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Titel und Untertitel verstecken in ihrer Andeutung auf die reflexive Moderne ein wenig die eigentliche Neuerung, die diesen Band ausmacht: Diese Kompilation kann als einschlägig bezeichnet werden für die rezente Geschichte der Flexibilisierung des (biologischen) menschlichen Körpers. Sein Zeitrahmen umfasst die 1950er Jahre bis heute (plausiblerweise häufig mit Rückgriffen auf das 19. Jahrhundert) mit einem Schwerpunkt auf die vergangenen 30 Jahre.

Dekonstruktion und verwobene Machtverhältnisse

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In dieser Veröffentlichung in der Reihe Geschlecht und Gesellschaft vereinen sich Artikel von überwiegend deutschen ProfessorInnen und NachwuchswissenschaftlerInnen, die (oft interdisziplinär) mit soziologischem Ansatz geschlechtertheoretisch arbeiten. Zu den Beiträgen von Lenz, Kenning, Ullrich, Villa, Mense, Feyerabend und Wöllmann wurden sinnvoll ausgewählte Übersetzungen von bereits veröffentlichten Texten der AutorInnen Lock, Oudshoorn und Connell angefertigt und hinzugezogen. Damit ergibt sich sowohl thematisch als auch vom Theoriefundament her eine besondere Stringenz: Sämtliche AutorInnen haben einen, wie die Herausgeberinnen es nennen, “dekonstruktivistischen“ Ausgangspunkt im Hinblick auf Körper und Geschlecht (S. 8). Dabei wird auch die Wechselseitigkeit der Machtverhältnisse und Akteursbeziehungen mit Referenz auf die entsprechenden, miteinander kompatiblen TheoretikerInnen hervorgehoben. Einige von ihnen arbeiten mit foucaultschen Konzepten (insbesondere Kenning, Mense, Lock), andere mit soziologischen Theorien zur Moderne im Anschluss an Beck und Giddens (Ullrich, Wöllmann) bzw. mit Ansätzen der Wissenschaftsforschung im Sinne von Latour oder Woolgar (Oudshoorn); fast alle zitieren Butler.

Emanzipation + Biomedizin = ?

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Die Beitragenden stellen eine Flexibilisierung des (biomedizinischen) Zugangs zum Körper ebenso wie der Geschlechterdichotomie fest und bemühen sich, sich von früheren Analysen abzugrenzen, die allein Frauen und diese als Objekte der Wissenschaft oder ’Medikalisierung’ im Fokus hatten. Dabei bleibt offen, ob diese früheren Darstellungen für die beschriebenen Prozesse und Zeiträume angemessen waren, und, ob sie die rezente ’reflexive Modernisierung’ der Körper verfehlten. Der Begriff der Medikalisierung wird international unterschiedlich, oft viktimisierend verwendet, sodass es gut gewesen wäre, ihn gerade in diesem Band, wo er durchgehend auftaucht, explizit und im Kontext zu definieren. Wie die Herausgeberinnen einleitend ankündigen, geht es ihnen um die Untersuchung dreier Prozesse und ihrer Effekte auf die “reflexiven“ Körperkonzepte. Nämlich um die Modernisierung der Biomedizin, die sozialökonomischen Umwälzungen durch Globalisierung und informationelle Gesellschaft sowie um die sozialen Umbrüche als Resultate der Frauen- und anderer Emanzipationsbewegungen der letzten Jahrzehnte (S. 7-8). Dies wird in unterschiedlichem Maße eingehalten. So finden sich im Wesentlichen der erstere und letztere Aspekt in den allerdings besonders plausibel verschränkten (beispielsweise durch gemeinsame Zitationen wie auch inhaltlich) und aufeinander aufbauenden (und verweisenden) Beiträgen wieder.

Von Frauenbewegung über Technologie zu männlichen Schwierigkeiten

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So geht es bei Lenz, Kenning und Ullrich um Sexualität und Schlüsselthemen der Frauenbewegung(en) der vergangenen etwa 30 Jahre und ihre Effekte (im Wechsel mit anderen Akteuren) auf die Diskussion von Sexualität, Orgasmus oder Menstruation. Mense und Lock befassen sich auf sehr unterschiedliche Weise mit Reproduktionstechnologien: So stellt Menses Untersuchung zu möglichen Veränderungen von Verwandtschaftskonzepten eher Festschreibungen des Kernfamilienmodells bei gleichzeitiger geschlechtlicher Flexibiliserung fest. Lock versucht ein Beispiel vorzulegen, wie sich die Entscheidungen japanischer Frauen für invasive Körper-Technologien wie beispielsweise genetic screening verstehen lassen können, ohne zu viktimisieren oder falsches politisches Bewußtsein zu unterstellen. Auch Feyerabend, in einer von hergebrachter Aufteilung abweichenden Zusammenschau biomedizinischer Heilungs- und Gesundheitstechnologien (etwa der Pille) bemüht sich, allerdings in gewohnt bio-polemischem Stil, “die Frauen nicht nur in behandlungsbedürftige Subjekte“ zu verwandeln, wie es Schwangerschaftsvorsorgeprogramme täten, sondern beschreibt, sie nähmen die “Überwachungsmöglichkeiten selbstbewußt wahr“ (alles S. 180). Villa, Wöllmann und Oudshoorn arbeiten (mehr oder weniger explizit) mit dem Konzept des Othering, das Villa vor allem im Umgang mit “outlandischen“ (S. 144) PopmusikerInnen wiederfindet. Oudshoorn beschreibt mit diesem Konzept die historische Herstellung des Weiblichen (die man bei deutsche AutorInnen als ‚Sonderanthropologie’ wiederfände) durch Gynäkologie und Hormonforschung. Sie kritisiert dabei die feministische Minderbeforschung der Behandlung des Mannes in der Medizin (mit der aufkommenden Andrologie), der sich seinerseits Wöllmann widmet. Connell schließt mit einem Konzept, wie sich hegemoniale Männlichkeit körperlich einschreibt und gibt dem Band einen aktivistischen Ausblick: Indem die Komplexitäten zwischen den Polen körperreflexiver Praxis und veränderlicher sozialer Struktur erkannt würden, ließe sich hegemoniale Männlichkeit womöglich umschreiben.

Lokal, global oder deutsch

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Die hinzugezogenen Beiträge von Oudshoorn, Lock und Connell wirken in dem Sammelband hervorragend als Scharniere zwischen unterschiedlichen Ansätzen. Sie in diesen deutschen Kontext zu integrieren, erscheint besonders dankenswert, da sie spezielle, methodisch besonders systematische Artikel darstellen. Lock behandelt die kulturtheoretischen Hintergründe der Verwendung von Reproduktionstechnologien in Japan besonders fundiert. Dies könnte man sich für eine Diskursanalyse nur wünschen, da dies bei deutschen Beiträgen insbesondere zu Reproduktionstechnologie kaum getan wird, die offenbar, womöglich auch in diesem Band, den kulturellen deutschen (ist es ein deutscher?) Kontext für nicht eigentlich erklärensbedürftig halten.
Villa fragt in einer Verbindung von Körpersoziologie und Ansätzen der Cultural Studies nach dem “Körper als Produzent und Repräsentant geschlechtlicher, sexueller und ethnischer Codes“ in der Popkultur von Videoklips (S. 129). Sie findet “die Verflüssigung des Sozialen“ (S. 144) in Form des Tanzens im Wasser, das in den Clips (fast!) ausschließlich Frauen vorbehalten ist. Damit zeigt sich, was für sämtliche Beiträge gilt: Der Befund der Flexibilisierung bestimmter Prozesse bei gleichzeitiger ’Zementierung’ jeweils anderer Kategorien (Auflösung lokal/global versus Geschlechterdichotomie; Auflösung der Geschlechterdichotomie auf Kosten stärkerer Race-Zuschreibungen usw.). Es liest sich, als könnte ein Zitat der Reproduktionshistorikerin Adele Clarke, das Oudshoorn in ihrem Beitrag verwendet, dem gesamten Band voranstehen: ’in postmodernity, capital has fallen in love with difference’ (Clarke auf S. 250 im besprochenen Band). Der Nachgeschmack der bleibt, ist dass sich im Zuge der bearbeiteten Flexibilisierung und unter zunehmender Beteiligung der bisherigen wissenschaftlich-biomedizinischen Objekte als interessierte Subjekte tatsächlich der technische Zugriff in allen untersuchten Feldern erhöht. Nüchtern betrachtet sollte dies aus jetziger Perspektive weder biomedizinisch Tätige, noch theoretisch dazu Forschende überraschen. Selten wird dies jedoch so auführlich, faktenreich und eindrücklich vermittelt wie in dieser Sammlung gut abgestimmter unterschiedlicher Fallstudien rund um die verschiedensten (biologischen?) Körperphänomene.

Autorin:

Dr. Bettina Bock von Wülfingen
Humboldt-Universität zu Berlin
Phil. Fak. III
Kulturwissenschaftliches Seminar
Sophienstr. 22a
10178 Berlin
bettina.bock.v.wuelfingen@cms.hu-berlin.de

Empfohlene Zitierweise:

Bettina Bock vom Wülfingen : Flexibel, modern, reflexiv – Körper im Umbruch , in: zeitenblicke 7, Nr. 3, [2008], URL: http://www.zeitenblicke.de/2008/3/wuelfingen/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-16320

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