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Prof. em. Dr. Urs Bitterli
Urs Bitterli, geb. 1935, Studium der Geschichte und Literaturwissenschaft in Zürich und Paris. Ab 1978 Professor für Allgemeine Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich, 2001 Emeritierung.
Neben Studien zu Thomas Mann (1964) sowie den Historikern Golo Mann (2004) und Jean Rudolf von Salis (2009) gilt sein wissenschaftliches Hauptwerk der Erforschung der europäisch-überseeischen Kulturkontakte und ihren geistes- und kulturgeschichtlichen Rückwirkungen auf Europa: "Die Entdeckung des schwarzen Afrikaners" (Habil., 1970), "Die 'Wilden' und die 'Zivilisierten'" (zuerst 1976), "Alte Welt – neue Welt" (1986) und "Die Entdeckung Amerikas" (1. Aufl. 1991).

 

 

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Herr Bitterli, Ihre 1964 erschienene Dissertation handelt von Thomas Manns politischen Schriften zum Nationalsozialismus. 1970 legten Sie Ihre Habilitationsschrift "Die Entdeckung des schwarzen Afrikaners" vor, der drei Jahrzehnte lang viele Bücher und Beiträge zum Forschungskomplex Europa-Übersee im Ersten Kolonialzeitalter folgten. Wie kam es zu diesem Themenwechsel?

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Als ich 1963 an der Universität Zürich promovierte, dachte ich nicht an eine universitäre Laufbahn, sondern setzte mir zum Ziel, Gymnasiallehrer zu werden. Für das "Höhere Lehramt" wählte man Fächer, die an Gymnasien erteilt werden konnten. In meinem Falle waren es Allgemeine Geschichte, deutsche und französische Literatur. Mein Dissertationsthema entsprang meinem Interesse für Zeitgeschichte und für das Werk Thomas Manns. Der Schriftsteller hatte einige Zeit in Zürich gelebt, und es gab hier das "Thomas-Mann-Archiv", das für Forschungszwecke zur Verfügung stand. Nach der Promotion versah ich eine Lehrerstelle an der "Alpinen Mittelschule Davos". Dann holte mich mein Doktorvater, Max Silberschmidt, als Assistent an die Universität Zürich. Silberschmidt war ein Spezialist für die Geschichte der USA, interessierte sich aber auch für Überseegeschichte allgemein. Er machte mich mit diesem Themenbereich näher bekannt.

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Um 1965 erschien ein damals berühmtes, noch heute lesenswertes Buch: Geoffrey Barraclough's "An Introduction to Contemporary History". Barraclough sprach von "der Verzwergung Europas" – "the Dwarfing of Europe" – und wies auf die Notwendigkeit hin, die Geschichte der überseeischen Welt nicht mehr bloß in ihrer Abhängigkeit von den europäischen Metropolen zu untersuchen. Dieses Buch hat mich sehr beeindruckt. Ich interessierte mich damals für Entwicklungshilfe und gab künftigen Schweizer Entwicklungshelfern Kurse zur Geschichte Afrikas. Die Jahre 1967 und 1968 verbrachte ich als Nachwuchsstipendiat in London und Paris mit der Absicht, eine Habilitationsschrift zur Geschichte der Dekolonisation im Senegal zu verfassen. Das Thema wurde damals jedoch so kontrovers diskutiert und der Zugang zum Quellenmaterial war so schwierig, dass ich in die Frühe Neuzeit auswich.

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Bei meiner Arbeit in der Bibliothek des "British Museum" und in der "Bibliothèque Nationale" kam ich erstmals mit frühen europäischen Reiseberichten in Berührung. Dies war ein entscheidender Schritt in meiner wissenschaftlichen Entwicklung. Diese Reiseberichte waren zwar den Spezialisten bekannt, aber sie waren bisher vor allem genutzt worden, um regionale "Ereignisgeschichte" zu schreiben. Mich beeindruckten jedoch nicht nur die Fakten, welche die Reiseberichte überlieferten, sondern auch die Perspektive, aus der sie verfasst worden waren. Mich interessierten die Vorstellungen, die "Bilder", welche sich die Reisenden von einem fremden Land machten, oft ohne sich selbst davon genau Rechenschaft zu geben. Und an diesen Vorstellungen interessierte mich die Frage, inwieweit sie zeitgebunden und individuell verschieden waren. Meine Einsichten konnte ich mit einigen in Paris tätigen Forschern diskutieren, so etwa mit den Professoren Henri Brunschwig und Hubert Deschamps oder dem Amerikaner Philip D. Curtin, der sich damals mit einer Arbeit über das "Afrikabild im 19. Jahrhundert" beschäftigte.

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1976, sechs Jahre nach Ihrer Habilitationsschrift, erschienen "Die 'Wilden' und die 'Zivilisierten'". Auf fünfhundert Seiten entfalten Sie ein grandioses Panorama über vier Jahrhunderte hinweg, das erstmals zwei Forschungsfelder miteinander verschränkt: europäische Expansions- und Kolonialgeschichte mit ihrer Formenvielfalt des überseeischen Kulturkontakts in vergleichender Perspektive und die geistes- und kulturgeschichtlichen Rückwirkungen dieses globalen Prozesses auf Europa, speziell die Wahrnehmung fremder Kulturen im frühneuzeitlichen Schrifttum und ihre Genese. Bis 2004 erlebte dieses Buch zahlreiche Auflagen und Ausgaben in verschiedenen Sprachen – mit einer Gesamtzahl verkaufter Exemplare von sagenhaften 100.000 Stück! Als Sie dieses Standardwerk verfassten, waren Sie erst vierzig Jahre alt. Berichten Sie bitte detaillierter über Idee und Entstehung?

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"Die 'Wilden' und die 'Zivilisierten'" gehen von einem Konzept aus, das ich schon während der Arbeit an der Habilitationsschrift entwickelte. Mich reizte es, das überaus reiche Quellenmaterial der Reiseberichte nicht mehr, wie bislang meist üblich, als Dokumente der Entdeckungsgeschichte, sondern als Dokumentation des Kulturkontakts zu verstehen. Ich entwarf ein Ordnungssystem, das meiner zentralen Fragestellung Rechnung trug und unter dem sich das Quellenmaterial vergleichend analysieren ließ. Diese Konzeption sah eine Unterscheidung in Kulturberührung, Kulturkontakt, Kulturzusammenstoß und Kulturverflechtung vor. Zudem entschloss ich mich, den Blick über Afrika hinaus auf die ganze Welt zu richten und eine Synthese zu verfassen. Großzügige Vereinfachungen und großzügige Auslassungen waren natürlich nicht zu vermeiden. Aber dieser neue Zugang zur Überseegeschichte schien mir doch auch viele neue Fragen zu eröffnen, die weiter zu denken der Leserin und dem Leser überlassen waren. Heute scheint mir, dass ich dieses Buch nur mit vierzig Jahren schreiben konnte: Damals hatte ich die Idee und besaß die Unternehmungslust und die Kraft, sie zu verwirklichen. Heute besitze ich eine größere Kenntnis. Aber gerade diese Kenntnis macht auch selbstkritisch und würde mich heute hindern, ein solches Unternehmen wieder in Angriff zu nehmen.

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Was sich aber gelohnt hat – bis jetzt gibt es keine vergleichbare Untersuchung, die die Thematik derart global angepackt hätte, wie Sie das taten. Dabei dürfte nicht das methodologische Konzept die größte Herausforderung für "Die 'Wilden' und die 'Zivilisierten'" gewesen sein, denn das hatten Sie schon in Ihrer Habilitationsschrift entworfen und erprobt, sondern die Bewältigung der stofflichen Menge in dieser zeitlichen Dimension. Verraten Sie Ihre Arbeitstechnik?

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Bei meiner Arbeit war ich auf die herkömmlichen Arbeitstechniken angewiesen: Zettelkasten, Exzerpieren, Fotokopieren. Fotokopien waren bei frühneuzeitlicher Reiseliteratur nicht immer möglich, und sie waren auch kostspielig und verblassten zuweilen rasch. Bei der Lektüre der Berichte fiel mir ihre Illustration mit Holzschnitten und Kupferstichen auf, und das brachte mich auf die Idee, die Bildquellen in meine Überlegungen einzubeziehen und "Die 'Wilden' und die 'Zivilisierten'" zu illustrieren. Auch hier war es damals zuweilen schwierig, gute Bildvorlagen und das Copyright der Bibliotheken zu erhalten. Dagegen konnte ich mich auf hervorragende moderne Editionen von Reiseberichten stützen, etwa auf die Publikationen der englischen "Hakluyt Society". Aber ich darf heute gar nicht daran denken, wie viel Arbeit ich mir damals mit einem PC hätte ersparen können.

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Sie haben Geschichte und Literaturwissenschaft studiert. Welche Rolle spielte das Studium der Literaturwissenschaft für Ihre historischen Forschungen?

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Das Studium der deutschen und der französischen Literaturwissenschaft war mir in doppelter Hinsicht nützlich. Einerseits schärfte es den kritischen Sinn bei der Quelleninterpretation, und anderseits öffnete es mir den Blick für das breite Echo, welches die Überseeexpansion in den literarischen Werken der europäischen Schriftsteller gefunden hat. Man denke nur an William Shakespeare, Daniel Defoe und Jonathan Swift oder an Voltaire, Rousseau und Diderot. Auch in der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts gibt es mehr Widerspiegelungen der exotischen Welt, als man gemeinhin annimmt. Ähnliches gilt übrigens auch für die Kunst. Beispielsweise taucht die Figur des schwarzen Domestiken auf unzähligen europäischen Fürstenportraits, auch denjenigen deutscher Maler, auf.

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Was – wenn Sie das Bildmedium ansprechen – auch für Repräsentanten anderer überseeischer Kulturen gilt, wie nicht nur die Erdteilallegorie in gemalter oder bildpublizistischer Form zeigt. Für das 19. Jahrhundert böten sich dann die Historienmalerei an, die auch europäisch-überseeische Begegnungen thematisiert, und natürlich die Fotografie, etwa als vermittelndes Medium von Südsee-Idyllen. Trotzdem hat die Interkulturgeschichte bisher das Bilddokument weit weniger als schriftliche Zeugnisse beachtet und erschlossen. Woran könnte das liegen?

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Die von Ihnen richtig festgestellte Vernachlässigung der Bildquellen hängt meines Erachtens mit der stark positivistischen Geschichtsschreibung des 19. und noch des ersten Teils des 20. Jahrhunderts zusammen. Aus solcher Perspektive konnten Bildquellen, die bereits eine Interpretation historischer Fakten durch den Künstler oder Fotografen darstellen, nicht als Quellen erster Ordnung gewertet werden. Heute wird besser begriffen, dass auch künstlerische Deutungen der Welt ernsthafter Forschungsgegenstand sein können, etwa unter kultur- und mentalitätsgeschichtlichem Ansatz. Man spricht zuweilen auch von Imagologie, um diese jüngere Entwicklung zu beschreiben.

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Das Faszinierende an Ihren Schriften sind Methodenbewusstsein und systematische Quellenanalyse, aber eben auch fesselnde Darstellung und stilistische Eleganz. Das gilt nicht zuletzt für Ihren Klassiker "Die Entdeckung Amerikas". Ist das Ergebnis konsequenten Trainings und pädagogisch-didaktischer Motivation?

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Auch in meiner Schrift zur "Entdeckung Amerikas" bilden Reiseberichte die Hauptquellen. Ich verfolge aber ein anderes Ziel als im Buch "Die 'Wilden' und die 'Zivilisierten'", das ich problemorientierter angelegt habe. "Die Entdeckung Amerikas" zielt stärker darauf ab, ein Informationsbedürfnis der Leserinnen und Leser zu befriedigen. Im Gespräch mit Studierenden, die während den Semesterferien weite Reisen nach Nord- und Südamerika unternahmen, fiel mir auf, wie wenig umfassende Handbücher in deutscher Sprache zur Entdeckungs- und Siedlungsgeschichte Nord- und Südamerikas vorlagen. Während zu Themen wie Kolumbus, Cortés oder Pizarro gleich mehrere Werke nicht selten heroisierenden Inhalts greifbar waren, gab es damals fast nichts zu weniger prominenten Figuren, welche das Hinterland des Kontinents durchstreiften und zum Teil sehr beachtliche Berichte hinterlassen haben.

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Diese Lücke wollte ich zu schließen versuchen. Ich wollte selbstverständlich keine Heldengeschichte schreiben, sondern den Vorgang der Entdeckung kritisch als Teil der europäischen Expansionsgeschichte verstehen. Auch wollte ich ein leicht verständliches, flüssig zu lesendes Buch verfassen – wie ja die Wissensvermittlung auch zu den Aufgaben der Geschichtswissenschaft gehört. Vorbild waren für mich in dieser Hinsicht vor allem angelsächsische Historiker wie John Horace Parry, Charles Ralph Boxer oder Samuel Eliot Morison, die wissenschaftlich hervorragend arbeiteten, sich aber gleichzeitig als Schriftsteller verstanden. Im Deutschen hat das Wort "Schriftsteller", auf einen Wissenschaftler angewendet, leider oft einen etwas pejorativen Beigeschmack. Es ist möglich, dass mir meine Praxis als Gymnasiallehrer dabei geholfen hat, mich verständlich auszudrücken.

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Wobei ja die Symbiose von Wissenschaft und Erzählkunst etwas ganz anderes meint als etwa Wissenschaftsjournalismus. Lassen Sie mich daran anknüpfen: In Ihren Schriften geht es Ihnen auch um ganz präzise Begrifflichkeiten. Ich erinnere nur an Ihre subtilen Diskurse über "Entdecken", "Erobern" und "Erkunden", "Kulturberührung", "Kulturzusammenstoß" oder "Kulturverflechtung". Für Ihr großes Forschungsgebiet existieren die Termini "Expansions- und Kolonialgeschichte", "Überseegeschichte" sowie in jüngerer Zeit "Interkulturgeschichte" und "Transkulturgeschichte". Unter welchem Begriff fühlen Sie sich besonders gut aufgehoben?

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Persönlich würde ich heute den Begriff der "Überseegeschichte" vorziehen. Der Begriff "Kolonialgeschichte" ist sicherlich überholt. "Interkulturgeschichte" umreißt gut meine Forschungsinteressen im Bereich der geistig-kulturellen Rückwirkungen der maritimen Expansion auf Europa.

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In Gesprächen mit Ihnen spürt man deutlich Weltoffenheit und Sympathie für fremde Lebenswelten. Was hat Sie mehr sensibilisiert und geformt – Reiseerfahrung oder Forschungsgebiet?

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Ich habe mir vor vierzig Jahren eine Tropenkrankheit mit Langzeitfolgen zugezogen und bin deshalb wenig in tropischen und subtropischen Weltgegenden gereist. Ich bin also das, was die Engländer einen "armchair historian" nennen, und meine Reisen führten mich vor allem in Bibliotheken und Archive. Äußerst spannend würde ich es finden, Reisen früherer Entdecker wie etwa jene von Mungo Park oder Heinrich Barth mit ihren Berichten in der Hand nachzuvollziehen, mich also gleichzeitig in Raum und Zeit zu bewegen. Aber dies blieb mir leider versagt.

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Das ist eine spannende Idee. Sie sagten aber jetzt nicht etwa "auf den Spuren von Alexander von Humboldt", sondern nannten Afrikareisende. Höre ich daraus richtig eine gewisse Vorliebe für den Schwarzen Kontinent, mit dem sozusagen Ihre wissenschaftliche Karriere als Überseehistoriker begann?

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Ich habe mich vor und unmittelbar nach Abschluss meines Studiums eingehend mit dem arabischen Kulturkreis befasst und auch begonnen, Arabisch zu lernen, was ich leider aufgab. Kürzere oder längere Zeit bin ich in vielen arabischen Ländern gereist, insbesondere im Irak und in Marokko. Schwarzafrika ist mir bedeutend weniger aus eigener Erfahrung vertraut. Aber mich fasziniert die hohe Qualität vieler Reiseberichte über dieses Land, insbesondere die Leistung deutscher Forscher wie Heinrich Barth.

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Lassen Sie uns nochmals zu meiner Frage nach dem Verhältnis zwischen dem wissenschaftlichen Studium der Reiseliteratur – Sie bezeichneten sich in diesem Kontext als "armchair historian" – und dem persönlichen Nutzen, der sich daraus ergibt, zurückkommen. Dient in diesem Sinne Interkulturgeschichte der Selbsterfahrung, schafft sie Wissenskompetenz und soziale Kompetenz für die Gegenwart?

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Gewiss scheinen mir die wissenschaftliche Auseinandersetzung und Vertrautheit mit der Interkulturgeschichte nicht nur wünschenswert, sondern auch eine notwendige Voraussetzung für das Verständnis fremder Kulturen zu sein. Der globale Massentourismus hat leider dazu geführt, dass die Kulturkontakte häufig sehr oberflächlich bleiben und eurozentrischen Vorurteilen oder gar rassistischen Klischees Vorschub leisten.

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In jüngster Zeit, im Zeichen zunehmender Globalisierung, wird an Universitäten – und zwar im internationalen wie auch interdisziplinären Kontext – der Ruf nach "global history", "intercultural studies" oder "interkultureller Kompetenz" laut. Das dürfte die Interkulturgeschichte auch innerhalb der deutschen Universitätslandschaft umso interessanter machen. Ein begrüßenswerter Trend?

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Die Tendenz, Überseegeschichte aus interkulturellem Blickwinkel zu betrachten, ist heute weit verbreitet, ja seit Erscheinen von Huntingtons "Clash of Civilizations" im Jahr 1996 eigentlich recht dominant.

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Der Durchbruch zu einer solchen Sichtweise ist aber zeitlich, auch in Deutschland, früher anzusetzen. Einerseits erschienen in den 1980er Jahren grundlegende und einschlägige Veröffentlichungen zur Überseegeschichte, auch in global vergleichender Perspektive, von Horst Pietschmann, Wolfgang Reinhard oder Eberhard Schmitt. Andererseits wurde 1987 in Stuttgart die Ausstellung des "Instituts für Auslandsbeziehungen" unter dem Titel "Exotische Welten – Europäische Phantasien" gezeigt. In einer Reihe von großzügig ausgestatteten Bildbänden wurde damals der Reichtum an Bild- und Textzeugnissen aus Übersee einer breiten Öffentlichkeit vorgeführt. Ähnliche Ausstellungen, welche einen guten Zugang zu afrikanischen oder asiatischen Kulturen und ihren wechselseitigen Beziehungen zu Europa vermittelten, folgten in den nächsten Jahren.

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Unterstützt wurde diese Öffnung durch die transkulturelle Ausweitung der Geschäftsbeziehungen, den massiv einsetzenden Überseetourismus und den später sich anbahnenden Europatourismus anderer Kulturvertreter, etwa der Japaner und Chinesen. Die für uns wohl wichtigste Entwicklung in diesem Prozess des Näher- und Zusammenrückens der Kulturen ist demographischer Art und hängt mit der Immigration von Arbeitskräften aus anderen Kulturen, insbesondere der islamischen Kultur, zusammen.

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Während im 17. und 18. Jahrhundert nur vereinzelte Indianer, Araber oder Polynesier nach Europa gelangten, während im 19. Jahrhundert Gruppen von Schwarzafrikanern in Zoologischen Gärten und Kolonialausstellungen als Kuriosa präsentiert wurden, gehören heute Vertreter überseeischer Kulturen zu unserem täglichen Umgang. Ganze Vorstadtquartiere, auch in der Schweiz, verändern ihren Charakter. Darüber, ob dieser Trend der Öffnung nach Übersee auch in seiner demographischen Dimension begrüßenswert ist, streiten sich Experten und Politiker.

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Den Begriff der "Globalisierung" finde ich gut geeignet, diese moderne Entwicklung zu bezeichnen. Gewiss haben sich das Tempo und die quantitative Bedeutung dieser Entwicklung erhöht. Ich glaube aber nicht, dass sich die interkulturellen Kontakte gegenüber früher grundsätzlich verändert haben und dass sich neue Methoden aufdrängen, die Globalisierung als Historiker in den Griff zu bekommen. Sicherlich handelt es sich um ein Faktum, mit dem sich die Geschichtswissenschaft, und nicht nur sie, vermehrt befassen sollte.

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Wir haben bisher über die geistigen Rückwirkungen der maritimen Expansion auf Europa gesprochen. Es gab aber auch materielle Rückwirkungen, von denen Europa seit der Frühen Neuzeit profitierte. Wie relevant ist dieser Bereich für die Interkulturgeschichte und ihre Erfahrbarkeit in unserer Alltagskultur?

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Materielle Rückwirkungen überseeischer Kulturen auf unsere abendländische Alltagskultur lassen sich seit Beginn der Frühen Neuzeit am leichtesten im Bereich der Ernährung und des Lebenskomforts verfolgen. Das beginnt mit Gewürzen wie Pfeffer oder Muskat, Nahrungsmitteln wie Kartoffeln, Mais oder Zucker und Genussmitteln wie Kaffee, Tee, Schokolade und Tabak. Auch der Transfer von Drogen wäre in diesem Zusammenhang zu nennen. Während diese exotischen Importwaren früher in unsere einheimische Küche integriert wurden und zunehmend breiteren Bevölkerungsschichten verfügbar wurden, wird heute nicht selten eine ganze Küchenkultur importiert: Man isst in unseren Restaurants italienisch, thailändisch, chinesisch, japanisch, arabisch. In Zürich ist es gar nicht mehr so leicht, eine Gaststätte zu finden, in der traditionell einheimisch gekocht wird.

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Worüber sich aber nicht zuletzt der Interkulturhistoriker freuen dürfte! Es werden mittlerweile kulturhistorische Forschungen unternommen, die genau diese Entwicklung mit ihren Bedingungen und Auswirkungen untersuchen. Lassen Sie uns aber noch einen dritten Komplex fokussieren, der neben den geistigen und materiellen Rückwirkungen greifbar ist: die Folgen der maritimen Expansion Europas für Übersee. Welchen Stellenwert messen Sie dabei der Frühen Neuzeit für die Interkulturgeschichte der Neuzeit und für die Geschichte der Globalisierung bei?

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In der Frühen Neuzeit haben sich im Verkehr zwischen unserer europäischen Kultur und überseeischen Kulturen die Mechanismen des Umgangs und des Verhaltens sowie die vielschichtigen Formen des Verständnisses ausgebildet. Diese Mechanismen haben sich im Laufe der Zeit gewandelt, die Grundtatsache aber, dass Beziehungen zwischen Menschen, auch und gerade zwischen solchen unterschiedlicher "Rasse" und Kultur, durch den Faktor der Macht bestimmt werden, hat sich nicht verändert. Es gehört zu den ernüchternden Grundtatsachen des europäisch-überseeischen Verhältnisses, dass mit dem Vollzug der politischen Dekolonisation zwar eine Veränderung des völkerrechtlichen Status' einer ehemaligen Kolonie eingetreten ist, dass aber das Machtgefälle zwischen Nord und Süd sich nicht entscheidend verändert hat.

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Auch die unleugbare gegenseitige Annäherung zwischen Europa und Amerika bzw. der "Dritten Welt", wie sie durch den Gebrauch der englischen Lingua franca, durch die Luft- und Telefonverbindungen et cetera möglich geworden ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass unterhalb einer sehr dünnen Kommunikationsebene machtpolitische und ethnische Unterschiede unverändert vorhanden sind und sogar akzentuiert wirksam werden. Die Überseegeschichte kann dazu dienen, einzelne Menschen für die oft sehr komplexen Vorgänge zu sensibilisieren, welche interkulturelle Kontakte kennzeichnen. Europäer von solch sensibilisierter Einsicht in die Problematik des Kulturkontakts hat es immer und auf allen Ebenen gegeben: Missionare, Wissenschaftler, Kolonialbeamte, sogar Gouverneure. Freilich blieben sie meist Einzelfälle, Ausnahmen von der Regel.

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Sehr selten ist es in der Überseegeschichte zu Reformen gekommen, die von breiten europäischen Schichten getragen wurden. Erinnern wir uns doch daran, was es in England vor genau zweihundert Jahren brauchte, um den Sklavenhandel, die "Schande der Menschheit", wie die Abolitionisten ihn nannten, abzuschaffen. Eine durchaus vergleichbare Schande ist heute der Waffenhandel von der hoch technisierten und industrialisierten Welt in Länder der "Dritten Welt". Wohl gibt es vereinzelte Kritik. Aber von einer Volksbewegung, die etwas verändern würde, sind wir noch weit entfernt.

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Kehren wir nochmals zu Ihrem speziellen Forschungsgebiet zurück, den geistesgeschichtlichen Rückwirkungen der Expansion auf Europa. Rufen nicht die aktuelle Globalisierungsdebatte und die Forderung nach einer internationalen Vernetzung der Universitäten danach, dieses Untersuchungsfeld um folgende Perspektive zu erweitern: Welches Bild entwarfen denn umgekehrt die überseeischen Kulturen von Europa und inwiefern schwingt dieses Bild heute in deren kollektiver Erinnerung noch nach?

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Natürlich gibt es auch Europa-Bilder in überseeischen Kulturen, und sie wären sicher lohnenswert für wissenschaftliche Untersuchungen. Spannend wäre etwa ein Vergleich von Europa-Vorstellungen innerhalb einer überseeischen Kultur in verschiedenen Epochen oder zwischen verschiedenen außereuropäischen Kulturen: also zum Beispiel die Vorstellung über Europa in Indien im 16. und 17. Jahrhundert und während der britischen Kolonialherrschaft oder in China während der Frühen Neuzeit und im 19. Jahrhundert. Weiter wäre interessant zu wissen, über welche Nachrichtenwege und Informationsmedien Eindrücke von Europa in Übersee verbreitet wurden und ob über die einheimischen Eliten hinaus andere Kulturangehörige von der Existenz Europas wussten. Auch wäre nach kulturtypischen Vorstellungsmustern und visuellen Programmen und ihrem Einfluss auf die Erfahrbarkeit des "fremden Europa" zu fragen.

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Aber solche Forschungen müssen, so scheint mir, von Vertretern dieser außereuropäischen Kulturen selbst unternommen werden. Hätten wir allerdings derartige Studien zur Verfügung, könnten wir als Europäer versuchen zu beurteilen, inwieweit das Wissen über unsere Geschichte und Kultur im Blick der "Anderen" getroffen, auf bestimmte Eigenheiten reduziert oder verzerrt ist. Dies könnte wiederum unseren Blick schärfen, wenn es um die Frage nach Subjektivität oder gar Authentizität in europäischen Reiseberichten geht – gerade dann, wenn diese Kulturen tangieren, die wie jene Altamerikas längst untergegangen sind.

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Gegenwartsbezüge verhelfen der Betrachtung historischer Prozesse zu besonderer Transparenz. Sie haben sich in Ihren Studien vor allem der Analyse gedruckten Quellenmaterials zugewandt, wenn man so will, dem ersten europäischen Massenmedium, über das seit der Frühen Neuzeit auch der Öffentlichkeit prägende Vorstellungen über fremde Kulturen vermittelt wurden – subjektiv, verzerrt, konstruiert und häufig genug als Text- und Bildbotschaft. Im Massenmedium der Gegenwart, im populären Spielfilm, passiert meines Erachtens Vergleichbares. Viele Historienfilme thematisieren europäisch-überseeische Begegnungen an exotischen Schauplätzen: "Out of Africa", "Seven Years in Tibet", "The New World" usw. Die Geschichtswissenschaft im deutschsprachigen Raum hat dem Historienfilm als Forschungsgegenstand erst in den letzten Jahren vermehrt Beachtung geschenkt, obwohl doch mit seiner meinungsmachenden Wirkung – ob Konstrukt hin oder trivial her – auf ein Millionenpublikum zu rechnen ist, nicht zuletzt bezüglich der Präsentation überseeischer Kulturen. Herrscht hier Nachholbedarf?

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Mit der Frage, wie überseeische Kulturen im Spielfilm, namentlich im Historienfilm, dargestellt werden, habe ich mich nie näher befasst. Wissenschaftliche Untersuchungen in dieser Richtung scheinen mir aber wichtig, letztlich auch für einen kritischen Medienkonsum überhaupt. Vertrauter ist mir das Gebiet der Widerspiegelung der überseeischen Welt in der Belletristik, ein Thema, das auch in Deutschland, etwa durch Janos Riesz an der Universität Bayreuth, aufgegriffen worden ist. Autoren wie Joseph Conrad oder Graham Greene haben in einigen ihrer Romane die Realität des europäisch-überseeischen Kulturkontakts in ihrer ganzen Komplexität ausgelotet. Die Lektüre dieser Bücher hilft, Imperialismus und Dekolonisation besser zu verstehen. Das Problem ist natürlich ein methodisches: Welchen Stellenwert dürfen solche "fiktiven" literarischen Schilderungen für das Studium der interkulturellen Beziehungen beanspruchen? Beim Film dürften die Probleme wohl ähnlich liegen.

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Ich denke, ein treffliches Beispiel für diesen berechtigten Anspruch haben Sie vorhin selbst mit Daniel Defoe genannt. Defoe's "Robinson" avancierte schon im 18. Jahrhundert zum Bestseller und zählt heute sogar zu den Klassikern der Jugendliteratur. Ist deshalb nicht damit zu rechnen, dass "Robinson Crusoe" das Bild – mit fließenden Grenzen hin zu vermeintlichem Wissen – von überseeischen Kulturen schon unter jungen Rezipienten mit prägt?

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Dieses Fallbeispiel verweist in der Tat nachdrücklich auf ein wichtiges Aufgabenfeld der Interkulturgeschichte: nämlich erstens den Ursprüngen und Quellen stereotyper "Bilder in unseren Köpfen" nachzuspüren – die wir, wenn wir ehrlich sind, alle kennen, vom Schwarzafrikaner genauso wie vom Südseeinsulaner, Indianer oder Chinesen –, zweitens die historische Genese solcher Vorstellungen zu analysieren und drittens ihre möglichen Folgen zu exemplifizieren. Mahnende und hässliche Beispiele dafür gibt es in der Überseegeschichte genug. Bei diesen möglichen Quellen spielen meiner Meinung nach neben der Belletristik dann auch Film oder Internet eine Rolle, während eine Kontinuität von Klischees und Vorurteilen über außereuropäische Kulturen zu vermuten steht, die sich bereits in der Frühen Neuzeit formierten und bis heute als "kollektives Wissenserbe" Europas fortleben. So gesehen, vermag Interkulturgeschichte auch Medienkompetenz zu vermitteln und zugleich Selbstreflexion als Part interkultureller Kompetenz zu schulen.

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Herr Bitterli, herzlichen Dank für dieses Interview.

Gesprächspartner:

Prof. em. Dr. Urs Bitterli
Universität Zürich
Historisches Seminar
Karl Schmid-Strasse 4
CH – 8006 Zürich

PD Dr. Annerose Menninger
Universität der Bundeswehr München
Fakultät für Staats- und Sozialwissenschaften
Historisches Institut
Werner Heisenberg-Weg 39
85577 Neubiberg
annerose.menninger@unibw.de

Im Interview erwähnte Schriften von Urs Bitterli:

Urs Bitterli: Die Entdeckung des schwarzen Afrikaners. Versuch einer Geistesgeschichte der europäisch-afrikanischen Beziehungen an der Guineaküste im 17. und 18. Jahrhundert, 1. Aufl., Zürich 1970, 2. Aufl., Zürich 1980.

Ders.: Die "Wilden" und die "Zivilisierten". Grundzüge einer Geistes- und Kulturgeschichte der europäisch-überseeischen Begegnung vom 15. zum 18. Jahrhundert, 1. Aufl., München 1976, 3. Aufl., München 2004; Taschenbuchausgabe München 1982; auf Spanisch: Los "salvajes" y los "civilisados". El encuentro de Europa y Ultramar, México 1981; auf Ungarisch: "Vadak" és "civilizáltak", Budapest 1982.

Ders.: Die Entdeckung Amerikas. Von Kolumbus bis Alexander von Humboldt, 1. Aufl., München 1991, 4. Aufl., München 1992; Taschenbuchausgabe München 1999.

Empfohlene Zitierweise:

Urs Bitterli / Annerose Menninger : "Das Eigene und das Fremde": Interkulturgeschichte als Selbsterfahrung. Annerose Menninger im Gespräch mit Urs Bitterli , in: zeitenblicke 8, Nr. 3, [23.12.2009], URL: http://www.zeitenblicke.de/2009/3/interview/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-21267

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