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Am 28. Juni 1787 wunderte sich der in Rom weilende Sekretär des französischen Gesandten in Neapel Amaury Duval über einen seltsamen Aufzug in der Peterskirche: "Vetû de ses habits pontificaux et la tête couverte de la brillante tiare, le pontife se plaça sur un siége, élevé, que des prêtres prirent aussitôt sur leurs épaules. On le transporta ainsi, au milieu de tous les cardinaux, jusques vers le milieu de la nef. De chaque côté du pontife, on portait au bout de longs batôns, deux de ces grands éventails en plumes, qui paraissent uniquement destinés à chasser les mouches. Je croyais voir une parodie de quelque cérémonie mexicaine ou péruvienne. Cependant on avait fait entrer la haquenée dans l'église; et lors-qu'elle fut arrivée en face du saint-père, on la força de s'agenouiller devant lui; et l'ambassadeur de Naples en fit la remise, ainsi que du tribut en or qu'elle portait."  [1]

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Ausgesprochen befremdet zeigt sich der aufgeklärte Franzose gegenüber der jahrhundertealten Tradition der Übergabe des Lehenspferdes, der sog. Chinea,  [2] an den Papst, die sich bekanntlich nicht in der skizzierten Kavalkade erschöpfte, sondern ihre Fortsetzung in einem prächtigen Fest fand, das dem jeweiligen Inhaber des Throns von Neapel eine vortreffliche Bühne zur Selbstdarstellung in Rom bot.  [3]

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Wäre Duval ein Jahr später in Rom gewesen, so hätte er am Vorabend des Festes der Apostelfürsten in der Peterskirche nicht die Präsentation der Chinea erlebt, sondern eine Rede Papst Pius' VI. vor versammeltem Kardinalskollegium, Klerus und Volk, in der er beklagte, dass sein geliebter Sohn in Christus König Ferdinand beider Sizilien sich dem "plenum Homagium, Ligium ac Vassallagium" entzogen habe, das er mit den üblichen Solennitäten zu leisten dem Heiligen Stuhl und dem Pontifex doch verpflichtet sei. [4] Am folgenden Tag legte auch der Procurator generalis der Päpstlichen Kammer ebenfalls in der Vatikanbasilika, also dort, wo üblicherweise der sizilianische "census" dargebracht wurde, eine Protestation dagegen ein, dass die Präsentation der 7.000 Dukaten und der Chinea "in recognitionem veri, supremi, & directi dominii, quod habet Sedes Apostolica super Regno Siciliae cum tota Terra circa Pharum usque ad terminos, & confinia Status Ecclesiastici" unterblieben sei. [5] Am 22. Juli folgte eine weitere Protestation dagegen, dass der neapolitanische Geschäftsträger 7 165 Dukaten nunmehr "privatamente" beim Monte di Pietà zur Verfügung des Heiligen Stuhls hinterlegt, nicht aber die Chinea ordnungsgemäß präsentiert habe.  [6]

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Der oben skizzierte Beginn des Konflikts um die Chinea lässt einige zentrale Elemente erkennen, die den Streit zwischen Rom und Neapel wesentlich prägten:
Der Streit war aus römischer Perspektive ein Rechtsstreit, genauer gesagt, ein lehnsrechtlicher Streit, der dadurch charakterisiert war, dass die Kurie, vertreten durch die Apostolische Kammer, zugleich als Klägerin, wie in der Person des Papstes als Richterin auftrat.
Der König verweigerte nicht grundsätzlich die übliche Zahlung, interpretierte sie aber in eine – freiwillige – fromme Gabe um.
Gegenstand des Konflikts waren also weniger die 7.000 Dukaten noch das weiße Pferd an sich, sondern die in deren Präsentation zum Ausdruck kommende Anerkennung des päpstlichen "Dominium directum" über das Königreich Neapel.
Der Streit wurde öffentlich geführt.

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Diese vier Punkte gilt es im Blick zu behalten, wenn nun die Ereignisse in ihrer chronologischen Ordnung skizziert und, in einem zweiten Teil, Kernargumente beider Seiten in dem publizistischen Streit um die Chinea herausgearbeitet werden. Abschließend wird das Ende des päpstlichen Lehenssystems – jedenfalls jenseits der Grenzen des Kirchenstaats – in einen weiteren Kontext eingeordnet.

1. Das Ende der Chinea-Präsentation in seinem politischen Kontext

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Vom Februar 1760 datiert die Investitururkunde, kraft derer Papst Klemens XIII. dem damals neunjährigen König Ferdinand IV. sowie seinen männlichen und weiblichen Erben nach Primogeniturordnung das "Königreich Sizilien und Jerusalem mit allen Gebieten zwischen dem Faro und den Grenzen des Kirchenstaats" mit Ausnahme der päpstlichen Enklaven Benevent und Pontecorvo zu Lehen gab.  [7] In diese Urkunde wurde auch der Wortlaut des Treueids aufgenommen, den der Kardinal Orsini am 29. November 1759 im Namen des Königs geleistet hatte ("plenum homagium, Ligium & Vassallagium").  [8] In den folgenden Jahren hatte der König bzw. sein Bevollmächtigter wie seine Vorgänger regelmäßig den festgelegten Lehnszins, die 7.000 Dukaten ebenso wie die geschmückte Chinea, am Festtag bzw. der Vigil der Apostel Petrus und Paulus in der Peterskirche feierlich dargebracht. Allerdings konnte ein aufmerksamer Beobachter schon in jener Zeit eine unterschiedliche Bewertung und Einordnung der Zeremonie durch Lehnsherr und Vasall feststellen: Während der Papst in seiner Antwortformel eindeutig die Lehnshoheit nicht nur über den festländischen Teil des Doppelkönigreichs, sondern auch die Insel Sizilien beanspruchte,  [9] war in der Formel des königlichen Bevollmächtigten nur vom "censo pel regno di Napoli" die Rede, der auch nicht ausdrücklich mit einem "dominio diretto" des Papstes begründet wurde, während der König selbstverständlich das Prädikat "sovrano" erhielt.  [10] Zugleich lässt sich, schon vor 1788, eine Aushöhlung des Zeremoniells erkennen, wenn die "valdrappa", die Schabracke, die die Chinea trug und die damit eigentlich Bestandteil des Lehnszinses war, nicht beim päpstlichen Lehnsherrn verblieb, sondern immer wieder durch den neapolitanischen Gesandten für 200 scudi zurückgekauft wurde, um im nächsten Jahr wiederverwendet zu werden.  [11] Sogar das Lehnspferd selbst konnte für den Preis von 25 scudi vom päpstlichen Marstall zur Verfügung gestellt werden.  [12]

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Die Ereignisse von 1788 hatten ein Vorspiel: Bereits 1776 nahm der leitende neapolitanische Minister Bernardo Tanucci einen Präzedenzstreit zwischen der Dienerschaft des spanischen Gesandten und des Governatore von Rom (der ohne größere Probleme beigelegt werden konnte und an Heftigkeit überhaupt nicht mit früheren Konflikten dieser Art zu vergleichen war) zum Vorwand, die Präsentation der Chinea in der hergebrachten Form zur Disposition zu stellen: Vorgeblich um derartige Streitigkeiten in Zukunft zu vermeiden, erging der Befehl, dass die Präsentation künftig nicht mehr in feierlicher Kavalkade durch den Konnetabel des Königreichs, sondern in schlichter Form durch den neapolitanischen Agenten erfolgen sollte. Die eigentliche Stoßrichtung dieser Maßnahme wird in einem Schreiben des ersten Ministers Tanucci an den Gesandten in Rom deutlich, in dem er den "censo" nämlich als "atto di […] devozione" des Königs "verso i SS. Apostoli" bezeichnet, dessen "forma dipende dal suo volere e dall'impulso della sua pietà e religiosa compiacenza".  [13] Damit qualifiziert er diesen nicht als lehnsrechtliche Verpflichtung, sondern als eine freiwillige fromme Geste des Monarchen und verändert damit ihren Charakter ganz grundsätzlich. Dementsprechend beunruhigt reagierte die Kurie und setzte alles daran, Ferdinand IV. umzustimmen. Dank der Vermittlung des Madrider Hofs und infolge des Sturzes Tanuccis blieb am Ende die Chinea-Präsentation in der hergebrachten Form vorläufig erhalten,  [14] doch die neue Regierung teilte in dieser Frage grundsätzlich die Ansichten Tanuccis. Insbesondere die Königin, Maria Carolina von Österreich, strebte ein Ende der päpstlichen Lehnshoheit an.  [15]

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Die Bestrebungen Neapels, sich der päpstlichen Lehnshoheit zu entziehen, kontrastieren auffällig mit den einige Jahrzehnte zurückliegenden Bemühungen der um das spanische Erbe und damit auch um das Königreich Neapel streitenden Prätendenten Erzherzog Karl und Philipp von Anjou, die Anerkennung des päpstlichen Lehnsherrn zu erlangen. In diesem Zusammenhang hatte ebenfalls die Chinea eine erhebliche Rolle gespielt, welche die Repräsentanten der beiden Kontrahenten dem damals regierenden Papst Clemens XI. mit allerlei Listen aufzudrängen versucht hatten.  [16] Seit damals hatten sich aber einige Dinge geändert: Abgesehen davon, dass seinerzeit die besondere Situation des Erbkonflikts vorgelegen hatte und die in der Annahme der Chinea zum Ausdruck kommende Anerkennung durch den päpstlichen Lehnsherrn den eigenen Anspruch auf das Königreich untermauert hätte, war durch den Übergang Neapel-Siziliens an eine spanisch-bourbonische Sekundogenitur im Zuge des Wiener Friedens von 1735/38 Neapel nicht mehr das Nebenland eines in seiner Eigenschaft als römisch-deutscher Kaiser oder König von Spanien zweifelsohne souveränen Monarchen, sondern sein Hauptland.  [17] Dessen Souveränität aber musste über jeden Zweifel erhaben sein, um nicht einen Schatten auf die den übrigen Königen Europas gleichberechtigte Stellung des Herrschers zu werfen.  [18] Zum zweiten hatte das päpstliche Lehnssystem durch den faktischen Verlust Parma-Piacenzas eine deutliche Schwächung erlitten.  [19] Abgesehen von einigen kleineren oberitalienischen Lehen und nicht mehr durchzusetzenden Ansprüchen bestand es außerhalb des Kirchenstaates in der Tat nunmehr nur noch aus dem Königreich Neapel. – Beide genannten Faktoren mochten der neapolitanischen Regierung die Lösung aus der päpstlichen Lehnsabhängigkeit umso wünschenswerter erscheinen lassen. Dazu kam noch, dass im Zuge der Aufklärung das Papsttum und insbesondere dessen weltliche Herrschaft unter immer stärkeren Beschuss gerieten – auf diesen Punkt wird noch ausführlich zurückzukommen sein.  [20]

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Dass ausgerechnet 1788 die Entscheidung zur "abolizione" der Chinea-Präsentation fiel, steht im Zusammenhang mit den gravierenden Konflikten über die kirchliche Jurisdiktion in Neapel und mit den im Frühjahr 1788 gescheiterten Verhandlungen darüber, wodurch die Beziehungen zwischen Rom und Neapel empfindliche gestört waren. Man würde jedoch zu kurz greifen, wenn man die Verweigerung der Chinea allein als Druckmittel interpretierte, um die Kurie zum Nachgeben in den Konkordatsverhandlungen zu veranlassen.  [21] Die Lösung Neapels aus der Lehnsbindung an den Heiligen Stuhl war vielmehr ein eigengewichtiges Anliegen des Königspaars und seiner Minister.

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Dies zeigt auch die heftige Reaktion der Kurie, die Kopien der eingangs zitierten Rede des Papstes unter den in Rom akkreditierten Botschaftern, unter den Nuntien, Kardinälen und Prälaten verteilte. Am 3. Juli richtete Pius VI. zudem ein ausführliches Schreiben an Ferdinand IV., in dem er v.a. die Position der Kurie in den gescheiterten Verhandlungen rechtfertigte, sich daneben auch über die unterlassene Präsentation der Chinea beschwerte, zugleich allerdings zu erkennen gab, wie sehr ihm an einer Wiederherstellung des guten Einvernehmens mit Neapel gelegen sei.  [22] Davon war man allerdings weit entfernt! Ferdinand IV. leugnete in seiner Antwort vom 20. Juli seine Verpflichtung zur Chinea-Präsentation, und zudem spitzte sich die kirchenpolitische Lage weiter zu, als im Oktober 1788 eine königliche Anordnung an die Bischöfe des Königreichs erging, die Verwaltung der aufgrund der kurialen Nichtbesetzungspraxis verwaisten Nachbardiözesen zu übernehmen – aus päpstlicher Sicht ein unerhörter Eingriff in die kirchlichen Belange. Unter diesen Voraussetzungen bestand vorläufig wenig Hoffnung auf eine Ausräumung des Konflikts, und auch Vorschläge des Papstes, eine Einigung auf allerhöchster Ebene, unter Umgehung der Minister, anzustreben, liefen ins Leere.  [23]

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Stattdessen gab es, als auch 1789 keine Chinea präsentiert wurde, sondern wie 1788 lediglich 7 175 Dukaten zur Verfügung der Apostolischen Kammer deponiert wurden, eine Wiederholung der Protestationen des Vorjahrs. Vergeblich hatte Pius VI. im Vorfeld des Apostelfestes in einem Schreiben an Ferdinand IV. seinem Wunsch nach einer Beilegung der Streitigkeiten Ausdruck verliehen, an die Frömmigkeit des Königs appelliert, zugleich jedoch nachdrücklich auf dem vollständigen "censo" bestanden und sich dazu unter anderem auf die Lehnsbriefe von Klemens IV. für Karl I. Anjou von 1265 über den von Julius II. für Ferdinand den Katholischen von 1510 bis hin zu dem von Klemens XIII. für Ferdinand IV. selbst berufen.  [24]

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Obwohl sich die Beziehungen zwischen Rom und Neapel unter dem Außenminister General Acton, dem Günstling der Königin, und im Zuge der gemeinsamen Gegnerschaft gegen die Französische Revolution in den folgenden Jahren deutlich verbesserten, kam es in der Chinea-Frage zu keiner Einigung. Zwar stellte Ferdinand IV. dem Papst im Rahmen eines persönlichen Treffens in Rom im April 1791 in Aussicht, ihm nach der Regelung der übrigen Streitfragen in diesem Punkt entgegenzukommen.  [25] Als jedoch im folgenden Jahr Kardinal Campanelli und General Acton über ein Konkordat verhandelten, bemühte sich der neapolitanische Minister, die Chinea-Frage auszuklammern, indem er behauptete, in diesem Punkt nicht bevollmächtigt zu sein. Pius VI. dagegen ging so weit, die Konkordatsverhandlungen wegen der Chinea-Frage scheitern zu lassen. Er war zwar bereit, den neapolitanischen Wünschen so weit zu entsprechen, dass dieses Problem aus dem abzuschließenden Vertrag auszuklammern sei. Er bestand jedoch unter Berufung auf die seinerzeitige Investitururkunde als bindender vertraglicher Grundlage auf einem Handschreiben des Königs, in dem dieser sich zur Chinea-Präsentation wie vor 1788 und ohne die Behauptung, dies geschehe als freiwilliger Akt der Frömmigkeit, verpflichten sollte. Ohne eine solche Handhabe könne es nach fünfjähriger Unterbrechung der Lehnshuldigung nicht abgehen. [26] Doch auch diesmal drang Rom mit seinen Forderungen nicht durch. Stattdessen wurden über den Pontifikat Pius' VI. hinaus alljährlich zum Apostelfest die Protestationen wiederholt, ohne dass dies jedoch Eindruck auf den neapolitanischen Hof machte – so nützlich das Instrument der Protestation zur Wahrung des eigenen Rechtsanspruchs war, so sehr pflegte sich diese Waffe abzunutzen, wenn sie regelmäßig angewendet wurde, ohne das beanstandete Monitum abstellen zu können.

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Bis weit ins 19. Jahrhundert hielt die Kurie an ihren Ansprüchen auf den neapolitanischen censo fest. Im Zuge der verschiedenen Besitzwechsel Neapels im Napoleonischen Zeitalter schien es, als könnten die päpstlichen Anschauungen doch noch zum Zuge kommen: Als im Jahr 1806 Joseph Bonaparte von seinem älteren Bruder auf den neapolitanischen Thron erhoben wurde, wurde Pius VII., als er den Kaiser an die erforderliche Belehnung durch den Heiligen Stuhl erinnerte, von diesem zwar harsch zurückgewiesen, doch um dieselbe Zeit erklärte andererseits der nach Sizilien verdrängte Ferdinand IV. nun seine Bereitschaft, zu gegebener Zeit die Chinea präsentieren zu lassen, um seine Ansprüche als legitimer König Neapels zu demonstrieren.  [27]

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Auch der 1808 auf den Thron von Neapel gelangte Joachim Murat versuchte durch die Erlangung der päpstlichen Investitur seine Königsherrschaft zu befestigen,  [28] doch im 19. Jahrhundert kam es zu keiner Belehnung eines neapolitanischen Königs und zu keiner Chinea-Präsentation mehr. Nicht einmal die Zahlung einer freiwilligen "largizione" wurde nun noch angeboten. Im Sommer 1815 erfolgten die üblichen Protestationen, und als Pius VII. Ferdinand IV. (bzw. nunmehr Ferdinand I. beider Sizilien) im folgenden Jahr an sein seinerzeitiges Versprechen erinnerte, entgegnete dieser, das Lehnswesen in Europa sei abgeschafft, und im Wiener Friedensvertrag als der völkerrechtlichen Basis seiner Herrschaft sei nicht die Rede von der Oberhoheit des Papstes.  [29]

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Erst wenige Jahre vor dem Ende des Königreichs wurde der Konflikt um die Chinea endgültig aus der Welt geschafft: Gegen die einmalige Zahlung von 10 000 scudi für die Errichtung des Denkmals zur Verkündigung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis verzichtete der Heilige Stuhl 1855 auf die Proteste wegen der unterlassenen Chinea-Präsentation und damit ein für allemal auf die Lehnshoheit über Neapel.  [30]

2. Die öffentliche Debatte um die Chinea

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Die Auseinandersetzung um die Chinea wurde nicht nur in diplomatischen Verhandlungen geführt, sie hatte, wie bereits angedeutet, von Anfang an eine starke öffentliche Komponente. Ebenso wie das Unterbleiben der üblichen Präsentation der Chinea nicht nur von der römischen und neapolitanischen, sondern von einer europäischen Öffentlichkeit wahrgenommen wurde, fanden auch die päpstliche Rede vom 28. Juni 1788 und die Protestationen im öffentlichen Raum, konkret in der Peterskirche, statt. Der Rede des Papstes kommt besondere Bedeutung zu: Sie stellt die erste öffentliche und offizielle Äußerung der Kurie in diesem Konflikt dar und wurde nicht nur an alle Diplomaten des Vatikans verschickt, sondern auch im Druck verbreitet.  [31] Insofern scheint es sinnvoll, auf sie zurückzukommen und die Darstellung der kurialen Position mit ihrer Analyse zu beginnen.

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In seiner Rede definierte der Papst, wie oben ausgeführt, das Verhältnis zwischen dem Heiligen Stuhl und der Krone Neapel unmissverständlich als ein im vollen Sinne lehnsrechtliches mit dem Papst als Lehnsherrn und dem König als Vasall. Er sprach nicht ausdrücklich aus, dass bei einer Verletzung der Vasallenpflichten dementsprechend der Lehnsentzug erfolgen konnte, aber im Hintergrund schwang diese Drohung mit. Zwar wurde anders als 1598 im Fall Ferrara über den unbotmäßigen fürstlichen Vasallen nicht der Kirchenbann verhängt und auch nicht förmlich angedroht – Ort, Zeitpunkt und Umstände der päpstlichen Rede evozierten jedoch eine gewisse Nähe zum Akt der Exkommunikation.  [32]

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Um seine Ansprüche zu begründen, berief sich Pius VI. auf den Jahrhunderte lang ungestörten Besitz des Heiligen Stuhls, das Vertrauen in die Heiligkeit der Verträge, die geleisteten Eide und die "pactio investiturae". Unter Beteuerung seines Wunsches nach Einigung über die zwischen Kurie und König schwebenden Fragen der kirchlichen Autorität und Gerichtsbarkeit äußerte der Papst die Vermutung, es seien streitlustige Männer ("homines contentionis studiosi"), welche die königlichen Ratgeber zu diesen verkehrten Maximen veranlassten – der Gedanke an die papst- und kirchenkritische Aufklärung drängt sich sogleich auf.  [33] Die Argumente der päpstlichen Allokution wurden aufgegriffen und vertieft in der Protestation des Fiskals, in dem Schreiben an Ferdinand IV. vom 3. Juli 1788 sowie in den diplomatischen Verhandlungen mit dem Hof von Neapel.  [34]

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Das Alter der päpstlichen Ansprüche, der Jahrhunderte lange ungestörte Besitz und die ununterbrochene Reihe der päpstlichen Investituren für die süditalienischen Könige bis hin zum aktuell regierenden Monarchen bildeten auch das Hauptargument der Kurie in dem sich entfesselnden publizistischen Streit. Gegen das bereits 1785 in Neapel erschienene Esame della pretesa donazione fatta da S. Arrigo Imper. alla S. Sede, das die Schenkung Kaiser Heinrichs II. an Papst Benedikt VIII. aus dem Jahr 1020 in Zweifel zog, sowie gegen zwei kleinere Schriften richtete sich die 1788 anonym in Rom erschienene Breve Istoria del Dominio temporale della Sede Apostolica nelle Due Sicilie aus der Feder des einflussreichen Kardinals Stefano Borgia, der auch als Berater des Papstes in der Chinea-Frage fungierte.  [35]

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Zwar war das Manuskript nach der Aussage Borgias Ende Juni 1788 bereits abgeschlossen und großenteils gedruckt, dennoch trägt er den jüngsten Entwicklungen in mehrfacher Hinsicht Rechnung, indem er auf dem Titelblatt einen Kupferstich der Chinea-Präsentation platziert und seinem Vorwort die kommentierte Rede Pius VI. vom 28. Juni 1788 voranstellt. [36] In seiner Prefazione tut Borgia so, als müsse er sich für die Abfassung seiner Studie geradezu entschuldigen, indem er auf das Erscheinen des Esame della pretesa donazione verweist: Vorher hätte schon die siebenhundertjährige "prescrizione" für jeden vernünftigen Menschen als hinreichender Beweis gedient, selbst wenn er die übrigen Rechtstitel nicht gekannt hätte.  [37] Zunächst habe man beabsichtigt, diese Schrift unbeantwortet dem wohlverdienten Vergessen anheim fallen zu lassen. Da man aber in einer Zeit lebe, in der jeder es liebe zu lesen und ein Großteil der Leser aus Unwissenheit oder Verderbtheit des Herzens das dargebotene Gift aufsauge, habe er sich genötigt gesehen, zur Feder zu greifen.  [38] In Borgias Vorwort wird bei allem zur Schau getragenen Selbstbewusstsein unverkennbar deutlich, dass sich die Römische Kirche auf publizistischem Feld in der Defensive befand.

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Es ist hier nicht der Ort, ausführlich auf die Argumentation Borgias einzugehen. Eine knappe Übersicht mag genügen: Im ersten Buch behandelt er chronologisch die Ursprünge und die Rechtstitel des dominio des Heiligen Stuhls auf die beiden Sizilien, im zweiten die "atti di ricognizione" der Fürsten der Sizilien. Im dritten Buch wird die Urkunde Heinrichs II. verteidigt, gegen die sich die Angriffe des Esame ja vor allem richteten. Es geht Borgia in seiner gelehrten, vorwiegend historisch-juristisch argumentierenden Abhandlung also vor allem darum, die päpstlichen Rechtstitel zusammenzustellen und gegen etwaige Fälschungsvorwürfe ihre Echtheit zu beteuern.

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Der Abhandlung vorangestellt ist eine "Dissertazione preliminare", in der Borgia zu zeigen versucht, "von welchem Nutzen für die christliche Republik die weltlichen Herrschaftsrechte der Römischen Kirche immer gewesen" seien. Der Heilige Stuhl habe nichts von den "grandi e coronati suoi figli" zu befürchten, denn diese würden ihm niemals den geringsten Schaden zufügen. Einige "privati scrittori" versuchten aber aus "adulazione", "interesse" oder "bizzarria" und aus Neid auf die "temporale grandezza", seinen "titolo di dominio" zu erschüttern, indem sie "amari libercoli" im Volk gegen eine "si buon madre" verbreiteten. [39] Der Neid auf den Reichtum der Römischen Kirche sei nicht erklärlich, denn diese sei zu jeder Zeit "confugium atque relevatio infirmantium" gewesen. Borgia führt zahlreiche Beispiele für die "liberalità" und die "carità" des Papsttums seit der Antike an, wozu er beispielsweise auch die päpstlichen Beiträge zum Türkenkrieg rechnet, um so zu belegen, dass der Besitz der Römischen Kirche stets der gesamten Christenheit und insbesondere den beiden Sizilien zugute gekommen sei.

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Die erste offizielle Entgegnung des Hofs von Neapel auf die päpstliche Allokution vom 28. Juni und das Schreiben Pius' VI. vom 3. Juli 1788 war die Antwort Ferdinands IV. vom 20. Juli 1788. Darin stellte sich der König auf den Standpunkt, dass die Kurie niemals das Königreich Neapel besessen habe, das vielmehr von den Normannen qua Eroberung erworben sei, und erinnerte daran, dass die päpstlichen Oberhoheitsansprüche auf das Heilige Römische Reich, Sizilien, Sardinien, Aragon, England und Schottland sich in Luft aufgelöst hätten. Es sei allerdings überflüssig, derartige Fragen zu erörtern, da er ja die 7.000 Golddukaten zuzüglich des Wertes für den Zelter aus Ehrerbietung für die Apostelfürsten zur Verfügung gestellt habe. Die von der Kurie eingeforderte "pompa" hingegen sei fakultativ, da sie sich nicht in den alten Lehnbriefen, sondern erstmals in den Urkunden für Kaiser Karl VI. und König Karl III. finde; in der seinigen sei sie gar nicht enthalten. [40]

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Auch auf Seiten der proneapolitanischen Publizistik gibt es ausführliche Deduktionen, die es an Gelehrsamkeit mit den Darlegungen Borgias aufnehmen können und die historisch nachzuweisen suchen, dass von einer Jahrhunderte lang unbeeinträchtigten päpstlichen Lehnsherrschaft eben nicht die Rede sein könne. Gefährlicher als Gelehrtendiskussionen um einzelne Dokumente und deren Interpretation waren für den Heiligen Stuhl jedoch andere Angriffe, die einen viel grundsätzlicheren Charakter hatten und in kurzer, prägnanter und öffentlichkeitswirksamer, vielfach auch polemischer Form vorgetragen wurden. Da gab es eine imaginäre Allocuzione del Cardinale N. N. an den Papst und die Risposta del Papa darauf, da gab es einen Dialogo tra S. Lino Secondo Pontefice Romano e S. Aspreno Primo Vescovo Napoletano und, in Gedichtform, den Discorso Al Papa il Re, um nur einige Beispiele zu nennen. Ohne diese Schriften, die vielfach Bezug auf die päpstliche Allokution, gelegentlich aber auch auf die Ausführungen Borgias nahmen, hier jede für sich detailliert darstellen zu können,  [41] sollen im Folgenden die wichtigsten gegen die päpstliche Lehnsherrschaft gerichteten Argumentationsstränge skizziert werden.  [42]

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Da die Investituren für die Könige von Neapel das stärkste Argument der Römischen Kurie waren, verwandte die Gegenseite große Energie darauf, diese, wie es in einem Text heißt, für uneinnehmbar gehaltene Festung zu stürmen. [43] Ein 'Sprengsatz' von entscheidender Bedeutung war dabei das Argument, die Päpste hätten in ihren Lehnbriefen etwas vergeben, was sie gar nicht hätten vergeben können, weil sie es nicht besaßen.

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Um dieses Argument zu stützen, war es zunächst von großer Bedeutung, die Urkunden der Karolinger sowie der ottonischen und salischen Kaiser zu entkräften, auf die sich die Kurie als erste Basis ihrer süditalienischen und sizilianischen Herrschaftsansprüche berief. Eine mögliche Taktik war dabei die, diese Privilegien schlichtweg als Fälschungen zu bezeichnen. Dies taten etwa die Lettera di un’Amico in Napoli [44] und Alessio Aurelio Pelliccia, der in seinem anonymen Memoriale di un cattolico den Papst rhetorisch aufforderte, die Originale der fraglichen Dokumente, falls sie denn im Archiv der Engelsburg tatsächlich existierten, dem diplomatischen Corps zur Prüfung vorzulegen . [45]

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Wenn man denn bereit war, die Existenz der fraglichen Privilegien zuzugestehen, wurden sie als irrelevant betrachtet, entweder weil die betreffenden Herrscher nicht über die fraglichen Gebiete hätten verfügen können oder weil sie ihrerseits als Lehnbriefe zu verstehen seien, die den Päpsten lediglich das dominium utile übertragen hätten. [46] Den Investituren der Normannenfürsten sprach man deswegen die Gültigkeit ab, weil die legitimen Besitzer der übertragenen Gebiete das westliche bzw. das östliche Kaiserreich gewesen seien. Selbst wenn die Päpste durch kaiserliches Privileg das dominium utile in Süditalien erhalten hätten, hätten sie diese nicht ohne Zustimmung des Oberherrn weiterveräußern dürfen.  [47] Ein anderer Argumentationsstrang war der, dass die Normannen einen Besitztitel qua ius belli erworben hätten, der keiner weiteren Bestätigung bedurft hätte. [48] Nach dieser Lesart handelte es sich bei den ersten päpstlichen Privilegien zugunsten der Normannenfürsten nicht um echte Investituren, sondern um eine "semplice offerta".  [49]

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Für die Anerkennung der päpstlichen Lehnshoheit durch den jungen Friedrich II. deutet Pelliccia einen Fall von Betrug an – schließlich habe der Staufer seine Rechte noch gar nicht kennen können.  [50] Deutlich schärfer noch sind die Angriffe hinsichtlich der späteren Stauferzeit und der Investitur für Karl I. von Anjou, welche die Rechte des Heiligen Stuhls über Sizilien besonders extensiv auslegte. Die Ungültigkeit dieses Lehnbriefs und damit auch der folgenden wurde nämlich damit begründet, dass der Papst keine Rechte über das Königreich besessen habe, welches er vielmehr als Usurpator und Invasor seinen legitimen staufischen Herren entrissen habe.  [51] Pelliccia ging sogar so weit, allen Anjou- und auch den aragonesischen Königen von Sizilien die Legitimität abzusprechen: Erst mit Ferdinand dem Katholischen, dem Nachfahren der Staufer, habe wieder die legitime Dynastie die Herrschaft übernommen.  [52] Dieser Ahnherr des derzeit regierenden Ferdinand war diesem Autor auch deswegen so wichtig, weil er zwar schließlich eine päpstliche Investiturbulle akzeptiert, immerhin aber die Abschaffung des censo für Neapel erreicht habe.  [53] Die Quintessenz aus allen bis hierher dargestellten Beweisführungen der antikurialen Publizisten war, dass das zentrale päpstliche Argument des Jahrhunderte langen, friedlichen und ungestörten Besitzes nichts wert sei, denn dieser Besitz sei auf Unrecht gegründet. [54]

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Blieb diese Argumentationslinie noch halbwegs bei einer juristisch-historischen Entgegnung auf die päpstliche Position stehen, gingen einige Schriften deutlich darüber hinaus, wenn sie nicht nur die Ursprünge der kurialen Oberhoheitsansprüche über Neapel als ungerecht brandmarkten, sondern die weltliche Herrschaft des Papstes prinzipiell attackierten. Besonders nachdrücklich kritisiert Alessio Aurelio Pelliccia in seinem Memoriale di un cattolico alla Santità di papa Pio VI das Faktum, dass der Papst an einem Tag und an einem Ort, an dem er eigentlich eine Rede zur Erbauung der Gläubigen hätte halten sollen, über Lehnsrechte und Souveränität gesprochen habe. [55] In ähnlicher Weise wird in der Lettera scritta ad un amico in provincia das Befremden über den päpstlichen Protest an dem Apostelfest – unmittelbar nach dem Pontifikalamt, noch im priesterlichen Ornat, im Petersdom! – geäußert. [56] Auch Francesco Saverio Salfi vertritt in La nuova forma della Chinea nicht nur die Auffassung, dass durch den Wegfall der Chinea-Präsentation das Apostelfest keineswegs geschmälert werde – im Gegenteil!  [57]

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In mehreren Schriften wird die prinzipielle Unvereinbarkeit zwischen der evangelischen und apostolischen Demut und Armut einerseits und der Herrschsucht Roms andererseits unterstrichen: Das Reich Christi, dessen Vikar der Papst sei, sei nicht von dieser Welt!  [58] Die mittelalterlichen Päpste dagegen hätten sich als Universalmonarchen betrachtet und neben der geistlichen auch die weltliche Gewalt für sich beansprucht. [59] In einer Schrift, dem fiktiven Dialog zwischen dem Heiligen Linus, dem Nachfolger Petri als Bischof von Rom, und dem Heiligen Aspremus, dem ersten Bischof von Neapel, wird sogar der zweite Papst als Kronzeuge für den Irrweg der römischen Kirche aufgeboten.  [60] Vielfach wurde, um dieses Argument noch zu verstärken, zugleich aber das Petrusamt als solches zumindest vordergründig aus der Schusslinie herauszuhalten, explizit zwischen der Cathedra Petri und dem Römischen Hof unterschieden, wobei letzterer als der Propagator der maßlosen Herrschaftsansprüche identifiziert wurde.  [61] Einige Schriften deuten an, dass durch eine Konzentration auf die eigentlichen, geistlichen Belange und die Preisgabe zweifelhafter Rechte der allgemeine Respekt vor dem Papst gestärkt würde,  [62] andere dagegen lassen durchblicken, dass sie das ganze System der Römischen Kirche für bloße Scharlatanerie halten.

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Am weitesten in diese Richtung gehen zweifelsohne die Allocuzione del Cardinale N.N. al Papa und die Risposta del Papa all’allocuzione del Cardinale N.N. In der erstgenannten Schrift beschwört der anonyme Kardinal, mit dem offensichtlich Stefano Borgia gemeint ist,  [63] den Papst im Namen des "großen, auf den Trümmern der evangelischen Armut errichteten Werks" [64], seine Methoden den veränderten Zeiten anzupassen. Es geht ihm offensichtlich nicht um eine echte Preisgabe der Herrschaftsinteressen der Römischen Kirche, sondern darum, durch eine äußerliche Absage an die weltliche Macht und die Konzentration auf die religiösen Belange zu retten, was zu retten ist. [65] Noch ätzender ist die Kirchen- und Papstkritik, die in der imaginären Antwort Pius' VI. auf die fiktiven Beschwörungen des Kardinals zum Ausdruck kommt. Der Papst macht nämlich sehr deutlich, dass er keineswegs daran denkt, seiner Herrschaft zu entsagen. Er beabsichtige allerdings nicht, die alten Waffen anzuwenden, sondern werde sich stattdessen auf Zwietracht, Verleumdung und Hinterlist verlassen. [66] Indem man sich die Religion, der das Papsttum alle seine Gewinne verdanke, auf die Standarten schreibe, werde man sich in die Herzen von Souveränen und Volk schleichen, selbst wenn die Berufung auf die Religion nicht mehr so wirkmächtig sei wie in früheren Zeiten und heutzutage erkannt werde, dass die Interessen des Klerus und der Religion nicht identisch seien.  [67] Unter den Machenschaften der Kurie wird insbesondere auf die Taktik angespielt, mit den Monarchen selbst zu verhandeln, um so die aufgeklärten Minister auszumanövrieren – dem Verfasser dürfte der entsprechende Vorschlag Pius' VI. vom September 1788 bekannt gewesen sein. [68]

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Nicht nur die päpstlichen Lehnsansprüche über Neapel wurden aufs Korn genommen. Unterstellt wurde vielmehr, dass diese ein Überrest der mittelalterlichen Weltherrschaftspläne der Kurie seien. In diesem Zusammenhang fand regelmäßig die Konstantinische Schenkung Erwähnung,  [69] womit unterstrichen wurde, dass die kurialen Prätentionen auf Lug und Betrug aufgebaut seien, und wurden die "dunklen Jahrhunderte" dem gegenwärtigen "aufgeklärten Jahrhundert", in dem derartige Täuschungen nicht mehr verfingen, gegenübergestellt. [70] Wenn aber der päpstliche Lehnsanspruch von Anfang an illegitim gewesen war, dann konnten auch die Lehnseide einen König von Neapel nicht binden!  [71]

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Dies war eine Möglichkeit mit dem Problem umzugehen, dass die Könige von Neapel und dass Ferdinand IV. selbst 1759/60 die päpstliche Investitur genommen und bis 1787 Chinea und censo dargebracht hatte. Eine andere, in mehreren Schriften angewendete Strategie war die Übernahme der Argumentation in den königlichen Schreiben an Pius VI.: Von Anfang habe es sich nur um ein "riconoscimento di ossequio" gehandelt. [72]

<34>

Der Rückgriff auf die päpstlichen Herrschaftspläne des Mittelalters wurde in noch anderer Weise für die neapolitanische Argumentation nutzbar gemacht. Indem Neapel in eine Reihe mit zahlreichen anderen Königreichen gestellt wurde, die vom 11. bis 13. Jahrhundert dem Schutz des Heiligen Petrus unterstellt worden seien, bei denen jedoch kein vernünftiger Mensch eine päpstliche Oberherrschaft annehmen könne,  [73] stellte beispielsweise Ciro Econdallo in seiner Epitome istorica sul censo Napolitano die rhetorische Frage, warum, nachdem alle anderen Monarchen die kurialen Forderungen zurückgewiesen hätten, nun ausgerechnet der König von Neapel als einziger ein päpstlicher Vasall bleiben sollte?  [74]

<35>

Der Verweis auf die "Normalität im europäischen Maßstab" spielt aber noch in anderer Hinsicht eine Rolle, wenn nämlich die Anschauung vertreten wird, dass Könige gar nicht Vasallen sein könnten, da sie ihre Herrschaft unmittelbar von Gott hätten [75] und da Königtum und Vasallentum prinzipiell unvereinbar seien. [76] Das Gottesgnadentum wird ausdrücklich auch für Ferdinand IV. in Anspruch genommen,  [77] wobei vielfach zusätzlich auf das Erbrecht bzw. die Herrschaftsübertragung durch seinen Vater Karl III. verwiesen wird.  [78] Besonders nachdrücklich stellt der anonyme Autor des Discorso Al Papa il Re die – in seinen Augen – Absurdität der päpstlichen Position heraus, wenn er seinen König an den Papst die Frage richten lässt: "E tu, qual tuo Baron, vuoi, che ti renda Omaggio …?"  [79] Dies macht deutlich: Vasallität und königliche Souveränität waren in den Augen vieler Zeitgenossen nicht miteinander in Einklang zu bringen, die wie der Discorso sulla chinea pretesa da Roma von der "incoerenza della natura del regno da quella del feudo" ausgingen.  [80] Einige Schriften bringen göttliches und Naturrecht ins Spiel [81] oder argumentieren explizit mit der Konstruktion des Herrschaftsvertrags: Der König als "Wächter, Verteidiger und Erhalter des Staats" könne und dürfe die Rechte des Fürsten, die zugleich Rechte der Nation seien, nicht zu deren Schaden preisgeben – schließlich habe er lediglich den Nießbrauch der "ragioni del popolo".  [82]

<36>

Es dürfte deutlich geworden sein, dass die päpstliche Seite vielleicht die besseren historisch-juristischen Argumente vorzuweisen hatte, dass die gegnerische Position sich jedoch ganz im Einklang mit dem herrschenden Geist der Aufklärung befand – gelegentlich wurde in den antipäpstlichen Schriften ausdrücklich auf die "opinione comune" hingewiesen.  [83] Zwar publizierte Stefano Borgia 1791 eine voluminöse Entgegnung auf die antipäpstlichen Schriften,  [84] die Hoheit über die öffentliche Meinung vermochte die Kurie jedoch nicht mehr zurückzugewinnen.

Schluss

<37>

Am Ende mögen drei abschließende Beobachtungen stehen, die das Ende der Chinea-Präsentation in einen weiteren Zusammenhang stellen. Zugleich soll auch eine Brücke zu den Entwicklungen im Reichslehnsverband geschlagen werden:

<38>

1. Das Bemühen um die Zurückdrängung der oberherrlichen Ansprüche hatte eine starke zeremonielle Komponente. Es ging beiden Seiten eben nicht um die 7.000 Dukaten, sondern um die feierliche Präsentation der Chinea als symbolische Anerkennung der päpstlichen Oberhoheit, wie die Zeitgenossen klar erkannten und auch aussprachen.  [85] Es zeigen sich gewisse Parallelen zu dem Ringen um die kaiserlichen Thronbelehnungen in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, das ja auch einen starken zeremoniellen Aspekt besaß.  [86] Der Konflikt ging dort allerdings nicht so tief wie im hier betrachteten Fall: Die deutschen Kurfürsten zielten nicht unmittelbar auf eine förmliche Aufhebung der Lehnsbindung ab, während der Verzicht auf die Präsentation der Chinea die grundsätzliche Aufkündigung des Lehnsverhältnisses bedeutete und auch so verstanden wurde. Das Zeremoniell wurde also nicht in erster Linie deswegen bekämpft, weil man es als veraltet betrachtete, wie in der antipäpstlichen Publizistik gelegentlich angedeutet wurde, sondern, im Gegenteil, weil es die hierarchischen Unterschiede zwischen dominus directus und Lehnsmann immer wieder neu befestigte.

<39>

2. Das, was sich noch am Ende des 16. Jahrhunderts als eine besondere Stärke des päpstlichen Lehnssystems erwiesen hatte, die Verquickung von geistlicher und weltlicher Gewalt, wurde gegen Ende des Ancien Régime zu einer Belastung. Selbst diejenige Richtung der Aufklärung, die nicht prinzipiell antikirchlich eingestellt war, forderte vehement den Abbau der weltlichen Herrschaftsrechte Roms und die Konzentration auf den geistlichen Bereich. Und die Lehnshoheit über Neapel erschien als ein besonderer Exzess der weltlichen Herrschaftsansprüche des Papstes, der in den finstersten Zeiten des Mittelalters durch Missbrauch der geistlichen Gewalt geboren war und in einem aufgeklärten Zeitalter abgeschafft gehörte. Insofern ist es bezeichnend, aber keineswegs überraschend, dass Pius VI. anders als Clemens VIII. 1598 nicht den Bannstrahl gegen den unbotmäßigen Vasallen schleuderte, denn er musste damit rechnen, dass seine censure wirkungslos verpuffen und allenfalls dem Vorwurf der päpstlichen Herrschsucht neue Nahrung geben würden. [87] Das Papsttum konnte am Ende des 18. Jahrhunderts nur noch in eingeschränkter und vorsichtiger Weise sein geistliches Gewicht zugunsten seiner weltlichen Interessen instrumentalisieren.

<40>

3. Lehnsbeziehungen im zwischenstaatlichen Bereich waren aber auch grundsätzlich zur Anomalie geworden. [88] Hierarchische Elemente behaupteten sich zwar erstaunlich lange im europäischen Staatensystem der Frühen Neuzeit, wurden aber, v.a. im 18. Jahrhundert, sukzessive abgebaut; die Tendenz ging hin zu gleichberechtigten, souveränen Staaten, die keinem Höheren unterstanden und ihrerseits über einen nivellierten Untertanenverband verfügten. Der Anachronismus, welchen die päpstlichen fürstlichen Vasallen sowie die Stände und Vasallen des Heiligen Römischen Reichs darstellten, wurde folgerichtig im Zeitalter der Französischen Revolution und Napoleons weitestgehend hinweggefegt. Nur wenige Jahre nach dem skizzierten Federkrieg waren, wie das die neapolitanischen Publizisten gefordert hatten, die letzten Relikte der päpstlichen (und auch der kaiserlichen) Universalmonarchie für immer beseitigt.

Autor:

Prof. Dr. Matthias Schnettger
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Historisches Seminar, Abt. I
Welderweg 18
55128 Mainz
schnettg@uni-mainz.de
http://www.uni-mainz.de/FB/Geschichte/hist1/



[1] Grégoire Orloff: Mémoires historiques, politiques et littéraires sur le Royaume de Naples [...]. Publié, avec des notes et additions, par Amaury Duval, Bd. 2, Paris 1819, Note XXVII. Sur l'abolition de l'hommage au pape d'une haquenée blanche, 347-350, Zitat 347 f. Eine zeitgenössische deutsche Beschreibung der Chinea-Präsentation findet sich in: Johann Christian Lünig: Theatrum Ceremoniale-Politicum Oder Historisch- und Politischer Schau-Platz Aller Ceremonien [...], Bd. 2, Leipzig 1720, 213, eine ausführliche moderne bei John E. Moore: "Come si costuma per tal funzione". Protocols for the presentation of the Chinea, in: Joseph Imorde / Fritz Neumeyer / Tristan Weddingen (Hg.): Barocke Inszenierung. Akten des internationalen Forschungskolloquiums an der Technischen Universität Berlin, 20.-22. Juni 1996. Emsdetten / Zürich 1996, 236-253; sowie bei Carlo Padiglioni: Della Chinea e del modo come veniva offerta ai romani pontefici. Nota storica, Napoli 1911.

[2] "Chinea" leitet sich ab von frz. "Haquenée" und bezeichnet ursprünglich ein Reitpferd, das auf die Spezialgangarten Pass und Tölt gezüchtet und darin ausgebildet ist. Es wurde wegen seiner ruhigen Gangart v.a. als Reitpferd für Damen und Kleriker verwendet. Die im Deutschen übliche Bezeichnung ist Zelter.

[3] Zu den Festlichkeiten anlässlich der Chinea-Präsentation vgl. den Ausstellungskatalog von Mario Gori Sassoli (Hg.): Apparati architettonici per fuochi d'artificio a Roma nel Settecento della Chinea e di altre "Macchine di Gioia", Roma, Villa Farnesiana, 24 marzo-28 maggio 1994, Milano 1994; John E. Moore: Prints, salami and cheese. Savoring the roman festival of the Chinea, in: The Art Bulletin 77 (1995), 584-608; ders.: "Come si costuma; ders.: Building set pieces in eighteenth-century Rome: the case of the Chinea, in: Memoirs of the American Academy in Rome 43/ 44 (1998/ 1999), 183-292.

[4] Der Text der Rede Pius' VI. ist wiedergegeben bei Stefano Borgia: Breve Istoria del dominio temporale della Sede Apostolica nelle due Sicilie, descritta in 3 libri, 2. Aufl. Roma 1789, IX-XIV (1. Aufl. 1788). Zum historischen Kontext vgl. die immer noch maßgebliche, in ihren Wertungen prononciert propäpstliche Darstellung von Ilario Rinieri: Della rovina di una monarchia. Relazioni storiche tra Pio Vi e la corte di Napoli negli anni 1776-1799 secondo Documenti inediti dell'Archivio Vaticano, Torino 1901, 255-276; Girolamo Lioy: L'abolizione dell'omaggio della Chinea, in: Archivio storico per le province napoletane 7 (1882), 263-292, 497-530, 713-775; sowie die prägnante deutschsprachige Zusammenfassung bei Gerhard Baaken: Ius imperii ad regnum. Königreich Sizilien, Imperium Romanum und römisches Papsttum vom Tode Kaiser Heinrichs VI. bis zu den Verzichtserklärungen Rudolfs von Habsburg, Köln / Weimar / Wien 1993,  11-26; ferner Ludwig von Pastor: Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters, Bd. 16: Geschichte der Päpste im Zeitalter des fürstlichen Absolutismus, Abt. 3: Pius VI. (1775-1798), 82 f., 89 f., 92.

[5] Der Text der Protestation bei Borgia: Breve Istoria (wie Anm. 4), XIII f., Anm. 1 (Zitat XIII). Vgl. Rinieri: Della rovina (wie Anm. 4), 267 f.

[6] Der neapolitanische Geschäftsträger Ricciardelli hatte zuvor versucht, diese Summe, die den Wert für die aufgezäumte Chinea einschloss, dem Kardinalstaatssekretär zu übergeben, der jedoch die Annahme verweigert hatte. Bei dieser Gelegenheit hatte Ricciardelli behauptet, das Geld habe pünktlich zum 29. Juni bereit gelegen und sei nur wegen der Rede des Papstes nicht am Apostelfest übergeben worden – tatsächlich aber war die Summe erst auf den Bericht Ricciardellis über die päpstliche Allokution nach Rom überwiesen worden. Vgl. Rinieri: Della rovina (wie Anm. 4), 268-270; Baaken: Ius imperii (wie Anm. 4), 16 f.

[7] Borgia: Breve Istoria (wie Anm. 4), Appendice, 82-94.

[8] Ebd., 92-94, Zitat 92.

[9] "Censum hunc Nobis et Sedi Apostolicae debitum pro directo dominio regni nostri utriusque Siciliae cis ultraque Pharum, libenter recipimus et acceptamus". Zitiert nach Rinieri: Della rovina (wie Anm. 4), 264. Die im 18. Jahrhundert üblichen Formeln für Übergabe und Entgegennahme der Chinea und der 7.000 Dukaten sind auch abgedruckt bei Borgia: Breve Istoria (wie Anm. 4), 226, Anm. 1.

[10] Ebd. Anfang des 16. Jahrhundert war in der Formel des Prokurators dagegen noch durch das Verb "recognoscere" die eindeutige Anerkennung der päpstlichen Lehnshoheit zum Ausdruck gebracht worden. Ebd. Auf Konflikte im Zusammenhang der Chinea-Präsenation im 16. Jahrhundert hat hingewiesen Maria Antonietta Visceglia: La città rituale. Roma e le sue cerimonie in età moderna, Roma 2002, 213 f.

[11] Vgl. Lioy: L'abolizione (wie Anm. 4), 756.

[12] Vgl. Moore: "Come si costuma" (wie Anm. 1), 244.

[13] Bernardo Tanucci an Giovanni Battista Albertini, Principe di Cimitile, Napoli 1776 VII 9, in: Lioy: L'abolizione (wie Anm. 4), 276 f., Zitat 277.

[14] Vgl. Baaken: Ius imperii (wie Anm. 4), 12-17; Rinieri: Della rovina (wie Anm. 4), 255-265; Lioy: L'abolizione (wie Anm. 4), 280-282. Unterschiedlich sind die Angaben zu den mittelfristigen Folgen der Affäre von 1776. Rinieri gibt zwar das Schreiben des Marchese Sambuca an den Konnetabel Colonna wieder, aus dem hervorgeht, dass die Präsentation der Chinea als Akt des "ossequio dei medesimi Santi Apostoli" (261) zu betrachten sei und dass die Feierlichkeit insofern bescheidener gestaltet werden sollte, als der Festzug nicht mehr den Ausgang vom Palazzo Farnese als dem Sitz des königlich-neapolitanischen Gesandten, sondern vom Palazzo Colonna nehmen, auch der Gesandte Fürst Cimitile nicht an diesem partizipieren sollte. Im Übrigen sei die Präsentation bis einschließlich 1787 aber "normalmente" (263) erfolgt. Demgegenüber meint Baaken: Ius imperii (wie Anm. 4), 15 f., im Anschluss an Gaetano Moroni: Dizionario di erudizione storico-ecclesiastica, Bd. 65, Venezia 1854, 276, dass 1777 die Übergabeformel des Konnetabels geändert worden sei. Entsprechend den Intentionen des Hofes von Neapel sei nur noch von der "Ehrerbietigkeit des Königs beider Sizilien […] gegenüber den Aposteln Petrus und Paulus" die Rede gewesen. Der Papst habe davon unbeeindruckt an seiner Formel festgehalten. Dies wäre dann eine wesentlich weiterreichende Dissimulation gewesen, als die, die wegen des Bezugs des censo lediglich auf Neapel oder auch die Insel Sizilien ohnehin schon vor 1776 gegeben war (siehe oben Abschnitt <6>) - Baaken spricht geradezu davon, dass bereits mit dieser Änderung der neapolitanische Hof "die jahrhundertelange lehnsrechtliche Bindung des Regnum Siciliae an die Römische Kirche einseitig gelöst" habe (17). Lioy dagegen hat für eine einseitige Änderung der Präsentationsformel keinen Beleg gefunden.

[15] Zur Rolle Maria Carolinas äußert sich besonders bitter Rinieri: Della rovina (wie Anm. 4), 275: "Ma la vera responsabile di questi avvenimenti politici e religiosi, succeduti tra Roma e Napoli, fu Maria Carolina: se è un merito, è suo; se invece operò da sconsigliata nella sua condotta verso il Capo della Cristianità, la storia le deve addebitare le gravi conseguenze, delle quali l'opera sua fu il seme funestamente fecondo a proprio danno ed irreparabile di lei stessa".

[16] Vgl. Pastor: Geschichte (wie Anm. 4), Bd. 15: Geschichte der Päpste im Zeitalter des fürstlichen Absolutismus von der Wahl Klemens' XI. bis zum Tode Klemens' XII. (1700-1740), Freiburg i. Br. 1930, 18 f.

[17] Zu den Veränderungen der politischen Rahmenbedingungen vgl. knapp zusammenfassend jetzt Giulia Buffardi / Giorgio Mola: Questioni di storia e istituzioni del Regno di Napoli, secoli XV-XVIII, Napoli 2005 (mit Verweisen auf die ältere Literatur). Zum habsburgischen Neapel Franz Pesendorfer: Österreich – Großmacht im Mittelmeer? Das Königreich Neapel-Sizilien unter Kaiser Karl VI. (1707/20-1734/35), Wien / Köln / Weimar 1998.

[18] Souveränität ist hier gemeint im Sinne von dominium directum oder summum imperium, das heißt ohne irgendwelche Oberhoheitsansprüche einer anderen Gewalt. Siehe meine Überlegungen in der Einleitung zu dieser zeitenblicke-Ausgabe. Siehe auch unten Abschnitt <40>.

[19] Parma-Piacenza war durch den Londoner Vertrag von 1718 zu einem Reichslehen erklärt worden, und der spanische Infant Karl hatte 1723 die kaiserliche Eventualinvestitur darüber erhalten, bevor das Territorium 1735/38 an Österreich gefallen war. Auch als die Herzogtümer 1748 im Frieden von Aachen dem Infanten Philipp zugesprochen wurden, kam es trotz aller Proteste Roms nicht zu einer Wiederbelebung der päpstlichen Lehnshoheit. Vgl. Angelo Tamborra: La pace di Aquisgrana del 1748 e la politica della Santa Sede, in: Archivio Storico Italiano 117 (1959), 522-540. Ähnlich wie später im Fall Neapels gab es von nun an am Vorabend des Festes der Apostelfürsten alljährliche Protestationen wegen des ausgebliebenen Lehnszinses. 1768 führte das Breve Clemens XIII., in dem er die kirchenpolitischen Maßnahmen der Parmeser Regierung für null und nichtig erklärte und zugleich an seinen lehnsherrlichen Ansprüchen festhielt, zu einer heftigen diplomatischen, publizistischen und, mit der Besetzung Pontecorvos und Benevents durch Neapel, sogar militärischen Reaktion der Bourbonenkronen. Vgl. Pastor: Geschichte (wie Anm. 4), Bd. 16, 1: Benedikt XIV. und Klemens XIII. (1740-1769), Freiburg i Br. 1931, 887-919. Eine weitere Maßnahme Neapels war damals gewesen, die Chinea nicht öffentlich zu übergeben und das dazugehörige Fest ausfallen zu lassen. Vgl. Moore: "Come si costuma" (wie Anm. 1), 238.

[20] Vgl. allgemein Veit Elm: Die Moderne und der Kirchenstaat. Aufklärung und römisch-katholische Staatlichkeit im Urteil der Geschichtsschreibung vom 18. Jahrhundert bis zur Postmoderne, Berlin 2001. Instruktiv in unserem Zusammenhang ist auch die Studie von Christine Vogel: Der Untergang der Gesellschaft Jesu als europäisches Medienereignis (1758-1773). Publizistische Debatten im Spannungsfeld von Aufklärung und Gegenaufklärung, Mainz 2006. Schließlich gerieten im Kontext der Forderungen der Bourbonenkronen nach Aufhebung des Jesuitenordens auch der Heilige Stuhl und seine Herrschaftsansprüche in die Schusslinie.

[21] In diese Richtung tendiert Lioy: L'abolizione (wie Anm. 4), 502-504; zu diesem Kontext ausführlich Rinieri: Della rovina (wie Anm. 4), passim.

[22] Vgl. hierzu sowie zu den diplomatischen Vorstellungen Roms am neapolitanischen Hof Lioy: L'abolizione (wie Anm. 4), 503-510; Rinieri: Della rovina (wie Anm. 4), 271-276.

[23] Vgl. Lioy: L'abolizione (wie Anm. 4), 715 f. Der Vorschlag der direkten Verhandlungen zwischen den Souveränen war in einer Vorabantwort Pius' VI. vom 21. September 1788 auf das königliche Schreiben vom 20. Juli enthalten. Ebd. Die substantielle Antwort erfolgte erst am 16. Februar, mit einer umfänglichen Beilage, den "Fogli di giustificazione", in denen er Punkt für Punkt den königlichen Argumenten hinsichtlich der kirchenpolitischen Differenzen zu begegnen suchte, das Thema der Chinea aber vermied. Ebd., 719 f.

[24] Großen Wert legte der Papst darauf, dass auch die hergebrachte "solennità" verpflichtend sei. Pius VI. an Ferdinand IV., Roma 1789 VI 22, in: Lioy: L'abolizione (wie Anm. 4), 746-757. Vgl. ebd., 721 f.

[25] Nach einem Bericht des sardinischen Gesandten habe der König dem Papst nach einigem Hin und Her gesagt: "Abbi pazienza, aggiustiamo il resto, poi vedremo anche questa cosa", worauf der Papst nicht weiter in ihn gedrungen sei. Giuseppe Nuzzo: La monarchia delle due Sicilie tra Ancien Régime e rivoluzione, Napoli 1972, 231. Vgl. Lioy: L'abolizione (wie Anm. 4), 725-729.

[26] Die ursprüngliche Forderung, sich für die nächste Chinea-Präsentation auf den 8. September 1792, das Fest Mariä Geburt, festzulegen, ließ Pius VI. dagegen fallen. In der letzten Weisung des Papstes an seinen Bevollmächtigten Kardinal Campanelli vom 30. Juli 1792 ist zu lesen: "Il Re sapeva prima della destinazione del suo Plenipotenziario, che della Chinea dovea parlarsi, perchè ne avevamo discorso seco lui direttamente [...]: Se nel Biglietto non si vuol esprimere il giorno 8 del prossimo Settembre, si lasci, ma si faccia; se nè tampoco si vuol esprimere l'Ordine al Contestabile, si lasci ancora, purchè si dia, onde ci basterà, che si dica, che in avvenire si presenterà la Chinea secondo il solito prima dell'anno 1788; e purchè non si usino termini di volontaria divozione, ed arbitraria largizione, perché questi distruggerebbero lo stato del contratto principale: Se come abbiamo detto, non vi fosse stata di mezzo una sospensione continuata di anni cinque, non chiederessimo cosa alcuna, perchè il tenore dell'investitura non ha bisogno di commento, ma l'essersi trasandata la formalità, esigge onninamente compenso". Druck in Rinieri: Della rovina (wie Anm. 4), 374-376, Zitat 375. In diesem Schreiben spielte Pius VI. auch darauf an, dass Ferdinand IV. ja selbst der Oberherr der Malteser Ordensritter sei: "Crederà forse il Re, che il Gran Maestro di Malta spedisca lui volontieri il Tributo de' Falchoni?" (ebd.). Zu den Konkordatsverhandlungen ebd., 354-378. Vgl. ferner Lioy: L'abolizione (wie Anm. 4), 729.

[27] Vgl. Lioy: L'abolizione (wie Anm. 4), 731; Moroni: Dizionario (wie Anm. 12), 284.

[28] Vgl. Lioy: L'abolizione (wie Anm. 4), 731, Anm. 2; Moroni: Dizionario (wie Anm. 12), 284 f..

[29] Vgl. Lioy: L'abolizione (wie Anm. 4), 732. Ebd., 768-773, die Antwort Pius' VII. vom 10. Dezember 1816, in welcher er sich "amareggiati all'estremo" über die königliche Weigerung äußerte und Ferdinand erneut an den seinerzeit geleisteten Treueid sowie das Angebot von 1806 erinnerte, die Auffassung einer generellen Beseitigung der Feudalrechte zurückwies und die Drohung aussprach, "che il Censo, e la Chinea sono pur troppo materia, per cui sarà la Maestà Vostra chiamata al giudizio di Dio, e che quando anche Ella non fosse per incontrare alcun altro motivo di rammaricarsi per aver trasgredito questo sacro obbligo, se ne rammaricherà sicuramente nel giorno in cui comparirà innanzi al Giudice Supremo di tutte le umane operazioni" (772). Vgl. auch Baaken: Ius imperii (wie Anm. 4), 21 f.; Moroni: Dizionario (wie Anm. 12), 290 f.; ebd., 303 f., auch zu Verhandlungen zwischen Leo XII. und Franz IV. wegen der Chinea.

[30] Vgl. Baaken: Ius imperii (wie Anm. 4), 24 f.; Lioy: L'abolizione (wie Anm. 4), 733. Die entsprechende Deklaration des Generalkommissars der Apostolischen Kammer ebd., 773 f.

[31] Vgl. Lioy: L'abolizione (wie Anm. 4), 502 f. Druck u.a. in Borgia: Breve Istoria (wie Anm. 4), IX-XIV.

[32] Zum Konflikt um Ferrara vgl. Birgit Emich: Territoriale Integration in der frühen Neuzeit: Ferrara und der Kirchenstaat, Köln / Weimar / Wien 2005, 53-102; sowie den Beitrag von Maria Teresa Fattori mit der dort genannten Literatur.

[33] Text der Rede Pius' VI. in Borgia: Breve Istoria (wie Anm. 4), IX-XIV; Zusammenfassung bei Rinieri: Della rovina (wie Anm. 4), 267.

[34] S. o. Abschnitte <10> bis <12>.

[35] Zu Stefano Borgia vgl. H. Enzensberger: Borgia, Stefano, in: Dizionario Biografico degli Italiani, Bd. 12, Roma 1970, 739-742; Josef Metzler: Ein Mann mit neuen Ideen: Sekretär und Präfekt Stefano Borgia (1731-1804), in: ders. (Hg.): Sacrae Congregationis de Propaganda Fide Memoria Rerum. 350 anni a servizio delle missioni, Bd. 2, Rom / Freiburg i. Br. 1973, 119-152. Die Beauftragung Borgias zu seinem Buch erwähnt auch Moroni: Dizionario (wie Anm. 12), 278.

[36] Borgia: Breve Istoria (Anm. 4), IX-XIV.

[37] "Se adunque il Lettore resta sorpreso nel vedere pubblicata un'opera per difendere principalmente un diritto, del quale la Santa Sede è in possesso da lunga serie di secoli; se gli reca maraviglia il vedere che si prende a giustificare un possesso, che da tutti i Sovrani è stato in ogni secolo riconosciuto di una maniera la più solenne ed autentica, come il più incontrastabile, ed il più legittimo, e se gli sembra strano, che si sia impiegata molta fatica per dimostrare che un Sovrano quale è la Maestà del Re delle due Sicilie non ha fatto che uniformarsi al dovere della ragione, e della giustizia allora quando riconoscendosi vassallo della Romana Chiesa si è con solenne giuramento obbligato a pagarle annuo censo, fa d'uopo incolpare di ciò la stranezza dell'Autore dell'Esame". [Borgia]: Breve Istoria (wie Anm. 4), VI f.

[38] "Ma poichè siamo in un tempo, nel quale tutti amano di leggere, e nel quale una gran parte di lettori o per ignoranza, o per depravazione di cuore beve avidamente il veleno, si è creduto necessario di prendere la penna". [Borgia]: Breve Istoria (wie Anm. 4), IV f.

[39] [Borgia]: Breve Istoria (wie Anm. 4), 1 f. Den tatsächlichen "possesso" des Heiligen Stuhls würden die Gegner allerdings nicht anzugreifen wagen, "finchè vi saranno nei troni Sovrani religiosi e pii".

[40] Lioy: L'abolizione (wie Anm. 4), 715 f.

[41] [Saverio Polito]: Lettera di un'Amico di Napoli ad un'Amico di Roma sù la pretesa Chinea, e la Consegrazione de' Vescovi, 3. Aufl. o. O. o. D., 3, übt ironische Kritik an Borgia, "le di cui cognizioni e ferj studj promettevano frutti migliori".

[42] Ausgewertet wurden die folgenden Schriften: Allocuzione del Cardinale N. N. al Papa, o. D. o. J.; Al Papa il Re. Discorso, o. O. o. J. (unpag.); Dialogo tra S. Lino Secondo Pontefice Romano e S. Aspreno Primo Vescovo Napoletano sopra l'allocuzione del Pontefice Pio VI., o. O. o. J.; [Bernardo Brussone]: Discorso sulla chinea pretesa da Roma, o. O. o. D.; Ciro Econdallo: Epitome istorica sul censo Napolitano, o. O. o. J.; [Polito]: Lettera di un'Amico di Napoli (wie Anm. 39); Lettera scritta ad un amico in provincia, colle riflessioni sulla protesta fiscale fatta in Roma in questo anno 1789. sull'affare della Chinea, o. O. o. J.; [Michelangelo Colletti]: Memoria sulla chinea, o. O. o. J.; [Francesco Saverio Salfi]: La nuova forma della Chinea che da idea grande de' veri fatti e non capricciosi come quelli apposti nell'altre stampate e colla nuova allocuzione del Cardinale N. N. al Papa Pio VI. e con nuova lettera di Sommo Pontefice, Roma 1788 IX 21; [Alessio Aurelio Pelliccia]: Memoriale di un cattolico alla Santità di papa Pio VI., o. O. o. J.; Risposta del Papa all'allocuzione del Cardinale N. N., Roma o. J.; Giuseppe Struggini: Lunga risposta Di 14. pagine alla breve storia Di 558. pagine scritta da Monsignor Borgia contro l'Ab. Cestari, o. D. [Napoli 1788 IX 30]. Vgl. knapp zur antipäpstlichen Publizistik auch Rinieri: Della rovina (wie Anm. 4), 322-324.

[43] "Egli è vero, non può negarsi, che la serie di tante investiture fatta a' nostri Sovrani faccia qualche impressione nell'animo di qualcheduno, credendole una fortezza inespugnabile a favore delle pretensioni di Roma". Lettera scritta ad un amico in provincia (20).

[44] [Polito]: Lettera di un'Amico di Napoli (wie Anm. 39), 3, nennt die "falsi diplomi di Lodovico Pio, di Ottone il Grande, e di S. Arrigo". Zugleich sucht sie die beteiligten Päpste lächerlich zu machen, indem sie etwa Leo IX. als einen "Pontefice di austeri costumi, e una pietà pocco illuminata" charakterisiert (2).

[45] [Pelliccia]: Memoriale (wie Anm. 40), 15: "S'egli è vero, che nell'antico archivio della vostra Mole di Adriano serbansi gli Originali di Carlo, di Ludovico, di Ottone, di Arrigo, perchè non produrli? Perchè non esporli al Corpo Diplomatico delle Nazioni, che costà risiede, e renderne incontrastabile l'autenticità?" [Brussone]: Discorso sulla chinea (wie Anm. 40), 11, spricht von den "vantate donazioni di Pippino, Carlo magno, Ludovico Pio, e di Ottone, quando queste non fossero pur apocrise". Auch Struggini: Lunga risposta (wie Anm. 40), 7, ist von der Echtheit der karolingischen Privilegien nicht überzeugt: "Ma prima di ogni altro dovevate dimostrare, che la donazione di Carlo Magno sia di una verità così certa, che superi ogni dubbio". - Eine eigentümliche Strategie verfolgt die Allocuzione del Cardinale N.N. (wie Anm. 40), 8, wenn die Aussteller der fraglichen Privilegien als "lo stesso usurpatore Pippino, e il devastator Carlo Magno" geschmäht werden. Im Dialogo tras S. Lino e S. Aspreno (wie Anm. 40), 11, heißt es: "Pio VI. [...] nominò donazioni, concessione, e possessi: Che se mai son vere, Dio sa come furono procurate, e con quali mezzi estorte, ed in quali importuni tempi".

[46] [Pelliccia]: Memoriale (wie Anm. 40), 20: "dir si dovrebbe, che gl'Imperadori avendo alla Vostra S. Sede unicamente conceduto l'utile dominio di alcune Terre, Città, ed altro, ne avessero non di meno serbato loro l'alto, e diretto dominio".

[47]  [Pelliccia]: Memoriale (wie Anm. 40), 27. [Colletti]: Memoria (wie Anm. 40), 19, nennt als legitime Herren der von den Päpsten vergebenen Orte "Longobardi, Greci, e Saraceni". Auch [Brussone]: Discorso sulla chinea (wie Anm. 40), hält fest: "Ma se per esser valida la concessione feudale o sia investitura del dominio utile, bisogna, che il concedente abbia anche il diretto, non avendolo mai avuto la Sede Apostolica, tal investitura sempre sarà stato un atto inutile e vano, e per chi l'ha dato, e per chi l'ha ricevuto".

[48] "Forse il Normanno invitto / Ebbe Anversa da te, da te la Puglia, / La Calabria da te, da te quel soglio, / Frutto del suo sudor, del sangue, / Che fondò che adornò di armi, di leggi? " Al Papa il Re (wie Anm. 40), [2].

[49] [Colletti]: Memoria (wie Anm. 40), 7-10, Zitat 9. Auch Econdallo: Epitome (wie Anm. 40), 25, spricht von den "Investiture offerte, ma non chieste mai da que' Principi". Zum historischen Kontext der päpstlich-normannischen Lehnsbeziehungen vgl. Josef Deér: Papsttum und Normannen. Untersuchungen zu ihren lehnsrechtlichen und kirchenpolitischen Beziehungen, Köln / Wien 1972.

[50] "Comechè dunque voglia accordarsi qualche peso all'Investitura dal Papa data a Federico in un tempo, nel quale egli il Papa di tutto disponeva, e'l giovane Principe non ancora conoscer poteva i suoi Dritti". [Pelliccia]: Memoriale (wie Anm. 40), 60. Zum Verhältnis Friedrichs II. als König von Sizilien zur Kurie vgl. Baaken: Ius imperii (wie Anm. 4), passim.

[51] "Ecco il Titolo, col quale il Papa acquistò alla Chiesa un Regno, sul quale sino allora niun dritto giammai vi aveva posseduto. L'invase coll'armi alla mano, sottraendolo all'ubbidienza del legittimo Signore, prevalendosi appunto di quella stessa circostanza, che lo avrebbe dovuto impegnare alla difesa de' dritti di colui, che per la Fede di Cristo abbandonato avea il proprio Regno, ed erasi recato in Oriente". [Pelliccia]: Memoriale (wie Anm. 40), 67; "invasione di questi regni fatta da Clemente IV., dopochè n'ebbe spogliato la famiglia Sveva posseditrice de' medesimi, abusando dell'autorità Pontificia, e delle armi spirituali". [Brussone]: Discorso sulla chinea (wie Anm. 40), 17; "Clemente IV. fu quegli che raccolse il prodotto di tante manipolazioni, mettendo a mercato [...] l'Investitura del Regno". [Polito]: Lettera di un'Amico di Napoli (wie Anm. 39). Zusammenfassend zu der Entwicklung nach dem Tod Friedrichs II. und zur Belehnung Karls von Anjou vgl. Baaken: Ius imperii (wie Anm. 4), 387-412.

[52] [Pelliccia]: Memoriale (wie Anm. 40), 80. Auch [Colletti]: Memoria (wie Anm. 40), 3-7, vertritt die Anschauung, dass die Absetzung der Staufer illegitim gewesen sei, und gründet die Ansprüche des regierenden Königs auf seine Abkunft von dem mit den Staufern verwandten Haus Aragon.

[53] Allerdings musste Karl V. den censo erneut zugestehen, um von Leo X. den Dispens von der Klausel zu erhalten, die besagte, dass ein König von Neapel sich nicht zum Kaiser wählen lassen dürfe. [Pelliccia]: Memoriale (wie Anm. 40), 82-89. Vgl. zu den Entwicklungen im frühen 16. Jahrhundert jetzt Giuseppe Galasso: Il Regno di Napoli. Il Mezzogiorno spagnolo (1494-1622), Torino 2005, 203-205, 224-229 u.ö.

[54] "La prescrizione varrebbe quanto la radice di questo gius non fosse così apertamente viziosa. [...] Fu poi questa riscossione di censo, e d'investitura sempre interrotta, nè mai si potè dire pacifica". [Polito]: Lettera di un'Amico di Napoli (wie Anm. 39), 7.

[55] Ebd., 11. Siehe auch [Polito]: Lettera di un'Amico di Napoli (wie Anm. 39), 1: "Non poteva prevedersi, che la voce Episcopale in una sacra Festività, in un Tempio, nella Commemorazione del primo fra gli Apostoli si facesse sentire unicamente per deplorare la privazione di un profano spettacolo".

[56]  Lettera scritta ad un amico in provincia (wie Anm. 40), 3 f.

[57] "La mancanza di ciò non era causa di deminuire, e funestare la festa, che non deve consistere ne' chiassi, strepiti, e libertinaggio di costumi, ma nel santificarla, nella compunzione del cuore, nella frequenza de' Sacramenti, ed in tant'altre opere di religione". [Salfi]: La nuova forma (wie Anm. 40), 3. Ebd. auch in abwertendem Tonfall: "la mula bianca detta la Chinea".

[58] "[...] non est de hoc mundo, ma riguarda il Regno Celeste". [Pelliccia]: Memoriale (wie Anm. 40), 3.

[59] "Monarchi universali, i successori di Pietro credean di avere le due spade in balia, le due potestà!" [Colletti]: Memoria (wie Anm. 40), 12; "aspirando la Corte Romana alla Monarchia universale, divulgò la falsa credenza anzi anticristiana, che Gesù Cristo avesse costituito S. Pietro per Principe su tutti li regni della Terra". [Brussone]: Discorso sulla chinea (wie Anm. 40), 12 f. Dieselbe Schrift weist ironisch auch auf die "ridicola e falsa massima hin, che il Papa più potente dell'ordinaria potenza di Dio, possa fare il bianco nero, il nero bianco, ingiusto il giusto, e giusto l'ingiusto" (20).

[60] Dialogo tra S. Lino e S. Aspreno (wie Anm. 40), passim. Das Verhalten Pius' VI. wirkt noch verwerflicher vor dem Hintergrund, dass sich Ferdinand IV. um die Klerusreform bemühe – eine Aufgabe, die eigentlich die des Papstes gewesen wäre (ebd., 19 u.ö.).

[61] "Quella non è voce della Cattedra di Pietro, ma della Curia Romana avvezza ad intimar come gli oracoli de' gentili equivoci ed abbagliamenti sotto voce di Dio". [Brussone]: Discorso sulla chinea (wie Anm. 40); "si confuse [...] la voce di Pietro con quella di Cesare, quella della Cattedra con quella della Curia" (ebd., 22 f.). In Struggini: Lunga risposta (wie Anm. 40), 4, findet sich sogar die dreifache Unterscheidung von Heiligem Stuhl, römischer Kirche und römischem Hof: "voi confondete la S. Sede, la Chiesa Romana, e la Corte di Roma".

[62] " [...] quanto poco è che perde la Camera Apostolica riguardo al molto che cresce di pregio [...] l'apostolica fede". [Colletti]: Memoria (wie Anm. 40), 20; vgl. [Pelliccia]: Memoriale (wie Anm. 40), 94.

[63] In der Risposta del Papa (wie Anm. 40), 1, wird darauf verwiesen, dass die Allocuzione aus Benevent gekommen sei.

[64] Allocuzione del Cardinale N.N. (wie Anm. 40), 3: "questa grande opera edificata su le rovine de l'Evangelica povertà".

[65] "Voi non dovreste, che deponere in un'istante al cospetto dell'Europa tutt'i Vostri privilegii, le Vostre pretensioni, e i Vostri più antichi dominii; ed affettare colla massima sollecitudine il solo interesse per la Vostra Religione, e per la Chiesa [...]. Riconcentriamoci dunque in essa, come al Nostro più pronto asilo [...]. Così o l'altrui pietà destata alla vista del Nostro volontario abbassamento, potrà garantirci quello che stiam per perdere, e renderci quello che abbiam perduto; o la credula confidenza in Noi ci darà in destro di provveder nuovamente e con più fortuna a' Nostri interessi". Allocuzione del Cardinale N.N. (wie Anm. 40), 12 f.

[66] "Noi non ci stancheremo di adoprare le antiche armi; diffonderem le promesse, profitteremo delle passioni degli uomini, e se occorre fin de' fenomeni della Natura; saprem volgere al nostro vantaggio, o il velenoso fiato della discordia, della calunnia, della perfidia, o l'aura soave che spira intorno al Trono". Risposta del Papa (wie Anm. 40), 6.

[67] "Anche Noi [...] abbiam inscritto su' nostri stendardi il Nome sacro e venerando della Religione, a cui dobbiamo tutte le nostre conquiste; e che nella confusione de diritti ha detestato il fanatismo, la dissensione, la crudeltà ha trionfato presto o tardi di tutti gli ostacoli, ed ha appianata la via alle più difficili imprese. Conosciamo che questo Nome non potrà in questo secolo prometter l'esecuzione de' più arditi disegni; ma l'umanità, la decenza dell'odierno costume, succedute al dispotismo, all'atrocità de' secoli barbari, si disporranno i cuori de' Sovrani e de' Popoli alla pietà pe' Ministri della Religione, ancorchè i lor interessi siano riconosciuti distinti da quelli della Religione medesima". Ebd, 7.

[68] "Ecco perchè Noi abbiamo sempe bramato d'intavolare, o di concludere i nostri Trattati direttamente co' Principi, e di rimuoverne quanto è stato possibile i lor Ministri". Ebd., 4. Vgl. oben Abschnitt <10>. Auch Al Papa il Re (wie Anm. 40), [4], nimmt die königlichen Minister ausdrücklich in Schutz: "Io sono il Re. Son io, che penso, e voglio, / Ed i ministri miei son l'alta imago / Dell'alma mia, della mia man, che in tante / Destre, e menti io propago allor, che io scelgo, / E chiamo al ministeri i duci, e i saggi".

[69] "Potevate allora far credere, dietro la fallace e contradittoria donazione di Costantino", Allocuzione del Cardinale N.N. (wie Anm. 40), 8; "Nell'undicesimo secolo per la grande ignoranza molto si procurò accreditare la foggiata donazione di Costantino". [Brussone]: Discorso sulla chinea (wie Anm. 40), 12; "Dopo la genuina origine preteso Censo io non vi racconterò tutte le favole fabbricate dagli Antichi sulle immaginarie donazioni di Costantino, e dei moderni nientemeno falsi diplomi di Lodovico Pio, di Ottone il Grande, e di S. Arrigo". [Polito]: Lettera di un'Amico di Napoli (wie Anm. 39), 3; "[…] le donazioni a' Papi de' luoghi anzidetti pretese fatte da Costantino, da Lodovico, Pio, Ottone I, Arrigo I Augusti, son false". [Colletti]: Memoria (wie Anm. 40), 19; Allocuzione del Cardinale N.N. (wie Anm. 40), 8.

[70] Die Lettera scritta ad un amico in provincia (wie Anm. 40) spricht für das Mittelalter von "la nebbia dell'allucinazioni de' tempi barbari" (4) und von den "false opinioni de' secoli tenebrosi" (12); [Brussone]: Discorso sulla chinea (wie Anm. 40), 9, von den "secoli d'ignoranza"; Econdallo: Epitome (wie Anm. 40), 30, lobt die Bemühungen Ferdinands IV. "in abolire un resto di Barbarie, che disonora il secolo in cui viviamo" und spricht von den "tempi d'ignoranza" (32). Die Allocuzione del Cardinale N.N. (wie Anm. 40), 8, beklagt in ironischer Weise: "No, non sono più quei tempi, SS. Padre, in cui la ignoranza, la superstizione, le guerre civili, le rapine &c. congiuravano a fondare, ampliare, e perpetuare la Vostra formidabile onnipotenza: tempi felici!" Pessimistischer als die meisten anderen Autoren sieht der Verfasser der Risposta del Papa (wie Anm. 40) die Lage, wenn er seinen imaginären Papst u.a. hoffnungsfroh feststellen lässt: "I gridi de' Dotti già incominciamo ad esser meno autorevoli" (5).

[71] "Il giuramento non fa, munisce il debito. Se vero il debito non è, sarebbe turpe cosa l'esiggerlo, di turpitudine non può esser vincolo il giuramento". [Colletti]: Memoria (wie Anm. 40), 19.

[72] Lettera scritta ad un amico in provincia (wie Anm. 40), 6. Wenn der anonyme Verfasser an anderer Stelle bedauernd äußert, dass "il nostro Sovrano siasi per alcuni anni prestato e secondare un uso introdotto, non si sa come" (17), lässt sich eine vorsichtige Kritik am König herauslesen.

[73] "Ma chi mai dopo tai Donazioni credè che la Vostra S. Sede divenuta fosse la Sovrana de' Regni di Aragona, di Portogallo, dell'Inghilterra, dell'Ibernia, o de altri Stati? Chi sognò giammai che i Monarchi di que' Regni da padroni fosser divenuti vostri Vassalli?" [Pelliccia]: Memoriale (wie Anm. 40), 51.

[74] "Così secondo la opportunità tolsero i Savj Principj da' loro Reami queste soggezioni le quali introdotte ne' tempi d'ignoranza, e per terrore, siccome per abuso eransi stabilite, così per contrario uso furono abolite. Perchè il Regno di Napoli esser dee da meno degli altri?" Econdallo: Epitome istorica (wie Anm. 40), 32; "Cessato il meto di abuso del potere de' Papi a gloria loro, Napoli sola restarebbe in errore alla lor fede ingiurioso?" [Colletti]: Memoria (wie Anm. 40), 14.

[75] [Pelliccia]: Memoriale (wie Anm. 40), 7: "riconoscete, che la potestà del Regno viene immediatamente dalla mano di Dio"; [Brussone]: Discorso sulla chinea (wie Anm. 40), 2: "La potestà Regia conciossiachè venga da Dio".

[76] [Brussone]: Discorso sulla chinea (wie Anm. 40), 11: "la inoerenza della natura del regno da quella del feudo".

[77] "[...] gli Re sono dati da Dio". Dialogo tra S. Lino e S. Aspreno (wie Anm. 40), 10; "Ferdinando è legittimo possessore del Regno di Napoli. Il Regno è suo, e non di altri. Perchè Iddio lo ha eletto Re". Ebd., 18.

[78] "Carlo Infante delle Spagne nel 1734., ora Re della Monarchia Spagnuola, Padre ben degno del Re di Napoli conquistò il Regno delle due Sicilie, e tale in retaggio ha lasciato al suo reale figliuolo, e per tale è stato acclamato, e riconosciuto da tutte le nazioni, che già mi pare di sentirla gridare ad alta voce, e contro la protesta Pontificia, e di unanime consenso, non habemus alium Regem, se non FERDINANDO IV. dell'antichissima Casa Borbone". [Salfi]:La nuova forma (wie Anm. 40), 5.

[79] Al Papa il Re (wie Anm. 40), [2] f. Kurz zuvor wird in ähnlicher Weise gefragt: "Ma tu mi vuoi vassallo? Un ligio omaggio / Ma tu chiedi da me? Che ingiuria infame / Si reca al regno,e a me?"

[80] [Brussone]: Discorso sulla chinea (wie Anm. 40), 11.

[81] [Brussone]: Discorso sulla chinea (wie Anm. 40), 6-8: "E siccome per legge divina i popoli soggetti son tenuti amare, ubbidire, e rispettare questo Capo qual loro Padre; così egli per dritto divino è tenuto indispensabilmente qual padre e qual depositario de' dritti de' suoi popoli governargli, difendergli e nella persona e nella roba, e nell'onore, e nella libertà di uguaglianza cogli altri popoli. I dritti de' popoli son quelli, che diconsi Regalie, perchè depositati in petto del Rè, che n'è il capo e l'amministratore. In lui principalment'è riposto il dritto della difesa interna ed esterna de' suoi popoli [...]. Dee dunque il Re, e per dritto Divino, e per utile proprio e de' suoi popoli a lui da Iddio affidati, nè in verun modo pregiudicare le sue Regalie e dritti de' medesimi, e revindicare tutti i danni, e torri lor recati". Weiter unten (25) wird der Anspruch Roms als "contrario alla natura del regno, contrario al dritto naturale, feudale, ed anche comune, ed opposto diametralmente alla dottrina e legge Evangelica" entlarvt.

[82] "Se bene si considera l'organizzazione di uno stato, la potestà suprema; ò siasi diretto, e supremo dominio; è il volere di tutt'i membri, che l'uniscono, concentrato in un soggetto per custodirlo, difenderlo, e conservarlo. Or chi è custode, e difensore, e conservatore dello stato nè può, ne deve dissipare i diritti, i quali oltrechè siano proprj del Principe, sono nell'istesso tempo ancora proprj alla nazione [...]. Senza il comune consentimento della nazione il Principe neppure volendo averebbe potuto portare pregiudizio agl'interessi di essa, i quali sono intrinsecamente uniti, e collegati co' suoi. È egli in fine un depositario, ed un usofruttuario delle ragioni del popolo". Lettera scritta ad un amico in provincia (wie Anm. 40), 13 f. Auch [Pelliccia]: Memoriale (wie Anm. 40), 10, verweist auf die Verpflichtung, die die Monarchen gleichzeitig mit dem Königtum von Gott erhielten: "inseperabil peso di mantenerne illesa la natia libertà". [Polito]: Lettera di un'Amico di Napoli (wie Anm. 39), 7, hält fest: "Un Principe può rinunziare se vuole alla dignità e al governo, ma rimanendo Principe e Sovrano non può fare se stesso e la nazione al medesimo tempo dipendente ad altro Principe straniero". Daher sei Ferdinand IV. geradezu verpflichtet, den Missbrauch des censo "come lesivo alla Sovranità" abzuschaffen.

[83] [Colletti]: Memoria (wie Anm. 40), 20.

[84] [Stefano Borgia]: Difesa del dominio temporale della Sede Apostolica nelle due Sicilie in risposta alle scritture pubblicate in contrario, Roma 1791. Der Quartband umfasst über 900 Seiten.

[85] Siehe etwa. Struggini: Lunga risposta (wie Anm. 40), 17: "la prestazione del Cavallo bianco bello e buono era una lesione enorme, che si faceva agli alti diritti della Sovranità". Insofern erscheint mir die Bewertung des Konflikts als "mezzo ridicolo e mezzo lamentabile dramma" durch Rinieri: Della rovina (wie Anm. 4), 271, zu kurz zu greifen.

[86] Vgl. hierzu den Beitrag von Christine Roll sowie Barbara Stollberg-Rilinger: Das Reich als Lehnssystem, in: Heinz Schilling / Werner Heun / Jutta Götzmann (Hg.), Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation 962-1806. Altes Reich und neue Staaten 1495-1806. Essays. 29. Ausstellung des Europarates in Berlin und Magdeburg, im Auftrag des Deutschen Historischen Museums, Dresden 2006, 55-67.

[87] Es hatte durchaus Gegenwartsbezug, wenn etwa Struggini: Lunga risposta (wie Anm. 40), 18, darauf hinwies, dass "dal Vespro Siciliano in poi la Sicilia non volle riconoscere il Papa per Sovrano, e che altissimamente disprezzò le scommuniche, che per tal causa gli fulminarono contro i Papi".

[88] Vgl. dazu Heinhard Steiger: Völkerrecht versus Lehnsrecht? Vertragliche Regelungen über reichsitalienische Lehen in der Frühen Neuzeit, in: Matthias Schnettger / Marcello Verga (Hg.): L'Impero e l'Italia nella prima età moderna / Das Reich und Italien in der Frühen Neuzeit, Bologna / Berlin 2006, 115-152; ferner Matthias Schnettger: Rang, Zeremoniell, Lehnssysteme. Hierarchische Elemente im europäischen Staatensystem der Frühen Neuzeit, in: Ronald G. Asch / Johannes Arndt / Matthias Schnettger (Hg.): Die frühneuzeitliche Monarchie und ihr Erbe, Münster [u.a.] 2003, 179-195.

Empfohlene Zitierweise:

Matthias Schnettger : Das Ende der Chinea-Präsentation und der Zusammenbruch des päpstlichen Lehnswesens , in: zeitenblicke 6 (2007), Nr. 1, [10.05.2007], URL: http://www.zeitenblicke.de/2007/1/schnettger/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-8149

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