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In der Bibel heißt es, der Mann “erkannte“ die Frau. D'Alemberts und Diderots Encyclopédie, wie auch andere Nachschlagewerke des 18. Jahrhunderts, benutzten alle möglichen Umschreibungen, nur nicht den Begriff “Sexualität“. Fehlanzeige auch bei der Suche nach heute geläufigen Begriffen der Physiologie der Fortpflanzung. Bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde Fortpflanzung nicht getrennt von Sexualität gedacht. Dem Oxford English Dictionary zufolge tauchte der Begriff “Sexualität“ erstmals und nicht zufällig in einem Buch über Frauenkrankheiten aus dem Jahre 1889 auf. [1] Das mittlerweile weit fortgeschrittene anatomische Studium des weiblichen Körpers ließ die ärztliche Einsicht reifen, dass chirurgische Eingriffe am “Gebärapparat“ nicht notwendigerweise das sexuelle Empfinden der Frau beeinträchtigen. Schon die Tatsache, dass in der Folge zwei physiologische Bereiche sprachlich getrennt wurden, ist ein historisches Phänomen, das der Erklärung bedarf.

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Bekanntermaßen war es Michel Foucault, der das 19. Jahrhundert als die Periode bezeichnete, “in der jene einzigartige Form von Erfahrung, die Sexualität, Gestalt annahm." [2] Diese neue Erfahrung sei das Ergebnis spezifischer Wissenskonstellationen und Machtverhältnisse, die sich parallel zum Aufschwung und der Differenzierung der Wissenschaften gebildet hätten. In dem, was er das Sexualitätsdispositiv nannte, hat Foucault die Fortpflanzung, Familienplanung und Beeinflussung von Schwangerschaften nicht unberücksichtigt gelassen. Gleichwohl lässt sich aus medizin- und wissenschaftshistorischer Perspektive sagen, dass die Physiologie der Zeugung und Fortpflanzung bis weit in das 20. Jahrhundert hinein zwar intensiv beforscht, aber in vielen Aspekten unverstanden blieb. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg sollten sich mit der Wahl der Worte “Sexualität“ und “Fortpflanzung“ radikal neue Erkenntnisweisen, Denkstile und Politikformen entwickeln. Bestand der Skandal zunächst darin, Sexualität ohne Fortpflanzung zu denken, so wird gegenwärtig das umgekehrte Denkmodell “Fortpflanzung ohne Sexualität“ zur Selbstverständlichkeit (mehr dazu bei Julia Diekämper).

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Alle Modelle sexueller Identität hätten jedoch niemals nur als wissenschaftsimmanente Themen ihre umfassende Überzeugungskraft und weitreichende Wirkung entfalten können. Ebenso verkürzt wäre die Vorstellung, ein neues Expertentum habe sein Wissen der Gesellschaft zur Verfügung gestellt. Wie das im Gefolge von Foucault neu und gut bestellte Feld der Sexualitätsgeschichte zeigt, sollten Begriffe, Ideen, Phantasien, Wissen und gelebte Praxis nicht losgelöst betrachtet werden. [3] Ob “weiblicher Geschlechtscharakter“, “Homosexualität“ oder “Retortenbaby“, das Geschlechtsleben des Menschen ist seit dem 19. Jahrhundert und vor allem im 20. Jahrhundert in einem unglaublichen Facettenreichtum zur öffentlich verhandelten Angelegenheit geworden. Selbst Themen, die vermeintlich schamhaft verschwiegen wurden, haben populäre Imaginationen erzeugt, wie Christina Benninghaus’ Artikel zur Unfruchtbarkeit zeigt. Aller Anstößigkeit und Unterdrückung zum Trotz gibt das Sexuelle unmissverständlich zu verstehen: Wissen, das nicht kommuniziert wird, ist kein gesellschaftlich relevantes Wissen.

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Institutionen und Medien der Repräsentation und Kommunikation von Wissen nehmen daher eine Schlüsselstellung in der Produktion sexuellen Wissens ein. Ohne die zeitgleiche Entwicklung der Medienkultur zu berücksichtigen, lassen sich die modernen Vorstellungen nicht begreifen. In Abwandlung eines bekannten Satzes von Niklas Luhmann ließe sich sagen: Alles, was wir über Sexualität und Fortpflanzung wissen, wissen wir aus den Medien. [4] Heutzutage ist es praktisch unmöglich, noch authentische Wahrnehmungen des eigenen Selbst zu gewinnen. Mag sein, dass wir nicht alles im Privatleben Erlebte mitteilen. Doch auch was wir fühlen und denken, ist medial kontaminiert. “Wir sind kaum in der Lage, das medienvermittelte Wissen von dem selbsterfahrenen wirklich zu trennen.“ [5] Im öffentlichen Raum ist eine Verständigung ohne Medienwissen überhaupt nicht mehr vorstellbar.

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Das Verhältnis von Sexualität, Fortpflanzung und Medien ist Thema dieser Ausgabe der “zeitenblicke“. Grundsätzlich gehen die AutorInnen von einem weit gefassten Medienbegriff aus, der Sprach- und Schriftmedien ebenso umfasst wie Bild- und Massenmedien. Auch werden Medien nicht einfach als Mittel zur Übertragung von Informationen (nach dem Input-/Output-Schema) begriffen, wie dies meist in Bezug auf die Massenmedien geschieht. Zwar nehmen die Beiträge in Fallstudien konkrete Medien in den Blick, doch unterliegt allen ein Medienverständnis, das von einer wechselseitigen Beeinflussung von Themenbereichen und medialer Aufbereitung ausgeht. Jeweils im Einzelfall ist zu klären, wie die bildlichen, technischen und massenmedialen Repräsentationen des Sexuellen und deren sozialer und kultureller Kontext miteinander verschränkt sind. Welche Konsequenzen aus dieser generell zu beobachtenden Verschiebung des Erkenntnisinteresses für die Geschichtswissenschaft zu ziehen sind, ist Gegenstand des Gesprächs mit der Philosophin Petra Gehring, die um ihre Einschätzung aktueller Forschungen gebeten wurde.

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Gleich mehrere Beiträge (Gertiser, Eder, Maasen/Wellmann, Duttweiler) behandeln die auffallende Tendenz, dass das Geschlechtsleben in den Massenmedien häufig als beratungsbedürftig konzipiert wird. Ganz gleich, ob es um die Verhinderung unliebsamer Schwangerschaften, die Suche nach dem richtigen Partner oder die Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten geht, alle bekannten Massenmedien sind dauerhaft im Einsatz, um über Fragen der Sexualität und Fortpflanzung aufzuklären. Sexualrepressiv oder liberal, medizinisch-autoritär oder naturwissenschaftlich-objektiv, der aufklärerische Duktus ist ebenso breit wie die Medienlandschaft vielfältig. Zeitungskolumne, Funk und Fernsehen, und in den letzten Jahren in zunehmendem Masse das Internet, “Beratung“ und “Aufklärung“ sind bis heute, wenn auch medienspezifisch gefärbt, beliebte Vehikel, um öffentlich über das Geschlechtsleben diskutieren zu können.

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Fragt man desweiteren, wann und warum bestimmte Sexualfragen überhaupt zu einem Medienthema gemacht wurden, so bestätigt Heiko Stoff erneut eine seit längerem in der Forschung konstatierte Beobachtung. Die moderne Wissenschaft ist ohne ihr Komplement “Popularisierung“ (hier in Form des Wissenschaftsjournalismus) nicht denkbar. Hormontheorien hatten zum Zeitpunkt ihres Bekanntwerdens keine unmittelbaren Referenzgrößen in der Lebenswelt. Ihre Existenz verdankte sich biochemischer Forschung, die ohne anschauliche, insbesondere auch bildhafte Präsentation in verschiedensten Medien nicht das Handeln und Denken breiter Bevölkerungsschichten hätte prägen können.

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Dass zwischen dem wissenschaftlichen Lehrbuchwissen und dem populären Wissen im Film eine enge Beziehung besteht, lässt sich auch an den Beiträgen von Anita Gertiser, Ramon Reichert und Barbara Orland ablesen. Reichert, der die Schnittstellen von Röntgentechnik und Kino untersucht, zeigt, dass mit der Produktion von Forschungs- und Lehrfilmen mit männlichen und weiblichen Figurenillustrationen präzise inhaltliche Aussagenbündel verbunden sind (eine Beobachtung, die auch Anita Gertiser in ihrer Analyse von Kinoproduktionen über Geschlechtskrankheiten bestätigt). In den digitalen Filmen über das vorgeburtliche Leben (Orland) sind es dagegen historische Bilder, Modelle und immer wieder verwendete Bildsprachen, die für die Authentizität des Gezeigten werben.

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Wenn unterschiedliche Repräsentationsformen und mediale Vermittlungen einen starken Einfluss auf Subjektkonstruktionen und Identitätsbilder haben, so liegt dies nicht zuletzt an der aktiven Beteiligung des Publikums. Sei es in Form von Leserbriefen (Maasen/Wellmann) oder in Internetforen (Duttweiler), die Aneignung von Sexualwissen ist kein passiver Konsum. Die Medialisierung von Sexualität und Fortpflanzung umfasst auch die intime Selbstproblematisierung. Doch nicht erst heute kann sich potentiell jeder mit einem sexuellen Problem an die Öffentlichkeit wenden; wie Christina Benninghaus zeigt, ließen sich “brennende Sehnsüchte und heimliche Ängste“ bereits zu einer Zeit öffentlich verhandeln, als von interaktiven Medien noch keine Rede war.

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Die Fallstudien, die dieser Ausgabe zugrunde liegen, haben ihre Aufmerksamkeit – ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit – solchen Medien gewidmet, die sich an ein breites, disperses Publikum richten. Dass hierbei einzelne Medien für bestimmte Zeitabschnitte des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart besonders typisch sind, liegt auf der Hand. Inwieweit ein Wechsel der Medien und intermediale Bezüge über lange Sicht Veränderungen bewirkt haben, das im Detail zu erforschen, übersteigt den hier gegebenen Rahmen. In jedem Fall ist das Thema “Sexualität, Fortpflanzung und Medien“ in der Forschung angekommen und hat längst, wie Franz X. Eder in seinem Beitrag über den nationalsozialistischen Umgang mit der Sexualität betont, lange existierende Annahmen zu Fall gebracht. Die Forschung weiter anzuregen, ist nicht zuletzt das Ziel der am Ende dieser Ausgabe vorgestellten Projekte.

Autorin:

Dr. Barbara Orland
Universität Basel
Programm für Wissenschaftsforschung
Missionsstraße 21
CH-4003 Basel
barbara.orland@unibas.ch



[1] Ich entnehme diesen Hinweis Arnold L. Davidson: Das Geschlecht und das Auftauchen der Sexualität, in: Gary Smith /Matthias Kross (Hg.): Die ungewisse Evidenz. Für eine Kulturgeschichte des Beweises, Berlin 1998, 105.

[2] Zitiert nach ebd., 97.

[3] Als Einstiegshilfe siehe die von Franz X. Eder in dieser Ausgabe vorgestellte “Bibliography of the History of Western Sexuality“.

[4] Im Original lautet der Satz: “Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien. Das gilt nicht nur für unsere Kenntnis der Gesellschaft und der Geschichte, sondern auch für unsere Kenntnis der Natur.“ Niklas Luhmann: Die Realität der Massenmedien, 3. Aufl., Wiesbaden 2004, 9.

[5] Massenmedien I. Ein Interview mit Niklas Luhmann am 21. Mai 2003. URL: http://www.soziale-systeme.de/docs/sosydebml003.pdf <12. Okt. 2008>

Empfohlene Zitierweise:

Barbara Orland : Editorial: Sexualität und Fortpflanzung in den Medien des 20. Jahrhunderts , in: zeitenblicke 7, Nr. 3, [2008], URL: http://www.zeitenblicke.de/2008/3/editorial/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-16475

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