [u. a.] (Hg.): La Controriforma e il Seicento, Milano 1989, 189-223; Cesare Mozzarelli: Patrizi e governatori nello stato di Milano a mezzo il Cinquecento. Il caso di Ferrante Gonzaga, in: Gianvittorio Signorotto (Hg.): L'Italia degli Austrias. Monarchia cattolica e domini italiani nei secoli XVI e XVII, Mantova 1993, 119-134; Gianvittorio Signorotto: Il marchese di Caracena al governo di Milano (1648-1656), in: ebd., 135-181; Cesare Mozzarelli, Il passero e l'aquila. Il principato di Bozzolo tra Cinque e Seicento, in: Nello Calani / Alberto Liva (Hg.): Statuti del principato di Bozzolo 1610-1633, Mantova 1993, 161-175; ders.: Istituzione e declino d'un microcosmo principesco e cittadino. Note sul Ducato di Sabbioneta tra XVI e XVIII secolo, in: Ugo Bazzotti / Daniela Ferrari / Cesare Mozzarelli (Hg.): Vespasiano Gonzaga e il Ducato di Sabbioneta. Atti del Convegno Sabbioneta-Mantova 12-13 ottobre 1991, Mantova 1993, 241-258; Virginia León Sanz: Entre Austrias y Borbones. El Archiduque Carlos y la monarquía de España (1700-1714), Madrid 1993; Aurelio Musi (Hg.): Nel sistema imperiale. L'Italia spagnola, Napoli 1994; Marcello Verga (Hg.): Dilatar l'Impero in Italia. Asburgo e Italia nel primo Settecento, Roma 1995; Marcello Fantoni: La corte del Granduca. Forma e simboli del potere mediceo fra Cinque e Seicento, Roma 1994; Mía J. Rodriguez Salgano: Metamorfosi di un Impero. La politica asburgica da Carlo V a Filippo II (1551-1559), Milano 1994; Paolo Pissavino / Gianvittorio Signorotto (Hg.): Lombardia Borromaica Lombardia Spagnola, Roma 1995; Gianvittorio Signorotto: Milano spagnola. Guerra, istituzioni, uomini di governo, Milano 1996 (2. Aufl. 2001); ders.: Aristocrazie italiane e monarchia cattolica nel XVII secolo. Il "destino spagnolo" del duca di Sermoneta, in: Annali di storia moderna e contemporanea 2 (1996), 57-77; Antonella Bilotto / Piero Del Negro / Cesare Mozzarelli (Hg.): I Farnese. Corti, guerra e nobiltà in antico regime, Roma 1997, 267-288; Cesare Mozzarelli: Castiglione e i Gonzaga. Piccoli stati e piccoli principi nell'Europa d'antico regime, in: Massimo Marocchi (Hg.): Castiglione delle Stiviere. Un principato imperiale nell'Italia padana (sec. XVI-XVIII), Roma 1997, 13-21; ders.: Villa, villeggiatura e cultura politica tra cinque e settecento. Riflessioni dal caso milanese, in: Annali di Storia moderna e contemporanea 3 (1997), 155-172; Antonio Álvarez Ossorio Alvariño: Corte y provincia en la Monarquía Católica, in: Elena Brambilla / Giovanni Muto (Hg.): La Lombardia spagnola. Nuovi percorsi di ricerca, Milano 1997, 283-341; Pierpaolo Merlin: Una nobiltà di frontiera: la feudalità monferrina e il governo gonzaghesco tra Cinque e Seicento, in: Daniela Ferrari (Hg.): Stefano Guazzo e Casale tra Cinque e Seicento, Roma 1997, 87-102; Manuel Rivero Rodríguez: Felipe II y el gobierno de Italia, Madrid 1998; Roberta Carpani: Drammaturgia del comico. I libretti per musica di Carlo Maria Maggi nei "theatri di Lombardia", Milano 1998; Gianvittorio Signorotto / Maria Antonietta Visceglia (Hg.): La corte di Roma tra Cinque e Seicento. "Teatro” della politica europea, Roma 1998; Antonio Álvarez Ossorio Alvariño: Ceremonial de palacio y constitución de monarquía: las embajadas de las provincias en la corte de Carlos II, in: Annali di Storia Moderna e contemporanea 6 (2000), 227-358; Cesare Mozzarelli: Per la storia dello stato di Milano in età moderna. Ipotesi di lettura, in: ebd., 585-604; Manuel Rivero Rodriguez: Los consejos y los consejeros de Carlos V, in: José Martinez Millán (Hg.): La corte de Carlos V, Bd. 1, Madrid 2000, 167-172; Gianvittorio Signorotto: Aperture e pregiudizi nella storiografia italiana del XIX secolo. Interpretazioni della Lombardia "spagnola", in: Archivio Storico Lombardo 126 (2000), 513-560; Marcello Fantoni (Hg.): Carlo V e l'Italia, Roma 2000; Antonio Álvarez Ossorio Alvariño: Milán y el legado de Felipe II. Gobernadores y corte provincial en la Lombardía de los Austrias, Madrid 2001; Roberto Sabbadini: La grazia e l'onore. Principe, nobiltà e ordine sociale nei ducati farnesiani, Roma 2001; José Martinez Millán (Hg.): Carlos V y la quiebra del humanismo polìtico en Europa (1530-1558), 4 Bde., Madrid 2001; Antonio Álvarez Ossorio Alvariño: La repùblica de las parentelas. El Estado de Milàn en la monarquìa de Carlos II, Mantova 2002; Cesare Mozzarelli: Il nero tunnel della tradizione, in: Grandezza e splendori della Lombardia spagnola 1535-1701. Catalogo della mostra omonima (10 aprile-16 giugno 2002), Ginevra / Milano 2002, 15-17; Giuseppe Galasso / Aurelio Musi (Hg.): Italia 1650, Napoli 2002; Angelantonio Spagnoletti: Le dinastie italiane nella prima età moderna, Bologna, 2003; Francesca Cantù / Maria Antonietta Visceglia (Hg.): L'Italia di Carlo V. Guerra, religione, e politica nel primo Cinquecento, Roma 2003; Cinzia Cremonini: Impero e feudi italiani tra Cinque e Settecento, Roma 2004, dies.: Ritratto politico cerimoniale con figure. Carlo Borromeo Arese e Giovanni Tapia, servitore e gentiluomo, Roma 2004; Cesare Mozzarelli: Introduzione, in: Giovanni Battista Vassallo: Annali che contengono diversi avvenimenti in Casale Monferrato et altrove (1613-1695), Mantova 2004, 9-28; Cinzia Cremonini: I feudi imperiali italiani tra Sacro Romano Impero e Monarchia Cattolica (seconda metà XVI sec. - inizio XVII ), in: Matthias Schnettger / Marcello Verga (Hg.): L'Impero e l'Italia nella prima età moderna / Das Reich und Italien in der Frühen Neuzeit, Bologna / Berlin 2006, 41-65.

[2] Für das Reich und die politischen Entwicklungen, die das Verhältnis zwischen philomonarchischen und philoimperialen Instanzen betreffen, erscheinen mir die folgenden Studien grundlegend: Ernst-Wolfgang Böckenförde: La pace di Westfalia e il diritto di alleanza dei ceti dell'Impero, in: Ettore Rotelli / Pierangelo Schiera (Hg.): Lo Stato moderno, Bd. 3, Bologna 1974, 333-364; Robert J. W. Evans: Felix Austria. L'ascesa della Monarchia Asburgica (1550-1700), Bologna 1981 (engl. Originalausg. 1979); Hubert Christian Ehalt: La corte di Vienna tra Sei e Settecento, Roma 1984 (dt. Originalausg.1980); Marcello Verga: Il "sogno spagnolo" di Carlo VI. Alcune considerazioni sulla monarchia asburgica e i domini italiani nella prima metà del Settecento, in: Cesare Mozzarelli / Giuseppe Olmi (Hg.): Il Trentino nel Settecento tra Sacro Romano Impero e antichi stati italiani, Bologna 1985, 203-261; Friedrich Edelmayer: Maximilian II., Philipp II. und Reichsitalien. Die Auseinandersetzungen um das Reichslehen Finale in Ligurien, Stuttgart 1988; Anton Schindling / Walter Ziegler (Hg.): Die Kaiser der Neuzeit (1519-1918). Heiliges Römisches Reich, Österreich, Deutschland, München 1990; Heinz Wiesflecker: Maximilian I. Die Fundamente des habsburgischen Weltreichs, München 1991; Friedrich Edelmayer / Alfred Kohler (Hg.): Kaiser Maximilian II. Kultur und Politik im 16. Jahrhundert, Wien / München, 1992; Grete Klingenstein: L'ascesa di Casa Kaunitz. Studi sulla formazione del cancelliere Wenzel Anton Kaunitz e le trasformazioni dell'aristocrazia imperiale, Roma 1993 (dt. Originalausg. 1975); Ruggero Simonato (Hg.): Marco d'Aviano e il suo tempo. Un cappuccino del Seicento, gli Ottomani e l'Impero, Pordenone 1994; Friedrich Edelmayer (Hg.): Korrespondenz der Kaiser mit ihren Gesandten in Spanien, Bd. 1: Briefwechsel 1563-1565, Wien / München 1997; ders.: La nobiltà austriaca nella prima metà del Seicento, in: Silvano Cavazza (Hg.): Controriforma e monarchia assoluta nelle province austriache. Gli Asburgo, l'Europa Centrale e Gorizia all'epoca della Guerra dei Trent'anni, Gorizia 1997, 61-70; ders.: Asburgo d'Austria e Asburgo di Spagna nella Guerra dei Trent'anni, in: ebd., 29-42; Sara Veronelli (Hg.): Diario de Hans Khevenhüller embajador imperial en la corte de Felipe II, Madrid 2001; Matthias Schnettger: Feudi, privilegi e onori. La Repubblica di Genova e la corte di Vienna negli anni Trenta e Quaranta del '600, in: I feudi imperiali italiani tra XVI e XVIII secolo. Atti del convegno internazionale di studi, Albenga - Finale - Loano, 26-29 maggio 2004 (im Druck).

[3] Dies habe ich dargestellt in I feudi imperiali italiani (wie Anm. 1) und in Impero e feudi italiani (wie Anm. 1).

[4] Ich beziehe mich auf die Interpretationslinie, die auf die Arbeiten von Romolo Quazza zurückzuführen ist, z. B. Preponderanze straniere, Milano 1938.

[5] Salvatore Pugliese: Le prime strette dell'Austria in Italia, Milano / Roma 1932, 2. Aufl. unter dem Titel Il Sacro Romano Impero in Italia, Milano 1935; derselben Interpretationslinie folgt: Cesare Magni: I feudi imperiali rurali della Lunigiana nei secoli XVI-XVIII, in: Studi di storia e diritto in onore di Enrico Besta per il XL anno del suo insegnamento, Bd. 3, Milano 1939, 43-70.

[6] Karl Otmar von Aretin: L'ordinamento feudale in Italia nel XVI e XVII secolo, in: Annali dell'Istituto storico italo-germanico 4 (1978), 51-93.

[7] Generalkommissare gab es lange Zeit vor der wirklichen Einrichtung der Plenipotenz; es gibt zwar ein erstes Projekt aus dem Jahr 1603, aus der Zeit der Mission Paul Garzweilers (vgl. dazu ebd. und Gerhard Rill: Die Garzweilermission 1603-4 und die Reichslehen in der Lunigiana, in: Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs 31 [1978], 9-25; ders.,: Reichsvikar und Kommissar. Zur Geschichte de Verwaltung Reichsitaliens im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit, in: Annali della Fondazione italiana per la storia amministrativa 2 [1965], 173-198), tatsächlich wurde sie erst 1715 eingesetzt. Vgl. dazu Cremonini, Impero e feudi italiani (wie Anm. 1).

[8] Rodriguez Salgado: Metamorfosi di un Impero (wie Anm. 1).

[9] Rill: Reichsvikar (wie Anm. 7).

[10] Pablo Fernández Albaladejo: De "llave de Italia" a "corazón de la Monarquía: Milán y la Monarquía Católica en el reinado de Felipe III, in: Pissavino / Signorotto: Lombardia Borromaica (wie Anm. 1), 41-91.

[11] Claudia Di Filippo Bareggi: Una terra lombarda ritrovata: la valtellina, Bormio e Chiavenna, in: Giorgio Rumi (Hg.): La formazione della Lombardia contemporanea, Bari 1998, 159-216.

[12] Kaiser Maximilian I., der Großvater Karls V. väterlicherseits, hatte in zweiter Ehe eine Sforza geheiratet, und auch wenn aus dieser Ehe keine Nachkommen hervorgingen, zeigt sie doch die besondere Aufmerksamkeit, mit der die große Dynastie seit einiger Zeit das kleine italienische Herzogtum betrachtete. Vgl. Wiesflecker: Maximilian I. (wie Anm. 2).

[13] Hier ist auf Pugliese: Le prime strette (wie Anm. 5) zu verweisen, der das Reichsvikariat anführt, das Gian Galeazzo Visconti 1396 von König Wenzel verliehen und dann den Sforza regelmäßig erneuert wurde.

[14] Der Fall Finale wird ausführlich behandelt in Edelmayer: Maximilian II. (wie Anm. 2).

[15] Dieses Thema habe ich ausführlicher in I feudi imperiali italiani (wie Anm. 1) behandelt. Andererseits scheint mir, dass man die grundlegende Synergie zwischen Madrid und Prag (dann Wien) auf der Ebene der internationalen Politik berücksichtigen muss.

[16] Ein offenkundiger Fall ist eben Mailand, wo im Gegensatz dazu die nur kurze französische Herrschaft an der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert radikale Veränderungen hervorrief. Für diese Zeit verweise ich auf Stefano Meschini: Luigi XII duca di Milano. Gli uomini e le istituzioni del primo dominio francese, 1499-1512, Milano 2004.

[17] Vgl. hierzu die unveröffentlichte Dissertation von M. Concetta Marsana: I marchesi Crivelli Scarampi conti di Dorno, marchesi di Canelli tra lealtà all'Impero e fedeltà alla Spagna (rel. Cinzia Cremonini), die im akademischen Jahr 2005-2006 an der Università Cattolica di Milano verteidigt wurde.

[18] "[…] processo instancabile di competizione e di disputa". Angelo Torre: Le terre degli Scarampi. Appunti per una lettura della Langa astigiana in età moderna, in: Elena Ragusa / Angelo Torre (Hg.): Tra Belbo e Bormida: luoghi e itinerari di un patrimonio culturale, Torino 2003, 33-46.

[19] Mitglieder beider Familien waren in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts kaiserliche Kommissare. Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien (künftig: HHStA W), Plenipotenz in Italien, Karton 1.

[20] Es ist nützlich, sich beispielsweise folgende biographische Artikel anzuschauen: N. Avanzini: Gonzaga Vespasiano, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Bd. 57, Roma 2001, 860-864; R. Tamalio: Gonzaga Ferrante, in: ebd., 746-748; ders., Gonzaga Francesco, in: ebd., 766 f..

[21] HHStA W, Plenipotenz, Karton 1-3.

[22] Noch Spagnoletti: Dinastie italiane (wie Anm. 1), 117, hat sich in diesem Sinne ausgesprochen, wenn er bekräftigt, dass ein "non impegnativo vassallaggio all'ombra dell'aquila imperiale" die "principi italiani del secondo Cinquecento" getrieben habe "a stringersi attorno alla sottile autorità cesarea per evitare di essere stritolati dalla Spagna" und seinen "logiche di controllo militare sulla penisola".

Empfohlene Zitierweise:

Cinzia Cremonini : Das Reichslehenswesen in Italien zwischen Kaisertreue und spanischen Interessen: Einige Überlegungen , in: zeitenblicke 6 (2007), Nr. 1, [10.05.2007], URL: http://www.zeitenblicke.de/2007/1/cremonini/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-8075

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