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Dr. Mikhail Dolbilov
Geb. 1969
European University St. Petersburg, Russland


Ausgewählte Publikationen:

Zapadnye okrainy Rossiiskoi imperii [The Russian Empire’s Western Borderlands] (Moscow: Novoe literaturnoe obozrenie, 2006) (co-authored with Alexei Miller et al.).

Russification and the Bureaucratic Mind in the Russian Empire's Northwest Region in the 1860s // Orientalism and Empire in Russia (=Kritika Historical Studies 3) / Ed. by M. David-Fox, P. Holquist, A. Martin. Bloomington, Indiana, 2006. P. 199-226.

The Stereotype of the Pole in Imperial Policy: The Depolonization of the Northwestern Region in the 1860s // Russian Studies in History. 2005. Vol. 44. No. 2. P. 45-90.

Russifying Bureaucracy and the Politics of Jewish Education in the Russian Empire’s Northwest Region (1860s-1870s) // Acta Slavica Iaponica. 2007. Vol. 24. P. 112-143.



Dr. Darius Staliunas
Geb. 1970
Stellvertretender Direktor des Litauische Instituts für Geschichte, Vilnius, Litauen


Ausgewählte Publikationen:

Did the Government Seek to Russify Lithuanians and Poles in the Northwest Region after the Uprising of 1863-64?, in: Kritika: Explorations in Russian and Eurasian History 5/2 (Spring 2004), p. 273-289

Anti-Jewish disturbances in the North-Western provinces in the early 1880s, in: East European Jewish Affairs, Number 2/Winter 2004, pp. 119-138

Making Russians. Meaning and Practice of Russification in Lithuania and Belarus after 1863, Amsterdam/New York, NY: Rodopi, 2007

Gesprächspartner:
 

 

<1>

Herr Dolbilov, das Thema "Imperien" hat in der russischen Geschichtsschreibung Konjunktur, man spricht – hier wie auch in der westlichen Historiographie – von einem "imperial turn". Woher kommt das Interesse gerade jüngerer Historiker an dem Thema Imperium in Russland heute?

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Mikhail Dolbilov: Tatsächlich ist das Thema "Imperien" heutzutage eines der zentralen Themen russischer Historiker, die sich mit der Geschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts beschäftigen. Niemals zuvor sind in Russland so viele Bücher mit den Worten "Imperium" oder "imperial" im Titel erschienen; und den doppelköpfigen Adler der Romanovs findet man häufiger als viele andere Verzierungen auf den Bucheinbänden, was für die einen ein Zeichen guten Geschmacks und für andere ein Ausdruck kommerziellen Kitsches sein mag. In der Masse dieser Literatur kann man jedoch verschiedene Strömungen unterscheiden. Die Anhänger des "imperial turn" sind bei weitem keine einheitliche Gruppe. Im Gegenteil: Sie gehören verschiedenen wissenschaftlichen Traditionen und Schulen an, begeistern sich für unterschiedliche Aspekte und verfolgen verschiedene Ziele mit ihren Forschungen. Einige von ihnen ignorieren bewusst die Arbeiten ihrer Kollegen, die anders als sie selbst über das imperiale Russland denken und schreiben. Der wissenschaftliche Austausch zwischen den "Imperiologen" ist nur sehr gering.

<3>

Die Gründe für diese Zersplitterung muss man sowohl in der besonderen Entwicklung der Historiographie in der sowjetischen Zeit als auch in dem heutigen politischen und ideologischen Klima in Russland suchen. In gewissem Maße ist das Thema "Imperium" nicht vollkommen neu für die russische Geschichtsschreibung. Auch in der sowjetischen Zeit wurden Themen wie die Tätigkeit der Monarchen und Bürokraten, die imperiale Gesetzgebung, die administrativen Institutionen und die personelle Besetzung der bürokratischen Einrichtungen erforscht, wenn auch nur von wenigen Wissenschaftlern. Doch gleichzeitig war es sowjetischen Historikern im "Zentrum", d.h. vor allem in Moskau und Leningrad, faktisch verboten, sich mit der Problematik der ethnischen Vielfalt, mit Nationalitätenpolitik und der Verwaltung der Peripherie des Imperiums zu beschäftigen.

<4>

Herr Staliunas, Sie erforschen die Geschichte des Russländischen Reichs als litauischer Historiker. Wie beurteilen Sie das "Erbe" des Kalten Kriegs für die Imperiumsforschung?

<5>

Darius Staliunas: Während des Kalten Krieges war für westliche Historiker, ebenso wie für ihre sowjetischen Kollegen, die Nationalitätenpolitik des Russischen Reiches im 19. Jahrhundert kein zentraler Untersuchungsgegenstand. Eine russozentrische Herangehensweise dominierte die historische Forschung über das Romanov Reich deutlich – sowohl in der sowjetischen als auch in der westlichen Literatur. Die geringe Aufmerksamkeit, die den Nationalitätenproblemen von Historikern geschenkt wurde, kann durch die in dieser Zeit in der westlichen Gesellschaft vorherrschende Meinung erklärt werden, dass Nationalismus als ein rückständiges historisches Phänomen zu verstehen sei. Erste Zweifel an dieser vereinfachten Sichtweise kamen Ende der siebziger Jahre und Anfang der achtziger Jahre auf. Es ist nicht erstaunlich, dass Historiker, die sich mit der relativ zurückhaltenden Nationalitätenpolitik des Russischen Reiches im Großherzogtum Finnland beschäftigten, als erste Zweifel an der Theorie der Russifizierung als Programm zielgerichteter und resolut betriebener Assimilation äußerten. Jedoch mussten die Sowjetunion und der Ostblock zerfallen, bevor diese Veränderungen in der Geschichtswissenschaft generell Fuß fassen konnten. Einerseits endete mit dem Zerfall der Sowjetunion die Geschichte Russlands als multiethnisches Imperium, andererseits zeigte die Restauration alter und die Gründung neuer Nationalstaaten deutlich, dass Nationalismus ein aktuelles Thema war.

<5>

Herr Dolbilov, bedeuteten die Perestrojka und der Zerfall der Sowjetunion einen Paradigmenwechsel in der russischen Historiographie des Russländischen Reiches? Was änderte sich?

<6>

Mikhail Dolbilov: Erstens eröffnete sich die Möglichkeit, die Forschung über die Politik der vorrevolutionären Zeit (vor 1917) sowohl thematisch als auch geographisch stark zu erweitern. Dabei kam die Mode auf, Bücher – die längst nicht immer alle qualitativ hochwertig sind – über die Monarchie, die Zaren und Zarinnen, Großfürsten und die "Architekten" des Imperiums zu schreiben. Zweitens entstand in Russland – im Gegensatz zu den meisten anderen postsowjetischen Gesellschaften – nach 1991 nicht die Vorstellung oder wenigstens die Illusion von einer "nationalen Wiedergeburt" oder der Befreiung von einer ethnisch fremden Macht. Das wirkte sich direkt auf die Historiker der Geschichte Russlands des 18. und 19. Jahrhunderts aus und bestärkte viele darin, sich explizit oder implizit mit dem Imperium als legitimem Vorgänger des heutigen Russland zu identifizieren. Da viele der Kollegen in den neuen unabhängigen Staaten ihre Studien auf die jeweiligen Nationalbewegungen konzentrierten, sah man sich auf russischer Seite als den einzig würdigen Erben der Erforschung imperialer Staatlichkeit. Metaphorisch ausgedrückt: Die russischen Historiker schulterten die Last, sich mit der Geschichte des Imperiums zu befassen, doch die meisten taten und tun dies mit großer Genugtuung.

<7>

Gab es in der litauischen Geschichtsschreibung einen analogen Wandel?

<8>

Darius Staliunas: In Bezug auf die litauische Geschichtsschreibung muss man weiter zurückschauen: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts dominierte hier ein ethnozentrisches, anti-polnisches Paradigma die Historiographie. Die Historiker waren ausschließlich an diskriminierenden Maßnahmen gegen Litauer interessiert und beschrieben die Nationalitätenpolitik des Zarenreiches als Russifizierung. Das litauische nationale Narrativ änderte sich radikal, nachdem Litauen 1940 von der Sowjetunion besetzt wurde. Von diesem Zeitpunkt an mussten die Historiker der Ideologie der "Freundschaft der Nationen" folgen. Diese besagte, dass die leitende Rolle innerhalb der Sowjetunion den Russen und der russischen Kultur zukomme. In den geschichtswissenschaftlichen Publikationen aus den fünfziger und frühen sechziger Jahren wurden die Maßnahmen des Zarentums insbesondere der 1860er Jahre als "Unterdrückung von Nationalitäten" oder ähnlich beschrieben. Anders gesagt, den Historikern war es nicht erlaubt, diese Politik als "Russifizierung" oder "Assimilierung" zu bezeichnen, weil dies der Ideologie der "Freundschaft der Nationen" widersprochen hätte. Die relative "Tauwetterperiode" in der Sowjetunion nach Mitte der sechziger Jahre ermöglichte den litauischen Historikern eine freiere Wahl ihrer Forschungsthemen. In dieser Zeit gehörten verschiedene Aspekte der Russifizierungspolitik (z.B. die Praxis litauischer Publikationen in kyrillischer Schrift, insbesondere das Verbot der lateinischen Schrift durch die zarische Regierung) zu den am besten erforschten Themen. Die Konjunktur dieser Themen belegt, dass litauische Historiker bemüht waren, die Ideologie der "Freundschaft der Nationen" loszuwerden. In gewisser Weise wurde das ethnozentrische Paradigma in sowjetischer Zeit noch wichtiger als es zuvor gewesen war.

<9>

Wenn das ethnozentrische Paradigma bereits vor dem Zerfall der Sowjetunion eine große Rolle spielte – was hat sich seitdem in der litauischen Historiographie in Bezug auf die Imperiumsgeschichte verändert?

<10>

Darius Staliunas: Eine Zäsur für die litauische Geschichtsschreibung war nicht erst der Zerfall der Sowjetunion, sondern bereits die Unabhängigkeitserklärung von 1990, ja seit 1988 sind deutliche Veränderungen festzustellen. Seit dieser Zeit haben litauische Historiker mehr Arbeiten über die Geschichte Litauens im Russländischen Reich veröffentlicht als je zuvor. Zugleich stieg in Litauen das öffentliche Interesse an Geschichte. Wissenschaftler konnten ältere Arbeiten ohne die einst obligatorischen Zitate der Klassiker des Marxismus-Leninismus neu veröffentlichen oder Bücher publizieren, die in sowjetischer Zeit nicht erscheinen konnten. Die politischen Veränderungen haben es den Historikern in Litauen und in den anderen ehemaligen Sowjetrepubliken ermöglicht, sich mit neuen Themen zu beschäftigen, wie z.B. mit der Geschichte der verschiedenen Religionsgemeinschaften und der russischen Religionspolitik. Die jüngere Historikergeneration wendet sich heute zunehmend von ethnozentrischen Sichtweisen ab und tendiert zu einer "zivileren" Auffassung, nach der das Objekt der litauischen Geschichte nicht nur eine nationale Gruppe, sondern die Gesellschaft als Ganze ist.

<11>

Was hat diesen Wandel bedingt?

<12>

Darius Staliunas: Diese Veränderungen in der litauischen Geschichtsschreibung sind wenigstens durch drei Faktoren beeinflusst: Erstens ist nach dem Zerfall der Sowjetunion die Angst um das Überleben der litauischen Kultur zurückgegangen; zweitens spielte der Einfluss von westlichen und bestimmten polnischen Historikern eine Rolle und drittens die politische Integration Litauens in europäische und transatlantische Strukturen. Dadurch haben sich neue Perspektiven ergeben: Die litauischen Historiker fingen an, nicht nur die Geschichte der Litauer sondern auch anderer Ethnien, die in Litauen lebten, zu erforschen. Vereinfachende Sichtweisen bzgl. der "Russifizierungspolitik" des Zarenreichs sind zugunsten einer komplexeren Auffassung zurückgedrängt worden, die hervorhebt, dass es der Politik im Zarenreich vor allem um die Herstellung von Loyalität ging. Litauen steht als "Opfer" der russischen Politik nicht mehr so stark im Vordergrund, jüngere Historiker sagen deutlich, dass aus der Sicht der russischen Politik die Polen und das Polentum weit bedeutendere Feinde des Imperiums waren als andere nationale Gruppen.

<13>

Herr Dolbilov, welche Fortschritte macht die russische Geschichtsschreibung bei der Erforschung des Russländischen Reiches? Spielen Generationsunterschiede bei der Deutung der Geschichte eine Rolle?

<14>

Mikhail Dolbilov: Unter den Historikern, deren Interesse durch eine staatszentrierte, etatistische Sichtweise geprägt ist, gibt es sowohl Vertreter der älteren als auch der jüngeren, sogar der jüngsten Generation. Sie haben viel für eine Vermehrung unserer Kenntnisse über das russländische Imperium geleistet. Sie haben zahlreiche interessante (wenn auch einseitige) Biographien staatlicher Akteure herausgegeben, viele neue Fakten aufgedeckt und wertvolle Nachschlagewerke über die personelle Zusammensetzung der Bürokratie des Zarenreichs zusammengestellt. In letzter Zeit zeigt sich jedoch immer stärker die Abhängigkeit dieser Forschungsrichtung von Vorannahmen und Sympathien. Es werden immer mehr Arbeiten nicht wissenschaftlicher Natur über das Imperium herausgegeben, in denen Methodologie durch einen Appell an die patriotischen Gefühle der Leser ersetzt wird. In der Regel wird in diesen Werken der repressive Charakter des imperialen Regimes heruntergespielt und gewisse Institutionen des Russländischen Reiches erfahren eine unverdiente moralische Rechtfertigung oder gar übermäßiges Lob. Zum Beispiel wird in Arbeiten dieser Art die reglementierende Politik der so genannten "Glaubensfreiheit" der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts unter Katharina II. als Politik der "Gewissensfreiheit im heutigen Sinne dargestellt. Ich wiederhole, dass unter diesen "Patrioten" der russischen Historiographie nicht wenige junge Historiker sind: Der entscheidende Faktor für Einstellungen dieser Art ist nicht das Alter, sondern die Verbindung zu bestimmten akademischen Einrichtungen und Schulen und teilweise ein Misstrauen gegenüber der westlichen Geschichtsschreibung über das Russländische Reich.

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Gibt es dazu alternative Forschungsrichtungen?

<16>

Mikhail Dolbilov: Von dieser Ausrichtung der "Imperiologie" lässt sich eine Gruppe von Historikern abgrenzen – und ich zähle mich zu dieser Gruppe – für die das Imperium nicht nur Forschungsobjekt sondern kontextueller Rahmen der Forschung ist. Im Zentrum der Aufmerksamkeit dieser Wissenschaftler, die zumeist konstruktivistische Ansätze der Nationalismusforschung vertreten, steht die Rolle des imperialen Faktors für die schwierige Wechselbeziehung zwischen dynastischem Staat und den vielen – sowohl dem russischen als auch den vielen nichtrussischen – Nationalismen. Aus dieser Perspektive erscheint das Imperium eher als Gesamtheit von Prozessen mit einem nicht vorherbestimmten Anfang, denn als ein gewisses teleologisch zu beschreibendes Wesen. Wir konnten zeigen, dass sogar scheinbar absichtliche Maßnahmen des absolutistischen Regimes, wie die Annexion von neuen Gebieten oder der Assimilationsdruck auf bestimmte ethnische Gruppen, das Resultat der Aktivität verschiedener Einflussgruppen mit ihren spezifischen Agenden waren. Bis zu einem gewissen Grad konnten die Interessen der Regierung und lokaler Eliten durchaus übereinstimmen.

<17>

Die Beschäftigung mit sich verändernden Identitäten ermöglicht es, Alternativen der einzelnen nation-building Projekte im imperialen Raum aufzuzeigen. Es gelang uns zu erklären, dass sich das Nationalbewusstsein des einen oder anderen Volkes entgegen der Absicht der Staatsmacht aber dennoch dank des Imperiums herausbilden konnte. Die Historiker der "konstruktivistischen Schule" bemühen sich, die imperialen Wechselwirkungen und gegenseitigen Abhängigkeiten so zu beschreiben, dass die Logik alle betroffenen Seiten berücksichtigt. Im Unterschied dazu wird ein "patriotisch" eingestellter russischer Historiker beispielsweise über die Konkurrenz zwischen der imperialen Macht und der polnischen Elite um die Assimiliation der ukrainischen Bauern in den westlichen Randgebieten des Zarenreiches mit wenig Sympathie für die polnische Elite sprechen und viel eher für die Russifizierung der ukrainischen Bevölkerung eintreten.

<18>

Herr Staliunas, wie schätzen Sie die Neuansätze in der Imperiumsforschung ein?

<19>

Darius Staliunas: Es gibt eine generelle Tendenz unter westlichen und russischen Historikern die Ziele der russischen Nationalitätenpolitik in Hinblick auf Zeitraum, Territorium oder nationale Gruppe zu differenzieren. Diejenigen Wissenschaftler, die russozentrische und andere nationalistische Narrative kritisieren, verfügen nicht über einen gemeinsamen Gegenentwurf, sondern stehen für eine Vielzahl von Ansätzen. Einige schlagen vor, dass die Nationalitätenprobleme des Russländischen Reiches nach Regionen studiert werden sollten, während andere, wie Aleksej Miller, diesen Ansatz kritisieren und einen situativen Ansatz favorisieren.

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Welches Echo haben die neuen Ansätze der russischen Imperiumsforschung in den Historiographien der neuen Nachbarstaaten Russland, z.B. der Ukraine?

<21>

Mikhail Dolbilov: Es ist denkwürdig, dass die konstruktivistischen Arbeiten über das Imperium wesentlich häufiger eine polemische Reaktion von Seiten der Kollegen aus den unabhängigen Nachbarstaaten, insbesondere aus der Ukraine hervorrufen, als die Arbeiten der russischen Historiker, die sich als Apologeten des Imperiums betätigen. Das lässt sich auch leicht erklären. Die konstruktivistische Imperiumsforschung ist von ihrer Methodologie her gegen ethnozentrische Narrative gerichtet, welche die Herausbildung einer bestimmten Nation als unausweichliches, seit langem vorherbestimmtes Ereignis und das Imperium dementsprechend als Anomalie und Hindernis auf dem Wege zur Nationsbildung sehen. Der ethnozentrische Ansatz wird von relativ vielen Historikern aus den Nachbarstaaten Russlands vertreten. Zugleich überwiegt in Russland selbst ein Imperiozentrismus in unterschiedlichen Formen.

<22>

Herr Dolbilov, worin bestehen aus Ihrer Sicht die "Missverständnisse" zwischen einem Teil der Forschung in den selbständig gewordenen Nachbarstaaten Russlands und der modernen, konstruktivistischen russischen Imperiumsforschung?

<23>

Mikhail Dolbilov: Aus Sicht eines nationalistisch eingestellten ukrainischen Historikers, der mit seinen Büchern einen Beitrag zur Abtrennung der heutigen ukrainischen Identität von Russland leisten will, besteht kein großer Unterschied, ob ein russischer Imperiumsforscher einen patriotischen oder einen konstruktivistischen Ansatz verfolgt. Für ihn besteht kein großer Unterschied zwischen der Meinung, dass die ukrainische Nation durch eine bedauerliche Unterbrechung der "historischen Gesetzmäßigkeit" entstanden sei, und der Meinung, dass die Ukrainer die Herausbildung einer nationalen Identität vor allem dem situativ bedingten Misserfolg der russischen assimilatorischen Bemühungen zu verdanken haben.
Eine solche nationalistische Sichtweise ist blind für Differenzen zwischen den verschiedenen Motivationen, Methodologien und Forschungsergebnissen unterschiedlicher – patriotischer oder konstruktivistischer – Richtungen in der Imperiumsforschung.

<24>

Herr Staliunas, gibt es aus ihrer Sicht in der russischen Imperiumsforschung Sichtweisen, die Sie nicht teilen können?

<25>

Darius Staliunas: Es gibt eine deutliche Tendenz in der gegenwärtigen russischen Geschichtsschreibung, die Inkonsistenz der offiziellen Politik im Russländischen Reich zu betonen. Auch dies kann meiner Meinung nach zu Extremen führen, die in keiner Weise besser sind als die entgegengesetzte Auffassung von der Russifizierung als einem in sich schlüssigen geplanten Projekt einer imperialen Elite. Eine zu große Betonung der Inkonsistenz der russischen Nationalitätenpolitik kann z.B. zu der Sicht führen, dass die russische imperiale Politik keine Auswirkung beispielsweise für die Verspätung des Nationsbildungsprozesses in Belarus hatte. Mit anderen Worten: Manche Historiker legen den Schluss nahe, dass erfolgreiche Nationsbildung in der westlichen Peripherie des Russländischen Reiches nur aufgrund der fehlerhaften Verwaltung von Seiten der russischen Bürokratie und anderer imperialer Akteure zustande gekommen sei.
Mir scheint, dass jene Historiker, die die Inkonsistenz der imperialen Nationalitätenpolitik betonen, manchmal das Russländische Reich nicht mit anderen Imperien, wie beispielsweise dem Habsburger Reich oder der Sowjetunion vergleichen, sondern mit einem Idealtypus von Staat, der eine kohärente Politik verfolgt.

<26>

Herr Dolbilov, welchen Weg sollte die russische Forschung künftig einschlagen?

<27>

Mikhail Dolbilov: Die polemische Reaktion, die wir teilweise aus den unabhängigen Nachbarstaaten bekommen, kann als Signal für das maßlose Übergewicht des imperialen Themas in der Agenda der russischen Historiker dienen. Vor kurzem hat der kanadische Historiker Stephen Velychenko folgenden Gedanken geäußert: "It is not yet logically possible to ‘denationalize’ Russia’s past, because Russia’s historians are only beginning to disentangle and separate it from its imperial dimension, and thus ‘nationalize’ it." [Ab Imperio, no. 1 (2007), p. 494 – www.abimperio.net]. Ich denke, dass eine gewisse Distanzierung der methodologisch versierten russischen Historiker von der imperialen Thematik eine positive Auswirkung auf die russische Geschichtsschreibung haben könnte. Deren Fähigkeiten könnten an anderen Stellen nutzbringender sein: Es fehlt eine vertiefte Analyse der unterschiedlichen Konzepte des "Russischen" und der Bilder von Russland als Nation, die nicht direkt mit der imperialen Entwicklung verbunden sind. Zum Beispiel gibt es bisher keine wirklich neuen Ansätze in der komplexen und vielschichtigen Untersuchung der Presse in Russland, sodass ein großes Segment des öffentlichen Diskurses über das "Russische" aus dem Blickfeld der Imperiums- und Nationalismusforscher herausfällt, die ihr Urteil in hohem Maße auf die Quellen der Staatsverwaltung und der Elitenpublizistik gründen.
Ich möchte hier nicht zu pessimistisch sein, denke jedoch, dass die noch vorhandenen Reste des Ethnozentrismus in der litauischen Geschichtsschreibung für die freie Arbeit junger litauischer Historiker weniger gefährlich sind, als der mächtige Einfluss des Imperiozentrismus in Russland.

Gesprächspartner:

Prof. Dr. Martin Schulze Wessel
Ludwig-Maximilians-Universität München
Historisches Seminar, Abteilung für Geschichte Osteuropas und Südosteuropas
Geschwister-Scholl-Platz 1
80539 München
Martin.SchulzeWessel@lrz.uni-muenchen.de

Dr. Darius Staliunas
Stellv. Direktor
Institut fur Geschichte Litauens
Kraziu 5, 01108 Vilnius
Litauen
staliunas@istorija.lt
staliun@takas.lt

Dr. Mikhail Dolbilov
European University St. Petersburg
Department of History
dolbilov@eu.spb.ru

Empfohlene Zitierweise:

Martin Schulze Wessel / Darius Staliunas / Michail Dolbilov : Der "imperial turn" in der Geschichte des Russländische Reiches. , in: zeitenblicke 6 (2007), Nr. 2, [24.12.2007], URL: http://www.zeitenblicke.de/2007/2/interview/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-12403

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