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Prof. Dr. Pierre Monnet

Der Mediävist Pierre Monnet ist Absolvent der École normale supérieure (ENS) und « agrégé d’histoire ». 1994 wurde er Maître de Conférences an der Université de Bourgogne, 1996 stellvertretender Direktor, 1999 dann Direktor der Mission Historique Française (MHFA) in Göttingen. Nach einer Professur für mittelalterliche Geschichte an der Université de Versailles Saint-Quentin-en-Yvelines (2003) ist er seit 2006 « directeur d’études » an der Ecole des hautes études en sciences sociales (EHESS). Seit dem 1.1.2009 ist Pierre Monnet Präsident der Deutsch-Französischen Hochschule. Im Kontext seiner langjährigen Erfahrung in der deutsch-französischen wissenschaftlichen Kooperation steht auch seine Mitgliedschaft in der Expertenkommission des deutsch-französischen Geschichtsbuchs.

 

 

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“Wohin geht der Weg der Geisteswissenschaften?“ lauteten Motto und Leitfrage eines Kolloquiums, das das Deutsche Historische Institut Paris (DHIP) am 31. Oktober aus Anlass seines 50jährigen Bestehens mit ausgewiesenen Wissenschaftlern und Wissenschaftsmanagern organisierte. Ein Jahr nach dem “Jahr der Geisteswissenschaften“ in Deutschland, währenddessen intensiv über die Zukunft von Forschung und Lehre in den Geisteswissenschaften nachgedacht und diskutiert wurde, lieferte die Diskussion am DHIP eine Bestandsaufnahme zur Lage der geisteswissenschaftlichen Disziplinen. Sie selbst, lieber Herr Monnet, haben an diesem Kolloquium teilgenommen, dessen Beiträge in dieser Sonderausgabe der zeitenblicke veröffentlicht werden. Wie sehen Sie als französischer Geisteswissenschaftler und Deutschlandexperte die Bestandsaufnahme der deutschen Kollegen?

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Aus französischer Perspektive stelle ich zunächst fest, dass es in Deutschland ein “Jahr der Geisteswissenschaften“ gegeben hat. So etwas kennen wir in Frankreich nicht. Dabei habe ich den Eindruck, dass das “Jahr der Geisteswissenschaften“ den deutschen Kollegen geholfen hat, eine Bestandsaufnahme zu machen, über die wir in dieser Form in Frankreich so noch nicht verfügen.
Festhalten möchte ich aber auch, dass der Begriff der Geisteswissenschaften nur schwer ins Französische zu übersetzen ist. Die direkte Übersetzung “sciences de l'esprit“ macht natürlich keinen Sinn. Das Konzept, das hinter dem französischen Terminus “sciences sociales et humaines“ steckt, fasst hingegen das Feld viel weiter. Es schließt die Sozialwissenschaften mit ein und wäre vielleicht am ehesten mit Kulturwissenschaften ins Deutsche zu übersetzen.
Wenn man also über die Geisteswissenschaften in beiden Ländern spricht, muss man immer die Spezifizitäten beider Systeme und Wissenschaftstraditionen mit bedenken. Ebenso wenden sich einige Disziplinen in der aktuellen Forschungslandschaft der “sciences sociales et humaines“ entschiedener den “greifbaren“ Wissenschaften zu, wie der Archäologie und der Geographie, die eine mathematische Modellierung brauchen, oder der Linguistik, die sich den Methoden und Grundlagen der Informatik zuwendet. Diese Annäherungen zwischen Geistes- und Naturwissenschaften vollziehen sich in Frankreich und in Deutschland nicht auf die gleiche Weise. Und dabei haben wir überhaupt noch nicht über die unterschiedlichen Auswirkungen gesprochen, die sich aus den laufenden Reformen der beiden Bildungs- und Forschungssysteme im Rahmen der Bologna- und Lissabonprozesse ergeben. Ein vergleichender Blick auf die Geisteswissenschaften in Deutschland und Frankreich muss sich daher notgedrungen auf eine Momentaufnahme beschränken. Diese gilt es um die gegenseitigen Beeinflussungen zu erweitern, sei es aufgrund der engen Kooperationen, sei es aufgrund der gegenseitigen Vorbildfunktion. Hinzu kommen natürlich noch die globalen Einflüsse einer sich allgemein internationalisierenden Wissenschaftsgesellschaft.
Neben den Unterschieden gibt es aber auch eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten. Vielleicht können wir auch darüber noch sprechen.

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Wenn ich Sie recht verstehe, gilt für den Vergleich der Geisteswissenschaften zwischen Deutschland und Frankreich das Gleiche wie für fast alles Deutsch-Französische: Es scheint ähnlich zu sein, ist dann im Detail aber doch sehr verschieden. Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die gesellschaftliche Wahrnehmung und den Stellenwert der Geisteswissenschaften in Deutschland und Frankreich? Wie schätzen Sie deren Anerkennung und Deutungshoheit im öffentlichen Diskurs ein?

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Die Geisteswissenschaftler genießen in beiden Gesellschaften, meiner Wahrnehmung nach, eine unterschiedliche Anerkennung. Das hat mit der Kultur der Expertise in beiden Ländern zu tun. Wenn es abends in den Nachrichten darum geht, gesellschaftliche Probleme oder die internationale Politik zu erklären, dann werden dazu in Deutschland oft Professoren eingeladen, um Stellung zu nehmen. Völlig anders hingegen ist es in Frankreich, wo eher Spitzenbeamte oder Politiker, also Praktiker und weniger Wissenschaftler befragt werden. Das ist meiner Meinung nach einer der großen Unterschiede zwischen beiden Systemen und hat sicher auch damit zu tun, dass in Frankreich die administrativen und politischen Eliten nicht in den Universitäten, sondern im System der “grandes écoles“ ausgebildet werden, die in Frankreich nicht primär forschungsorientiert sind.
In Frankreich treten Wissenschaftler somit weniger als “befragte Experten“ auf als vielmehr als “Intellektuelle“, die sich selber zu einem Thema zu Wort melden. Das hat seit der “Dreyfus-Affäre“ und Zolas “J’accuse“ eine lange Tradition bei uns. Dies sehe ich in Deutschland weniger. Mir ist bewusst, dass ich hier sehr verallgemeinere, als Grundcharakteristika trifft dies aber sicher zu.

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Wenn ich Sie richtig verstehe, ist der Platz, den die Geisteswissenschaften im gesellschaftlichen Diskurs einnehmen, auch bestimmt durch ihre Vermittlung in der Lehre. Wo sehen Sie hier Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Entwicklungen zwischen Deutschland und Frankreich?

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Unterschiede gibt es sicherlich in pädagogischer Hinsicht und in der Form der Lehrveranstaltungen. Die Tradition des frontalen und professoralen Unterrichts in Frankreich, von der Grundschule über das Gymnasium bis hin ins Studium, ist ungebrochen. Die deutsche Tradition ist dagegen offener für kritische Beurteilung und Meinungsäußerung, was beispielsweise den Forschungsseminaren einen Aspekt des interaktiven Dialogs zwischen Dozenten und Studierenden gibt, welcher in Deutschland ausgeprägter ist als in Frankreich. Doch scheinen mir diese Unterschiede eher grundsätzlich deutsch-französisch zu sein und finden sich so oder so ähnlich auch in den Naturwissenschaften. Auch gibt es aufgrund ungleicher Fächerzuschnitte Unterschiede in der Lehre: Geschichte und Geographie etwa sind Disziplinen, die in Frankreich sehr eng miteinander verwoben sind und sogar in einer gemeinsamen Staatsexamensprüfung abgenommen werden. In Deutschland dagegen ist die Nähe zu den Philologien, der Philosophie und der Theologie für die Geschichtswissenschaft in der Lehre wichtiger.
Ferner stellen sich für die Lehre in beiden Ländern ähnliche Herausforderungen im Rahmen des Bolognaprozesses. Die entscheidenden Stichworte sind hier: Modularisierung von Studiengängen, gestufte Abschlüsse (BA-MA) des ECTS-Systems und die diploma supplements. Frankreich hat diesen Prozess aufgrund der Zuständigkeit des Zentralstaats für das Hochschulwesen schneller und einheitlicher umgesetzt als Deutschland, wo die Zuständigkeit für die Hochschulen den Ländern obliegt.

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Welche inhaltlichen Auswirkungen sehen Sie in diesem Zusammenhang: Inwiefern verändern die Strukturen die Lehre, den Inhalt und die Perspektiven des geisteswissenschaftlichen Studiums?

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Eine Herausforderung für die Lehre stellt die formalisierte Ausbildung nicht primär disziplinärer Kompetenzen wie etwa Informationsverwaltung, Sprachkenntnisse und “soft skills“ dar. Und dies insbesondere in den Geisteswissenschaften, in denen Fremdsprachenkenntnisse eine größere Rolle spielen müssen als in der Vergangenheit. Das mag selbstverständlich klingen, doch in der Praxis war es zu meiner eigenen Studienzeit noch so, dass man jahrelang Geschichte studieren konnte, ohne eine Fremdsprache zu erlernen oder zu vertiefen. Es muss sich nun zeigen, wie sich diese neuen Ansprüche in der Praxis umsetzen lassen. Verbesserte Fremdsprachenkenntnisse stärken dabei nicht nur die “employability“ der Absolventen, wie es so schön auf Neudeutsch heißt, sondern können auch fachwissenschaftlich stimulierend sein. Gerade für die Geisteswissenschaften stellt sich im Rahmen einer zunehmend internationalisierten Welt die Herausforderung des Vergleichs differenter Kulturtraditionen oder des Kulturtransfers. Und es zeigt sich dann bei der Übersetzung von fundamentalen Begriffen wie “culture“/Kultur, “religion“/Religion oder “état“/Staat, dass sich hinter Sprache unterschiedliche kulturelle und intellektuelle Konzeptionen verbergen. Es ist das Verständnis dieser Diversität, inmitten eines Europas der unausweislichen Vielfalt der Sprachen und Kulturen, welches die Geisteswissenschaften in Forschung und Lehre heute entschiedener in den Mittelpunkt stellen müssen.

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Das war jetzt die Haben-Seite. Und wie sieht es auf der Soll-Seite aus?

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Negative Auswirkungen des Bolognaprozesses, und dies insbesondere für Frankreich, ist die Gefahr der Vereinheitlichung des Inhalts in Studium und Lehre. Dies gilt für den Inhalt der großen Fächer und bedroht die kleinen Fächer, die Sie in Deutschland Orchideenfächer nennen, also jene Disziplinen, die im gesamten Spektrum des Fächerangebots als peripher wahrgenommen werden, weil sie numerisch weniger Studierende, weniger Mittel und Professoren haben.
Ein klassisches Beispiel ist die Sinologie. Aber wenn man bedenkt, was China in der heutigen Welt wiegt, springt der Widerspruch zwischen Orchideenfach und wirklichem Gewicht ins Auge. Man muss also darauf achten, dass die Freiheit der Fächerkombination in den Geisteswissenschaften bestehen bleibt, weil diese im Kern – und dies vielleicht im Unterschied zu den Naturwissenschaften – kumulierbare Wissenschaften sind, die durch Kombinationsmöglichkeiten gewinnen. Und gerade diese Freiheit scheint unter einer Standardisierung der Studiengänge zu leiden. Dem müssen wir eine große Aufmerksamkeit schenken, und da können wir Franzosen vom deutschen Studiensystem lernen, in dem die Freiheit der Kombination von Fächern eine lange Tradition hat.

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Eingeschränkte Kombinationsmöglichkeiten in Folge der Bolognaumstellung werden auch in Deutschland kritisiert. Ein weiterer Kritikpunkt, der in den Geisteswissenschaften mittlerweile immer wieder erhoben wird, ist die Konzentration auf die Berufsorientierung der Studiengänge. Wie steht es damit für die Geisteswissenschaften in Frankreich?

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Die “employabilité“, ja, das geht auch auf Französisch, hatte bisher in der französischen Hochschullandschaft einen anderen Stellenwert: In den “grandes écoles“ wurde der Berufseinstieg traditionell sehr stark gefördert. Die Operationalität von Wissen kam und kommt hier in der Regel vor der wissenschaftlichen Ausbildung. Bezeichnend in diesem Kontext – und aus deutscher Sicht vielleicht zunächst verwunderlich – ist, dass “grandes écoles“ nur in Ausnahmefällen über das Promotionsrecht verfügen.
In den Universitäten spielte die “employabilité“ und die Begleitung des Berufseinstiegs wie auch in Deutschland lange keine Rolle. Ganz im Gegenteil: Für viele Kollegen ist die Universität der Ort der Bildung und nicht der “Ausbildung“ für Berufe. Die entscheidende Frage bleibt jedoch, wer unter den Geisteswissenschaftlern die besseren Chancen beim Berufseinstieg hat. Es kann und soll natürlich nicht darum gehen, alles unter den Primat der Nützlichkeit und der unmittelbaren Verwendbarkeit zu stellen. Gerade unsere immer komplexer werdende Gesellschaft braucht wissenschaftlich ausgebildete Akademiker, die über den Tellerrand der unmittelbaren Anwendbarkeit hinausschauen können.
Nichtsdestoweniger kann eine Reflexion über außerdisziplinäre Kompetenzen sowohl den Fächern selber als auch der “employabilité“ nützen. Über den Sprachenerwerb haben wir bereits gesprochen. Ein anderer Aspekt ist interkulturelle Kompetenz, die beispielsweise während eines international angelegten Studiums erworben werden kann. Sie stellt in einer globalisierten und offenen Welt eine zusätzliche berufliche Trumpfkarte dar. Die Geisteswissenschaftler müssen sich der Herausforderung stellen diesen Mehrwert ihrer Ausbildung für öffentliche wie private Arbeitgeber verständlich zu machen.

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Haben deutsche und französische Geisteswissenschaftler die gleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt oder stehen den deutschen Geisteswissenschaftlern nicht vielleicht doch mehr Möglichkeiten offen?

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Ich teile Ihren Eindruck: Deutschland ist für geisteswissenschaftliche Profile offener als Frankreich. Dies hängt wieder sehr stark mit den französischen “grandes écoles“ und ihrem Auswahlverfahren, dem “concours“, zusammen. In den Geisteswissenschaften etwa wird über die “école normale superieure“ (ENS) eine sehr begrenzte Elite zwei oder drei Jahre nach dem Abitur rekrutiert und von da an als verbeamtete Studierende in staatliche Spitzenpositionen geführt. Über das spezielle Staatsexamen für die Oberstufe, die “agrégation“, wird nach dem Studium und vor der Promotion erneut gefiltert. Dieses System ist einerseits nicht sehr förderlich für soziale Vielfalt oder internationale Mobilität französischer Studierender und macht es andererseits Geisteswissenschaftlern, die außerhalb dieser Strukturen ihr Studium abschließen, schwer einen adäquaten Berufseinstieg in Frankreich zu finden.
Insofern ist es vielleicht kein Zufall, dass zwei Drittel der Absolventen der binationalen Studiengänge der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH) eine Stelle in Deutschland finden. Mein Eindruck ist ferner, dass der Arbeitsmarkt in Deutschland nicht derart pyramidal strukturiert ist wie in Frankreich. Man findet in Deutschland mehrere regionale Arbeitsmärkte, in denen sich die Profile anders und vielleicht auch in Konkurrenz ausbilden.

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An der Schnittstelle zwischen Lehre und Forschung steht die Doktorandenausbildung, die in beiden Ländern neu strukturiert werden soll. Auch diese Vorgaben stoßen auf Kritik. Einige Stimmen wehren sich gegen eine Verschulung der Promotionsphase. Wie nehmen Sie die Veränderung in diesem Punkt in Deutschland und Frankreich wahr? Und sehen Sie Möglichkeiten, jeweils von der Erfahrung des Anderen zu lernen?

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In Frankreich gibt es die strukturierte Doktorandenausbildung schon länger. Seit mehreren Jahren ist dort jeder Doktorand zwingend in ein “collège doctoral“ eingebunden. Der Grundgedanke ist, dass die Doktoranden nicht mehr allein, sondern in einer Struktur ausgebildet werden. Die “écoles doctorales“ unterscheiden sich dabei von den deutschen Graduiertenkollegs, wie sie etwa die DFG fördert, nicht nur darin, dass es sie flächendeckend gibt, sondern auch dadurch, dass die Klammer eher eine methodische als eine inhaltliche ist. Entsprechend größer und weniger homogen sind die “écoles doctorales“ im Gegensatz zu den Graduiertenkollegs in Deutschland.
Mein Plädoyer wäre, die “écoles doctorales“ und die Graduiertenkollegs von Anfang an auch international zu öffnen oder sogar bilateral zu strukturieren, wie wir das übrigens in den deutsch-französischen Graduiertenkollegs an der DFH schon machen. Das bedeutet, dass zwingend internationale Mobilität verlangt wird, die dann aber auch finanziell gefördert wird. Ein solches System auf der Ebene von zwei Ländern mittels einer Vernetzung von mehreren Graduiertenkollegs ließe sich meiner Meinung nach auch sehr gut europäisieren, wenn man es jedem Doktoranden ermöglichte, Mobilität mit einer Lehrerfahrung im Partnerland zu verbinden. In dieser dritten Stufe des Bolognaprozesses, der Promotion, steht uns in den nächsten Jahren noch einiges an Arbeit bevor, um durch Harmonisierung der Angebote in den europäischen Staaten die Mobilität der Doktoranden zu fördern. Es geht alles in allem darum, die beste Betreuungsstruktur zu finden, die Ausbildungs- und Kompetenzstandards der Geisteswissenschaften zu kombinieren vermag: Finanzierung von Nachwuchswissenschaftlern, internationale Mobilität, Interdisziplinarität, das Gleichgewicht zwischen individueller und kollektiver Forschung, die Verständlichkeit und die Verbreitung der Forschungsergebnisse auch in ihren Anfangs- und Zwischenphasen der Bearbeitung, sowie die Kooperation zwischen Forschungseinheiten, Universität und nationalen wie europäischen Fördereinrichtungen. Schließlich die Bereitstellung der spezifischen Arbeitsvoraussetzungen für Geisteswissenschaftler, die mehr denn je damit fortfahren, mit Texten, Bildern und Büchern zu arbeiten. Und nicht zuletzt: Die Vorbereitung auf den Berufseinstieg, sei es als Wissenschaftler oder in anderen Gesellschaftsbereichen.
Aus diesen Standards leiten sich die Kriterien ab, nach denen die Geisteswissenschaften bewertet und evaluiert werden sollten: Publikationen, Drittmittelfinanzierung, der Anzahl von Studierenden, von Absolventen, von Doktoranden und Postdoktoranden, die Entwicklung innovativer Werkzeuge (Bibliographien, Datenbanken, Internetseiten, Schreiblabore et cetera).

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Sie haben die Universitäten zunächst als Orte des Wissens charakterisiert, dann als Orte, in denen Wissen bewahrt und weitergegeben wird, schließlich auch als Orte, an denen Wissen und Erkenntnis durch Forschung neu gewonnen werden. Forschung und Forschungsförderung unterlagen in den letzten Jahren starken Veränderungen. Es gibt einen Trend zu stärkerer Projektfinanzierung. Wie wirken sich die Veränderungen speziell für die Geisteswissenschaftler in beiden Ländern aus?

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In der Tat haben sich Forschungsorganisation und -förderung in den letzten Jahren in beiden Ländern stark verändert. Aufgrund der europäischen Anstöße und Vorgaben wie etwa der Schaffung des Einheitlichen Europäischen Forschungsraums in Anlehnung an den Einheitlichen Europäischen Hochschulraum sowie der Lissabon-Strategie, die Europa bis 2010 zum weltweit führenden und dynamischsten wissensgestützten Wirtschaftsraums der Welt machen soll, sind auch hier Gemeinsamkeiten unübersehbar. Als Stichworte aus der Podiumsdiskussion in Paris seien nur Projektfinanzierung, Drittmittelfinanzierung und Mittelvergaben nach Evaluation genannt.
Trotz ähnlicher Entwicklungsrichtungen gibt es aber auch hier Unterschiede. Deutschland hat aus historisch-kulturellen Gründen bereits früher Elemente entwickelt, die meiner Meinung nach in der Lage waren, die Forschung differenzierter über Projektevaluierungen zu finanzieren. Die DFG und die großen privaten Stiftungen spielen hier eine entscheidende Rolle. In Frankreich werden diese Instrumente erst seit wenigen Jahren intensiv entwickelt. Diese Instrumente wurden dabei sehr stark vom deutschen Wissenschaftsmodell geprägt, man könnte hier durchaus von einer Vorbildfunktion sprechen. Zu nennen ist unter anderem die Gründung der Agence d'évaluation de la recherche et de l’enseignement supérieur (AERES) als auch der Agence nationale de la recherche (ANR). Die Finanzierung zeitlich befristeter Projekte durch die ANR lehnt sich sehr an die Verfahren der DFG an. Die Veränderungen der letzten Jahre haben durch die Angleichung des Forschungsförderungssystems auch zu neuen Chancen für institutionelle Kooperationen geführt, wie es etwa zwischen der DFG und der ANR zu beobachten ist. Besonders freut mich natürlich, dass die erste gemeinsame DFG-ANR-Ausschreibung die Geisteswissenschaften betraf.
Bei aller Ähnlichkeit gibt es aber auch Unterschiede und man muss sich vor falschen Gleichsetzungen hüten. Ein Beispiel hierfür ist die Exzellenzinitiative in Deutschland und die Initiative Campus in Frankreich. Die deutsche Exzellenzinitiative zielt unter anderem darauf ab, die wissenschaftliche Innovation zehn führender Universitäten zu fördern, entweder thematisch, oder aufgrund der Art und Weise, wie diese Zentren es verstanden haben, die Disziplinen untereinander in Beziehung zu setzen. Die Initiative Campus in Frankreich zielt hingegen darauf ab, zehn bis zwölf Exzellenzzentren dadurch zu fördern, dass man ihnen durch Konzentration der Mittel, besonders von Immobilien, die Möglichkeit gibt, sich neu zu positionieren. Dabei hat der französische Staat darauf geachtet, diese Zentren möglichst gleichmäßig auf das gesamte französische Territorium zu verteilen. Die Autonomie der Hochschulen ist ein weiteres Beispiel für Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich. Für die Universitäten in Deutschland schließt sie die Auswahlmöglichkeit der Studierenden mit ein, was an französischen Universitäten weiterhin ein absolutes Tabu bleibt.

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Sie haben den Vorbildcharakter des deutschen Systems für die Reform der französischen Forschungslandschaft betont. Die Beiträge in diesem Band begrüßen die aktuellen Veränderungen in Deutschland nicht uneingeschränkt, um es vorsichtig zu formulieren. Wie bewerten Sie die Kritik Ihrer deutschen Kollegen an der aktuellen Forschungsförderung in Deutschland?

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Wenn ich die deutschen Kollegen richtig verstanden habe, kritisieren sie den zu hohen Anteil der Projektforschung im Verhältnis zur Grundfinanzierung, den zu hohen Zeitaufwand für die Anträge sowie die zu starke Ausrichtung der Forschungsförderung an den Rahmenbedingungen und den Bedürfnissen der Naturwissenschaften, sprich die Förderung von Gruppen sowie Apparaturen statt von Personen.
Wir können durchaus aus der Kritik, die an den deutschen Förderprogrammen geübt wird, einiges lernen. Es mag durchaus zutreffen, dass diese Förderinstrumente zunächst für die Naturwissenschaften oder großen Forschungsverbünde entwickelt wurden. Dabei wurde weniger auf die Spezifitäten der Geisteswissenschaften geachtet, die ja gar keine oder kaum Großapparaturen, Laboratorien und Materialien für Experimente brauchen. Für Philosophen, Sprachwissenschaftler und Historiker geht es eher darum, über eine Anbindung an gut ausgestattete Bibliotheken zu verfügen und in diesen Zentren adäquate und personenbezogene Förderprogramme zu etablieren. Was darüber hinaus Geisteswissenschaftler aufgrund ihrer methodischen Herangehensweise vorziehen, sind Kooperationen zwischen Einzelpersonen, aber eventuell auch zwischen Forschungsgruppen. Dies geschieht aber auf einer ganz anderen Ebene, als es in den Naturwissenschaften der Fall ist.
Das heißt konkret, dass alle diese Förderinstrumente für die Geisteswissenschaften eher auf kleinere Gruppen und individuellere Projekte abgestimmt sein sollten. Zudem sollten sie einen Zeitraum umfassen, der abhängig von dem jeweiligen Inhalt des Projektes gestaltet ist. Dies umso mehr, als die Dauer für wissenschaftliche Forschungen in geisteswissenschaftlichen Fächern aufgrund der Nicht-Delegierbarkeit von Forschungsaufgaben oft länger ist als in den Naturwissenschaften, wo Experimente zum Beispiel auch von anderen durchgeführt werden können.
Man muss darüber hinaus für die Geisteswissenschaften an Programme denken, die Interdisziplinarität erlauben und fördern oder die wenigstens Freiräume lassen für das Formulieren von Projekten, die es noch nicht gegeben hat. Für Frankreich denke ich da zum Beispiel an die sogenannten “projets blancs”, also themenoffene Ausschreibungen, in denen die Geisteswissenschaftler sehr stark wie auch innovativ vertreten sind.
Schließlich ist es ebenso nötig, in den Geisteswissenschaften die Mobilität zu fördern. Ich erwähnte dazu den Stellenwert von Bibliotheken und Archiven. Die Geisteswissenschaftler müssen reisen, um die entsprechenden Bücher bzw. Archive oder Dokumente aller Art auch vor Ort konsultieren zu können – und dies gilt auch in Zeiten möglicher Digitalisierung.

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Sie haben selbst in Deutschland und Frankreich als Wissenschaftler gearbeitet und sind zurzeit als Präsident der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH) Wissenschaftsmanager einer deutsch-französischen Einrichtung. Welche Empfehlungen und welche Wünsche für die Geisteswissenschaften würden Sie vor diesem Hintergrund an die Politik richten?

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Meine Empfehlung ist, die Forschungsförderung immer auch international zu denken. Und da bietet sich die deutsch-französische Erfahrung nun selbstverständlich an. Es zeigt sich im Rahmen von europäischer Forschung, dass das, was sich auf deutsch-französischer Ebene umsetzen lässt, auch gut in größerem europäischen Rahmen zu realisieren ist. Ein Mittel dazu wäre die Einrichtung von geteilten Lehrstühlen, bei denen man zugleich 50% in beiden Ländern forscht und lehrt. Die Umsetzung solcher Ideen stößt in der Regel jedoch oft auf Hindernisse, die nicht primär wissenschaftlicher, sondern sozialversicherungsrechtlicher bzw. beamtenrechtlicher Natur sind.

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Und was wären Ihre Wünsche?

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Ein Wunsch an die Politiker in den deutschen und französischen Forschungsministerien wäre, in den Förderprogrammen immer auch Raum und Geld für Übersetzungen zu lassen. Übersetzungen sind für die Geisteswissenschaften wegen des kulturellen Transfers sehr wichtig wie auch zentral für die europäische Kultur selbst. Geisteswissenschaftler können hiervon nur profitieren, denn ein Spezifikum des europäischen Raums ist nun einmal, dass dieses Europa zur Vielfalt verdammt ist. Sprachen können hier das Verständnis für den Anderen, für die andere Kultur fördern. Initiativen, die zur Schaffung von bilingualen Wissenschaftszeitschriften führen und die die Übersetzung der Artikel und patrimonialer Beiträge jeder Disziplin fördern, scheinen mir unerlässlich. Dies wird auf eine neue und exemplarische Art und Weise von Trivium realisiert, einer deutsch-französischen Zeitschrift der Geisteswissenschaften, welche im Internet publiziert wird und auf französischer Seite vom MSH und auf deutscher Seite vom DHIP mit der Unterstützung der DFG und der ANR getragen wird. Es werden darin in der jeweiligen Sprache des anderen geisteswissenschaftliche Artikel publiziert, welche imstande sind, den Transfer von Konzepten, Begriffen und Methoden zu fördern.

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Die Tagung hat anlässlich des 50jährigen Bestehens des deutschen historischen Instituts in Paris stattgefunden. Wir führen dieses Interview im DHIP und Sie selber haben über Jahre das französische Pendant, die “Mission Historique Française“ in Deutschland, geleitet. Wo sehen Sie als Historiker die Hauptaufgaben historischer Institute im Ausland, eines deutschen Instituts in Frankreich und eines französischen Instituts in Deutschland?

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Beide Institute waren bislang sehr stark in der Forschung, durchaus in der Grundlagenforschung engagiert, was für Historiker vor allem auch Editionsarbeit bedeutet. Als wichtige Aufgabe für die Zukunft sehe ich ein stärkeres Engagement an der Schnittstelle zwischen Lehre und Forschung und hier insbesondere in der Doktorandenausbildung: Ausbilden auf höchstem wissenschaftlichen Niveau, aber auch mit dem Fokus auf der Ausbildung von Experten, die in der nächsten Generation in der Lage sein werden, die Wissenschaftsszene zwischen Deutschland und Frankreich zu beleben. Gerade historische Institute scheinen mir dafür prädestiniert zu sein, solche Wissenschaftler auszubilden. Gleichermaßen wäre es, meinem Empfinden nach, wünschenswert, dass die französischen Wissenschaftszentren in Deutschland und die deutschen in Frankreich selbstverständlicher Träger von binationalen Doktorarbeiten und Post-Doktorarbeiten werden. Das wäre also die Personalebene.
Natürlich misst man die Nützlichkeit eines Instituts an seiner Produktion. Es geht aber nicht nur darum, Ergebnisse zu publizieren, die thematisch die deutsch-französischen Beziehungen behandeln, sondern auch die Entwicklung jeder nationalen Geschichte in einem anderen Kontext betreffen. Man muss feststellen, dass es immer etwas anderes ist, die eigene Geschichte an einer deutschen oder an einer französischen Universität zu erforschen. Was die historischen Institute in meinen Augen leisten können, besteht darin, neue Instrumente für den Austausch nutzbar zu machen – das heißt konkret neue elektronische Medien und Datenbanken zu entwickeln und zur Verfügung zu stellen.
Das tut seit kurzer Zeit sehr intensiv das DHI in Paris unter seiner neuen Direktorin, Gudrun Gersmann. Dies kann ein Vorbild auch für französische Institute sein. Nicht eben nur um unsere Forschungen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, sondern auch um gemeinsam eben solche Instrumente zu konzipieren und somit als eine Vermittlungsstelle zwischen den schon existierenden Institutionen in jedem Land und in jeder Kultur wie Bibliotheken, Museen und Archiven zu fungieren. Auf diese Weise können wirklich großartige Arbeitsmöglichkeiten für die Studierenden und Forscher, insbesondere in den Geschichtswissenschaften, bereit gestellt werden.
Darüber hinaus sehe ich die spezifische Aufgabe der Institute im Ausland auch weit über den akademischen Bereich hinausgehend: Ihnen obliegt es, in der öffentlichen Presse, in der Kulturwelt, aber auch gegenüber der Politik zu begründen und zu erklären, warum diese intensive Pflege des deutsch-französischen Verhältnisses aus historischen Gründen immer noch sehr sinnvoll ist.
Trotz der Normalisierung der Beziehungen und einer großen Selbstverständlichkeit im Umgang miteinander müssen wir uns immer bewusst sein, dass die Gefahr einer relativen Distanz oder gar Indifferenz weiter besteht.
Es ist vielleicht immer noch die Aufgabe des Historikers zu erklären, dass dieses Verhältnis innerhalb Europas aus historischen Gründen ein besonderes ist und dass beide Geschichten sehr wohl etwas miteinander zu tun haben, eben weil sie verschieden sind und zugleich komplementär. Eben weil wir in Europa zur Vielfalt verdammt sind, ich betone dies trotz der Gefahr mich zu wiederholen, stellen Komplementarität und Verständnis zentrale Leitbegriffe dar, die sich exemplarisch am deutsch-französischen Verhältnis nachvollziehen lassen. Das müssen die Politiker verstehen. Damit sie es verstehen können, bedarf es Menschen, die in der Lage sind, dies zu vermitteln. Geisteswissenschaftler, speziell Historiker, sind dazu prädestiniert.

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Lieber Herr Monnet, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

Textdokumentation und Übersetzung: Tobias Lubitzsch (Magdeburg) und Nora Wagner (Heidelberg).

Gesprächspartner:

Prof. Dr. Pierre Monnet
Präsident der Deutsch-Französischen Hochschule
Villa Europa
Kohlweg 7
D - 66123 Saarbrücken
monnet@dfh-ufa.org

Stephan Geifes
Wissenschaftlicher Koordinator
Deutsches Historisches Institut Paris
Hôtel Duret-de-Chevry
8, rue du Parc-Royal
FR - 75003 Paris
sgeifes@dhi-paris.fr

Empfohlene Zitierweise:

Pierre Monnet / Stephan Geifes : Wohin geht der Weg der Geisteswissenschaften? Ein Interview mit Pierre Monnet , in: zeitenblicke 8, Nr. 1, [09.04.2009], URL: http://www.zeitenblicke.de/2009/1/interview/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-18233

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