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Es gehört zu den auf den ersten Blick einleuchtenden und deshalb so hartnäckigen Annahmen, die alleinige Aufgabe der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg sei es, das bauliche Erbe der preußischen Monarchie zu bewahren. Der Auftrag der Stiftung würde dann konsequenterweise nicht nur 1918 enden, sondern die Veränderungen und Zerstörungen des späteren 20. Jahrhunderts wären sogar als Verfälschungen zu beheben. In der Satzung der Stiftung steht allerdings lediglich, der Stiftungszweck sei es “die ihr übergebenen Kulturgüter zu bewahren, [und] unter Berücksichtigung historischer, kunst- und gartenhistorischer und denkmalpflegerischer Belange zu pflegen [...].“ [1]

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Eine Beschränkung der Aufgaben auf die Zeit der Monarchie besteht also nicht, und die meist dramatische Geschichte der Häuser im 20. Jahrhunderts ist deshalb Teil der zu bewahrenden Vergangenheit. Dennoch ist der Umgang der Stiftung mit der Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht immer leicht. Das liegt vor allem an dem Spannungsverhältnis zwischen den Schlössern als Geschichtsort und Kunstwerk. Da die hohe künstlerische Bedeutung der Anlagen sowohl die Außenwahrnehmung als auch das Selbstverständnis der Stiftung bestimmt, werden die Schlösser und Gärten traditionell als Ensembles von Garten- und Raumkunstwerken präsentiert. In einem solchen Konzept erscheinen die meisten Spuren des 20. Jahrhunderts bestenfalls als gutgemeinte denkmalpflegerische Bemühungen, zum allergrößten Teil aber als willkürliche Zerstörungen. Ihr Erhalt als historische Spur stört daher das angestrebte Kunstbild meist deutlich und wird als Beeinträchtigung empfunden.

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Mit der Übernahme des Schlosses Schönhausen im Jahr 2005 hat die SPSG einen Ort in ihre Obhut genommen, dessen Geschichte eine Auseinandersetzung mit den Ereignissen des 20. Jahrhunderts fordert und der sich besonders sperrig in die Geschichte der preußischen Schlösser integriert. Zwar war das Schloss zwischen 1740-1797 Sommerresidenz der preußischen Königin Elisabeth Christine. Doch politikgeschichtlich bedeutender sind die Phasen des 20. Jahrhunderts, als das Schloss von 1949-1960 Sitz des Staatsoberhauptes der DDR, Wilhelm Pieck, und dann von 1960-1964 Sitz des Staatsrates der DDR war, um danach bis 1990 als Staatsgästehaus der DDR zu dienen. Schon auf den ersten Blick wird deutlich, dass die Widersprüche zwischen dem künstlerisch bedeutenden Rokokoschloss und der politisch bedeutenden Nutzung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts stärker sind, als in irgendeinem anderen Schloss der SPSG. Dennoch ist es Ziel der Stiftung, in Schönhausen auch der DDR-Phase breiten Raum zu widmen, um die ganze Geschichte zu erzählen und die Brüche deutlich zu machen. Statt das Haus als ein mühsam (re-)konstruiertes Gesamtkunstwerk zu zeigen, sollen hier exemplarisch Präsentationsformen entwickelt werden, die, wie es Hartmut Dorgerloh formuliert, die “Schlösser und ihre Gärten als `entwicklungsgeschichtliche Produkte` [...] verstehen, die ausschnitthaft Einblicke in die Komplexität oft auch Widersprüchlichkeit historischer Entwicklungen“ geben können. [2]

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Das schließt im Falle von Schönhausen nicht nur die Herstellung eines idealisierten Zustandes unter Elisabeth Christine aus. Genauso wenig wäre eine “Glasglocken-Denkmalpflege“, die das Schloss faktisch unberührt im Übernahmezustand bewahren würde, geeignet, die Brüche der Geschichte und die verschiedenen Nutzungsphasen aufzuzeigen. Vielmehr ist der Mut gefordert, auch punktuell Bestände aufzugeben, um eine für den Betrachter erschließbare Aussage zu treffen. Konkret sieht das Konzept vor, die Ausstellung im Erdgeschoss auf Elisabeth Christine zu konzentrieren. Das heißt in der Konsequenz, dass die textile und mobiliare Ausstattung des DDR-Gästehauses des Erdgeschosses magaziniert wird. In der östlichen Hälfte des ersten Obergeschoss wird hingegen der Schwerpunkt auf der Darstellung des Schlosses als Sitz des Staatsoberhauptes und der Zeit als Gästehaus der DDR liegen. Das bedeutet, dass der Grundriss des 18. Jahrhunderts in diesem Teil des Obergeschosses nicht wieder hergestellt wird, und dass die originale Fassung der Stuckdecken des späten 17. Jahrhunderts unter den Überfassungen des 20. Jahrhunderts verborgen bleiben wird.

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Während sich die Zeitebene Elisabeth Christines in die Vermittlung preußischer Geschichte in den anderen Stiftungsschlössern relativ nahtlos einbetten lässt, stellt sich die dringliche Frage, wie die Geschichte der DDR in diese Erzählung eingebunden werden kann. Was verbindet die DDR-Geschichte mit Preußen, und was Pieck mit dem Rokoko? Warum wählte man ein Schloss als Amtssitz des Präsidenten des ersten Arbeiter- und Bauernstaates und wie ging man mit diesem Erbe um?

Die Wahl von Schloss Schönhausen durch die DDR-Führung

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Auf den ersten Blick spricht viel dafür, dass die DDR-Führung eine pragmatische Entscheidung für Schönhausen fällte. Im kriegszerstörten Berlin bot sich das Schloss als intaktes und erst zehn Jahre zuvor modernisiertes Haus an. Zudem lag es in unmittelbarer Nähe zu der Villensiedlung am Majakowskiring, in der die aus dem sowjetischen Exil zurückgekehrte “Gruppe Ulbricht“, also die zukünftige Führungsriege der DDR mit Wilhelm Pieck (1876-1960) und Walter Ulbricht (1893–1973) seit 1945 lebte. Schon 1946, also Jahre vor Gründung der DDR, hatte Pieck seinen 70. Geburtstag in Schloss Schönhausen gefeiert. [3] Ein Amtssitz in der Nähe der Wohnung von Präsident Pieck war also sicher bequem, doch reichen diese praktischen Gründe allein für eine überzeugende Erklärung nicht aus. So zeigt der Vergleich mit anderen Regierungs-Bauten der frühen DDR, dass Gebäude mit einer betont unpolitischen Vergangenheit bevorzugt wurden: Der Vereinigungsparteitag von KPD und SPD fand im Admiralspalast statt, die Volkskammer tagte bis zur Fertigstellung des Palastes der Republik 1976 im Hörsaal der Chirurgischen Gesellschaft, das Oberste Gericht der DDR wurde in der Kaiser-Wilhelm-Akademie für Medizin etabliert und das Zentralkomitee der SED nutzte ein ehemaliges Kaufhaus an der Prenzlauer Allee. Es ist auffällig, dass man intakte Bauten der kaiserzeitlichen Reichsregierung, z. B. das Preußische Herrenhaus oder das Reichstagspräsidentenpalais, mied. Auch große Verwaltungsbauten wie die Reichsbankerweiterung und das Alte Stadthaus wurden erst Ende der 1950er von Funktionen der DDR-Regierung besetzt. [4] Für den Amtssitz des Präsidenten hingegen suchte man offensichtlich einen Ort, der zwar ebenso politisch unbelastet, aber doch betont repräsentativ sein sollte.

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Die Erklärung für diesen Wunsch nach Repräsentativität dürfte in der außenpolitischen Lage der jungen DDR liegen. Nach der Gründung beider deutscher Staaten 1949 setzte ein Wettstreit zwischen Bonn und Pankow um internationale Anerkennung ein. Zunächst vertrat die DDR dabei – ebenso wie die Bundesrepublik – noch das Ziel, ganz Deutschland zu repräsentieren. Nachdem die Sowjetunion das Ziel der Wiedervereinigung aufgegeben hatte, wurde ab 1955 die Zwei-Staaten-Theorie zur Grundlage der Außenpolitik der DDR und die internationale Anerkennung durch dritte Staaten umso dringlicher. Vor diesem Hintergrund war es von Bedeutung, als eigenständiger Staat und nicht als Marionette der Sowjetunion in Erscheinung zu treten. Daher sollte nach Willen der Außenpolitiker der DDR alle Regeln der internationalen diplomatischen Gepflogenheiten eingehalten werden, um als vollwertiger diplomatischer Partner anerkannt zu werden. Diese Gepflogenheiten waren allerdings die der westlichen, bürgerlichen Demokratien, was wiederum zu Konflikten führte, weil es im Gegensatz zu dem revolutionären Selbstverständnis der meisten Regierungsmitglieder stand. Nachdem aber die erste diplomatische Delegation der eben gegründeten DDR in Moskau von westlichen Beobachtern wegen ihrer fehlenden diplomatischen Erfahrungen verspottet worden war, entschied man schnell, sich den internationalen Formen anzupassen. So erklärt es sich, warum Grotewohl und Pieck in den 1950er Jahren im bürgerlichen Frack bzw. im Cut auftraten [5] (Abb. 1).

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Auch die frühen Repräsentationsbauten der DDR in der Innenstadt dienten diesen Bedürfnissen. Während es in den 1950er Jahren keine Neubauten für Regierungsfunktionen gab, ist die historisierende Wiedererrichtung der Staatsoper Unter den Linden und ihrer Umgebung in den Formen des 18. Jahrhunderts durch Richard Paulick als Schaffung einer Kulisse zur Selbstdarstellung des jungen Staates zu sehen. Dennoch wurde kurz zuvor das Berliner Schloss 1950/51 in einer symbolischen Geste der Distanzierung beseitigt. Der Widerspruch, die in dieser gleichzeitigen Aneignung und Auslöschung des preußischen Erbes liegt, ist nur schwer aufzulösen. Der Wiederaufbau nach historischem Vorbild steht aber sicher im Kontext der “Sechzehn Grundsätze des Städtebaues“, die 1950 die Architektur der DDR nach stalinistischem Vorbild ohne Rücksicht auf die spezielle deutsche Situation auf den Stil der “nationalen Traditionen“ von Knobelsdorff, Gilly und Schinkel verpflichtete. [6] In diesem Zusammenhang bot das Forum Friderizianum nach dem Abriss des vor allem politisch belasteten Schlosses einen neutral-kulturellen Rahmen für diplomatische Anlässe des jungen Staats im Herzen der Stadt.

Abb. 1

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Ähnlich muss man auch die Wahl von Schloss Schönhausen einordnen. Es hatte einerseits keine verfängliche politische Tradition, bot aber in seiner Struktur und Dekoration den international üblichen Rahmen für diplomatisches Protokoll und Repräsentation. Da das ganze bürgerliche diplomatische Zeremoniell seine Wurzeln am französischen Hof des 18. Jahrhunderts hat, sind bis heute die Formen des Barock und Rokoko traditionell der gängigste Rahmen für staatliche Repräsentation. So war das Rokoko-Schloss in Pankow der ideale Ort für die internationale Präsentation der DDR. Tatsächlich waren die Bemühungen um diplomatische Anerkennung der DDR in den frühen 1950er Jahren auch von einigen Erfolgen gekrönt: die neutrale Schweiz und sogar das an den Westen gebundene Finnland erwogen die Anerkennung, was nur auf massiven Druck der Westmächte verhindert wurde. [7] Während die Repräsentation nach außen also offensichtlich erfolgreich arbeitete, war die Wahl des Amtssitzes nach innen schwerer zu vermitteln. Die paradoxe Wirkung eines Arbeiter-Präsidenten in eleganten Rokokoräumen feudaler Herkunft veranlasste Bertold Brecht 1950 in seinem Kinderlied zu unüberhörbarem Spott über Wilhelm Pieck:

Willem hat ein Schloss

Es heißt Niederschönhausen

Von innen ist es schön

Und schön ist es von außen [8]

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In Anspielung auf die populäre Bezeichnung von Kaiser Wilhelm II. als “Willem“ setzt Brecht hier Pieck mit der Hohenzollern-Monarchie in eine Verbindung, die der DDR-Führung unangenehm sein musste. Vor diesem Hintergrund ist es zu verstehen, dass bei der Darstellung des Präsidenten der Bevölkerung gegenüber die feudale Seite des Amtssitzes nicht thematisiert wurde. In den Wochenschauberichten der 1950er Jahre über die Ereignisse in Schönhausen ist meist vom “Amtssitz des Präsidenten“ die Rede, nicht etwa von “Schloss Schönhausen“. Die Kameraführung scheint außerdem bewusst Raumaufnahmen und repräsentative Details zu vermeiden.

Die Ersteinrichtung als Sitz des Präsidenten der DDR

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Da das Haus erst 1935/36 umfassend saniert worden war, befand es sich bei der Gründung der DDR 1949 prinzipiell in einem baulich und ausstattungstechnisch guten Zustand. Dennoch war das Haus auch in praktischer Hinsicht keine ideale Wahl: für die zahlreichen Aufgaben des Präsidialamtes war es bei weitem zu klein und so mussten inmitten der allgemeinen Zerstörung Berlins schon 1950 Bürogebäude für die Unterbringung des Präsidialapparates erbaut werden. Hauptsächlich um der Sicherheit willen, aber auch um die unerwünschte Außenwirkung des Schlosses auf die Bürger der DDR so gering wie möglich zu halten, wurde der Amtssitz zudem streng aus dem Stadtorganismus ausgesondert. Eine Mauer trennte nun den inneren Bereich um das Schloss von dem weiteren Park, der öffentlich zugänglich blieb. Mehrere Wachhäuser und Tore verhinderten ein Eindringen unerwünschter Beobachter.

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Im Schloss selbst war der größte Eingriff die Einrichtung der Küche im Erdgeschoss, dem mehrere historische Räume zum Opfer fielen, und der Umbau der Galerie im Obergeschoss zu einem Kinosaal. Damit war das bestehende Raumprogramm des Schlosses komplettiert und abgesehen von Malerarbeiten und dem Verlegen neuen Parkettfußbodens in Teilen des Hauses, blieb der Zustand der 1930er Jahre in den meisten Räumen erhalten. [9] Diese ersten Umbauten im Inneren des Schlosses waren bis Mai 1950 abgeschlossen. In der zweiten Jahreshälfte 1950 folgte die aufwändige Neugestaltung des Amtszimmers des Präsidenten mit seinem Vorzimmer durch zwei der wichtigsten Vertreter der Architektenszene der frühen DDR. Zum einen war das Hanns Hopp (1890 – 1971), ein Vertreter des neuen Bauens, der zunächst Direktor der Kunstschule Burg Giebichenstein in Halle/S. und dann des Instituts für Hochbau und Städtebau in Berlin war. Zum anderen handelte es sich um Kurt Liebknecht (1905 – 1994), Schüler von Poelzig und Direktor der Deutschen Bauakademie Berlin, der an allen wichtigen Prestigeobjekten der frühen DDR mitarbeitete, wie der Stalinallee, Hoyerswerda oder später Halle-Neustadt. [10]

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Beide waren dabei lediglich mit den Entwürfen der Möblierung betraut, da an der Raumschale bis auf eine neue Wandbespannung keine Veränderungen vorgenommen wurden. Dass zwei so prominente Architekten mit dem Entwurf der Möbel des Präsidentenzimmers beschäftigt wurden, zeigt ebenso wie der Preis dieser Möbel, dass es sich um ein wichtiges Prestigeobjekt und die zentrale Aufgabe die der Gestaltung des Amtssitzes handelte: Während für jedes der komfortabel ausgestatteten Büros im Neubau 700 Mark ausgegeben wurden, beliefen sich allein die Sonderanfertigungen des Mobiliars im Präsidentenzimmer auf 60.000 Mark! [11] (Abb. 2) Entsprechend bestanden sie aus kostbarem Nussbaumfurnier mit Einlegarbeiten in Ahorn und waren mit technischen Raffinessen ausgestattet. So enthielt der Schreibtisch eine integrierte Telefonanlage und es gab einen eigenen Radio- und Plattenschrank. Der Entwurf knüpft im Verzicht auf plastischen Schmuck und der Betonung der flächigen Materialwirkung deutlich an die Traditionen der 1920er und 1930er Jahre an. Bei den Sitzmöbeln fällt allerdings ein stärkerer Bezug zu historischen Möbelformen ins Auge. Der Schreibtischstuhl Piecks erinnert dabei an Möbel der Schinkelzeit, während die Armlehnsessel im Schwung der Lehnen und Beine Formen des 18. Jahrhundert abstrahieren.

Abb. 2

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Während diese Möbel im Deutschen Historischen Museum erhalten geblieben sind, hat sich von der restlichen Möblierung des Schlosses der Zeit um 1950 nichts erhalten. Dabei beschränkten sich die Neuanfertigungen auf die wichtigsten Empfangsräume. Laut der erhaltenen Rechnungen war die Einrichtung des “Gesellschaftszimmers“ bei einem Preis von 20.000 Mark ähnlich aufwändig wie im Amtszimmer und auch der “Große Empfangssaal“ war mit sechs Sesseln und 25 Armlehnstühlen für zusammen 10.475 Mark kostbar bestückt. [12] Wie historische Raumaufnahmen deutlich machen, handelte es sich bei den Neuanfertigungen um dunkle, holzsichtige Möbel, die ähnlich denen im Arbeitszimmer Piecks abstrahierte Versionen von Armlehnstühlen und Sesseln des 18. Jahrhunderts waren. Besonders ein in großer Stückzahl für das ganze Schloss angefertigter Stuhltyp zeigt in den Schwüngen der Beine und der Schildform der Rückenlehnen deutliche Bezüge zu Rokokomöbeln. (Abb.3) Diese relativ wenigen neuentworfenen Möbel wurden in den Empfangsräumen durch Antiquitäten des 19. Jahrhunderts ergänzt, während in den nicht öffentlichen Büros des Stabes des Präsidenten gebrauchte Möbel des 20. Jahrhunderts, die wohl aus den umliegenden Villen stammten, eingesetzt wurden. Das Schloss als Ganzes zeigte also 1950 eine bunt zusammengewürfelte, recht bürgerliche Neueinrichtung. In den Repräsentationsräumen fällt dabei der Versuch ins Auge, ein einheitliches Ambiente zu erzeugen, das durch holzsichtige, nur leicht historisierende Möbelformen bestimmt wurde, bei denen die Material- und Oberflächenwirkung im Vordergrund stand.

Abb. 3

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Eine ähnliche Zurückhaltung lässt sich am Außenbau beobachten. Das Schloss wurde im Großen und Ganzen im vorgefundenen Zustand belassen und lediglich durch den Garten neu gerahmt. Dieser wurde durch den Gartenarchitekten Reinhold Lingner (1901-1968) gestaltet, der als Mitglied der Deutschen Bauakademie vor allem die Planung der Mahn- und Gedenkstätten in der DDR leitete (z.B. in Buchenwald und Sachsenhausen). Mit seinen Staudenbepflanzungen, asymmetrisch platzierten Wasserbecken und Plattenwegen steht der Garten einerseits in der Tradition der Reformgärten des frühen 20. Jahrhunderts, besonders der Stuttgarter Schule. Andererseits werden mit der axialen Anordnung eines Springbrunnens und eines kleinen Gartenpavillons Elemente des Barockgartens aufgenommen und so die durch die Ummauerung zerschnittene ehemalige Hauptachse des Gartens neu definiert. [13] (Abb. 4) Auch die Architektursprache der Neubauten passt sich in diese dezente Historisierung ein. In Einklang mit dem Konzept der nationalen Traditionen entwarf wiederum Hanns Hopp das Kasino- und Bürogebäude. In diesen Entwürfen greift er, z. B. bei den äußeren Torhäusern mit den toskanischen Säulen, auf den schlichten Palladianismus Knobelsdorffs zurück. Die Garagen und Wachgebäude der inneren Tore mit ihren angeschrägten Kanten und der asymmetrischen Riemchenrustizierung waren hingegen ein Entwurf von Willi Weng (Regierungsbauamt), die eher die Formensprache des Heimatschutzstiles von Schulze-Naumburg aufgriffen. [14] (Abb. 5)

Abb. 4 und 5

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Insgesamt fällt bei der Gesamtgestaltung des Amtsitzes ins Auge, wie betont unpolitisch die Ausgestaltung ausfiel. Der einzige deutliche Akt der Neuinterpretation des Hohenzollernschlosses war die Abnahme der Krone von der Wappenkartusche über dem Mittelrisalit und die Entfernung des königlichen Monogramms (Abb. 6). Gleichzeitig aber wurde der feudale Charakter der Anlage gegen den Willen des Gartenarchitekten und auf ausdrücklichen Wunsch Piecks mit dem Bau der überdimensionierten Fontäne neu betont. [15] Auch die Anlage eines Tennisplatzes – der sicher nicht für das sportliche Vergnügen des über siebzigjährigen Pieck gedacht war – erwartet man am Sitz einer kommunistischen Regierung nicht. [16] Vielmehr ist auch hier im Detail der Versuch zu beobachten, den Amtssitz nach den international gängigen Standards diplomatischer Gepflogenheiten zu gestalten, der schon bei der Wahl Schönhausens eine Rolle spielte. Die künstlerische Ausstattung des Schlosses setzt mit Leihgaben aus verschiedenen Museen betont auf einen klassischen Kanon deutscher Kultur. Großformatige Canaletto-Ansichten von Dresden im Treppenhaus, Büsten von Beethoven und Bach in den Empfangsräumen und eine Gesamtausgabe der Werke Goethes, die in einem eigens angefertigten Schrank aufgestellt wurden, betonen die klassische deutsche Bildungstraditionen. Der neugegründete sozialistische Staat wird hier in bewusster Konkurrenz zu Bonn als wahrer Vertreter und Hüter der besten deutschen Traditionen dargestellt. [17]

Abb. 6

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Im Kontrast dazu fiel die kommunistische Ikonographie sehr dezent aus, sicher auch um die herbeigesehnten Diplomaten aus dem nichtsozialistischen Ausland nicht zu düpieren: Während für jedes Büro des Neubaus Bilder “von Staatsmännern der Sowjetunion, der Volksdemokratien und der DDR“ und für die dortige Kantine “5 große Ölgemälde für den Speisesaal“ von Pieck, Grotewohl, Ulbricht, Stalin und Lenin beschafft wurden, [18] gab es im Schloss neben den historischen Kunstwerken idyllische Ansichten von Schönhausen von zeitgenössischen Künstlern [19] und selbst hinter Piecks Schreibtisch hing eine rein dekorative Landschaftsdarstellung. Der einzige deutliche Hinweis auf die politische Ausrichtung des Amtsinhabers war eine Büste von Ernst Thälmann auf dem Sideboard hinter dem Schreibtisch. Auch bei der Neugestaltung des Gartens unterblieb eine ideologische Ausstattung, da die zunächst geplante Aufstellung von Büsten von Marx, Engels, Lenin und Stalin nie umgesetzt wurde. [20] Das ausgeführte Wandbild tanzender Kinder aller Kontinente im Rosengarten von Bert Heller (1912-1970; Meisterschüler an der Akademie der Künste der DDR; Nationalpreisträger 1951) hingegen passt zwar gut in die Präsentation der DDR als Friedensstaat und Hort der Völkerverständigung, enthält aber ebenfalls keine konkret sozialistische Aussage. Allein die Skulptur eines Stahlgießers von 1951 in Nähe der Auffahrt ist ein Kunstwerk des Inhalts, wie man es am Amtssitz eines sozialistischen Staatschefs erwarten würde. [21]

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Alles in allem kann man also feststellen, dass das Schloss und seine Umgebung in den frühen 1950er Jahren durch die DDR weder als konkreter historischer Ort in Szene gesetzt, noch durch die Inszenierung eines deutlichen Bruches symbolisch in Besitz genommen wurde. Vielmehr entstand eine gediegene Kulisse für diplomatische Empfänge mit nur ganz allgemeinen politischen Aussagen, einem bewussten Verzicht auf propagandistische Kunst und einer Möblierung, die einerseits dem Schloss angemessen sein, aber gleichzeitig zeitgenössisch und gemäßigt modern wirken sollte. Stilistisch fügte sich das Schloss auf diese Weise sowohl in der Möblierung als auch in der Architektur der Neubauten nahtlos in die stilistischen Tendenzen an, die schon die 1930er und 1940er Jahre geprägt hatten. Die Möblierung in abstrahierten Rokokoformen entspricht insbesondere dem Konzept vom Umgang mit historischen Bauten, das Paul Baumgarten um 1940 bei zahlreichen Theaterneueinrichtungen entwickelt hatte und das auch schon die Einrichtung des Schlosscafés in Schönhausen in den 1930er Jahren bestimmt hatte. Es handelte sich dabei sowohl im Dritten Reich als auch im sozialistischen Schönhausen um den Versuch, eine neutrale Form gediegener Repräsentation, jenseits eines offiziellen Staatsstils, zu finden.

Die stilistische Neuausrichtung ab 1959

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Dennoch stellt sich die Frage, inwieweit auch der persönliche Geschmack Piecks bei der Einrichtung Schönhausens eine Rolle spielte. 1876 geboren, gehörte Pieck zu einer Generation, deren Geschmack um die Jahrhundertwende gebildet worden war. In dieser Zeit waren noch alle neuen Strömungen der Kunst durch den gemeinsamen Kampf gegen den akademischen Historismus geeint. Jugendstil, Expressionismus, Neues Bauen, Heimatschutz und Werkbund waren Teil einer großen Bewegung, die sich erst im Lauf der 1920er Jahre immer stärker in politische Flügel aufspaltete. Pieck dürfte vor diesem Hintergrund mit über 70 Jahren die materialbetonte Ästhetik und Abstraktion der Neueinrichtung von Schönhausen durchaus als modern und progressiv empfunden haben. Die Ablehnung eines offenen Historismus bei gleichzeitiger Betonung handwerklicher und materialästhetischer Qualitäten steht in der Nachfolge des Deutschen Werkbundes und des Heimatschutzstils, und dürfte auch Piecks Ansprüchen als Tischler mit einer traditionellen handwerklichen Ausbildung geschuldet sein. Dass diese Formen nach der Vereinnahmung durch die nationalsozialistische Kunst belastet waren, scheint für Pieck keine Rolle gespielt zu haben, dessen Modernitätsverständnis noch der Vorkriegszeit entsprang.

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Die Bedeutung des persönlichen Geschmacks der Beteiligten für die Einrichtung des Schlosses zeigt auch die Tatsache, dass die zweite Einrichtungsphase des Schlosses nicht mit dem Funktionswechsel vom Sitz des Staatsoberhauptes zum Staatsgästehaus 1964 zusammenfällt. Vielmehr setzte der Umschwung schon in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre ein, als die Mischung von Möbeln unterschiedlichster Herkunft und Stils als zunehmend unbefriedigend empfunden wurde. Schon 1955 wurde in einem Gutachten der Bauakademie eine Entfernung der dezenten Möbel von 1950 im Gartensaal gefordert, da sie “nicht dem Stil des Saales entsprechen“. [22] 1956 tauchen im Festsaal des ersten Geschosses tatsächlich Möbel in einem dezidiert historistischen Stil auf. Das Ziel dieser Entwürfe ist es nicht mehr, Möbel des 18. Jahrhunderts neu zu interpretieren, sondern schlicht zu kopieren. Die weiß lackierten Tische und Armlehnstühle mit vergoldeten Blumenschnitzereien und schweren Brokatbespannungen folgen dem Vorbild der historistischen Möblierung der 1955 eröffneten Staatsoper Unter den Linden, konzentrierten sich aber zunächst nur auf den Hauptraum des Schlosses.

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Die Initiative zu einer umfassenden Neumöblierung des Schlosses ergriff 1959 schließlich der Leiter der Präsidialkanzlei, Max Opitz (1890 – 1982), als der schwer kranke Pieck sich zunehmend zurückzog. Grund war zunächst sicher der unbefriedigende Zustand seines eigenen Büros, das 1950 – wohl aus Kostengründen – nur mit gebrauchten Möbeln ausgestattet worden war. Opitz trieb nun die Umorientierung der Schlossausstattung hin zu betont historisierenden Interieurs entschieden weiter. So wurde der ansonsten unbekannte Architekt Alfred Grupe, der schon einige Jahre als Bauleiter in Schönhausen gearbeitet hatte, vor allem mit Entwurfsarbeit betraut, weil er bereit und in der Lage war, im “historischen Stil“ zu arbeiten. [23] Die bisher im Schloss tätige Elite der DDR-Architekten wurde hingegen fortan nicht mehr bemüht. Grupes erster Auftrag war die Neueinrichtung des Arbeitszimmers von Opitz in Januar 1959, [24] die dem Vorbild der Möblierung des Saales folgte. In mehrerer Sitzungen mit dem Auftraggeber musste Grupe seine Entwürfe dennoch immer wieder dessen Wünschen anpassen, bevor im März 1959 eine Gruppe von weiß gefassten Möbeln in Auftrag gegeben wurden, die mit naturalistischen Schnitzereien und reichen Vergoldungen Vorbildern des Rokoko folgen. [25] (Abb. 7)

Abb. 7

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Auch die Bezugsstoffe sollten der historischen Anmutung entsprechen. Die alteingesessene Firma Cammann in Karl-Marx-Stadt lieferte Gobelinbezüge “Perikles“ mit Mittelmedaillons für die Rückenlehnen der Sitzmöbel. [26] Nach der erfolgreichen Herstellung der Möbel für den gewaltigen Preis von 28.583 Mark [27] wurde im folgenden Jahr auch die Möblierung des Sekretariats von Opitz bei Grupe nach dem selben Muster bestellt. Die am 18.01.1960 vorgelegten Entwürfe folgen den Möbeln im Arbeitszimmer, Opitz ordnete aber an, dass sie an “Zargen und Füßen einfacher zu halten“ seien und die “Schnitzereien entfallen“ sollten – offensichtlich um die Hierarchie von Vorzimmer und Amtszimmer deutlicher zum Ausdruck zu bringen. [28]

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Offensichtlich sollte die neue Betonung des Schlosscharakters nicht auf die Räume von Opitz beschränkt werden. So forderte Opitz gleichzeitig mit der Neueinrichtung seines Büros Neuentwürfe für Türbeschläge und Klinken an, die in sämtlichen repräsentativen Räume die neutralen vorhandenen ersetzen sollten. [29] Der erste Entwurf wurde von Opitz abgelehnt und erst der Vorschlag der ausführenden Firma Legel, die Klinken “in Form und Art der Ausführung im Schloss Sanssouci“ entsprechend zu gestalten, kam zu Umsetzung. [30] Zudem wurden im März 1959 für Vestibül und Treppenhaus und einige andere Räume “Maria-Theresia-Leuchter“ (Wandbranchen, Kronleuchter und Tischleuchten mit Kristallbehang) bestellt. Diese folgten dem Vorbild der schon für das Arbeitszimmer von Opitz beauftragten Leuchter [31] und sollten die modernen Lampen aus der Ersteinrichtung ersetzen. Folglich ist auf Fotografien der späten 1950er Jahre zu beobachten wie die gold-weißen Sessel des von Grupe entwickelten Typs die schlichteren Stühle von 1950 Schritt für Schritt verdrängten.

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Das Schloss wurde also ab 1956 und verstärkt ab 1959 in eine Richtung hin entwickelt, die ganz bewusst den historischen Charakter des Hauses betonen sollte. Vorbild waren ganz konkret die Schlösser Friedrichs II. Statt der stilistisch nur vage historisierenden Formen der Ersteinrichtung wurde des Gebäude nun wieder betont als Schloss inszeniert. Das intensive Engagement von Opitz bei dieser stilistischen Neuorientierung lässt vermuten, dass es erneut der persönliche Geschmack war, der den Ausschlag gab, da die Nutzung als DDR-Gästehaus ab 1965 zu diesem Zeitpunkt noch keine Rolle gespielt haben kann. Zwar war der Tod Piecks (September 1960) bereits abzusehen, und es zeichnet sich auch ab, dass das Amt des Präsidenten von Ulbricht abgeschafft werden würde. Doch hatte der 1960 als Ersatz gegründete Staatsrat unter dem Vorsitz Ulbrichts seinen Sitz bis zur Fertigstellung des Staatsratsgebäudes im Zentrum Berlins 1964 zunächst weiter in Schloss Schönhausen.

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Wahrscheinlich steht der stilistische Umbruch im Zusammenhang mit der Tatsache, dass mit Opitz und Ulbricht eine jüngere Generation der DDR-Elite in Schönhausen die Führung übernahm. Beide waren in den 1890er Jahren geboren, also fast 20 Jahre jünger als Pieck. Sie wandten sich mit neuem Selbstbewusstsein der sozialistischen Realität der DDR zu, was zum Beispiel im Schriftverkehr des Präsidialamtes zu beobachten ist. Die alten Formen bürgerlicher Höflichkeit, die in den frühen 1950er Jahren noch den Ton mit “Sehr geehrter Herr Doktor / hochachtungsvoll“ angegeben hatten, wurden nun durch “Lieber Genosse / mit sozialistischem Gruß“ ersetzt. Während aber Opitz dieses neue Selbstbewusstsein durch eine unbekümmerte Hinwendung zur Geschichte ausdrückt, gingen Ulbrichts Vorstellungen in eine andere Richtung. Er war sicher kein Freund der historistischen Möbel und genauso wenig schätzte er deren Urheber: Opitz wurde nach 1960 auf einem politisch bedeutungslosen Posten in der Interparlamentarischen Gruppe der Volkskammer kaltgestellt. Ulbricht verfocht zu dieser Zeit vielmehr die Abkehr vom stalinistischen Stil der nationalen Traditionen.

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Dieser Umbruch, der wiederum von der Sowjetunion vorgegeben wurde, führte im Laufe der späten 1950er Jahre zu einer Umorientierung der DDR-Architektur hin zur internationalen Moderne. Eines der ersten und wichtigsten Projekte des neuen Stils war das Staatsratsgebäude, dass 1962-64 vom Architekturkollektiv Roland Korn und Hans-Erich Bogatzky errichtet wurde. Es handelte sich um einen Bau im internationalen Stil der 1960er Jahre, in dem einer betont sozialistischen Kunst breiter und selbstbewusster Raum geboten wird (z.B. mit dem berühmten Treppenhausfenster “Aus der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ Walter Womackas). [32] An der ganz andersartigen Einrichtung von Schloss Schönhausen, die zu diesem Zeitpunkt aus einer Mischung der schlichten Möbeln der Pieck-Zeit und den neuen Stilmöbeln von Opitz bestanden haben muss, scheint Ulbricht vor diesem Hintergrund keinen Anstoß genommen zu haben, da die Fertigstellung des Neubaus des Staatsratsgebäudes nur eine Frage der Zeit war. Allerdings sorgte Ulbricht bei seinem Einzug in das Arbeitszimmer Piecks Ende 1960 für einen betont politischen Zug in der Ausstattung: Das Landschaftsgemälde hinter dem Schreibtisch machte Platz für ein Programmgemälde die “Plandiskussion“ von Willi Gerike und Hans Zank von 1950. (Abb. 8)

Abb. 8

Umbau zum Staatsgästehaus 1964

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Nach der Fertigstellung des Staatsratsgebäudes 1965 wurde Schloss Schönhausen schließlich zum Staatsgästehaus der DDR umgebaut. Dabei wurde zur Schaffung der benötigten Appartements, Bäder und dem Einbau eines Aufzuges umfangreiche Veränderungen am Grundriss und der Bausubstanz vorgenommen. Ein Großteil der Räume wurde zudem mit neuem Parkett ausgestattet und die textilen Wandbespannungen wurden in den meisten Räumen erneuert. Über die folgende Möblierung sind wir durch einen Einrichtungsplan und eine Reihe von Farbaufnahmen der wichtigsten Räume grundlegend informiert. (Abb. 9) Dabei zeigt sich, dass ein stilistisch sehr gemischtes Konglomerat entstand. Einerseits wurden die Gesellschaftsräume in dem von Opitz eingeführten Stil mit weißen Rokokomöbeln mit Vergoldung komplettiert und weitere Typen wie Tafelstühle und Tische in verschiedenen Größen entwickelt. (Abb. 10) Diese Historisierung wurde dadurch weitergeführt, dass die Gitter der Heizungsklappen im Boden unter Beratung der Staatlichen Schlösserverwaltung Potsdam-Sanssouci nach dem Vorbild der Neo-Rokoko-Gitter im neuen Palais gestaltet wurden. Andererseits wurden mehrere Räume von dieser Einrichtung ausgespart. So wurde das Vor – und Arbeitszimmer Piecks in der Möblierung der von 1950 erhalten und als “historischer Raum“ gezeigt.

Abb. 9 und 10

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Damit wurde bewusst eine eigene, sozialistische Traditionsebene gegenüber der älteren Historie des Schlosses herausgestellt und gleichzeitig wenige Jahre nach dem Mauerbau ein deutliches Signal der Langlebigkeit des Regimes gesetzt. [33] Daneben wurde das eigentliche Staatsgästeappartement, also das Herz des Hauses, in einem dritten Stil eingerichtet. Die Möblierung von Herren- und Damenschlafzimmer, Bädern und einen gemeinsamen Vorraum wurde von dem Architekten Hans Hoßfeld in einem zeitgenössischen Stil entworfen und war auf der Höhe der internationalen Mode der mittleren 1960er Jahre. Auch in diesen Entwürfen gab es Anspielungen an historische Möbel, die eine unaufdringliche Verbindung zwischen den historischen Raumschalen und der Einrichtung herstellten. Die historischen Vorbilder waren dabei allerdings weniger im Rokoko, als vielmehr bei Möbel des Empire zu finden, was sich besonders an dem schiffsförmigen Damenbett ausdrückt. Es überwogen aber die zeitgenössischen Momente, wie die effektvollen Email-Griffknöpfe oder die Lammfellüberdecke im Herrenschlafzimmer (Abb. 11).

Abb. 11

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Dahingegen war das neue Appartementhaus, das dem Schloss gegenüber an der Gartenmauer nach Süden erbaut wurde (Architekt W. Schmidt), ein reines Beispiel des internationalen Stils. Mit horizontalen Fensterbändern, geätzten Aluminiumfassadenelementen (von Fritz Kühn) und einer modernen Innenausstattung auf hohem technischem Niveau bildete es einen bewussten Kontrast zu den traditionellen Formen des Schlosses. [34] Offenbar wurde hier der Spagat zwischen einer Präsentation der DDR als moderner Staat und dem Wunsch nach klassischer Repräsentation versucht. Deshalb waren die eigentlichen Gästezimmer in modernem Stil gehalten, die Gesellschaftsräume für die Empfänge und Bankette aber als “Schloss“ eingerichtet.

Letzte Neueinrichtung 1978

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Die letzte Ausstattungsphase des Schlosses Schönhausen zu DDR-Zeiten war eine Neugestaltung 1978. Noch einmal wurden fast alle Oberflächen erneuert. Die wandfeste Ausstattung wurde neu gefasst und sämtliche Wandbespannungen mit modernen Textilien nach historischen Vorbildern neu bespannt. Der Einrichtungsplan macht im Ganzen deutlich, dass knapp dreißig Jahre nach der Einrichtung als Amtssitz des Präsidenten, Schloss Schönhausen endgültig in einem historistischen Stil eingerichtet wurde. (Abb. 12) Die rokokoartige-Möblierung der 1960er Jahre wurde nochmals erweitert und nun auch in den Staats-Gästezimmern des Schlosses eingesetzt. Dabei wurden nach dem Vorbild der Entwürfe Grupes neue Möbeltypen entwickelt, wie zum Beispiel Sideboards mit integriertem Kühlschrank und Musikanlage. Diese Einrichtung hatte im Ganzen nur wenig mit einem Schloss des 18. Jahrhunderts oder dem konkreten Denkmal und Geschichtsort gemein; vielmehr erinnert die Einrichtung an die gängigen Klischees von Repräsentation der internationalen Hotelarchitektur.

Abb. 12

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Die Neueinrichtung 1978 steht somit in deutlichem Zusammenhang mit der einsetzenden Neubewertung der preußischen Vergangenheit unter der Führung von Erich Honecker. Der historisierende Wiederaufbau der Semperoper oder des Schauspielhauses am Gendarmenmarkt in Berlin zeigen ähnliche Lösungen in der Entwicklung eines pseudo-historischen Möbelstils. Besonders bezeichnend ist, dass die Möblierung eines weiteren Prestigeobjektes der späten DDR, das Grand-Hotels in der Berliner Friedrichstrasse von 1987, große Ähnlichkeiten zu den Möbeln von Schönhausen zeigt – schließlich sollten in beiden Fällen internationale Gäste der DDR von der Weltläufigkeit des Regimes überzeugt werden.

Fazit

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Dieser summarische Überblick über die Einrichtungsphasen von Schloss Schönhausen in den vierzig Jahren der DDR-Nutzung zeigt, wie wechselvoll die Entwicklung selbst in diesem verhältnismäßig kurzen Abschnitt war. Die DDR-Führung setzte dabei in ihrem Umgang mit dem Schloss ganz unterschiedliche Akzente. Zwar machte man sich stets den repräsentativen Charakter des Schlosses zu nutze, gleichzeitig aber schwankt die Interpretation zwischen dezenter Modernisierung und grober Historisierung. Das konkrete Denkmal blieb dabei stets eine Kulisse, die mit den allgemeinen Attributen des Schlosses der Inszenierung eines selbstbewussten Bildes der DDR diente. Wie alle Regierungssitze der Welt war das Schloss keinesfalls ein Abbild der Realitäten des Landes. Doch stärker noch als üblich klaffte zwischen der Selbstdarstellung in einem traditionell-bürgerlichen Rahmen und dem eigentlichen Anspruch einer sozialistischen Volksdemokratie eine offene Diskrepanz nicht nur zum Alltag der Bürger, sondern auch zum üblichen Stil des DDR-Staatsapparates.

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Will man die Geschichte des Schlosses mit all seinen Brüchen zeigen, kann man sich im Falle von Schönhausen deshalb noch weit weniger auf die Aura der Räume verlassen als in anderen Schlössern. Die Darstellung der DDR-Nutzung des Schlosses bedarf der Differenzierung und Interpretation im Kontext der Gründung und Konsolidierung der DDR. Denn das so betont unpolitisch-repräsentative Schloss Piecks war dennoch der Ort, an dem die Befestigung der deutsch-deutschen Grenze 1951 beschlossen, die Gründung der Staatssicherheit 1958 gefeiert oder die berüchtigte Richterin Hilde Benjamin empfangen wurden. (Abb. 13) Gleichzeitig mit dem idyllischen Schloss in Niederschönhausen wurde in Hohenschönhausen das brutale Gefängnis der Staatssicherheit ausgebaut.

Abb. 13

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Ein Gebäude mit einer Geschichte wie Schloss Schönhausen ist erklärungsbedürftiger als üblich und damit letztlich eine Zumutung an den Besucher. Doch bietet Schönhausen die idealen Voraussetzungen, ein solches komplexes Bild zu vermitteln. Als ein der Öffentlichkeit nahezu unbekanntes Kleinod, sind die Erwartungen der Besucher noch nicht auf ein bestimmtes Erlebnis festgelegt. Hier könnte die Zusammenführung von bildungsinteressierten Besuchergruppen gelingen, die sonst selten aufeinandertreffen: Einerseits der Kunstfreund, der neben der Schönheit der Schlösser auch offen für historische Information ist, der aber nicht durch allzu scharfe Brüche in seinem Genuss gestört werden möchte. Anderseits der eher politisch interessierte Besucher, der gerade die Konfrontation mit den Umbrüchen historischer Entwicklungen sucht und der jede ästhetische Präsentationen allzu schnell als verharmlosend empfindet. In Schönhausen wird dem Besucher die Balance beider Erwartungen zugemutet werden – und vielleicht wird es so möglich sein, den Besucher ausgerechnet in einem preußischen Königsschloss mit der Geschichte der DDR zu konfrontieren.

Autor

Dr. Alfred P. Hagemann
Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg
Am Grünen Gitter 7
14469 Potsdam
e-mail: a.hagemann@spsg.de



[1] Satzung der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg von 1998, § 1, Absatz 1, Homepage der SPSG unter www.spsg.de/ 222 de.html (19.11.2007)

[2] Elke A. Werner: Der Dirigent – Hartmut Dorgerloh entwickelt nachhaltige Konzepte für die Stiftung preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg in: Kritische Berichte, 4/2005, 64.

[3] Hans Michael Schulze: In den Wohnzimmer der Macht – Das Geheimnis des Pankower Städtchens, Berlin 2001, 82.

[4] Siehe die jeweiligen Abschnitte zu den Gebäuden in: Landesdenkmalamt Berlin (Ed.): Denkmale in Berlin: Bezirk Mitte, Ortseil Mitte, Petersberg, 2003.

[5] Schulze, Wohnzimmer der Macht, 106-108.

[6] Vergl. Wera Pretzsch: Die Sozialistische Chemiearbeiterstadt Halle-Neustadt, Magisterarbeit an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, 2004, 17 und Jörn Düwel, Werner Durth: Auf der Suche nach dem politischen Zentrum – Staatsarchitektur in der Hauptstadt der DDR in: Heinrich Wefing: “Dem Deutschen Volke“ – Der Bundestag im Berliner Reichstagsgebäude, Bonn 1999, 84.

Wefing: “Dem Deutschen Volke“, 107.

[7] Wefing: “Dem Deutschen Volke“, 107.

[8] Bertold Brecht, erste Strophe des “Kinderliedes“ zitiert nach: Hans Michael Schulze: In den Wohnzimmern der Macht – Das Geheimnis des Pankower “Städtchens“, Berlin 2001, 82

[9] Liste der Baumassnahmen in Schönhausen, 12.4.1950. Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, DA / 4 867, p. 33-34

[10] “Für die Ausführung der Entwürfe zur Ausgestaltung von Pos. 13 [AH “Ausbau des Präsidenten Vor- und Arbeitszimmers“] ist das Institut (Dr. Liebknecht und Prof. Hopp) verantwortlich.“ (Liste der Baumaßnahmen in Schönhausen, 12.4.1950. Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, DA / 4 867, p. 33-34)

[11] Genehmigte Kosten für Maßnahmen in Schönhausen, 12.9.1950. Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, DA / 4 868, p. 167.

[12] Genehmigte Kosten für Maßnahmen in Schönhausen, 12.9.1950. Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, DA / 4 868, p. 167.

[13] Kostenvoranschlag für Umgestaltung des Gartens Schönhausen, Spätjahr 1950, Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, DA / 4 867, p. 19.

[14] Vergl. Uwe Schwartz: Nachkriegsarchitektur am Schloss Schönhausen in Berlin. in: www.kunsttexte.de/download/denk/schwartz.pdf (19.11.2007)

[15] Aktennotiz des Ministeriums für Aufbau, 17.4.1950: “Der persönliche Wunsch des Präsidenten sind die Umgestaltung der Parkwege und die Errichtung eines Springbrunnens“ Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, DA / 4 867, p. 30.

[16] Die Aufstellung der Baumaßnahmen in Schönhausen vom 12.4.1950 listet die Anlage eines Tennisplatzes auf. Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, DA / 4 867, p. 33.

[17] Der maßangefertigte Schrank war ein Geschenk an Pieck und hat sich im Deutschen historischen Museum erhalten. Das Geschenk ist im Kontext der Kulturpolitik der frühen DDR zu sehen, in der versucht wurde, die humanistischen Traditionen der Weimarer Klassik für die Legitimierung des neuen, “antifaschistischen“ Staates zu instrumentalisieren.

[18] Bundesarchiv, Berlin-Lichterfelde, DA / 4 868, p. 167.

[19] Zum Beispiel eine winterliche Ansicht von Schloss Schönhausen von Richard Albitz (DHM) aus dem Kaminzimmer, das Pieck zum 75. Geburtstag 1950 erhielt, oder die Ansicht des Schlosses vom Park aus von Gor-Nagy (DHM), das dem Präsidenten anlässlich seiner Wiederwahl 1953 übergeben wurde.

[20] Bauprogramm für Schönhausen 1951 vom 14.11.1950, Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, DA / 4 867, p. 12.

[21] Vergl. Schulze, Wohnzimmer der Macht, 82.

[22] “Bericht über die künstlerische Oberleitung für die Instandsetzungarbeiten im Schloß Niederschönhausen“, 14. September 1955, Bundesarchiv Berlin, DH 2/ 22174.

[23] Zeugnis für Grupe, 18.7.1959: “Wir bestätigen hiermit Herrn Alfred Gruppe, Bauorganisator Grupe, Berlin-Karlshorst, mit dessen Betrieb wir seit Jahren arbeiten, dass die Ausführungen der ihm übertragenen Arbeiten zu unserer vollsten Zufriedenheit ausfallen. Auch die Entwürfe dieser Arbeiten, insbesondere die Möbel im historischen Stil, fanden unsere Zustimmung.(...)“ Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, DA / 4 877, p. 191.

[24] Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, DA / 4 877, p. 223.

[25] Auftrag an unbekannte Firma, 21.3.1959. Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, DA / 4 877, p. 214.

[26] Grupe an Firma Cammann, 19.5.1959. Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, DA / 4 877, p. 161.

[27] Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, DA / 4 877, p. 214.

[28] Sitzung zwischen Opitz und Grupe über Einrichtung des Vorzimmers, 18.1.1960, Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, DA / 4 877, p. 137.

[29] Erste Absprache zwischen Grupe und Opitz, 20.1.1959. Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, DA / 4 877, p. 223.

[30] Aktennotiz Grupe, 25.2.1959. Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, DA / 4 877, p. 186.

[31] Besprechungsprotokoll von Opitz und Grupe, 11.3.1959. Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde, DA / 4 877, p. 219.

[32] Berliner Denkmale, 230.

[33] Günter Feist weißt in einem anderen Zusammenhang darauf hin, dass die DDR aufgrund der Einsetzung durch die Einsetzung durch die Sowjetunion keinen eigentlichen Gründungsakt aufwies und daher auch keine “Gründungsikonographie“ entwickeln konnte. Vor diesem Hintergrund ist die Einrichtung der historischen Zimmer in Schönhausen sicher als der Versuch der Etablierung einer solchen Gründungsikonographie zu sehen. Vergl. Günter Feist (Hg.), Kunstdokumentation SBZ/DDR 1945-1990, Köln 1996, 45.

[34] Uwe Schwartz in: //www.kunsttexte.de/zusamm.php?artaus=8 (19.11.2007)

Empfohlene Zitierweise:

Alfred P. Hagemann : Ein Preußenschloss für den Arbeiter- und Bauernstaat – Schloss Schönhausen 1945-1990 , in: zeitenblicke 7 (2008), Nr. 1, [05.06.2008], URL: http://www.zeitenblicke.de/2008/1/hagemann/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-13178

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