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Belletristische und wissenschaftliche Literatur zur Erotik und Sexualität wurde seit Jahrhunderten mit besonderer Verve gesammelt, dokumentiert und zensuriert. [1] Index- und Zensurlisten gehörten deshalb zu wichtigen Informationsquellen über einschlägige Bücher und Schriften – mit ein Grund, warum die Indizes selbst oft in die Giftschränke der Bibliotheken wanderten. Dort landeten auch Verzeichnisse, die `Besessene’ wie Henry Spencer Ashbee (als Pisanus Fraxi: “Index Librorum Prohibitorum [2]) und Hugo Hayn (in der “Bibliotheca Germanorum erotica“) zusammentrugen. Sie wurden in immer wieder erweiterten Auflagen herausgegeben und stellen inzwischen begehrte Sammlerstücke dar.

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Wer in “Sittengeschichten“ des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts nachblätterte, konnte dort jede Menge Literatur und Bildmaterial zu pikanten Thematiken finden. Doch erst die “Sexwelle“, welche die Historiographie in den 1960er Jahren erfasste, schlug sich in umfangreicheren systematischen Bibliographien nieder: Von den 1960er über die 1970er zu den 1980er Jahren nahmen solche Titelverzeichnisse zu allgemeinen und speziellen sexualitätsgeschichtlichen Themen deutlich zu. Wer in den 1980er Jahren sexualitätsgeschichtliche Fragestellungen bearbeitete, hatte schon voluminöse Verzeichnisse wie etwa Vern L. Bulloughs “Zur Geschichte der Homosexualität und Prostitution“ zur Hand oder konnte auf Manfred Herzers “Bibliographie zur Homosexualität“ zurückgreifen. Seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre erschienen solche Aufstellungen als kategorisierte bzw. indizierte Listen und abfragbare Datenbanken immer häufiger im Internet. Gelungene Bespiele sind Rictor Nortons “Bibliography of Gay and Lesbian History“ (nach thematischen, geographischen und chronologischen Gesichtspunkten strukturiert) und Stefan Blaschkes “The History of Rape: A Bibliography” (alphabethische, chronologische, geographische und thematische Indizes inklusive Suchfunktion).

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Zu den ersten Datenbanken für die sexualitätsgeschichtliche Literaturrecherche gehörte auch die von mir 1999 im Internet veröffentlichte “Sexbiblio – Bibliography of the History of Western Sexuality [3]. Die Datenbank entstand im Zuge meiner Forschungen und Publikationen zur Sexualitätsgeschichte und spiegelte anfangs vor allem diese Interessengebiete wider – die Geschichte der Sexualität vom 17. bis ins frühe 20. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum. In der dritten Ausgabe (2007/2008) umfasst die Datenbank rund 25.000 Einträge [4] zur nicht-belletristischen Primär- und Sekundärliteratur zur Geschichte der Sexualität mit Schwerpunkt Europa, USA und Kanada von 1600 bis heute. Im Laufe der Jahre kamen aber auch ausgewählte Titel zur Geschichte der Sexualität in der Antike und im Mittelalter sowie zu nicht-westlichen Kulturen hinzu. In der letzten Ausgabe beinhaltet Sexbiblio auch zahlreiche Bibliographien und Internetressourcen. Unter den derzeitigen Online-Systemen stellt die Datenbank damit eine der effizientesten Möglichkeiten zur Literaturrecherche dar und ist dementsprechend in der Forschungslandschaft weit bekannt. [5]

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Die Datenbank erlaubt Abfragen nach folgenden Kriterien:
Namen von Autor/inn/en und Herausgeber/inn/en (sowie Teile davon und in Kombination)
Stichworte von Titeln (oder Teile davon und in Kombination)
Publikationsdatum oder –zeitraum
Land/Region über das/die der Text handelt (für Europa und Nordamerika auch nach Ländernamen)
Schlagworte (ein oder zwei Schlagworte mit Und/Oder-Verbindung)
Zeitraum, über den der Text handelt (so vorhanden Jahr oder Zeitraum)

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Auch wenn quantitative Auswertungen aus bibliographischen Datenbeständen meist eine `Schieflage’ aufweisen – diese ist bei einer Datenbank, die im Zuge individueller Forschungen entstand, naturgemäß besonders groß –, lassen sich im Sexbiblio-Bestand einige bezeichnende Schwerpunkte der sexualitätsgeschichtlichen Forschung feststellen.

Ausgewählte Schlagworte

Prozent aller Titel [a]

Homosexuality

30,3

Medicine

28,6

Legal system, sex laws, delinquency

23,0

Sexology

19,0

Female sexuality, primarily about females

15,7

Psychiatry, psychopathology

13,1

Prostitution

11,1

Marriage, adultery, divorce, family

9,4

Male sexuality, primarily about males

7,5

Venereal diseases

7,1

Gender definitions und questions

6,2

Reform movements

6,2

Birth control, contraception

5,0

Youth

4,9

Education

4,6

Illegitimacy, pre-marital sex

4,4

Pornography, censorship

3,2

Childhood

2,9

Masturbation, Onanism

2,5

Transvestism, transsexualism, androgynity, transgender

2,5

Rape

2,3

War, army, soldiers

1,8

Middle class, bourgeoisie

1,0

Workers

1,0

Hysteria

0,9

Nudism

0,9

Peasants

0,6

[a] Die Summe ergibt mehr als 100 Prozent, da naturgemäß bei einem Titel meist mehrere Schlagworte vergeben wurden.

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Homosexualität, medizinische Aspekte, Strafrecht, Sexualwissenschaft, weibliche Sexualität, psychiatrische und (psycho)pathologische Fragen sowie Prostitution führen als Schlagworte vor allem deshalb, weil diese Themen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts im Mittelpunkt des Sexualdiskurses standen. Die sexualitätsgeschichtliche Forschung nach der Foucault’schen Wende Ende der 1970er Jahre brachte einen deutlichen Rückgang bei den medizinisch, sexuologisch und psychiatrisch orientierten Texten und eine Zunahme von kultur- und sozialwissenschaftlichen Titeln.

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Die zeitliche Verteilung der Einträge der zwischen dem 17. und frühen 21. Jahrhundert erschienenen Titel zeigt die zu erwartende überproportionale Zunahme von Publikationen seit den 1970er Jahren.

Publikationszeitraum (1600-2007)

Prozent

1600-1649

> 0,1

1650-1699

0,2

1700-1749

1,3

1750-1799

2,7

1800-1849

3,1

1850-1899

8,0

1900-1949

21,1

1950-1999

51,3

2000-2007

12,3

Publikationszeitraum (1950-1999)

Prozent

1950-1959

2,7

1960-1969

4,6

1970-1979

11,9

1980-1989

29,3

1990-1999

51,5

Seit den späten 1990er Jahren nehmen auch Publikationen zur Geschichte der Sexualität in Asien, Afrika und Süd-/Mittelamerika deutlich zu. Gleiches gilt in den letzten Jahren für Studien mit einem globalgeschichtlichen bzw. international vergleichenden Ansatz. [6]

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Neben Sexbiblio existieren im Web zahlreiche andere Online-Bibliographien für die Literaturrecherche zu sexualitätsgeschichtlichen Themen. Eine kompakte Zusammenstellung der wichtigsten Sexualitätsbibliographien erbringt die “Compilation of Online Bibliographies” des Kinsey Institutes. Allgemeine und historische Bibliographien und Abstractsammlungen wie die Internationale Bibliographie der geistes- und sozialwissenschaftlichen Zeitschriftenliteratur (IBZ) (mit rund 3 Millionen Titeleinträgen; Berechtigung erforderlich) und die Historical Abstracts (HA) (Titel aus 1.700 historischen Zeitschriften der letzten 50 Jahre; Berechtigung erforderlich) listen ebenfalls weiterführende Literatur auf. Wer sich über die Möglichkeiten der Online-Recherche generell informieren möchte, findet bei der Virtuellen Bibliothek Geschichte der UB Basel einen guten Einstieg. Eine Einführung in grundlegende und fortgeschrittene Techniken der Online-Literaturrecherche gibt das Modul “Literatur- und Informationsrecherche“ in “Geschichte Online“.

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Abschließend bleibt die Frage, ob es auch in Zukunft möglich sein wird, spezialisierte Literaturlisten und -datenbanken wie die hier vorgestellten zu führen oder ob diese in Zeiten von IBZ, HA, Google Buchsuche und Karlsruher Virtuellem Katalog (mit Nachweis von mehr als 500 Millionen Büchern und Zeitschriften weltweit) hinfällig werden? Aufgrund meiner Erfahrungen mit der “Bibliography of the History of Western Sexuality“ scheinen Themenbibliographien angesichts der enormen Titelzuwächse und der immer stärker flächendeckenden Bibliographien, die von Institutionen herausgegeben werden, als `privates’ Projekt kaum mehr durchführbar. Die Recherche in den genannten Datenbanken ergibt gerade für die letzten Jahre auch zu spezielleren Schlag- und Stichworten der Sexualitätsgeschichte immer bessere Ergebnisse. Es ist erstaunlich, was selbst bei `einschlägigen’ Themen – etwa der Geschichte der Masturbation oder des Nudismus – in einer Bibliographie wie den Historical Abstracts zu finden ist. Ganz zu schweigen von den Abstracts und inzwischen auch vielfachen PDFs von Artikeln zum Herunterladen, die dort (so eine Berechtigung dazu besteht) mitgeliefert werden. Verbunden mit `Maschinen’ wie dem “Context Sensitive Linking“ der Universitätsbibliothek Wien und internationalen Digitalisierungsprojekten wie dem “Internet Text Archive“ (Beispiel: digitalisierte Werke zur Prostitution) lassen die Systeme bald (fast) keinen Wunsch mehr unerfüllt, den sich ein ForscherInnen-Herz in Sachen Literaturrecherche und -beschaffung erträumt.

Autor:

Ao. Univ. Prof. Dr. Franz X. Eder
Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Universität Wien
Dr. Karl Lueger-Ring 1
A-1010 Wien
franz.eder@univie.ac.at



[1] Die Beacon for Freedom of Expression Bibliographical Database ermöglicht Abfragen nach zensurierten Büchern nach Thema und Zeitraum.

[3] Die Erstausgabe der Datenbank umfasste rund 6.500 Titel für den Zeitraum 1700-1945. Unterstützt wurde die Datenrecherche und -aufnahme durch Subventionen der Stadt Wien, Magistratsabteilung 7: Wissenschafts- und Forschungsförderung; zu danken habe ich auch der Association for History and Computing, Austrian Branch und dem Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien für die ideelle Unterstützung.

[4] Zum Zeitpunkt der Auswertung waren dies 25.246 Records.

[5] Siehe zum Beispiel eine entsprechende Google-Abfrage.

[6] Beispielsweise Robert F. Aldrich (Hg.): Gleich und anders. Eine globale Geschichte der Homosexualität, Hamburg 2007; vgl. dazu Vincanne Adams u. Leigh Pigg Stacey Stacey, Introduction. The Moral Object of Sex, in: diess. (Hg.): Sex in Development. Science, Sexuality and Morality in Global Perspective, Durham 2005, 1-38 u. Merry E. Wiesner-Hanks, World History and the History of Women, Gender, and Sexuality, in: Journal of World History 18 (2007), H. 1, 53-67.

Empfohlene Zitierweise:

Franz X. Eder : Vom “Index Librorum Prohibitorum“ zur “Bibliography of the History of Western Sexuality“ – Literaturrecherche in der Sexualitätsgeschichte , in: zeitenblicke 7, Nr. 3, [2008], URL: http://www.zeitenblicke.de/2008/3/eder_bibliographie/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-16422

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