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Der Begriff "Droge" ist heute derart einseitig besetzt und ideologisch aufgeladen, dass seine dreifache Bedeutung betont werden muss. Erstens können Drogen verbotene Stoffe meinen, an die man in diesem Kontext auch zuerst denken mag. Hierunter firmieren als klassische Beispiele die heute als illegale Drogen respektive "Rauschgifte" eingestuften Opiate Morphium und Heroin sowie Kokain oder Cannabis. Zweitens können Drogen Rauschmittel oder auch Rausch erzeugende Tätigkeiten mit physischem oder psychischem Suchtpotenzial bedeuten. Entsprechend lassen sich hier Substanzen anführen, die wie die illegalen Drogen psychoaktive Wirkung besitzen: Alkohol, Tabak oder Schnüffelstoffe, die frei erhältlich sind, sowie Amphetamine (Aufputschmittel), Barbiturate (Schlafmittel) und Tranquilizer (Beruhigungsmittel), die verschreibungspflichtig sind. Zugleich können innerhalb dieser Bedeutungskategorie aber auch Tätigkeiten mit ähnlichem Effekt subsumiert werden, wie Arbeit, Sport oder Computerspiele. [1] Drittens können Drogen Heilmittel bezeichnen. Der ursprünglichen Wortbedeutung nach handelt es sich dabei um "getrocknete Pflanzen o[der] deren Teile, die Ausgangsprodukte zur Gewinnung der Arzneistoffe o[der] zur Herstellung von Arzneizubereitungen sind." [2]

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Bei einer derartigen Begriffsflexibilität erstaunt es nicht, dass Drogen in hohem Maße soziokulturelle Konstrukte darstellen. [3] Dies gilt schon für die Gegenwart, wie die Bedeutungsambivalenz von Morphium zeigt. Einerseits steht es auf der Liste der illegalen Stoffe, andererseits findet es als potentes Analgetikum und Anästhetikum in Medizin und Chirurgie Verwendung. Erst recht gilt dieser Befund für die Vergangenheit. Das lehrt ein Blick in die ersten großen Kompendien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, deren Verfasser, alle übrigens Naturwissenschaftler, die zu ihrer Zeit bekannten psychoaktiven Stoffe und deren Geschichte im globalen Kontext vorlegten.

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Unter dem Titel "Die Narkotischen Genussmittel und der Mensch" (1855) subsumiert Ernst von Bibra die bis heute als stimulierende Genussmittel klassifizierten Substanzen Kaffee, Tee, Schokolade, Tabak, Kat und Betel sowie Opium, Koka und Haschisch. [4] In "Die Menschlichen Genussmittel" (1911) behandelt Carl Hartwich Opium, Hanf und Koka noch immer selbstverständlich neben Alkohol, Kaffee, Tee, Schokolade, Tabak, Kat und Betel – wobei hinzuzufügen ist, dass erst im Erscheinungsjahr die erste internationale Opiumkonferenz im Haag zu tagen begann, die den Auftakt zur globalen Prohibition gegen die oben genannten illegalen Drogen markierte. [5] Dreizehn Jahre später ist in Louis Lewins Darstellung die Inkriminierung von Morphium und Kokain dann greifbar, auch wenn der Buchtitel noch "Phantastica: Die betäubenden und erregenden Genussmittel" (1924) lautet. Hierin ergänzt Lewin die Liste der Substanzen seiner Vorgänger um Schnüffelstoffe (Chloroform, Äther, Benzin), Schlafmittel und Opiumderivate und geißelt – passend zu den Ergebnissen der zwischenzeitlichen, weiteren Drogenkonferenzen auf dem Kurs in den war on drugs – den in den USA und in Europa um sich greifenden Morphium- und Kokainmissbrauch, den mittlerweile strafverfolgten Handel mit Opiaten und die Inhaftierung Süchtiger zur Zwangsentwöhnung. [6]

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Plakativer, nämlich anhand von Bildmedien, lässt sich die soziokulturelle Konstruktion von Drogen am Beispiel des Rauchtabaks demonstrieren. Im 17. und 18. Jahrhundert begann sich der Konsumartikel aus der Neuen Welt in Europa rasant zu verbreiten, nicht zuletzt dank seiner Anbaumöglichkeit auch in Europa selbst. In der Bildpublizistik und auf Gemälden rauchen Männer [7] wie auch Frauen [8] aus allen Schichten mit großer Selbstverständlichkeit Pfeife – empfahlen doch Ärzte den regelmäßigen Konsum von Rauchtabak als Allheilmittel ausdrücklich beiden Geschlechtern. [9] Im langen 19. Jahrhundert – unter anderem bedingt durch den radikalen Wandel der medikalen Konzepte, die Tabak als Arznei zunehmend obsolet werden ließen und ihn auf seine Bedeutung als Genussmittel reduzierten – änderte sich die Bildbotschaft. Während Konsumenten mit den neuen, dem schnelllebigen Zeitgeist der Industriellen Revolution angepassten Rauchwaren Zigarre und Zigarette als Modernitäts- und Männlichkeitssymbol auf Gemälden, Stichen und jetzt auch Fotographien auftauchen, [10] werden in der Öffentlichkeit rauchende Bürgerinnen satirisch dargestellt oder greifen, wie George Sand und Lola Montez und später auch Marlene Dietrich, demonstrativ und selbstbewusst zum Emanzipationssignal Zigarette. [11]

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In Kino- und TV-Spielfilmen des 20. Jahrhunderts kommt zwar die Raucherin, übrigens in erotischen Kontexten, auch vor, [12] aber vor allen Dingen ist es der Mann, der cool und maskulin Zigaretten oder Zigarillos konsumiert – und hochprozentigen Alkohol. [13] Im späten 20. Jahrhundert geriet die einstige Panazee aufgrund der mittlerweile erwiesenen, alarmierenden Gesundheitsrisiken für Raucher und Passivraucher zunehmend in die Kritik. Die EU setzte ein Werbeverbot für rauchende Cowboys vor grandios inszenierter, Freiheit und Abenteuer per Zigarettenzug suggerierender Landschaftskulisse durch, Rauchverbote wurden in Restaurants und öffentlichen Institutionen eingeführt, seit 2003 wird vorschriftsmäßig verbal auf Tabakwarenpackungen vor Gesundheitsgefahren gewarnt. [14] Gleichzeitig verschwanden die Raucher im Spielfilm. Während Sean Connery als James Bond-Darsteller noch in den 1960ern zur Zigarette griff, gibt sich der aktuelle Bond-Darsteller Daniel Craig tabakabstinent – steigt aber dafür durchtrainiert aus den Fluten (anstelle von Ursula Andreß). [15] Und während noch Eric Ode in der deutschen TV-Krimiserie Der Kommissar (1969-1976) seine Fälle als Kettenraucher löste, unterstützt von seinem Pfeife rauchenden Assistenten, mimte Horst Tappert in der Nachfolgeserie Derrick (1974-1998) den Nichtraucher genauso wie sein Assistent Harry (der ohnedies damit beschäftigt war, den Wagen vorzufahren). Im Sommer 2009 schließlich wurde in der BRD öffentlich darüber diskutiert, ob Schockbilder als plakative Darstellungen gesundheitlicher Konsumfolgen auf Zigarettenpackungen die verbalen Warnhinweise ersetzen sollen, wie dies in einigen Ländern bereits praktiziert wird. [16]

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Drogen haben in allen Kulturen – soweit sich dies zurückverfolgen lässt – eine Jahrhunderte oder gar Jahrtausende alte Geschichte und lassen sich damit als globales Phänomen verorten. Gemessen an der Epochenschwelle zur Frühen Neuzeit, ergibt sich ein imposantes Spektrum psychoaktiver Substanzen, die verschiedene Kulturen längst für sich entdeckt und genutzt haben. Um die wichtigsten zu nennen: In Europa, wenn auch regional unterschiedlich, waren seit der Antike vor allem Wein, Bier und Met populär, wenn auch schon Branntwein durch das im Mittelalter entwickelte Destillierverfahren erzeugt wurde, und Opium als Schmerzmittel in der Heilkunde erprobt und eingeführt worden war. Gleichzeitig kannten China traditionell Reiswein und Tee, Indien und Nordafrika Cannabis, Südasien Betel und Arabien Kaffee und Kat. In Amerika hatte sich in verschiedenen Kulturen des Doppelkontinents eine Tabakkultur entfaltet und etabliert (Rauch-, Schnupf- und Kautabak), während die süd- und mittelamerikanischen Hochkulturen noch weitere Drogen zu nutzen wussten: die Azteken und Maya Kakao in Form von Trinkschokolade, die Azteken Peyote und die Inkas das Kauen von leistungssteigernden Kokablättern. [17]

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Innerhalb der globalen Drogengeschichte markieren die Jahrhunderte ab der Frühen Neuzeit die Schlüsselperiode, weil sich hier das Drogenangebot quantitativ wie qualitativ verdichtet hat und unser heutiges Drogenverständnis, der gegenwärtige Drogenkonsum und die internationale Drogenpolitik aus ihr hervorgingen. Einerseits leitete die maritime Expansion Europas die Globalisierung von Drogen und ihrer Kulturpflanzen ein. Dieser Prozess verlief noch in der Frühen Neuzeit in zwei Richtungen. In Europa selbst wurden fremde Substanzen aus Übersee bekannt und assimiliert, wie insbesondere die Verbreitung von Tabak, Kaffee, Tee und Schokolade zeigt, die als zunehmend erfolgreiche Konkurrenten des angestammten Alkohols auftraten. Begleitet wurde ihre steigende Nachfrage von einem Transfer der Kulturpflanzen, die bis ins 19. Jahrhundert in allen europäischen Kolonialreichen als cash crops angebaut wurden und damit weltweit globalisiert waren. [18] Umgekehrt erreichten traditionell in Europa bekannte Drogen überseeische Kulturen, so vor allem ab dem 18. Jahrhundert aufgrund des britischen Teehandels Opium China, das im 19. Jahrhundert in variierter Konsumform, nämlich als Rauchopium, durch chinesische Migranten den Weg in die westliche Welt zurückfand – worauf das Titelbild der Ausgabe anspielt. [19]

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Im langen 19. Jahrhundert wurden in Europa weitere entscheidende Weichen für den modernden Drogenkonsum gestellt. Bahnbrechende Neuerungen auf dem Gebiet von Chemie, Medizin und Pharmazie und die Industrielle Revolution leiteten die Fortentwicklung von Kakao- und Tabakwaren (Essschokolade, Zigarre, Zigarette) und deren Massenproduktion ein, ferner die Massenproduktion von billigem hochprozentigem Alkohol (Branntwein, Kartoffelschnaps, Absinth) und die Entdeckung von Morphium, Heroin und Kokain und deren fabrikmäßige Herstellung mit rezeptfreiem Verkauf, die rasch auch auf die USA übergriffen. Die enorme Nachfrage in allen Produktsparten speiste sich aus unterschiedlichen Motiven. Die Urbanisierung, die neue schnelllebige Zeit, die Monotonie des Fabrikalltags, die geistige Strömung der Romantik auf der Suche nach "künstlichen Paradiesen", Kriege und neue Operationsmethoden machten Konsumenten aus allen Gesellschaftsschichten für das Arsenal an neuen Drogen empfänglich: das Industrieproletariat, die künstlerische Avantgarde, aber ebenso soziale Eliten. [20] Als im frühen 20. Jahrhundert auf Betreiben der westlichen Welt die internationale Prohibition gegen Morphium, Heroin und Kokain bereits eingeleitet war, fanden die Pharmakonzerne für diese Produkte neue Absatzmärkte in Übersee. Im Laufe des Jahrhunderts wurde die Liste der inkriminierten Stoffe um Cannabis, LSD, Ecstacy oder Speed erweitert. [21]

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Schließlich ist anzumerken, dass die Thematik derart komplex ist, dass sie methodisch innerhalb der Geschichtswissenschaft zu interdisziplinären Fragestellungen reizt, weil sie die Politik-, Wirtschafts-, Sozial-, Kultur-, Medien-, Medizin-, Pharmazie- und Technikgeschichte ebenso durchdringt wie die Global-, Übersee- und Interkulturgeschichte. Zugleich ruft sie im Kontext transdisziplinärer Kooperationen nach Untersuchungen seitens kultur- und geisteswissenschaftlicher Disziplinen generell. [22]

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Damit sind die Rahmenbedingungen dieser Ausgabe abgesteckt. Einem ambivalenten Drogenbegriff verpflichtet und epochenübergreifend fokussiert auf die Jahrhunderte ab der Frühen Neuzeit, vereint der Band Beiträge von WissenschaftlerInnen aus unterschiedlichen Disziplinen. Die Beiträge greifen unter unterschiedlichen Fragestellungen und Aspekten verschiedene Drogen in verschiedenen Kulturen auf, loten dabei aber auch ihre Bedeutung als soziokulturelle Konstrukte und ihre globale Dimension aus. Die Anordnung der Beiträge folgt einem chronologischen Gliederungsverfahren. Dabei zielt die Ausgabe darauf ab, innovative Forschungsbefunde und -ansätze vorzustellen und noch offene Fragen für den zukünftigen Forschungsdiskurs zu problematisieren.

Kommentierte Beiträge

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Annerose Menninger analysiert Konsumpraxis und Konsummotive von Tabak, Kaffee, Tee und Schokolade in der Frühen Neuzeit, die heute die europäische Alltagskultur mit prägen und global verbreitet sind, wobei Rohkaffee nach Erdöl als wichtigstes Welthandelsgut und Tabak als meist verbreitete unter den nicht essbaren Kulturpflanzen gelten. [23] Verschiedene Kulturen in Übersee haben sie entwickelt und zuerst genutzt. Die Heißgetränke Tee, Kaffee und Schokolade gehen auf China, Arabien und Mittelamerika zurück, Rauch-, Schnupf- und Kautabak auf Amerika. Im 16. Jahrhundert wurde ihre Existenz im Zuge der maritimen Expansion in Europa bekannt. Das 17. und 18. Jahrhundert markieren ihren nachhaltig wirksamen Integrationsprozess in die europäische Kultur.

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Erst im 19. Jahrhundert erweiterte bzw. änderte sich ihre Produktpalette durch europäische Innovationen, was auch für die beiden Konsumartikel aus der Neuen Welt gilt. Zigarette, Kakaopulver und Essschokolade wurden erfunden, während die klassische Tasse Kaffee und Tee bis heute blieb. Bisher wurde die Erfolgsgeschichte dieser Konsumartikel singulär untersucht. Während Studien ihre Konsumpraxis und Konsummotive in den überseeischen Ursprungskulturen analysierten, [24] konzentrierten sich andere auf ihren Aneignungsprozess in Europa, wobei ein Konsummotiv vernachlässigt blieb: ihre Bedeutung als Therapeutika. [25]

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Hier setzt der Beitrag an und verbindet Interkultur- mit Medizingeschichte. Über diesen methodischen Ansatz ergeben sich bemerkenswerte Parallelen. Sowohl in den Ursprungskulturen als auch in Europa verdankten die vier Konsumartikel ihren Zuspruch einer Doppelbedeutung. Sie waren als Genuss- und Heilmittel geschätzt, Rauchtabak galt sogar als Panazee, was eklatant mit der aktuellen, nicht nur in Europa geführten Tabakdebatte kontrastiert. Im europäischen Kontext selbst lässt sich ein Rezeptionsprozess rekonstruieren, wobei Repräsentanten der Schulmedizin, die die unbekannten Konsumartikel als Heilmittelinnovationen propagierten, als wegbereitende Mediatoren fungierten.

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Dabei wird im Kontext des zeitgenössischen Krankheitsgeschehens gezeigt, wie autoritativ dieses Urteil das Konsumverhalten der Zeitgenossen beeinflusst und gelenkt hat. Zugleich veranschaulicht die Dokumentation medikale Konzepte im Zusammenspiel mit der Integration der neuen Substanzen in dieselben Denkmodelle der frühneuzeitlichen Schulmedizin. Daraus resultiert die These, dass Tabak, Kaffee, Tee und Schokolade gerade in der Frühen Neuzeit ideale Startbedingungen in Europa hatten. Deshalb bleibt der Beitrag auch auf diese Epoche beschränkt, da sich im 19. Jahrhundert die europäische Schulmedizin grundlegend wandelte – und parallel dazu die Konsumartikel ihren Ruf als effektive Heilmittel zunehmend einbüßten.

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Katharina Niemeyer behandelt Absinth, einen Kräuterlikör, der seine Blütezeit in Europa im langen 19. Jahrhundert erlebte. Wermut erzeugte seinen bitteren Geschmack, Chlorophyll aus Färbekräutern die grüne Farbe, woraus ein drittes Merkmal resultierte, durch das sich Absinth von Konkurrenten abhob: das Zubereitungsritual mittels eines Zuckerwürfels, das ihn zum gesellschaftlichen Trinkerlebnis machte. Die Rezeptur wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von einem Arzt im Schweizer Kanton Neuenburg kreiert. 1797 entstand hier eine erste Absinthbrennerei, im Laufe des 19. Jahrhunderts breiteten sich solche Betriebe in der Schweiz und vor allem in Frankreich aus. [26]

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Da Wermut traditionell als Arznei bei Magen- und Darmbeschwerden galt, war Absinth als Genuss- und Heilmittel beliebt. Dass er für alle Gesellschaftsschichten erschwinglich wurde, lag am in Europa praktikablen Wermutanbau und an der Massenproduktion von billigem Industriealkohol. In der zweiten Jahrhunderthälfte geriet Absinth zunehmend in die Schusslinie von Temperenzlern und Ärzten, die auf seinen Missbrauch Halluzinationen, Epilepsie, Degeneration und Kriminalität zurückführten und Absinthismus als besonders gefährliche Alkoholismus-Variante brandmarkten. [27] Dies führte zusammen mit einem spektakulären Schweizer Familienmord von 1905, der sich allerdings nicht allein auf Absinthkonsum reduzieren lässt, [28] zu einer Verbotswelle 1905-1923 in Europa und den USA. [29]

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Absinth wurde zwar europaweit getrunken und war über globale Netzwerke auch in den USA und Lateinamerika bekannt, nirgends aber war er so populär wie in Frankreich. Angehörige der Ober- und Mittelschicht sprachen ihm genauso zu wie das Industrieproletariat und Maler, Dichter und Literaten in städtischen Bars, Kneipen und Cafés. Das galt besonders für Paris als international profilierteste Künstlermetropole des Fin de siècle. Die Autorin verfolgt schicht- und gruppenspezifische Konsummotive der "fée verte" und deren Dämonisierung im Kontext des Anti-Absinth-Diskurses, was jeweils von einer ebenso plakativen wie meinungsmanipulierenden Bildpublizistik begleitet wurde.

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Weiter analysiert sie die Bedeutung von Absinth als Pariser Künstlerdroge und deren Rezeption in der spanischen und lateinamerikanischen Literatenszene. Ihre innovativen Befunde ergeben hier einerseits, dass zwar Absinth als "grüne Muse" zum Inbegriff der Pariser Bohème und ihrer Kunst stilisiert wurde, diese Assoziation jedoch primär aus Trinkexzessen der avanciertesten Dichterriege und einer Skandal- und Klatschpresse resultierte denn aus deren literarischem Werk selbst. Andererseits speiste sich der transkulturelle Absinth-Rekurs spanischer und lateinamerikanischer Dichter weit mehr aus einer imaginären respektive medialen als materiellen Aneignung des Getränks, um über die mythische Formel Dichtung=Bohème=Absinth Anschluss an das bewunderte Pariser Vorbild als Zentrum der Moderne zu gewinnen.

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James Mills untersucht Konsumpraxis und Konsumzweck von Cannabis in Indien im 19. Jahrhundert. Ebenso wie Schlafmohn, dessen Samen und Saft als Nahrungs- bzw. Heil- und Rauschmittel diente, ist Hanf eine Jahrhunderte alte Nutz-, Heil- und Rauschpflanze der Alten Welt, die in der Frühen Neuzeit durch die europäischen Expansionsmächte auch in Amerika heimisch gemacht wurde. Während die Art cannabis sativa Nutzhanf bezeichnet, werden psychoaktive Präparate aus dem Harz (Haschisch) oder Blüten und Blättern (Marihuana) von cannabis indica gewonnen, die mit anderen Substanzen kombiniert geraucht, gegessen oder getrunken werden. [30] In Europa dominierte die Bedeutung als Nutzpflanze, aus der Textilien, Papier und Schiffstaue hergestellt wurden. [31]

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Erst im 19. Jahrhundert wurde Cannabis auch als psychoaktiver Stoff – bezeichnender Weise durch die Vermittlung von Soldaten nach Napoleons Ägyptenfeldzug und Bediensteter der Kolonialregierung in Britisch-Indien – bekannt und als Halluzinogen in Künstlerkreisen erprobt. Als populäre Droge konnte sich Cannabis jedoch im Gegensatz zu Opiaten und Branntwein nicht durchsetzen. In anderen Weltregionen war der Konsum von Cannabispräparaten dagegen traditionell verbreitet: in Nordafrika und Südasien. [32]

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Der Beitrag basiert auf einer systematischen Auswertung von Akten der britischen Kolonialregierung, die aus politischem und wirtschaftlichem Interesse über das 19. Jahrhundert hinweg Verbreitung und Folgen von Cannabiskonsum in Indien als wichtigster Kolonie des British Empire erfassen ließ. Der Autor rekonstruiert ein differenziertes Konsumspektrum und ambivalentes Cannabisbild. Neben anderen Substanzen, wie Opium und Alkohol, wurde Cannabis geraucht, getrunken oder gegessen, war privat wie kollektiv in der Öffentlichkeit gebräuchlich, spielte in der profanen Alltagspraxis ebenso eine Rolle wie in religiösen Vorstellungen und Zeremonien und war dabei regional unterschiedlich, kasten- und schichtspezifisch verbreitet.

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Die Konsummotive speisten sich aus seinem Ruf als Therapeutikum, Aphrodisiakum und narkotischem Genussmittel gegen Hunger und Arbeitsbelastung. Zugleich lassen sich aber auch Gegenstimmen anführen, die mit "ganja" und "bhang" Impotenz und Gesundheitsschädigung verbanden. Diese Ambivalenz spiegelt sich auch im Urteil britischer, für die Kolonialregierung tätiger Mediziner. Während Anstaltsärzte Geisteskrankheiten und Kriminalität auf Cannabiskonsum zurückführten, was die Kolonialregierung zu Anbauverboten und höherer Besteuerung veranlasste, bescheinigte eine eigens bestellte Ärztekommission auch auf der Basis monatelanger Tierexperimente moderatem Cannabiskonsum eine gesundheitlich vorteilhafte Wirkung.

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Xavier Paules analysiert Opiumkonsum in China und dessen Dämonisierung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seit der Antike wurde Opium, der Saft aus der unreifen Kapsel des Schlafmohns, in Europa als potentes Analgetikum und Arznei gegen Darmerkrankungen genutzt, da Opium die Darmtätigkeit blockiert. [33] Im Mittelalter drangen Droge und Kulturpflanze durch Vermittlung arabischer Kaufleute langsam nach Südasien, genauer nach Bengalen, vor. Im Laufe des 18. Jahrhunderts etablierten die Briten nach der Ausweitung ihrer Kolonialherrschaft in Indien einen kostengünstigen Dreieckshandel. Durch nach China geschmuggeltes Opium aus Britisch-Indien wurden für das Mutterland Großbritannien bestimmte Teeeinkäufe in Kanton finanziert. Dabei waren sich die Briten sehr wohl darüber bewusst, welche Art von Handelsgut sie dem Reich der Mitte zumuteten, das sich allerdings auch selbst, politisch und wirtschaftlich angeschlagen, empfänglich für diesen Handelsartikel erwies. [34]

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Im Zuge der daraus resultierenden beiden Opiumkriege (1839-1860) erzwangen die Briten und andere Handelsmächte (USA, Frankreich) auch die Legalisierung des Opiumhandels mit China sowie erstmals Bewegungsfreiheit über Kanton hinaus im Land selbst. Schon 1858 lagen die jährlichen Opiumimporte allein aus Britisch-Indien bei 4.300 t, gefolgt von US-amerikanischen Opiumlieferungen aus Smyrna, während in China selbst eine massive Produktion einsetzte, die bis 1900 geschätzte 22.000 t per annum erreicht haben soll. [35] Opium wurde damit zur Volksdroge, und zwar in Form von Rauchopium, das in China schon im 18. Jahrhundert entwickelt wurde und sich von europäischen Konsumformen, wie Mischgetränken (Laudanum) und Pillen, unterschied. [36]

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An diese historische Entwicklung anknüpfend, konstatiert der Autor, dass nach einem massiven Konsumeinbruch ab der Jahrhundertwende der Sturz der Qing-Dynastie 1911 erneut zu einem Anstieg des Opiumkonsums führte, der erst in den 1950er Jahren von der Kommunistischen Partei unterbunden wurde, wie Historiker gemeinhin lehren. Auf der Basis seiner Fallstudie über Kanton verweist er jedoch auf einen schon deutlich geringeren Verbrauch im Zeitraum 1920-1940, verglichen mit dem Niveau von 1900. Politische und ökonomische Bedingungen erklären diesen Befund nicht, da sie Opiumkonsum eher begünstigten, wohl aber eine ebenso massive wie systematische Medienkampagne gegen Opium. Sie speiste sich aus offiziellen und nicht-offiziellen Aktivitäten einer sich formierenden Anti-Opium-Bewegung und fand ihren Niederschlag unter anderem in Film, Radio, Druck und Bildpublizistik.

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Dabei wurde die traditionell positiv konnotierte Opiumkultur durch eine Umdeutung der Substanz Opium verfemt. Aus einem Stoff, der in der öffentlichen Meinung als Panazee, Statussymbol und soziales Genussmittel, benutzt zum Zweck der Entspannung, als emotionale Stimulans oder Aphrodisiakum, [37] gegolten hatte, wurde eine für Individuum, Familie und Volksgesundheit ruinöse Suchtdroge und ein Armutssymbol konstruiert. Indiz für die Ächtungswirksamkeit sind ausbleibende literarische Zeugnisse über Opiumgenuss, die im 19. Jahrhundert noch Tradition hatten. Das spricht für einen mentalen Wandel in der Bevölkerung, was die These nährt, dass die Anti-Opium-Propaganda der 1920er und 1930er Jahre nicht nur erfolgreich war, sondern auch eine Pionierrolle für die Beseitigung der Opiumkultur eine Generation später gespielt hat.

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Monika Arnez zeichnet die Erfolgsgeschichte einer spezifischen Zigarettensorte in Indonesien im 19. und 20. Jahrhundert nach: der Nelkenzigarette (kretek). Sie ist in global konzipierten Gesamtdarstellungen noch nicht berücksichtigt, [38] obwohl die kretek-Industrie zum zweitgrößten Arbeitgeber in Indonesien avancierte und gegenwärtig 83% der dortigen Raucher kretek bevorzugen. Dabei werden die Folgen eines Kulturpflanzentransfers für zwei indonesische Konsumprodukte deutlich. Nachdem die Europäer im 16. Jahrhundert in der Neuen Welt auf Tabak gestoßen waren, globalisierten Konsumartikel und Kulturpflanze mit atemberaubender Geschwindigkeit. Im 17. Jahrhundert gedieh sie bei gleichzeitiger Übernahme der indianischen Konsumformen Rauchen, Schnupfen und Kauen in Europa, Afrika und Asien, wobei dieser Prozess von den Expansionsmächten getragen wurde, speziell in Indonesien nach den Portugiesen von den Niederländern aufgrund ihrer dortigen Kolonialherrschaft. [39] Die Inselgruppe der Molukken im indonesischen Archipel stellte bis ins 18. Jahrhundert hinein die weltweit einzige Anbauregion von Nelken dar, die als Gewürz und Heilmittel geschätzt waren. [40] Aus der Symbiose beider Kulturpflanzen ging kretek hervor, und zwar um 1870 auf Java als Heilmittel gegen Asthma kreiert. Kretek verdrängte und ersetzte dann in Indonesien ein typisches südasiatisches Genussmittel: den Betelbissen aus der Frucht der Betelpalme. [41]

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Im Zentrum des Beitrags stehen wirtschaftliche und politische Fragestellungen, die sich mit Werbestrategien der kretek-Industrie verbinden. Die Autorin analysiert die Genese von Produktion, Distribution und Kommerzialisierung der Nelkenzigaretten, die mit der Privatinitiative ihres Erfinders begann, sich über heimische Erzeugung, wobei kretek im Handrollverfahren hergestellt wurde, fortpflanzte und in die Etablierung einiger Großfirmen mündete, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur maschinellen Produktion übergingen. Ihre Marktdominanz profitierte von exklusiven Regierungslizenzen für eine unbegrenzt maschinelle Herstellung, während kleinere Unternehmen weiterhin auch handgerollte Nelkenzigaretten zu produzieren hatten.

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Während im frühen 20. Jahrhundert Werbeoffensiven zur Popularisierung des noch jungen Produkts unter anderem spektakuläre Geschenke im Tausch gegen leere kretek-Packungen vorsahen, bediente sich die Werbung der letzten Jahre der Massenmedien und umwarb im TV – von der Regierung aufgrund der Wirtschaftskraft des Industriezweigs toleriert – gezielt junge männliche Zielgruppen, da Raucherinnen in Indonesien bis heute gesellschaftlich nicht akzeptiert sind und einen marginalen Marktanteil ausmachen. Hier wird demonstriert, wie über Werbestrategien aus kretek ein kulturelles Identitätssymbol konstruiert und breitenwirksam kolportiert wurde, das dazu beitragen dürfte, dass sich die Nelkenzigarette in Indonesien nach wie vor dem westlichen Konkurrenzprodukt als so überlegen erweist, obwohl deren höheres Gesundheitsrisiko erwiesen ist.

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Hans Esselborn analysiert Erfahrbarkeit und Aneignungspraxis der auch unter Einwirkung psychoaktiver Substanzen bewirkten Trance im afroamerikanischen Religionskult im Werk des wissenschaftlich ambitionierten Literaten Hubert Fichte, der zu diesem Zweck in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Feldstudien in Brasilien und der Karibik unternommen hat. Dieses Fallbeispiel steht repräsentativ für eine Fragestellung innerhalb des komplexen Forschungsfeldes, die sich seit der europäischen Expansion durch Globalisierung, Ferntourismus und die Etablierung von Disziplinen wie der Ethnologie wissenschaftlich zu verdichten begann. Sie gilt dem Interesse an fremden Lebenswelten, ihrer Kultur und speziell ihrem Gebrauch von Drogen, deren Wirkung man auch in Selbstexperimenten erprobt hat, wofür jedoch noch eine systematisch-komparatistische Untersuchung aussteht. So schilderten etwa schon in der Frühen Neuzeit europäische Reisende im Rahmen ihrer Beschreibung überseeischer Kulturen die Konsumpraxis von Rauchtabak oder Trinkschokolade nebst eigenen Erfahrungen im Umgang mit diesen Substanzen. [42] Im 17. Jahrhundert erprobten europäische Ärzte die quantitative Unschädlichkeit von Tee im Selbstversuch. [43] Im 19. Jahrhundert trafen sich Mediziner und Literaten im Club des Hachichins in Paris, um halluzinogene Erfahrungen beim Cannabiskonsum auszutauschen. [44]

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Der afroamerikanische Religionskult ist mit der Zwangsdeportation von fast 12 Millionen schwarzafrikanischen Sklaven in die Neue Welt verbunden, mithin ein Phänomen von Kulturmigration. [45] Es handelt sich um komplexe Kulthandlungen, bei denen die Einnahme halluzinogener Substanzen genauso eine Rolle spielt wie Musik, Tanz, Gesang und magische Formeln. Der Autor belegt ein dezidiert wissenschaftliches Interesse Fichtes an der Erforschung dieses Kultes. Fichte besuchte die Candomblés in Brasilien, kontaktierte Ethnologen und Indigene, beschreibt die verschiedenen Elemente des Ritus, listet die verabreichten Rauschpflanzen auf und stellt im Selbstexperiment deren bewusstseinsverändernde Wirkung fest.

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Dennoch ist Fichte geneigt, die rituelle Einheit des afroamerikanischen Religionskults in zwei Dimensionen zu zerlegen: in die Untersuchung der pharmakologischen Pflanzenwirkung und die verbale Reproduktion der Vorgänge im Ritus. Daraus lässt sich – auch als wichtiger Befund für zukünftige ähnliche Untersuchungen im global-vergleichenden Kontext – ableiten, dass Fichte bei der Einordnung magischer Elemente deshalb scheitert, weil seine Aneignungsstrategien von einem Drogenverständnis geleitet werden, das im eigenen Kulturraum reduziert bleibt auf säkularisierte, naturwissenschaftliche Erklärungskonzepte, wie dies auch für die Mode- und Kultdrogen LSD und Cannabis seiner Generation galt.

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Jakob Tanner konzentriert sich auf die heute global inkriminierten Stoffe Morphium, Heroin, Kokain und Cannabis. Während die Konsumpraxis von Cannabis längst im Orient vorgespurt war, verbanden sich Erfindung und erster Verbreitungsschub der Opiate und des Koka-Alkaloids mit dem langen 19. Jahrhundert. Naturwissenschaftliche und technische Revolution – der Aufstieg von Chemie und Pharmazie, bahnbrechende Innovationen in der Medizin (Zellularpathologie, Mikrobiologie, Operationsverfahren) und die maschinelle Massenproduktion durch die Industrialisierung – sowie militärische Konflikte (Krimkrieg, Deutsch-Französischer Krieg, Sezessionskrieg, Erster Weltkrieg) fungierten in Europa und den USA als Wegbereiter und Katalysatoren.

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Nachdem 1805 der Apotheker Sertürner das Alkaloid Morphin aus Rohopium isoliert hatte, begann die Firma Merck 1827 mit der kommerziellen Herstellung von Morphium. 1856 wurde das potente Schmerz- und Betäubungsmittel erstmals subkutan dank der Erfindung der Spritze appliziert. 1874 wurde in London Diacetylmorphin, ein halbsynthetisches Opiat, hergestellt und 1898 durch einen Mitarbeiter der Firma Bayer wiederholt, was die Massenproduktion der unter dem Markennamen Heroin propagierten "Wundermedizin" einleitete. Ein bereits 1855 in den Blättern des südamerikanischen Kokastrauchs nachgewiesenes Alkaloid isolierte der Chemiker Niemann 1860 und nannte es Kokain. Als Schmerzmittel, Lokalnarkotikum, aber auch als Medikament gegen Krankheiten aller Art kam es wie die anderen neuen Substanzen rezeptfrei in den Handel. [46] Im 20. Jahrhundert wurden weitere Stoffe entdeckt und erfunden, die heute ebenfalls mit illegalen Drogen assoziiert werden: LSD 1938, eine psychedelisch wirkende, synthetische Verbindung auf der Basis des Mutterkornpilzes, sowie die sogenannten Designerdrogen Ecstasy oder Speed. [47]

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Auf engstem Raum bilanziert der Autor die Genese der gegen Opium, Morphium, Heroin, Kokain und Cannabis gerichteten internationalen Prohibitionspolitik mit ihren Folgen bis in die Gegenwart, die sich nur erklären und verstehen lässt, wenn man bis ins 19. Jahrhundert zurückblickt und dabei sowohl eine außereuropäische als auch eine US-amerikanische bzw. europäische Perspektive fokussiert. Materialfülle und Argumentationsdichte des Beitrags können hier nur angedeutet werden.

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Schon die Entwicklungen im langen 19. Jahrhundert legten in mehrfacher Hinsicht den Grundstein für die moderne Drogenpolitik. Das Bewusstein der westlichen Welt für ein universelles Drogenproblem speiste sich einerseits aus der systematischen Opiatisierung der chinesischen Bevölkerung und deren desaströsen Folgen, die man nach der Zwangsöffnung Chinas in Augenschein nehmen konnte und die zu Anti-Opium-Bewegungen in den USA und in Europa führten. Andererseits wuchs, möglicherweise noch verschärft durch den alarmierend steigenden Konsum von Branntwein, [48] die Furcht vor einer "Drogenepidemie" in der westlichen Welt selbst. Dies wurde erstens mit dem Zustrom Opium rauchender, chinesischer Arbeitskräfte in die USA und zweitens mit jugendlichen, die neuen Opiate konsumierenden Subkulturen begründet, die um die Jahrhundertwende in US-amerikanischen und dann auch in europäischen Städten auftauchten und die als Medikamente vorgesehenen Drogen zweckentfremdet konsumierten. Das sollte ihre Neubewertung auslösen. Schon vor der ersten internationalen Opiumkonferenz war der war on drugs in und von den USA eröffnet worden. Zwischen 1875 und 1909 erließ der Kongress Gesetze gegen Konsum, Herstellung und Import von Rauchopium, wobei die chinesische Minderheit aufgrund ihres Tschandu-Konsums und ihrer angeblich Sitten und Moral der "weißen" Bevölkerung bedrohlich unterminierenden "Opiumhöhlen" als Inkarnation lasterhafter Verführung als "gelbe Gefahr" gezielt über den medialen Diskurs diskriminiert wurde. In diesem Vorurteil massierte sich ein Amalgam aus politischen, wirtschaftlichen, rassistischen und sozial-darwinistischen Argumenten.

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Im Kontext der Formierung der "Rauschgiftproblematik", die von der ersten internationalen Opiumkonferenz bezeichnender Weise unter US-amerikanischer Federführung (1911-1912) über weitere Konferenzen und Betäubungsmittel-Abkommen bis zur UNO-Single Convention on Narcotic Drugs (1961) reicht, wobei sukzessive Opiate, Kokain und Cannabis und etwas später auch LSD und Ecstacy im erweiterten Einheitsabkommen auf die Liste illegaler Stoffe wanderten, zeichnet der Autor eine Repressionspolitik nach, deren Kurs bis ins ausgehende 20. Jahrhundert beibehalten und dabei der Konsum der genannten Substanzen kriminalisiert wurde. In diesem Zusammenhang lassen sich strategische Parallelen zum 19. Jahrhundert greifen, was für Medienkampagnen ebenso gilt wie für Diskriminierungsmuster. Als Legitimationsreferenz für die repressive Drogenpolitik, für die nun Polizei und Justiz und nicht mehr behandelnde Ärzte zuständig waren, dienten weder Morphinisten aus den Reihen der sozialen Eliten und Kriegsheimkehrer im frühen 20. Jahrhundert noch erfolgreiche und kaufkräftige Kokain- und Cannabis-Konsumenten im späten 20. Jahrhundert, die erwiesenermaßen einen großen Teil dieser Substanzen als Leistungs- und Partydrogen nutzen. Außerhalb gesellschaftlicher Normen stehende Außenseiter waren hierfür sehr viel besser geeignet: ethnische Minderheiten, wie Cannabis rauchende Chicanos in den USA in den 1930er Jahren, [49] gegen das Establishment rebellierende Hippies der 1968er und sozial auffällige, weil existenzlos gewordene und mit pathologischem Verhalten, Kriminalität, Prostitution und Aids in Verbindung gebrachte Drogenkonsumenten in Europa bis heute.

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Angesichts nach wie vor florierender Schwarzmärkte, milliardenschwerer Umsätze und nicht versiegender Produktionsquellen der Drogenrohstoffe blieb der international geführte war on drugs kontraproduktiv, wie der Autor in einem dritten Schritt diagnostiziert und in diesem Kontext eine Prognose zur Disposition stellt, die bestens dazu geeignet ist, die Sinnfälligkeit der Geschichtswissenschaft im Allgemeinen und die der Drogengeschichte im Besonderen zu dokumentieren: Eine gereifte Einsicht über die gescheiterte Repressionspolitik könnte im 21. Jahrhundert eine neue Phase der Post-Prohibition einleiten und damit zu einer Enttabuisierung illegaler Drogen führen. Indizien dafür sind erfolgversprechende Programme auf nationaler Ebene der letzten Jahre, die auf harm reduction bei der Behandlung und Resozialisierung von Drogenabhängigen im Sinne von Patienten abzielen, wie etwa der Schweizer Modellfall lehrt. Im Rahmen der seit den 1990er Jahren verfolgten sogenannten Vier-Säulen-Politik, die neben der Strafverfolgung von Drogenhandel auf Prävention, Therapie und Schadensminderung setzt, konnte die Zahl der Neueinsteiger, [50] HIV-Infektionen [51] und drogenbedingten Todesfälle [52] deutlich gesenkt werden; umgekehrt liegt der Prozentsatz erfolgreicher methadongestützter Therapien gegenwärtig bei 55%. [53]

Befunde und Ausblick

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Obwohl die Beiträge verschiedene Drogen in verschiedenen Kulturen und Untersuchungszeiträumen unter unterschiedlichen Ansätzen beleuchten, lassen sich drei Gemeinsamkeiten im Rahmen ihrer Befunde verifizieren: erstens die medikale Bedeutung von Drogen, zweitens die Politisierung ihres Konsums und drittens ihre mediale Repräsentation. Daran anknüpfend, erscheint es auch unter Berücksichtigung des bisherigen Forschungsgeschehens lohnenswert, zukünftig folgenden Forschungsaktivitäten nachzugehen.

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Erstens geht zwar aus den Beiträgen ein Konglomerat von Konsummotiven der behandelten Drogen hervor, das meist zwischen der Doppelfunktion der Substanzen als Heil- und Genussmitteln oszilliert. Dennoch ist die Konsumbereitschaft in verschiedenen Kulturen, die die Substanzen als prophylaktische Arzneimittel und/oder Therapeutika verorteten, ein aufdringlicher Befund: Kaffee, Tee, Tabak und Schokolade galten in Arabien, China, Amerika und Mittelamerika als Heilmittel und verdankten ihre erfolgreiche Einführung im frühneuzeitlichen Europa ebenfalls diesem Konsummotiv (Annerose Menninger). Absinth wurde im späten 18. Jahrhundert als Heilmittel in der Schweiz kreiert und im 19. Jahrhundert in Europa als Arzneimittel konsumiert (Katharina Niemeyer). Cannabispräparate wurden in Indien im 19. Jahrhundert als Medikament gebraucht (James Mills). Kretek entstand in Indonesien im späten 19. Jahrhundert als Heilmittel und wurde zunächst in Apotheken vertrieben (Monika Arnez). Rauchopium galt in China zwischen dem 18. und 20. Jahrhundert als Panazee (Xavier Paules). Die Anwendung von Morphium, Heroin und Kokain ging in Europa und den USA im 19. Jahrhundert auf ihren Einsatz als potente Analgetika und Anästhetika in Medizin und Chirurgie zurück (Jakob Tanner).

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Dieses Motiv lässt sich auch über die Beiträge hinaus weiter belegen: In Europa galten Opiumpräparate, wie Theriak, Laudanum oder Pillen, traditionell bis ins 19. Jahrhundert als Therapeutika, die selbst Kindern als Schlaf- und Beruhigungsmittel gegeben wurden, bevor sie durch andere Opiate, wie Morphium und Heroin, substituiert wurden. [54] Produkte aus cannabis indica wurden im 19. Jahrhundert von europäischen Ärzten als Heilmittel empfohlen. [55] Sigmund Freud rühmte 1884 Kokain nach Selbstexperimenten als Arznei gegen Asthma, Impotenz, Alkoholismus und Morphiumsucht. [56] Um 1900 wurden Kokapräparate in Europa Hobbyradfahrern als leistungssteigerndes Mittel empfohlen – ein im Kontext der Dopingskandale im internationalen Radsport der letzten Jahre besonders signifikantes Beispiel. [57] Als die Europäer im 17. Jahrhundert Tabak in Indien und China einführten, wurde er dort als Arzneimittel begrüßt, wie indische und chinesische Quellen lehren. [58]

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Diese interkulturellen Parallelen stellen schon für sich genommen einen interessanten Befund dar, der den globalen Erfolg derselben Drogen mit erklärt, die ein Wirkungsprofil besitzen müssen, das sie für verschiedene Kulturen nicht zuletzt als Heilmittel attraktiv machte. Dieser Konsumzweck ist heute in Vergessenheit geraten, weil die Substanzen in der öffentlichen Wahrnehmung längst mit anderen Konsummotiven assoziiert werden. Darüber hinaus verweisen die Befunde nicht etwa auf volkstümliche Einschätzungen der Substanzen als Arzneien, sondern auf professionell begründete Empfehlungen seitens der Medizin. Am ausführlichsten dokumentiert dies der Beitrag von Annerose Menninger am Beispiel der frühneuzeitlichen europäischen Schulmedizin, wobei gezeigt wird, dass sich Tabak, Kaffee, Tee und Schokolade aufgrund ihrer physiologischen Eigenschaften plausibel in elementare medikale Konzepte der Periode integrieren ließen und deshalb von akademisch gebildeten und gelehrten Ärzten als potente Heilmittel propagiert werden konnten. Das ruft nach Untersuchungen, die Drogen innerhalb einer global-vergleichenden Medizingeschichte positionieren sollten, um zu prüfen, inwiefern Krankheitsgeschehen und medikale Konzepte in anderen Kulturen denselben Substanzen ihren Ruf als Heilmittel ermöglicht haben. [59]

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Zweitens verweisen mehrere Beiträge auf eine Prohibition verschiedener Substanzen. Heroin, Kokain und Cannabis wurden im Laufe des 20. Jahrhunderts in den USA und Europa zu illegalen Drogen erklärt. Schon im 19. Jahrhundert wurden in den USA Produktion und Import von Rauchopium verboten (Jacob Tanner). Herstellung, Handel und Konsum von Absinth wurden in mehreren europäischen Ländern und in den USA zwischen 1905 und 1923 verboten (Katharina Niemeyer). Tabakkonsum wurde im 17. Jahrhundert in europäischen Ländern und Territorien untersagt. Im späten 18. Jahrhundert folgten Konsumverbote für Kaffee in Schweden und für Kaffee und Tee in zahlreichen norddeutschen Territorien (Annerose Menninger). [60] In Übersee reagierte Peking 1727 auf die Opiumimporte aus Britisch-Indien mit einem Konsumverbot (Xavier Paules), dem verschärfte Dekrete zwischen den 1790er und 1830er Jahren folgten. [61] Die Kolonialregierung in Britisch-Indien untersagte im 19. Jahrhundert Anbau und Konsum von Cannabis in Birma (James Mills). [62]

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Derartige Verbotsmaßnahmen lassen sich über die Beiträge hinaus weiter greifen: Kurz nach der Einführung von Tabak im Osmanischen Reich, in Persien und Japan dekretierten die dortigen Herrscher im frühen 17. Jahrhundert Anbau- und/oder Konsumverbote. [63] 1919 verabschiedete der Kongress in den USA ein Gesetz, das Herstellung, Handel und Konsum alkoholischer Getränke mit einem Alkoholgehalt von über 0,5% verbot und das erst 1933 wieder aufgehoben wurde – woran bis heute erinnert, dass alkoholische Getränke in den USA in der Öffentlichkeit versteckt in Tüten konsumiert werden. [64] In folgenden Ländern kann gegenwärtig die Todesstrafe bei schweren Drogendelikten, wie dem Handel mit erheblichen Mengen inkriminierter Stoffe oder im Wiederholungsfall, verhängt werden: Ägypten, Indonesien, Irak, Iran, Kuweit, Laos, Myanmar oder Thailand. In Malaysia und Singapur reicht hierfür schon der Besitz illegaler Drogen. [65]

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Hier ist im Rahmen einer noch ausstehenden global-vergleichenden Prohibitionsgeschichte – die als Lehrbeispiel für den gegenwärtigen und zukünftigen Umgang mit dieser Thematik dienen könnte – auszuloten, weshalb spezifische Substanzen verboten wurden und andere nicht, [66] weshalb diese Verbote in bestimmten Ländern erlassen wurden, [67] welche Motive die Regierungen zu diesen Prohibitionsmaßnahmen veranlasst haben, mit welchen Maßnahmen sie diese Verbote zu instrumentalisieren suchten und welche Folgen ihre Prohibitionspolitik nach sich zog. Interessanterweise gab die Medizin, jedenfalls nach vorläufigen Befunden im Kontext der westlichen Welt, nur im Fall von Absinth – aufgrund des Inhaltsstoffs Thujon, den man zu Unrecht für halluzinogene und epileptische Wirkungen verantwortlich gemacht hat – den Anlass zum Verbot, [68] während sie in anderen Fällen Ausnahmen von diesen Konsumverboten motiviert hat, wie Edikte über Tabak- und Kaffeekonsumverbote im 17. und 18. Jahrhundert belegen oder der Einsatz von Morphium in Medizin und Chirurgie bis heute lehrt. [69] Dagegen scheint ein Motivkonglomerat, gespeist aus politischen, wirtschaftlichen, sozialen, moralischen und ideologischen Argumenten, für die Prohibitionspolitik verantwortlich gewesen zu sein, die offenbar auch mit dem Verlust der Exklusivität der jeweiligen Substanzen in Verbindung zu bringen ist.

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Drittens betont eine Reihe von Beiträgen die Bedeutung der medialen Repräsentation von Drogen. Über diesen virtuellen Kulturkonsum, der Text- und Bildbotschaft gleichermaßen einschließt, wurden Zeitgenossen Kenntnisse über neue Substanzen vermittelt und nicht minder die öffentliche Meinung über sie in jede beliebige Richtung massiv manipuliert. Das gilt für Reiseliteratur, medizinische Traktate, Enzyklopädien, Zeitungen, Journale, Magazine oder Reiseführer ebenso wie für plakative und selbst für ein illiterates Publikum vor der Leserevolution dechiffrierbare Bildmedien, wie Holzschnitte, Kupferstiche und Lithographien (Annerose Menninger, Katharina Niemeyer, Xavier Paules, Jakob Tanner) bis hin zur TV-Werbung (Monika Arnez). Ausgewählte Beispiele aus dem Bereich der Bildpublizistik finden sich auch in einigen Beiträgen.

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In diesem Kontext wären Quellendokumentationen wünschenswert, die das Text- und Bildmaterial in seiner Pluralität erfassen. Dabei könnten besonders Egodokumente über Konsumerfahrungen derselben Drogen in epochenübergreifender und global-vergleichender Perspektive aufschlussreiche Befunde liefern. So fällt im europäischen Kontext auf, dass bis ins 18. Jahrhundert offenbar Selbstzeugnisse von Opiumkonsumenten, die nach der Einnahme Rauscherfahrungen schildern, fehlen. Dagegen häufen sich derartige Quellen im 19. Jahrhundert, nicht zuletzt aus der Feder ambitionierter Literaten, die Opiumpräparate nicht als Therapeutika, sondern als bewusstseinserweiternde Vehikel auf dem Weg – um Baudelaires berühmte Methapher zu zitieren – in die "Paradis artificiels" zu nutzen suchten. [70] Würde sich dieser Befund durch eingehende Quellenprüfung bestätigen, ließe dies darauf schließen, dass erst epochen- und zeitspezifische soziokulturelle Bedingungen innerhalb eines Gesellschaftssystems eine Substanz zu einer Rauschdroge machen – und zwar als Voraussetzung für die Erfahrbarkeit von Rauschwahrnehmung.

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Wie Xavier Paules zu Recht angemerkt hat, fand im 19. Jahrhundert auch in China Opiumkonsum literarischen Niederschlag. [71] Hier könnten Untersuchungen prüfen, welche Rauscherfahrungen Repräsentanten dieser Kultur mit derselben Substanz erlebten. Wären Unterschiede zu Selbstzeugnissen europäischer Provenienz nachzuweisen, würde dies belegen, dass sich psychoaktive Substanzen nicht allein auf chemische Formeln und pharmakologische Wirkungen reduzieren lassen, sondern auch als kulturspezifisch determinierte Chiffren aufzufassen sind. Es versteht sich, dass sich für derartige Fragen auch Egodokumente über den Konsum von Morphium, Heroin oder Kokain im 20. und 21. Jahrhundert eignen dürften.

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Knüpft man darüber hinaus insbesondere an Katharina Niemeyers Befund an, dass selbst die Absinth-Rezeption in spanischen und lateinamerikanischen Literatenzirkeln des 19. Jahrhunderts weit mehr auf einer medialen als materiellen Aneignung des Getränks beruhte, wird man im Kontext der illegalen Drogen Heroin, Kokain und Cannabis erst recht behaupten dürfen, dass Kenntnisse über sie in der gegenwärtigen Gesellschaft primär über Massenmedien verbreitet werden und nicht auf eigenen Konsumerfahrungen basieren. Zu diesen Massenmedien gehören neben einer presse- und internetbasierten Wissenspräsentation, wobei nicht zuletzt Drogenmissbrauch unter prominenten Künstlern und Sportlern mit einer Mischung aus Sensation und Betroffenheit kolportiert wird, [72] populäre Spielfilme. Der Bedeutung dieser Medien als meinungsbildende Vermittler von Informationen, Normen und Werten – die ihre Inhalte einem Massenpublikum mit verlockenden Vorteilen im Vergleich zu Sach- oder Fachbüchern eindringlich und unmittelbar durch ihre Bildgewalt und Filmhelden, unterhaltsam, in kurzer Zeit und nachhaltig (Kino, DVD, TV-Wiederholungen) präsentieren – wird im Zeitalter von visual culture und iconic turn auch im Wissenschaftsdiskurs zunehmend Rechnung getragen. [73]

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Hier lassen noch ausstehende Untersuchungen über international erfolgreiche Spielfilme allein der letzten zwanzig Jahre, [74] die die genannten Drogen thematisieren, Ergebnisse erwarten, die sie in ihrer Mehrfunktionalität ausmessen. [75] So nutzen Spielfilme Drogenkonsum als Referenz für historische Authentizität. In Total Eclipse (R: Agnieszka Holland, E/F/B/I 1995) und in From Hell (R: Albert Hughes / Allen Hughes, USA/GB 2001), die beide im Europa des 19. Jahrhunderts angesiedelt sind, berauschen sich die Protagonisten nicht zufällig mit Laudanum und Absinth, wobei das spezifische Trinkritual zelebriert wird. In Once upon a Time in America (R: Sergio Leone, I/USA 1984), der in den USA vor und während der Prohibitionszeit spielt, wird in Opiumhöhlen Tschandu geraucht, und zwar von US-AmerikanerInnen, die von Chinesen bedient werden.

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Andere Produktionen problematisieren als zeitgeschichtliche Dokumente Drogenkonsum, Beschaffungskriminalität und organisiertes Verbrechen und spiegeln zugleich als kultur- und mentalitätshistorische Zeugnisse die öffentliche Meinung über Heroin, Kokain und Cannabis wider. Während die Dramen Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (R: Ulrich Edel, BRD 1981) und The Basketball Diaries (R: Scott Kalvert, USA 1995) klischeehaft Heroinkarrieren am Beispiel Frankfurter und New Yorker Jugendlicher im späten 20. Jahrhundert nachzeichnen, in Scarface (R: Brian De Palma, USA 1983) das tragische Schicksal eines Kokaindealers behandelt wird und in Maria, llena eres de gracia (R: Joshua Marston, USA/Ko 2004) eine junge Kolumbianerin als Drogenkurier geschlucktes Kokain in die USA schmuggelt, scheint einzig Cannabis auch im Genre Komödie vertreten zu sein. Die beiden in Großbritannien und der Schweiz angesiedelten Produktionen Saving Grace (R: Nigel Cole, GB 2000) und Cannabis: Probieren geht über Regieren (R: Niklaus Hilber, Schweiz 2006) erzählen von einer Hanf züchtenden, unbedarften Witwe und einem gegen den Grünen Star Haschisch rauchenden Politiker und reflektieren damit einen sich jüngst abzeichnenden Imagewandel von Cannabis, der nicht zuletzt medizinisch motiviert ist. [76]

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Schließlich lassen sich Drogenfilme auch vor dem Hintergrund überseeischer Schauplätze greifen. In Return to Paradise (R: Joseph Ruben, USA 1998) wird ein US-Amerikaner in Malaysia wegen Cannabisbesitzes inhaftiert und zum Tode verurteilt, wobei die Haftbedingungen und die Justiz mit deutlicher Aversion gezeichnet sind. Die Gefängnisse sind überfüllt und unhygienisch, die Richter gnadenlos und wortbrüchig. In The Beach (R: Danny Boyle, USA/GB 2000) zelebriert eine Kommune, die bezeichnenderweise aus jungen US-amerikanischen und europäischen Aussteigern zusammengewürfelt ist, auf einer unerschlossenen Insel vor der Küste Thailands ein unbeschwertes, mit Cannabis versüßtes Dasein, bis schwer bewaffnete und gewalttätige asiatische Cannabis-Bauern die Kommune vertreiben, um das Geheimnis ihrer dort illegal angelegten Hanffelder vor weiteren ungebetenen Gästen zu schützen. The Opium War (R: Xie Jin, China 1997) ist dagegen ein Historienfilm chinesischer Produktion über den ersten Opiumkrieg und den chinesischen Volkshelden Lin Xexu. Neben einer Identität stiftenden Intention transportiert dieser Film auch eine politische Botschaft. Er kam im selben Jahr in die Kinos, als die Briten Hongkong an China zurückgaben. Zudem ist er ein interessantes Fallbeispiel im Vergleich zu den anderen beiden Spielfilmen, weil hierin die Perspektive getauscht ist und demonstriert wird, welches Bild in Asien über Europäer zirkuliert. [77]

Zum Interview

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Die Herausgeberinnen haben sich für ein Interview mit Urs Bitterli entschieden, weil sich sein wissenschaftliches Hauptwerk mit zentralen Fragestellungen und Befunden verbindet, denen auch der vorliegende Band verpflichtet ist: mit der maritimen Expansion Europas und ihren Folgen für die Kulturen in Übersee, mit Phänomenen von Kulturtransfer und interkultureller Verflechtung, mit der Genese von Welthandel und Globalisierung und nicht zuletzt mit den materiellen und geistig-kulturellen Rückwirkungen der Expansion auf Europa selbst. Diese geistig-kulturellen Rückwirkungen haben schon in der Frühen Neuzeit breite mediale Resonanz erfahren und dabei das kollektive Gedächtnis Europas hinsichtlich Kenntnissen und Wissen, aber auch Klischees und Vorurteilen über fremde Lebenswelten geprägt – nicht anders, als dies bei Drogen und Drogenkonsumenten der Fall war und ist.

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Innerhalb seines wichtigsten Forschungsgebiets fokussiert Urs Bitterli sowohl die europäisch-überseeische Entdeckungs- und Eroberungsgeschichte als auch die vor diesem Hintergrund entstandene Reiseliteratur und ihre mediale Rezeption in Europa im Ersten Kolonialzeitalter. Zu seinen durch Übersetzungen auch international bekanntesten Büchern zählen "Die Entdeckung des schwarzen Afrikaners" (1970), "Alte Welt – neue Welt" (1986), "Die Entdeckung Amerikas" (1991) und sein Standardwerk "Die 'Wilden' und die 'Zivilisierten'. Grundzüge einer Geistes- und Kulturgeschichte der europäisch-überseeischen Begegnung" (1976). [78] Auf fünfhundert Seiten und über vier Jahrhunderte hinweg bilanziert der Autor hierin im Rahmen einer Synthese die politische und wirtschaftliche Vereinnahmung der überseeischen Welt durch die europäischen Expansions- und Kolonialmächte und ihre geistige Aneignung im frühneuzeitlichen Europa. Obwohl dieses Buch durch Umfang, Stoffmenge und analytischen Anspruch alles andere als eine leichte Lektüre darstellt, ist es zu einem Ausnahmebestseller der Geschichtswissenschaft geworden. Es erreichte bis heute – alle zwischen 1976 und 2004 erschienenen Ausgaben zusammengenommen – eine Gesamtauflage von über 100.000 Exemplaren. [79]

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Im Interview geht es um Fragen, die auf Urs Bitterlis Erfahrungen als Überseehistoriker und Autor abzielen: um die materiellen und geistig-kulturellen Rückwirkungen der europäischen Expansion und ihre bis in die Gegenwart spürbaren Folgen, um Bedeutung und Vermittlung der Schlüsselqualifikationen interkulturelle Kompetenz und Medienkompetenz im Kontext zunehmender Globalisierung, um die Entstehung des Buchs "Die 'Wilden' und die 'Zivilisierten'" und um seine zweckdienliche epochenübergreifende Fortschreibung, die erstaunlicherweise bislang aussteht. Man könnte vermuten, dass stereotype Vorstellungen über außereuropäische Kulturen, wie sie sich in Printmedien und Bildpublizistik im frühneuzeitlichen Europa formiert haben, bis heute tradiert und kolportiert werden und die öffentliche Meinung prägen. Ob dabei auch hier der populäre Spielfilm als massenmediales Leitmedium fungiert, steht als Forschungsdesiderat noch zur Diskussion. [80]

Zur Ausgabe

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Die Idee zur vorliegenden Ausgabe geht auf die von Katharina Niemeyer organisierte Tagung "Gift – Ritual – Geschäft: Perspektiven einer interkulturellen Drogengeschichte" zurück, die 2006 im Center for Inter- and Transcultural Studies der Universität zu Köln stattgefunden hat. Es folgten Lehrveranstaltungen, die Katharina Niemeyer an der Universität zu Köln und Annerose Menninger während ihrer Professurvertretungen an der Universität Zürich und der Universität Heidelberg 2007-2009 zum Thema Drogen in globaler und epochenübergreifender Perspektive angeboten haben. Dabei fanden auch Diskussionen mit Attilio Stoppa und Jürgen Höing statt, den Suchtbeauftragten des Kantons Zürich und der Stadt Heidelberg.

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Den für die Ausgabe gewonnenen AutorInnen wie auch ihrem Interviewpartner möchten die Herausgeberinnen danken. Darüber hinaus danken sie Studierenden für anregende Diskussionen, von denen diese Ausgabe nicht zuletzt auch inspiriert wurde. Michael Kaiser, der mit seinem Team die Ausgabe mit vorbildlichem Engagement redaktionell begleitet und für den online-Gang vorbereitet hat, ist ebenso zu danken wie allen HerausgeberInnen der zeitenblicke für die Aufnahme in dieses Journal.

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In vielerlei Hinsicht lehrreich, weil sich hier Wissenschaft und Praxis ergänzen, waren Gespräche mit den genannten Suchtbeauftragten. Mögen sie sich auch mit unterschiedlichen Argumenten in die Debatte über die gegenwärtige und zukünftige globale Drogenproblematik eingebracht haben, waren sie sich doch in einem Punkt einig: Prävention – die Vermittlung von Wissen und Kenntnis über Drogen, die deren physische und psychische Wirkung und soziale Folgen ebenso tangieren wie deren kulturhistorische Dimension – gehört zu den Erfolgskonzepten für einen verantwortungsbewussten Umgang mit diesem Phänomen. Die Herausgeberinnen schließen sich mit Blick auf diese Ausgabe hier gerne an.

Autorinnen:

PD Dr. Annerose Menninger
Universität der Bundeswehr München
Fakultät für Staats- und Sozialwissenschaften
Historisches Institut
Werner Heisenberg-Weg 39
85577 Neubiberg
annerose.menninger@unibw.de

Prof. Dr. Katharina Niemeyer
Romanisches Seminar
Universität zu Köln
D-50923 Köln
katharina.niemeyer@uni-koeln.de



[1] René Renggli / Jakob Tanner: Das Drogenproblem. Geschichte, Erfahrungen, Therapiekonzepte, Berlin / Heidelberg / New York u. a. 1994, 200-221. Siehe einleitend auch Jakob Tanner in seinem Beitrag in der vorliegenden Ausgabe.

[2] Maxim Zetkin / Herbert Schaldach: Lexikon der Medizin, 16. Aufl., Wiesbaden 1999, 464.

[3] Siehe dazu auch Thomas Hengartner / Christoph Maria Merki: Einleitung, in: Thomas Hengartner / Christoph Maria Merki (Hg.): Genussmittel. Ein kulturgeschichtliches Handbuch. Frankfurt a.M. / New York 1999, 7-21, hier: 8.

[4] Ernst Freiherr von Bibra: Die Narkotischen Genussmittel und der Mensch, Nürnberg 1855.

[5] Carl Hartwich: Die Menschlichen Genussmittel. Ihre Herkunft, Verbreitung, Geschichte, Anwendung, Bestandteile und Wirkung, Leipzig 1911.

[6] Louis Lewin: Phantastica. Die betäubenden und erregenden Genussmittel, 2. Aufl., Berlin 1927 (zuerst 1924). Faksimile-Neudruck Hamburg 1981, 76-99, 111-121.

[7] Siehe Annerose Menninger: Genuss im kulturellen Wandel. Tabak, Kaffee, Tee und Schokolade in Europa (16.-19. Jahrhundert), 2. Aufl., Stuttgart 2008 (zuerst 2004), 293, 295; Wolfgang Schivelbusch: Das Paradies, der Geschmack und die Vernunft. Eine Geschichte der Genussmittel, München / Wien 1980. Neudruck Frankfurt a.M. 1997, 116-118.

[8] Siehe Menninger: Genuss (wie Anm. 7), 293; Annerose Menninger: Tabak, Zimt und Schokolade. Europa und die fremden Genüsse (16.-19. Jahrhundert), in: Urs Faes / Béatrice Ziegler (Hg.): Das Eigene und das Fremde, Zürich 2000, 232-262, hier: 251; Peter Borscheid: Geschichte des Alters 16.-18. Jahrhundert, Münster 1987, 199.

[9] Siehe hierzu den Beitrag von Annerose Menninger in der vorliegenden Ausgabe.

[10] Siehe Schivelbusch: Paradies (wie Anm. 7), 124-125.

[11] Siehe Schivelbusch: Paradies (wie Anm. 7), 134, 136. Zahlreiche Fotographien, die Marlene Dietrich als Raucherin zeigen, finden sich unter ihrem Namen bei "Google bilder" <07.11.2009>.

[12] Siehe zum Beispiel Lauren Bacall in Big Sleep (1943).

[13] Siehe zum Beispiel Humphrey Bogard in Casablanca (1943), James Dean in Giant (1955), Alain Delon in Plein Soleil (1960) oder Clint Eastwood in The Good, the Bad, and the Ugly (1967).

[14] Verschiedene Formulierungen sind aufgedruckt, zum Beispiel in der BRD: "Rauchen kann tödlich sein", "Rauchen kann die Spermatozoen schädigen und schränkt die Fruchtbarkeit ein", "Rauchen fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu".

[15] Siehe Daniel Craig in Casino Royale (2006) als ironisches Selbstzitat der Bondfilme auf sein weibliches Pendant Ursula Andreß in Dr. No (1962).

[17] Ausführliche Gesamtdarstellungen: Gisela Völger unter Mitarbeit von Karin von Welck und Aldo Legnaro (Hg.): Rausch und Realität. Drogen im Kulturvergleich, 2 Bde, Köln 1981; Thomas Hengartner / Christoph Maria Merki (Hg.): Genussmittel. Ein kulturgeschichtliches Handbuch, Frankfurt a.M. / New York 1999; Richard Davenport-Hines: The Pursuit of Oblivion. A Global History of Narcotics 1500-2000, London 2001; Lewin: Phantastica (wie Anm. 6); Hartwich: Genussmittel (wie Anm. 5); Einzeldarstellungen: Zheng Yangwen: The Social Life of Opium in China, Cambridge / New York / Melbourne 2005; Peter Butel: L'Opium, histoire d'une fascination, Paris 1995; Frank Dikötter: Narcotic culture: a history of drugs in China, London 2004; W. Golden Mortimer: Peru. History of Coca, New York 1901; William Carter / Mauricio Mamani: Coca en Bolivia, La Paz 1986.

[18] Menninger: Genuss (wie Anm. 7), 157-236, 277-371.

[19] Matthias Seefelder: Opium. Eine Kulturgeschichte, Frankfurt a.M. 1987, 106ff; Siehe auch Jakob Tanners Beitrag in der vorliegenden Ausgabe.

[20] Menninger: Genuss (wie Anm. 7), 307ff., 363ff; Schivelbusch: Paradies (wie Anm. 7), 159ff; Hasso Spode: Alkoholika (Bier, Spirituosen, Wein), in: Thomas Hengartner / Christoph Maria Merki (Hg.): Genussmittel. Ein kulturgeschichtliches Handbuch, Frankfurt a.M. / New York 1999, 25-79, hier: 52ff; Mike Jay: Emperors of dreams: drugs in the nineteenth century, Sawtry 2005, 51ff., 88ff., 147ff., 221ff; Lewin: Phantastica (wie Anm. 6), 78ff., 102f., 111ff; Siehe auch die Beiträge von Katharina Niemeyer und Jakob Tanner in der vorliegenden Ausgabe.

[21] Siehe den Beitrag von Jakob Tanner in der vorliegenden Ausgabe.

[22] Siehe hierzu die ausführliche und ständig aktualisierte Datenbank der Alcohol and Drugs History Society: http://www.historyofalcoholanddrugs.typepad.com <10.11.2009>.

[23] William Gervase / Clarence-Smith / Steven Topic (Hg.): The Global Coffee Economy in Africa, Asia, and Latin America, 1500-1989, Cambridge 2003; Thomas Hengartner: Tabak, in: Thomas Hengartner / Christoph Maria Merki (Hg.): Genussmittel. Ein kulturgeschichtliches Handbuch, Frankfurt a.M. / New York 1999, 169-193, hier: 169.

[24] Ralph S. Hattox: Coffee and Coffeehouses. The Origins of a Social Beverage in the Medieval Near East, Seattle / London 1985; John C. Evans: Tea in China. The History of China's National Drink, New York / Westport, Connecticut / London 1992; Francis Robiscek: The Smoking Gods. Tobacco in Maya Art, History, and Religion, Oklahoma 1978; Eugenia Huerta / Rafael López Castro (Hg.): Historia y cultura del tabaco en Mexico, Mexico Stadt 1988; Cameron L. McNeil (Hg.): Chocolate in Mesoamerica: A Cultural History of Cacao, Gainsville 2006.

[25] Zum Beispiel Brian Cowen: The Social Life of Coffee: The Emergence of the British Coffeehouse, New Haven-London 2005, Pim Reinders / Thera Wijsenbeek: Koffie in Nederland. Vier eeuwen cultuurgeschiedenis, Zutphen 1994, Jane Pettigrew: A Social History of Tea, London 2001, Francesco Chiapparono: L'industria del cioccolato in Italia, Germania e Svizzera. Consumi, mercati e imprese tra '800 e prima guerra mondiale, Bologna 1997; Jordan Goodman: Tobacco in History. The Cultures of Dependence, 2. Aufl., London / New York 1994 (zuerst 1993).

[26] Marie-Claude Delahaye: L'absinthe. Son histoire, Auverssur-Oise 2001, 38, 40, 72.

[27] Conrad Barnaby: Absinthe. History in a Bottle, San Francisco 1988, 87, 101-104, 106.

[28] Der Täter war notorischer Trinker, aber nicht auf Absinth beschränkt, auch nicht zur Tatzeit. Doris Lanier: Absinthe. The Cocaine of the Nineteenth Century. A History of the Hallucinogenic Drug and its Effect on Artists and Writers in Europe and the United States, Jefferson 1995, 36.

[29] Verbote 1905 in Belgien, 1910 in der Schweiz, 1910 in Holland, 1912 in den USA, 1913 in Italien, 1915 in Frankreich, 1923 in Deutschland. Legalisierungen: 1981 in der BRD, 2005 in der Schweiz, 2007 in den USA. Diana Nitsche: Absinth. Medizin- und Kulturgeschichte einer Genussdroge, Heidelberg 2005, 159, 173-177.

[30] Reggli / Tanner: Drogenproblem (wie Anm. 1), 212-213.

[31] Wie im Fall von papaver somniferum, der zur Opiumgewinnung verwendeten Mohnart, hatte dies damit zu tun, dass der an rauscherzeugenden Substanzen reiche indische Hanf in Europa schlecht gedeiht. Sibylle Bieker: Die künstlichen Paradiese in der französischen Literatur, Bonn 1992, 23.

[32] Jakob Tanner: Cannabis und Opium, in: Thomas Hengartner / Christoph Maria Merki (Hg.): Genussmittel. Ein kulturgeschichtliches Handbuch, Frankfurt a.M. / New York 1999, 195-227, hier: 195-202; James H. Mills: Cannabis Britannica. Empire, Trade, and Prohibition 1800-1928, Oxford / New York 2003, 25ff., 51ff; Rudolf Gelpke: Vom Rausch im Orient und Okzident, 2. Aufl., Stuttgart 1995 (zuerst 1966).

[33] Seefelder: Opium (wie Anm. 19), 40ff, 106ff., 132ff.; Michael Stolberg: Homo patiens. Krankheits- und Körpererfahrung in der Frühen Neuzeit, Köln / Weimar / Wien 2003, 45 mit Anm. 61.

[34] Schon Warren Hastings, 1774-85 amtierender Gouverneur von Bengalen im Dienst der East India Company, die als Inhaberin des britischen Teehandelsmonopols mit China für die Opiumproduktion in Britisch-Indien verantwortlich war, warnte ebenso instinktsicher wie fremdenverachtend: "Opium is not a necessity of life but a pernicious article of luxury, which ought not to be permitted except for purposes of foreign commerce only, and which the wisdom of the Government should carefully restrain from internal consumption." Bezeichnenderweise spielte indisches Opium – im Gegensatz zu türkischem – auch im 19. Jahrhundert in Europa kaum eine Rolle, nicht einmal in Großbritannien. Zitiert nach Davenport-Hines: Pursuit (wie Anm. 17), 23, Virginia Berridge / Griffith Edwards: Opium and the People. Opiate Use in Nineteenth-Century England, London / New York 1981, 3-5.

[35] Annerose Menninger: Genussmittel als Weltkonflikt. Der Opiumkrieg und die Globalisierung der Teepflanze, in: Thomas Beck / Marília dos Santos Lopes / Christian Rödel (Hg.): Barrieren und Zugänge, Wiesbaden 2004, 139-159, hier: 152-156.

[36] Seefelder: Opium (wie Anm. 19), 172-174.

[37] Siehe ergänzend auch Yangwen: Life (wie Anm. 17), 49ff.; Frank Dikötter / Lars Laamann / Zhou Xun: Narcotic Culture. A History of Drugs in China, Chicago 2004, 74ff.

[38] Siehe Hartwich: Genussmittel (wie Anm. 5); Lewin: Phantastica (wie Anm. 6); Völger: Rausch (wie Anm. 17).

[39] Menninger: Genuss (wie Anm. 7), 164-170.

[40] Femme S. Gaastra: Die Vereinigte Ostindische Compagnie der Niederlande - Ein Abriß ihrer Geschichte, in: Eberhard Schmitt / Thomas Schleich / Thomas Beck (Hg.): Kaufleute als Kolonialherren. Die Handelswelt der Niederländer vom Kap der Guten Hoffnung bis Nagasaki 1600-1800, Bamberg 1988, 1-89, hier: 14-16; Hansjörg Küster: Kleine Kulturgeschichte der Gewürze, München 1987. Neudruck 1997, 168-171.

[41] Waldemar Stöhr: Betel in Südost- und Südasien, in: Gisela Völger unter Mitarbeit von Karin von Welck und Aldo Legnaro (Hg.): Rausch und Realität. Drogen im Kulturvergleich. 2 Bde, Köln 1981, II, 552-559; Rudolf Schröder: Kaffee, Tee und Kardamom. Tropische Genussmittel und Gewürze, Stuttgart 1991, 129ff.

[42] André Thevet: Les Singularités de la France Antarctiqve, avtrement nommée Amerique: & de plusieurs Terres & Isles decouuertes de nostre temps, Paris 1558, 60r-v; Thomas Harriot: A briefe and true report of the new found land of Virginia, London 1588, Faksimile-Neudruck Amsterdam / New York 1971, [11r-v]; Thomas Gage: A new Survey of the West-India's: Or, The English American his Travail by Sea and Land, 2. Aufl., London 1660 (zuerst 1648), 109.

[43] Stephan Blankaart: Haustus Polychresti, Oder: Zuverlässige Gedancken / Vom Thée, Coffée, Chocolate, Und Taback, Hamburg 1705, 95-96 (Übersetzung des niederländischen Originals von 1701).

[44] Alexander Kupfer: Die künstlichen Paradiese. Rausch und Realität seit der Romantik, Stuttgart / Weimar 1996, 40-43.

[45] Wolfgang Reinhard: Parasit oder Partner? Europäische Wirtschaft und Neue Welt 1500-1800, Münster 1997, 99-100.

[46] Reggli / Tanner: Drogenproblem (wie Anm. 1), 193-199, 204ff; David T. Courtwright: Forces of Habit. Drugs and the Making of the Modern World, Cambridge, Mass. / London 2001, 31ff; Nancy Harris (Hg.): Opiates. The History of Drugs, Detroit / New York / San Francisco 2005; Detlef Briesen: Drogenkonsum und Drogenpolitik in Deutschland und den USA. Ein historischer Vergleich, Frankfurt / New York 2005, 25ff.

[47] Enno Frey: Kokain, Ecstasy, Amphetamine und verwandte Designerdrogen, Ebelsbach / Nürnberg 2005, 62ff.

[48] Schivelbusch: Paradies (wie Anm. 7), 159ff.

[49] Siehe in diesem Kontext auch zu einer sich bezeichnenderweise im Vorfeld verschärfende, sozial-darwinistisch motivierte Einwanderungspolitik der USA: Stephen Jay Gould: Der falsch vermessene Mensch. Aus dem Amerikanischen (Originalausgabe 1981), Basel / Boston / Stuttgart 1983, 157ff., 244ff.

[50] Die Zahl der Neukonsumenten von hard drugs sank von 850 (1990) auf 150 (2002), was auf Prävention und Sekundärprävention zurückzuführen sein dürfte. Vgl. Ueli Locher: Die Vier-Säulen-Politik, in: Ärztliche Beschreibung von Betäubungsmitteln. Hg. vom Bundesamt für Gesundheit, Bern 2002, 13-22, hier: 14; Carlos Nordt / Rudolf Stohler: Versorgung der Heroinabhängigen im Kanton Zürich 1991 bis 2004. Hg. von der Forschungsgruppe Substanzstörungen der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, Zürich 2006, 1.

[51] Die Anzahl der HIV-Neuinfektionen sank von 1388 (1994) auf 766 (2008), was auf die Abgabe von Spritzen zur Senkung des Infektionsrisikos zurückzuführen ist. http://www.sfa-ispa.ch/DocUpload/ID_FOLGEN.pdf , 1 <30.09.2009>.

[52] Die Zahl sank von 399 (1994) auf 211 (2005). http://www.sfa-ispa.ch/DocUpload/ID_FOLGEN.pdf , 2 <30.09.2009>.

[53] 2007 endeten 54,9 % der methadongestützten Therapien mit einem positiven, drogenfreien Behandlungsaustritt (Quelle: Bundesamt für Gesundheit (2009). Die heroingestützte Behandlung (HeGeBe) im Jahre 2007. (HeGeBe-Jahresbericht). http://www.sfa-ispa.ch/DocUpload/ID_BEHANDLUNG.pdf , 3 <10.11.2009>.

[54] Virginia Berridge: Opium and the People. Opiate Use and Drug Control Policy in Nineteenth and Early Twentieth Century England, New York 1999, 21ff., 49ff., 62ff., 97ff.; Antonío Escohotado: A Brief History of Drugs. From the Stone Age to the Stoned Age, Rochester 1999, 67ff.

[55] Mills: Cannabis (wie Anm. 32), 33ff.

[56] Courtwright: Forces (wie Anm. 46), 48; Lawrence Driscoll: Reconsidering Drugs. Mapping Victorian and Modern Drug Discourses, New York 2000, 69ff.

[57] Otto Ekarius: Coca ein Stärkungsmittel für Radfahrer, in: Der Radfahrer 6/12 (1897), 195-197. Mit freundlichem Dank für diesen Hinweis an Anne-Katrin Ebert, Technisches Museum Wien.

[58] Goodman: History (wie Anm. 25), 52-55.

[59] Siehe hierzu zum Beispiel Richard Toellner: Illustrierte Geschichte der Medizin, 6 Bde. Aus dem Französischen (Originalausgabe 1978), Erlangen 1992; Wolfgang U. Eckart: Geschichte der Medizin. Fakten, Konzepte, Haltungen, 6. Aufl., Heidelberg 2009 (zuerst 1990); David C. Lindberg: Die Anfänge des abendländischen Wissens, München 2000, 171ff., 211ff., 223ff.; Paul U. Unschuld: Chinesische Medizin, 2. Aufl., München 2003 (zuerst 1997); Francisco Guerra: Aztec Medicine, in: Medical History 10 (1966), 315-338; Francisco Guerra: Maya Medicine, in: Medical History 8 (1964), 31-43; Sandra L. Orellana: Indian Medicine in Highland Guatemala. The Pre-Hispanic and Colonial Periods, Albuquerque, New Mexico 1987; Bernard R. Ortiz de Montellano: Aztec Medicine, Health, and Nutrition, New Brunswick / London 1990.

[60] Detaillierter Peter Albrecht: Es geht doch nicht an, dass all und jeder Kaffee trinkt! Kaffeeverbote in der Frühen Neuzeit, in: Eva Dietrich / Roman Rossfeld (Hg.): Am Limit. Kaffeegenuss als Grenzerfahrung, Zürich 2002, 22-35; Menninger: Genuss (wie Anm. 7), 373-400.

[61] Siehe auch Jürgen Osterhammel: China und die Weltgesellschaft. Vom 18. Jahrhundert bis in unsere Zeit. München 1989, 145.

[62] Heute Myanmar.

[63] Jan Rogozinski: Smokeless Tobacco in the Western World. 1550-1950. New York-Westport, Connecticut / London 1990, 148; Mark W. Rien / Gustaf Nils Dorén: Das neue Tabago Buch, Hamburg 1985, 45; R. A. Halde: Smoking through the Centuries, in: Blackwood's Magazine 1980, 430-434, hier: 432.

[64] Renggli / Tanner: Drogenproblem (wie Anm. 1), 58-65.

[65] Mit freundlichem Dank für diese Informationen Alfred Schlicht, Auswärtiges Amt, Berlin (Stand 2008).

[66] Überspitzt könnte man argumentieren: Safran verursacht ab 10 Gramm einen Schwangerschaftsabbruch durch Einwirkung auf die Uterusmuskulatur und wirkt ab 20 Gramm tödlich. Ebenso liegt die tödliche Dosis von Muskat zwischen 5-30 Gramm und führt in entsprechenden Dosen zu Halluzinationen durch einen strukturell dem Meskalin verwandten Inhaltsstoff. Trotzdem wurden beide Substanzen in Europa seit der Antike als exklusive Gewürze und Heilmittel geschätzt und nie verboten. Elisabeth Vaupel: Gewürze: Acht kulturhistorische Porträts, München 2002, 17, 81.

[67] Bemerkenswerter Weise zählte etwa Cannabis im Gegensatz zu Rauchopium als verwandter Konsumpraxis in China nie zu den populären Rauschmitteln. Obwohl Japan von China die Teekultur mit der Porzellanproduktion und von den Europäern die Tabakkultur übernommen hat, sprang nicht auch die Opiumkultur auf das benachbarte Inselreich über. In Britisch-Indien kam es nicht zu einer "opium plague" wie in China ab dem 18. Jahrhundert, obwohl die britische East India Company dort Opium für China in Großproduktion anbauen und herstellen ließ. Dikötter / Laamann / Xun: Narcotic Culture (wie Anm. 37), 111ff., 199ff.; Menninger: Genuss (wie Anm. 7), 78ff., 169, 208ff.

[68] Siehe den Beitrag von Katharina Niemeyer, insb. Anm. 10.

[69] Menninger: Genuss (wie Anm. 7), 270-271.

[70] Vgl. Alexander Kupfer: Göttliche Gifte. Kleine Kulturgeschichte des Rausches seit dem Garten Eden, Stuttgart / Weimar 1996, 50ff.; Kupfer: Paradiese (wie Anm. 44), 19ff., 25ff., 54ff. Seefelder: Opium (wie Anm. 19), 147-163, 223ff.

[71] Siehe Yangwen: Opium (wie Anm. 17), 52, 131ff.

[72] In jüngerer Zeit gerieten deshalb z. B. Whitney Houston, Amy Winehouse, Robbie Williams, Kate Moss und Martina Hingis in die Schlagzeilen. Unter den genannten Namen in Kombination des Suchbegriffs "Drogen" können im www diverse Seiten aufgerufen werden.

[73] Marita Sturken / Lisa Cartwright (Hg.): Practices of Looking. An Introduction to Visual Culture, Oxford 2001. Christa Maar / Hubert Burda (Hg.): Iconic Turn. Die neue Macht der Bilder, 3. Aufl., Köln 2005 (zuerst 2004); Gerhard Paul (Hg.): Visual History. Ein Studienbuch, Göttingen 2006.

[74] Mit Dank für Hinweise auf einige der im Folgenden genannten Filme Flurin Fischer, Nadine Hilzinger, Fabian Jucker und Sarah Reimann, Universität Zürich.

[75] Bisherige Publikationen beruhen auf veraltetem Quellenmaterial und/oder entbehren einer systematischen und kulturhistorischen Analyse: Michael Starks: Cocaine Friends and Reefer Madness: An Illustrated History of Drugs in the Movies, New York / Cornwall / London 1982. Alfred Springer: Drogenfilme und Antidrogenfilme, in : Wiener Zeitschrift für Suchtforschung 5 (1982), Teil 1: 23-31, Teil 2: 32-52; Georg Seeßlen: Inschrift des Rausches, Passion oder Kreuzzug. Anmerkungen zu Drogen im Film, in: Epd Film 8 (2001), online unter: http://www.filmzentrale.com/essays/drogengs.htm <10.10.2009>.

[76] Nach klinischen Studien aus jüngerer Zeit lassen sich Glaukome mit Cannabis therapieren, weil die Substanz den Augeninnendruck senkt, und ferner Erfolge bei der Behandlung von Multipler Sklerose erzielen. Auch in der Krebsbehandlung ließ sich belegen, dass Cannabis Nebenwirkungen von Chemotherapien, wie Erbrechen und Appetitlosigkeit, neutralisiert. Karl-Ludwig Täschner: Cannabis. Biologie, Konsum und Wirkung, 4. Aufl., Meckenheim 2005, 250f., 256f. V. Vinciguerra / T. Moore / E. Brennan: Inhalation Marijuana as an Antiemetic for Cancer Chemotherapy, in: York State Journal of Medicine 88 (1988), 525-527.

[77] Zu diesem Thema bereiten die Herausgeberinnen eine gemeinsame Tagung sowie eine Publikation vor.

[78] Die Bücher sind mit ihren Auflagen, Ausgaben und Übersetzungen am Ende des Interviews bibliographiert.

[79] Mit freundlichem Dank für diese Information Ulrich Nolte, Lektorat des Verlags C.H. Beck, München.

[80] Entsprechende Untersuchungen werden seitens der Herausgeberinnen derzeit unternommen, siehe Annerose Menninger: Historienfilme als Geschichts- und Kulturvermittler. Christoph Kolumbus und die Neue Welt im populären Spielfilm (in Vorbereitung für 2010).

Empfohlene Zitierweise:

Annerose Menninger / Katharina Niemeyer : Einführung , in: zeitenblicke 8, Nr. 3, [23.12.2009], URL: http://www.zeitenblicke.de/2009/3/einfuehrung/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-21987

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