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Neue Themen – neue Fragen

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Die Beschäftigung mit militärgeschichtlichen Fragestellungen ist in den letzten Jahren zu einem an Zugängen reichem Unterfangen geworden. Nachdem das Thema in den Geschichtswissenschaften von Ausnahmen abgesehen über lange Jahre hinweg eine Domäne für systemimmanente operations- und organisationsgeschichtliche Forschungen war, oder – anders betrachtet – von den Hauptströmungen des Faches nur am Rande beachtet wurde, streben zahlreiche neuere Untersuchungen unter Anwendung unterschiedlicher methodischer Zugänge die Kontextualisierung von militärgeschichtlichen Themen mit Problemen der 'allgemeinen' Geschichte an.  [1] In den Vordergrund traten beispielsweise Fragen nach dem Verhältnis zwischen militärischen Institutionen und der Gesellschaft bzw. der Funktion moderner Wehrpflichtigenarmeen als (männliche) Orte der nationalen bzw. gesellschaftlichen und politischen Sozialisation.  [2] Die Erforschung von Krieg und Kriegsfolgen aus einer erweiterten Perspektive erfuhr durch mehrere Projekte neue Impulse.  [3] Vornehmlich wird dieser Vorgang durch die Rückkehr des Krieges nach Europa erklärt, er ist aber auch in hohem Maße auf fachimmanente Entwicklungen zurückzuführen. Schließlich bieten anstehende Jahrestage mannigfaltige Anreize, die bezogen etwa auf die beiden Weltkriege zum erheblichen Anwachsen (militär-) geschichtlicher Publikationen führen.

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Im Folgenden wird der Versuch unternommen, für den Bereich der Geschichte Ost- und Ostmitteleuropas Forschungsergebnisse der Militärgeschichte "in der Erweiterung" sowie angrenzender Ansätze aus den letzten Jahren zusammenzufassen und in einen größeren Kontext einzuordnen. Daran schließt sich eine Diskussion der Möglichkeiten und Grenzen dieses Zugangs, sowie den Desideraten an. Dieser Beitrag kann selbstverständlich nicht alle Facetten, Epochen und Regionen gleichermaßen abdecken. Der Fokus ist deswegen auf die Geschichte der Weltkriege und den Entwicklungen des 20. Jahrhunderts gerichtet. Schwerpunktmäßig werden Forschungen deutschsprachiger Historikerinnen und Historiker thematisiert.

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Es hat vielfach schon Ritualcharakter, in vergleichbaren Konstellationen nach der Rückständigkeit oder dem Potential osteuropäischer Geschichte im Kontrast zu Ergebnissen der Forschungen zu Deutschland oder Westeuropa zu fragen. Dem soll für den Bereich der Militärgeschichte an dieser Stelle nicht nachgegangen werden. Wichtig könnten jedoch zwei kurze Anmerkungen sein. Erwähnenswert erscheint zunächst ein Blick auf ältere Arbeiten. Er zeigt zahlreiche, nicht nur durch nicht möglichen oder eingeschränkten Archivzugang erklärbare Lücken. Daneben finden sich aber auch Forschungen, die bereits zu einem frühen Zeitpunkt auch noch heute relevante Fragestellungen aufgriffen. So behandelte Dietrich Beyrau in seiner im Jahr 1984 erschienenen Habilitation das Militär im vorrevolutionären Russland und fragte nach seiner gesellschaftlichen Funktion.  [4] Schon in den siebziger Jahren untersuchten österreichische Historiker die Wechselwirkungen zwischen gesellschaftlichen Desintegrationstendenzen in der Habsburgermonarchie, den Bedingungen in ihren Streitkräften und dem Kriegsverlauf.  [5]

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Hilfreich kann schließlich der Hinweis auf größere Zusammenhänge insbesondere für die Erforschung der beiden Weltkriege sein. Für den Ersten Weltkrieg wird zum Beispiel die Beachtung der in Überblicksdarstellungen, Detailstudien wie auch der allgemeinen Wahrnehmung oft vernachlässigten Kriegsereignisse und -folgen im östlichen Europa in Wechselbeziehung zu militärischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Westeuropa (oder gar in einer globalen Perspektive) für die Betrachtung des Gesamtphänomens zunehmend eingefordert, wenn auch nicht in letzter Konsequenz umgesetzt.  [6] Hier sollte in Zukunft verstärkt der Weg des Vergleichs und darüber hinaus der integrierten Betrachtung gegangen werden. Dies betrifft auch die Untersuchung von Zusammenhängen zwischen Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg und Verhaltensdispositionen während des Zweiten Weltkriegs – ein Aspekt dem bisher insbesondere mit Blick auf den deutschen Vernichtungskrieg im östlichen Europa nachgegangen wurde.  [7]

Krieg und Kriegserfahrung

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Eine Folge neuer Zugänge zu Archiven und Forschungseinrichtungen im östlichen Europa war es, dass seitdem in Kombination mit neuen methodischen Ansätzen das deutsche Besatzungsregime während des Ersten Weltkriegs, vor allem aber während des Vernichtungskrieges im Zweiten Weltkrieg aus mehreren Perspektiven betrachtet werden konnte. Dies führte zu neuen Sichtweisen auf das Handeln deutscher Truppen und Herrschaftsinstitutionen, aber auch auf die Folgen für die betroffene Bevölkerung. Deutlich hat dies insbesondere Bernhard Chiari mit seiner Studie über den "Alltag hinter der Front" in Weißrussland gemacht, in der sichtbar wird, wie ein bereits durch den Ersten Weltkrieg und seine Folgen destabilisiertes Land zunächst seit 1939 unter bürgerkriegsähnlichen Zuständen litt und seit 1941 durch den nationalsozialistischen Besatzungsterror im Chaos versank.  [8] Gerade in den damals ostpolnischen Regionen kam es zudem zu einem 'Krieg im Krieg', in dem sich unterschiedliche nationale und politische Gruppierungen gegenüberstanden.  [9]

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Krieg und Besatzungserfahrung aus mehreren Perspektiven zu beleuchten ist auch das Anliegen von Jörg Ganzenmüllers Studie über Leningrad in den Jahren 1941 bis 1944.  [10] Sie zeigt zum einen, wie das Militär des nationalsozialistischen Regimes dessen Ideologie und die damit verbundenen Zielsetzungen umzusetzen versuchte, die im Kern auf die Vernichtung der Stadtbevölkerung, und kaum auf die Eroberung Leningrads ausgerichtet war. Zum anderen legt sie offen, wie das sowjetische Regime in der belagerten Stadt sowie auf der Ebene der Staatsführung 'unter Druck' agierte. Ähnlich angelegte Studien könnten in Zukunft in vergleichender Perspektive das Überlagern militärischer Erfordernisse durch andere Zielsetzungen verdeutlichen und zudem das Vorgehen der Armeen in einen Zusammenhang mit den unmittelbaren Folgewirkungen für die Bevölkerung stellen.

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Eine wichtige Lücke hat zuletzt Jochen Böhler mit seiner Arbeit über den Angriff der deutschen Wehrmacht auf Polen im Jahr 1939 geschlossen, auch wenn er die Chance, das Geschehen aus mehreren Perspektiven zu erforschen, nur begrenzt genutzt hat. Nur partiell zieht er polnische Quellen heran, um die Formen und Folgen des Agierens der deutschen Truppen zu analysieren.  [11] Böhler untersucht dabei unmittelbar Zielsetzungen und Hintergründe nationalsozialistischer Kriegsführung. Die 1939 in Polen begangenen Wehrmachtsverbrechen erklärt er vor allem mit dem "Freischärlerwahn", erst in zweiter Linie mit den Auswirkungen der nationalsozialistischen Ideologie. Diese Deutung erscheint zumindest ergänzungsbedürftig. Denn die Wahrnehmung von einfachen Soldaten und Offizieren, dass sie sich in einem Land befanden, in dem an jeder Ecke ein Angriff aus dem Hinterhalt drohte, wurde möglicherweise bereits von Voreinstellungen geprägt. Neben großer Nervosität und weiterwirkenden, auf Erlebnissen oder Erzählungen aus dem Ersten Weltkrieg zurückzuführende Deutungen, konnten hier eben auch vorgeprägte Einstellungen gegenüber der Bevölkerung des Kriegsgegners eine Rolle spielen.

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In Forschungen der letzten Jahre ist zunehmend der Begriff der "Kriegserfahrung" in den Vordergrund gerückt.  [12] Unter dieses weite Konzept werden unmittelbare Konsequenzen aus kriegerischen Handlungen, aber auch langfristige mentale Folgen oder ihr Niederschlag in der Erinnerungskultur gefasst. Der Nachteil einer manchmal fehlenden begrifflichen Präzisierung wird vielfach dadurch kompensiert, dass in den entsprechenden Studien vermeintlich selbstverständliche Aspekte von Kriegsfolgen analysiert werden. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang etwa die Arbeit von Frank M. Schuster, der die "Lebenswelt" osteuropäischer Juden unter den Bedingungen des Ersten Weltkriegs untersucht hat.  [13] Zur Ergänzung seiner Studie, die neben vielen anderen Aspekten auch die Frage nach dem Verhältnis zu den in der Region involvierten Imperien aufgreift, wären freilich weitere Forschungen wünschenswert, die sich auch den Lebensbedingungen anderer ethnischer und religiöser Gruppen zuwenden. Dies könnte den Blick dafür schärfen, auf welchen Prädispositionen das Handeln der betroffenen Staaten unter Kriegsbedingungen bzw. der jeweiligen Besatzungsmächte basierte. Explizit auf die Erfahrungen der Besatzer und ihre Folgenwirkungen fokussiert Vejas Gabriel Liulevicius in seiner Arbeit über die deutsche Herrschaft in Litauen während des Ersten Weltkriegs.  [14] Die These, wonach solche Erfahrungen grundlegend für das Handeln der Deutschen im Vernichtungskrieg während des Zweiten Weltkriegs wurden, ist inzwischen intensiv diskutiert worden.  [15] Ihre Stärke hat die Studie in der Analyse der zeitgenössischen Wahrnehmungen, die allerdings vor allem von offiziellen Dokumenten ausgeht. Zur weiteren Klärung müssten aber noch intensiver die Transformationen von Perzeptionen während der Zwischenkriegszeit berücksichtigt werden. Hierzu gehört auch eine stärkere Einbeziehung des Generationenbegriffs.

Das Militär als "gesellschaftliches Subsystem"

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In mehreren Studien wurde das Militär in letzter Zeit als ein "gesellschaftliches Subsystem"  [16] aufgefasst, das nicht unberührt von anderen Faktoren blieb. Im Gegenteil spiegelte sich in ihm politischer und gesellschaftlicher Wandel wider oder es trug vereinzelt sogar selbst entscheidend zu diesem Wandel bei.  [17] Mit der möglichen Funktion der Streitkräfte eines Landes als 'Schule der Nation' ist zugleich die Frage verbunden, inwieweit sich die Institution des Militärs selbst verändert infolge der nicht ursächlich vorgesehenen Funktion als potentielles Integrationsinstrument. Ein Ansatz, der die genannten Fragestellungen aufgreift, kann zum Beispiel für die Erforschung der nach 1918 neu konstituierten Nationalstaaten Ostmitteleuropas, aber auch für Imperien, die einer Phase beschleunigten Wandels unterlagen, über den Militärsektor hinaus wichtige Erkenntnisse bieten.

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Anhand der Wehrpflicht im zarischen Russland hat Werner Benecke zuletzt das Wechselverhältnis zwischen auf die Gesellschaft ausgerichteten Reformanstrengungen und auf die Verteidigung des Landes zielenden Maßnahmen untersucht.  [18] Deutlich machen konnte er dabei vor allem eine zunächst paradox anmutende Entwicklung. Einerseits wurde der militärische Bereich zunehmend vom Leben der Zivilbevölkerung isoliert. Dies zeigt sich etwa daran, dass es in Russland nur sehr begrenzt zu einer Organisierung von ehemaligen Wehrpflichtigen in Reservistenverbänden kam. Andererseits blieb eine enge Bindung erhalten, da die Militärverwaltung regelmäßig auf zivile Strukturen zurückgreifen musste, um etwa Musterung und Kasernierung erfolgreich umsetzen zu können. Nur teilweise wird von Benecke geklärt, welche Folgen der Wandel im russischen Militär für die Soldaten unterschiedlicher sozialer und regionaler Herkunft hatte. Was unterschied letztlich den russischen Soldaten vom deutschen, französischen oder österreichischen Soldaten, der im Jahr 1914 an die Front zog?  [19]

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Hinsichtlich des Militärs als potentiellem Integrationsfaktor haben Fragen nach nationaler Differenz, ethnischen Zugehörigkeiten und Zuschreibungen insbesondere für die neuzeitlichen Armeen ostmitteleuropäischer Staaten große Bedeutung. Gerade bei den Bestrebungen, Minoritäten durch ihre Einbeziehung in die allgemeine Wehrpflicht in die Staatsbevölkerung zu integrieren, wird der starke Einfluss gesellschaftlicher Leitvorstellungen auf die Institution sichtbar.  [20] Für die Armeen der nach 1918 neu entstandenen Nationalstaaten wie der Tschechoslowakei, in denen das Militär in hohem Maße Symbolcharakter hatte, bedeutete dies nicht zuletzt, national motivierte Entwürfe von Staatlichkeit in der Praxis mit der polyethnischen Realität in den Kasernen in Einklang zu bringen.  [21]

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Eine ethnische Aufladung erfuhr dabei meist die Frage der Loyalität des einzelnen Soldaten, was im Bereich der Heeresorganisation zur Formulierung eines 'Misstrauensvorschusses' führte. Nationale Quotierungen legten den regionalen Einsatzort für Rekruten und zulässige Höchstzahlen für einzelne Einheiten oder Waffengattungen ausgehend von der ethnischen Herkunft fest. Ein solches System war zum Beispiel in der Tschechoslowakei stark von der Politisierung nationaler Zugehörigkeit geprägt.  [22] Zugleich standen dahinter handfeste praktische Überlegungen, wie etwa die Sprachenfrage. Auch wenn es auf symbolischer Ebene in den meisten Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie eine explizite Abkehr von den organisatorischen Grundlagen und Traditionen der österreichisch-ungarischen Armee gab, blieben die strukturellen Erfordernisse in vielen Fällen ähnlich.  [23] Ein die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung berücksichtigendes Dislokationssystem bedurfte eines großen organisatorischen Aufwands, um die Anfälligkeiten gering zu halten. In diesem oder vergleichbaren Fällen einer durch polyethnische Zusammensetzung geprägten Armee wurde bisher zu wenig in Betracht gezogen, dass nicht nur Angehörige von Minoritäten dadurch erfasst und beeinflusst wurden, sondern auch eine entsprechende Wirkung auf Angehörige der Titularnationen entfaltet wurde. Um eine ausgewogene exterritoriale Dislokation erreichen zu können, mussten zum Beispiel in der Tschechoslowakei nicht nur Deutsche aus den böhmischen Ländern sondern auch Tschechen in großer Entfernung von ihren Heimatorten eingesetzt werden.  [24] Auch hier bieten sich alltags- und erfahrungsgeschichtliche Ansätze, die etwa die Wahrnehmungsmuster und Verhaltensweisen der betroffenen Rekruten in den Blick nehmen, für die weitere Forschung an.

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Zukünftig könnte verstärkt untersucht werden, in welchem Maß es polyethnisch zusammengesetzten Armeen unter dem Einfluss gesellschaftlicher Konflikte gelang, systemimmanent zu agieren, um die Funktionsfähigkeit der Institution zu bewahren. Für die Untersuchung von Reaktionsweisen der Betroffenen ist jedoch ein Abgleich mit anderen Faktoren, die zu Subordination oder anderen Formen der Verweigerung führen können, unabdingbar. Dies betrifft den Grad nationaler Mobilisierung, aber auch die 'Mikrosituation' in der militärischen Einheit oder die Präsenz der Organisation. In Betracht zu ziehen sind neben diesen 'Pushfaktoren' ebenso 'Pullfaktoren': Formen der Propaganda bzw. psychologischen Kriegsführung gegenüber den Soldaten des Gegners. Für diesen Bereich hat Mark Cornwall eine eindrucksvolle Studie über den Ersten Weltkrieg vorgelegt, die Versuche der Entente betrachtet, mit auf die Nationalitäten in der österreichisch-ungarischen Armee zugeschnittenen Flugblättern und weiteren vergleichbaren Aktivitäten die Desertionsrate des Gegners an der 'Südfront' zu erhöhen oder zumindest den Durchhaltewillen seiner Soldaten zu schwächen.  [25]

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Allerdings empfiehlt sich auch bei diesem Themenkomplex insbesondere für Krisenphasen wie Krieg oder Mobilisierung ein vergleichender Blick auf die Heere anderer Staaten, um Phänomene wie Desertionen oder Meutereien richtig einschätzen zu können.  [26] Dies könnte auch zur Relativierung von Ansätzen führen, die bis in die jüngste Vergangenheit hinein Schwächen der österreichisch-ungarischen Armee im Ersten Weltkrieg weitgehend isoliert auf ihr 'Nationalitätenproblem' zurückführen. Oftmals werden hierbei Deutungen der Nachkriegszeit übernommen. Nicht zu Unrecht bezeichnet Ivan Šedivý die Meinung, wonach die Nationalitäten in der österreichisch-ungarischen Armee durch ihre große Illoyalität entscheidend zum Zusammenbruch beigetragen hätten, als österreichische Variante der deutschen Dolchstoßlegende.  [27]

Krieg und gesellschaftlicher Wandel

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Die Staaten, die nach 1918 infolge des Zusammenbruchs der Habsburgermonarchie und des Russischen Reiches gegründet wurden, waren – wenn auch in unterschiedlich hohem Maße – in ihren Entstehungsbedingungen durch den Ersten Weltkrieg geprägt. Auch das "gesellschaftliche Subsystem" unterlag, bedingt durch die Dimensionen des Krieges starken Veränderungen. Auffällig ist jedenfalls die große Rolle, die dem Militärischen in der Außendarstellung, der Argumentation und vor allem dem institutionellen Bereich in vielen Staaten zukam.  [28] Noch zu wenig wurde bisher danach gefragt, welche Folgen sich durch Demilitarisierung, die Rückkehr der Soldaten von der Front, aus der Gefangenschaft oder dem Lazarett, für Gesellschaften ergaben, die mit umfassenden staatlichen und politischen Veränderungen konfrontiert waren. Das betrifft zum Beispiel die Integration in den Arbeitsmarkt oder auch die Geschlechter- und Generationenverhältnisse. Ausgehend von der Untersuchung der Kriegsgefangenenproblematik wurde der Versuch unternommen, den Transfer kommunistischen Gedankenguts nach Mittel- und Ostmitteleuropa nachzuzeichnen. Auch wenn die Studie von Hannes Leidinger und Verena Moritz aufgrund der Fülle des ausgebreiteten Materials schwer zu fassen ist, bietet sie einige Ansatzpunkte für weitere Forschungen.  [29] So wäre es ein lohnenswertes Unterfangen, einmal vergleichend zu betrachten, wie die nach 1918 neu entstehenden Staaten auf die Rückkehr einer hohen Zahl von Soldaten aus der durch die russische Revolution berührten Region reagierten.

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Aufschlussreich erscheint in diesem Zusammenhang auch die Untersuchung der Veteranen des Ersten Weltkriegs, ihrer gesellschaftliche Präsenz, ihrer Zielsetzungen und organisatorischen Grundlagen. Ins Blickfeld geraten dabei ihr Verhältnis zu den staatlichen Streitkräften, ihre Rolle im gesellschaftlichen Gefüge 'vor Ort', aber auch ihre Bedeutung für die Repräsentation der jeweiligen Staatsidee in den neu entstandenen Staaten Ostmittel- und Südosteuropas. Von besonderem Interesse ist hierbei, welche Rolle die Generation der Kriegsteilnehmer im politischen Geschehen, insbesondere bei der Herausbildung faschistischer und rechtsgerichteter Gruppierungen, einnahm.  [30] Die Veteranen stellen zudem das Verbindungsglied zur Erforschung der Kriegserinnerung und Erinnerungskultur dar, die in den letzten Jahren zunehmend untersucht wurde.  [31]

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Als produktiv erwies sich hierbei zuletzt die Betrachtung der Folgen von 'Kriegsniederlagen'.  [32] Olga Nikonova untersuchte beispielsweise, welche Auswirkungen der Erste Weltkrieg für die Sowjetunion hatte, und wie die Erinnerung an ihn durch Revolution und Bürgerkrieg verdrängt wurde. Auch wenn es zu dieser Verdrängung kam, legte die Weltkriegserfahrung doch den Grundstein für eine Mobilisierung und 'Militarisierung' der sowjetischen Gesellschaft.  [33] Für die Staaten Ostmitteleuropas in der Zwischenkriegszeit ist wiederum die Bedeutung konkurrierender Weltkriegsdeutungen für gesellschaftliche Konflikte interessant. Gerade mit Blick auf den Stellenwert von Veteranen und dem – wenn auch unterschiedlich ausgeprägten – Einfluss ihrer Organisationen auf die erinnerungspolitische 'Mobilisierung' vor Ort, sind in Zukunft Forschungen wünschenswert, die nicht nur danach fragen, wie Erinnerung soziale Beziehungen repräsentiert, sondern auch danach, wie Erinnerung sie formt.  [34]

Perspektiven

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Bei einem Blick auf die hier diskutierten Ansätze und vorgestellten Arbeiten lassen sich drei Schwerpunkte militärgeschichtlicher Forschungen zu Ostmittel- und Osteuropa festzustellen. Ein Bereich steht für den Versuch, die Funktion des Militärischen innerhalb der Gesellschaft bzw. das Militärische als Teilsystem der Gesellschaft zu fassen, in dem deren Probleme und Verwerfungen präsent bleiben, aber unter anderen Bedingungen gelöst oder abgewickelt werden. Während es für die Zeit bis 1945 bereits eine Vielzahl von Studien zu dieser Thematik gibt, fehlt es bisher noch an Forschungen, in denen die Rolle des Militärischen in den kommunistisch geprägten Ländern nach 1945/48 analysiert wird. Zu denken ist hier nicht allein an die Rolle der Streitkräfte als Repressionsmacht nach innen oder Repräsentationsmacht nach außen, sondern auch an ein komplexes Beziehungsgeflecht im Verhältnis zur Zivilbevölkerung.

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Ein zweiter Bereich widmet sich intensiv den 'Kriegserfahrungen'. Dieser Begriff ermöglicht einen neuen Zugang und bietet zudem die Chance, auch langfristige Kriegsfolgen zu erfassen. Ein dritter Bereich lässt sich unter den Begriffen Kriegserinnerung und Militärtradition zusammenfassen. In zahlreichen Studien wurde in den letzten Jahren untersucht, wie sich ethnische, politische, religiöse oder soziale Zugehörigkeiten und Zuschreibungen in konkurrierenden Kriegsdeutungen und Erinnerungsentwürfen niedergeschlagen haben. Zukünftig wünschenswert wäre es, wenn hierbei verstärkt die Funktion und Instrumentalisierung von Kriegserinnerung in zunächst meist zerrütteten Nachkriegsgesellschaften ins Blickfeld genommen werden würde.

Autor:

Dr. Martin Zückert
Collegium Carolinum
Hochstr. 8
81669 München
martin.zueckert@extern.lrz-muenchen.de



[1] Vgl. stellvertretend für eine Reihe von Publikationen: Thomas Kühne / Benjamin Ziemann Hg.): Was ist Militärgeschichte? (= Krieg in der Geschichte 6), Paderborn 2000.

[2] Ute Frevert: Die kasernierte Nation. Militärdienst und Zivilgesellschaft in Deutschland, München 2001.

[3] Für die Forschung zum Ersten Weltkrieg kann als Beispiel auf folgenden Sammelband verwiesen werden: Gerhard Hirschfeld / Gerd Krumeich u.a. (Hg.): Kriegserfahrungen. Studien zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte des Ersten Weltkriegs, Essen 1997.

[4] Dietrich Beyrau: Militär und Gesellschaft im vorrevolutionären Russland (= Beiträge zur Geschichte Osteuropas 15), Köln 1984.

[5] Richard Georg Plaschka / Horst Haselsteiner / Arnold Suppan: Innere Front. Widerstand und Umsturz in der Donaumonarchie 1918 (= Veröffentlichungen des Österreichischen Ost- und Südosteuropa-Instituts 8 und 9), 2 Bände, Wien / Graz 1974.

[6] Vgl. Hew Strachan: Der Erste Weltkrieg: eine neue illustrierte Geschichte, München 2004. (Engl. Originalversion: The First World War: a new illustrated history, London u.a. 2003). Einen, teilweise auf neueren Forschungen basierenden, Überblick bietet seit kurzem: Gerhard P. Groß (Hg.): Die vergessene Front. Der Osten 1914/15. Ereignis, Wirkung, Nachwirkung (= Zeitalter der Weltkriege 1), Paderborn 2006.

[7] Vgl. allgemein: Bruno Thoß / Hans-Erich Volkmann (Hg.): Erster Weltkrieg – Zweiter Weltkrieg. Ein Vergleich. Krieg, Kriegserlebnis, Kriegserfahrung in Deutschland, Paderborn 2002

[8] Bernhard Chiari: Alltag hinter der Front. Besatzung, Kollaboration und Widerstand in Weißrussland 1941-1944 (= Schriften des Bundesarchivs 53), Düsseldorf 1998.

[9] Vgl. hierzu zum Beispiel einige Beiträge im Sammelband von Bernhard Chiari (Hg.): Die polnische Heimatarmee. Geschichte und Mythos der Armia Krajowa seit dem Zweiten Weltkrieg (= Beiträge zur Militärgeschichte 57), München 2003.

[10] Jörg Ganzenmüller: Das belagerte Leningrad 1941-1944. Die Stadt in den Strategien von Angreifern und Verteidigern (= Krieg in der Geschichte 22), Paderborn 2005.

[11] Jochen Böhler: Auftakt zum Vernichtungskrieg. Die Wehrmacht in Polen 1939, Frankfurt a.M. 2006.

[12] Vgl. unter u.a. die Arbeiten des Tübinger Sonderforschungsbereiches "Kriegserfahrungen. Krieg und Gesellschaft in der Moderne" (http://www.uni-tuebingen.de/SFB437/).

[13] Frank M. Schuster: Zwischen allen Fronten. Osteuropäische Juden während des Ersten Weltkrieges (1914-1919) (= Lebenswelten osteuropäischer Juden 9), Köln 2004.

[14] Vejas Gabriel Liulevicius: Kriegsland im Osten. Eroberung, Kolonisierung und Militärherrschaft im Ersten Weltkrieg, Hamburg 2002 (Engl. Originalversion: War land on the Eastern front. Culture, National Identity and German Occupation in World War I, Cambridge 2000).

[15] Vgl. Eberhard Demm: Das deutsche Besatzungsregime in Litauen im Ersten Weltkrieg – Generalprobe für Hitlers Ostfeldzug und Versuchslabor des totalitären Staates, in: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung 51 (2002) 1, 64-74.

[16] Der Begriff ist entnommen aus: Dietrich Beyrau: Alte Vorurteile und neue Chancen. Die Juden in den russischen Streitkräften 1900 bis 1926, in: Osteuropa 53 (2003) 12, 1793-1809, hier: 1794.

[17] Dies wird zum Beispiel in der bereits zitierten Arbeit von Ute Frevert zur Geschichte der Wehrpflicht in Deutschland deutlich. Der Wehrdienst machte für die Betroffenen den Staat, seine räumliche Ausdehnung und seine institutionalisierte Form konkret erfahrbar, was sich unter anderem in der Ausbildung von nationalen Zugehörigkeiten manifestierte. Frevert: Die kasernierte Nation (wie Anm. 2). Vgl. auch die entsprechende Passage in der Studie zum französischen Beispiel von Eugen Weber: Peasants into Frenchmen. The Modernization of Rural France 1870-1914, Stanford 1976.

[18] Werner Benecke: Militär, Reform und Gesellschaft im Zarenreich. Die Wehrpflicht in Russland 1874-1914 (= Krieg in der Geschichte 25), Paderborn 2006.

[19] Dies bezieht sich unter anderem auch auf die auch für andere Gesellschaftsbereiche aufgeworfene Frage, inwieweit der Wehrdienst in der russischen Armee für die Beteiligten zu einem tiefgreifenden Verhaltenswandel führte, oder es umgekehrt zur 'Verbäuerlichung' der Armee kam. Vgl. Bushnell, John: Peasants in Uniform: The Tsarist Army as a Peasant Society, in: Ben Eklof / Stephen Frank (Hg.): The World of the Russian Peasant: Post-Emancipation Culture and Society, Boston 1990, 101-114.

[20] Als Beispiel ist der Versuch zu nennen, jüdische Soldaten in die russische Armee aufzunehmen. Beyrau: Alte Vorurteile und neue Chancen (wie Anm. 16).

[21] Martin Zückert: Zwischen Nationsidee und staatlicher Realität. Die tschechoslowakische Armee und ihre Nationalitätenpolitik 1918-1938 (= Veröffentlichungen des Collegium Carolinum 106), München 2006. Zugleich ist es von zentraler Bedeutung, dieses Phänomen in einem größeren und vergleichenden Kontext zu betrachten und zu untersuchen, inwieweit das Militär eine entscheidende Funktion bei der Herausbildung moderner Staatlichkeit übernahm. Dabei ist auffällig, wie spät dieses Thema von den Militärhistorikern aufgegriffen wurde. Vgl. den Tagungsbericht von Mike Kortmann: Nationalstaat, Nationalismus und Militär. Internationaler Kongress für Militärgeschichte der "Commission Internationale d'Histoire Militaire", in: AHF-Information Nr. 136 vom 11.10.2006. URL:http//www.ahf-muenchen.de/Tagungsberichte/Berichte/pdf/2006/136-06.pdf .

[22] Zückert: Zwischen Nationsidee und staatlicher Realität (wie Anm. 21).

[23] Johann Christoph Allmayer-Beck: Die bewaffnete Macht in Staat und Gesellschaft, in: Adam Wandruszka / Peter Urbanitsch (Hg.): Die Habsburgermonarchie 1848-1919, Bd. 5: Die bewaffnete Macht, Wien 1987, 1-141.

[24] Zückert: Zwischen Nationsidee und staatlicher Realität (wie Anm. 21).

[25] Mark Cornwall: The Undermining of Austria-Hungary. The Battle for Hearts and Minds, Basingstoke 2000.

[26] Vgl. zum Beispiel: Christoph Jahr: Gewöhnliche Soldaten. Desertion und Deserteure im deutschen und britischen Heer 1914-1918 (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft 123), Göttingen 1998.

[27] Ivan Šedivý: Češi, české země a velká válka 1914-1918 [Die Tschechen, die böhmischen Länder und der große Krieg 1914-1918], Praha 2001, 147.

[28] Erwin Oberländer (Hg.): Autoritäre Regime in Ostmittel- und Südosteuropa 1919-1944, Paderborn 2001.

[29] Hannes Leidinger / Verena Moritz: Gefangenschaft, Revolution, Heimkehr. Die Bedeutung der Kriegsgefangenenproblematik für die Geschichte des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa 1917-1920, Wien u.a. 2003.

[30] Unter anderem dieser Frage wurde auf einem von Mark Cornwall organisierten Workshop an der Universität Southampton im Jahr 2005 nachgegangen; vgl.: http://www.history.soton.ac.uk/victors1.htm .

[31] Vgl. zum Beispiel das Themenheft der Zeitschrift Osteuropa: Kluften der Erinnerung. Russland und Deutschland 60 Jahre nach dem Krieg, 55 (2005) 4-6.

[32] So zuletzt in: Horst Carl/Hans-Henning Kortüm / Dieter Langewiesche / Friedrich Lenger (Hg.): Kriegsniederlagen. Erfahrungen und Erinnerungen, Berlin 2004.

[33] Olga Nikonova: "Der Kult des Heldentums ist für den Sieg notwendig". Sowjetisches Militär und die Erfahrungen des Ersten Weltkrieges, in: ebenda (wie Anm. 32), 185-199.

[34] So Alon Confino / Peter Fritzsch: Introduction: Noises of the past, in: dies. (Hg.): Work of Memory. New Directions in the Study of German Society and Culture, Chicago 2002, 1-21, hier: 5.

Empfohlene Zitierweise:

Martin Zückert : Krieg und Militär in Forschungen der osteuropäischen Geschichte , in: zeitenblicke 6 (2007), Nr. 2, [24.12.2007], URL: http://www.zeitenblicke.de/2007/2/zueckert/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-12396

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