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"Medien machen Geschichte" und "Geschichte macht Medien". Beide Aussagen sind inzwischen so selbstverständlich, dass man kaum noch über ihren Kern nachdenkt. Denn Medien prägen unser tägliches Leben und beeinflussen unsere Weltwahrnehmung. Doch fügt man nur einziges Wort hinzu, verengt den Begriff "Geschichte" zu "Geschichtswissenschaft", dann werden beide Sätze zur Provokation: "Medien machen Geschichtswissenschaft" und "Geschichtswissenschaft macht Medien". Doch was meint das?

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Olaf Blaschke hat jüngst das Wechselverhältnis von Historikern und Verlegern untersucht. [1] Das Ergebnis seiner umfangreichen Studie lässt sich tatsächlich in zwei Kernsätzen zusammenfassen: "Verleger machen Historiker" und "Historiker machen Verleger". Geschichtswissenschaft, so die Argumentation von Blaschke, ist eingebunden in ein institutionelles Ensemble, das die öffentliche Wahrnehmung strukturiert. Wer mitspielen will, muss in der Lage sein, die Regeln der Aufmerksamkeit für sich auszunutzen. In diesem Sinne ist die doppelte Aussage "Medien machen Geschichtswissenschaft" und "Geschichtswissenschaft macht Medien" inzwischen also Grundlage einer aufschlussreichen Studie geworden.

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Im Folgenden geht es um eine andere Perspektive. Im Interview mit Stefan Haas (Göttingen) und in den Aufsätzen von Gabriele Lingelbach (Bamberg), Marcus Krajewski (Weimar), Henning Trüper (Zürich) und mir (Aachen) wird dargelegt, dass Geschichte auch deshalb immer neu und anders geschrieben wird, weil sich die Medien, deren sich die Geschichtswissenschaft im Erkenntnis- und Darstellungsprozess bedient, grundlegend wandeln. Die Tatsache, dass Geschichtsschreibung als Wissenschaft den Wechsel "der Menschen vom Biotop ins Technotop (Ropohl), von den organischen zu den […] technischen Lebenswelten" nachvollzieht, [2] macht notwendig, nicht nur über Fakten und Interpretation, Verstehen und Erklären nachzudenken oder die gesellschaftliche Gebundenheit historischer Erkenntnis zu betonen. Vielmehr gilt es, Geschichtswissenschaft auch in Hinblick auf das jeweils prägende sozio-technische System zu verorten. Medien und Technik (Beleuchtung, Verkehr, Computerprogramme usw.) waren und sind keineswegs neutral gegenüber der Historiographie, sondern Teil ihrer Arbeitsbedingungen (Quellen, Ordnungsinstrumente, Darstellungsformen). Die Geschichtswissenschaft nutzt die technischen Möglichkeiten ihrer Zeit, ist von ihnen abhängig und treibt sie voran (z. B. durch Anforderungen an Literaturverwaltungsprogramme). Man kann nicht über die nationale Verankerung der Geschichtswissenschaft bis in die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts klagen, wenn nicht zugleich die viel geringeren Möglichkeiten des Reisens, des Kopierens, der Fernleihbestellung usw. in Betracht gezogen werden. Der Geschichtswissenschaft sind also vielfache Grenzen gesetzt, Grenzen des Denk- und Sagbaren, Grenzen, die aus Personal- und Finanzausstattung resultieren, Grenzen, die aus den jeweiligen Sozialverhältnissen resultieren, aber auch Grenzen, die in Zusammenhang stehen mit dem sozio-technischen System einer Zeit. Von Technik und Medien handeln die folgenden Aufsätze und davon, wie Medien und Technik Geschichtswissenschaft geprägt haben.

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Stefan Haas erläutert in seinem Interview, warum Geschichtswissenschaft sich heute den audiovisuellen und den Neuen Medien öffnen muss und welche Herausforderungen für das Geschichtsstudium daraus resultieren.

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Gabriele Lingelbach gibt einen Überblick über den medialen Wandel in den letzten zwanzig Jahren und zeigt, wie sich hierdurch das Geschichtsstudium und die Geschichtsforschung geändert haben.

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Ich selbst versuche etwas Ähnliches, nehme allerdings – unter der Gefahr grober Vereinfachung – einen größeren Zeitabschnitt in Augenschein, nämlich die Zeit von der Aufklärung bis in die Gegenwart, und versuche charakteristische Trends und Wandlungen im Feld der Geschichtswissenschaft herauszuarbeiten.

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Marcus Krajewski und Henning Trüper zeigen am Beispiel des Zettelkastens als universalem Ordnungsinstrument um 1900, wie die ganz unterschiedlichen Herangehensweisen von François Louis Ganshof, Johan Huizinga und Franz Maria Feldhaus verschiedene Arten der Geschichtsschreibung unterstützten.

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Auch für die Geschichtswissenschaft gilt, dass Technikgenese, "Design" und Technikkonsum aufeinander bezogen sind. Technik determiniert nicht, sondern schafft Möglichkeitsräume. Eine Geschichte der medialen und technischen Kultur der Historiographie ist demnach nur als Geschichte von technischen Artefakten und deren Nutzern zu schreiben. Von Öllampen, Gasleuchten, Exzerptheften, Zettelkästen, Tafeln, Overheadprojektoren, Computern, Eisenbahnen, Dampfschiffen, Flugzeugen, Mikrofilmen, Fotokopierern, Taschenbüchern, Hypertexten und E-Mails gilt es zu berichten, aber auch von Historikern und Historikerinnen, die die technischen Artefakte nutzten, und zwar in jeweils eigener Weise. Das macht die Aufgabe interessant und lebendig, freilich nicht einfacher.

Aachen, im Juni 2011
Armin Heinen



[1] Olaf Blaschke: Verleger machen Geschichte. Buchhandel und Historiker seit 1945 im deutsch-britischen Vergleich, Göttingen 2010.

[2] Ulrich Wengenroth: Was ist Technikgeschichte? (Entwurf 1), 1998, 2-3, (unveröffentlichtes Manuskript), zitiert in: Rolf-Jürgen Gleitsmann / Rolf Ulrich Kunze / Günther Oetzel: Technikgeschichte, Konstanz 2009, 33.

Empfohlene Zitierweise:

Armin Heinen : Zu dieser Ausgabe , in: zeitenblicke 10, Nr. 1, [09.08.2011], URL: http://www.zeitenblicke.de/2011/1/Einfuehrung/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-30572

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