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Abstract

Der norddeutsche Mathematiker und Landvermesser Carsten Niebuhr (1733-1815) bereiste zwischen 1761 und 1767 mit einer Gruppe von Forschern im Auftrag des dänischen Königs die arabische Halbinsel und brachte von dort umfangreiche Forschungsergebnisse und -berichte zurück. Diese wurden von geographischer wie von philologischer Seite als "bahnbrechend" bezeichnet und verschafften ihm in Europa hohes Ansehen. Während in der jüngeren Forschung insbesondere die Frage diskutiert wird, wie objektiv oder 'orientalistisch' (im Sinne E. Saids) die von Niebuhr gelieferten Beschreibungen sind, dominierte bei den Zeitgenossen eher das Bild vom "arabophilen" Niebuhr, wie es sein Sohn, der Historiker Reinhold Niebuhr, in einer biographischen Skizze überliefert hat. Ausgehend von dieser Präsentation Niebuhrs steht im Mittelpunkt des Beitrags die Frage, welche Emotionen Niebuhrs Reise- und Grenzerfahrungen begleiteten und wie eine besondere emotionale Bindung des Forschungsreisenden zu seinem bis dahin unbekannten und fremden Gegenstand erklärt werden kann. Dabei spielt das Konzept der 'inneren Akkulturation' eine zentrale Rolle, durch die der Reisende sich emotional wie kognitiv in die Lage versetzte, Fremdes furchtlos zu betrachten und kulturelle Grenzen zu überschreiten. Letztlich zeigt sich dabei eine weitestgehende Geringschätzung von Gefühlen und starken Emotionen – die lediglich dem minderwertigen Pöbel oder unerfahrenen (Pilger-)Reisenden zugeschrieben werden – zugunsten jener 'wahren Freundschaft', die Niebuhr, ganz im Sinne des aufklärerischen Konzepts der 'respublica litteraria', mit wissensdurstigen und der Wissenschaft aufgeschlossenen (sozial hochstehenden) Arabern verband, welche ihm und seinen Begleitern auf ihrer Reise begegneten.

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Der norddeutsche Mathematiker und Landvermesser Carsten Niebuhr (1733-1815) [1] bereiste zwischen 1761 und 1767 mit einer Gruppe von Forschern im Auftrag des dänischen Königs die arabische Halbinsel und brachte von dort umfangreiche Forschungsergebnisse und -berichte zurück. Diese wurden von geographischer wie von philologischer Seite als "bahnbrechend" bezeichnet und verschafften ihm in Europa hohes Ansehen.

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Während in der jüngeren Forschung insbesondere die Frage diskutiert wird, wie innovativ, objektiv oder 'orientalistisch' (im Sinne Edward Saids) die von Niebuhr gelieferten Beschreibungen der diversen von ihm bereisten und beschriebenen Länder und Kulturen sind, [2] dominierte bei den Zeitgenossen eher das Bild vom "arabophilen" Niebuhr, wie es sein Sohn, der Historiker Barthold Heinrich Niebuhr, in einer biographischen Skizze überliefert hat, die auch der modernen Ausgabe des Niebuhr'schen Reiseberichts (von 1992) vorangestellt ist. [3] Anlässlich des Besuchs des Gesandten Abderrahman Aga aus Tripolis in Kopenhagen 1772 wurde, so berichtet Niebuhr junior, auch der Vater als Kenner der arabischen Sprache und Sitten aufgeboten, was diesen mit großer Freude erfüllt habe: "Mein Vater, der für die Morgenländer ein landsmännisches Gefühl nährte, hatte ihn besucht, freute sich einer Gelegenheit, Arabisch zu hören und zu reden und der schon entbehrten Gewohnheit wieder zu genügen, Gegenden der arabischen Welt, die er selbst nicht besucht, durch Erkundungen von Einheimischen kennenzulernen." [4]

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Und weiter führt Niebuhr junior aus: "Ich erinnere mich sehr lebhaft mancher Erzählungen vom Weltgebäude und vom Orient aus den Kinderjahren, wenn er den Knaben besonders abends vor dem Schlafengehen auf den Knien hielt und ihn damit anstatt Märchen speiste. Die Geschichte Mohammeds, der ersten Khalifen, namentlich Omars und Alis, für die er die tiefste Verehrung hatte, die der Eroberungen und Ausbreitung des Islam, die der Tugenden der damaligen Heroen des neuen Glaubens, die Geschichte der Türken, prägten sich mir früh und mit höchst anmutigen Farben ein." [5]

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Niebuhrs emotionale Hinwendung zu seinem "Forschungsgegenstand" Arabien war offenbar auch für die Zeitgenossen bemerkenswert. Ich möchte im Folgenden diese "Liebe zu Arabien" genauer unter die Lupe nehmen, und zwar anhand der von Niebuhr senior in den Jahren 1774-1778 publizierten, dreibändigen "Reisebeschreibung nach Arabien und andern umliegenden Ländern". Dabei möchte ich zunächst nach Grenzziehungen Ausschau halten, wie sie in der Reisebeschreibung auffindbar sind, und in einem zweiten Schritt dann nach Grenzüberschreitungen bis hin zur Überwindung des Fremd-Seins durch "landsmännische Gefühle" suchen.

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Es geht mir nicht zuletzt darum, die lange Zeit in der Reiseliteraturforschung dominierende Frage nach der "Fremdwahrnehmung" historisch-anthropologisch um die Dimension des Emotionalen zu erweitern, also der physischen und psychischen Implikationen, die Reiseerfahrungen immer auch hatten und haben, die aber bislang in der Forschung gegenüber den kognitiven bzw. wissenschaftlichen Aspekten bzw. den sich wandelnden Formen der Beschreibung von Fremdheit (etwa im Sinne von Fremdbildern oder Alteritätskonstruktionen) eher im Hintergrund blieben. [6] Dabei geht es mir jedoch nicht darum festzustellen, welche Gefühle Niebuhr "wirklich" beseelten oder welche er nur um rhetorischer Effekte willen oder als genrebedingte Topoi in seinen Bericht einfließen ließ. Es geht vielmehr darum, die Bedeutung von Emotionen für Grenzerfahrungen und Grenzüberschreitungen aus der Sicht eines Forschungsreisenden um die Mitte des 18. Jahrhunderts zu rekonstruieren, den schließlich sogar "landsmännische Gefühle" für einen Europäern bis dahin praktisch unbekannten Landstrich erfassen konnten, ohne dass seine Zeitgenossen dies für unglaubwürdig, unangemessen oder übertrieben hielten. [7]

1. Stil und Szenarien

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Carsten Niebuhr hatte seinen Reisebericht nach erfolgreichem Abschluss einer insgesamt sechsjährigen Rundreise als Dokument seiner Erfahrungen und Erlebnisse für ein breiteres, gebildetes Publikum verfasst. Die Reise selbst, die der dänische König finanziert hatte, war eine für das 18. Jahrhundert typische Forschungsreise gewesen, auf der eine fünfköpfige Gruppe von Wissenschaftlern (inklusive einem Zeichner) das bis dahin unbekannte 'Arabia felix' – den heutigen Jemen und die arabische Halbinsel – erforschen sollte, zumindest, soweit dies "Ungläubigen" möglich war. Niebuhr kehrte als einziger von dieser Expedition zurück; seine Begleiter waren unterwegs der Malaria zum Opfer gefallen. [8] So fühlte er sich nicht nur als Sachwalter der von dem Wissenschaftlerteam zusammengetragenen Erkenntnisse und Materialien, sondern gleichsam als 'Entdecker' Arabiens. Entsprechend ausführlich berichtet er denn auch über seine Zeit und seine Erlebnisse in 'Arabia felix' in seiner Reisebeschreibung, der man ihre Herkunft aus einer detaillierten wissenschaftlichen Tagebuchführung an vielen Stellen noch deutlich anmerkt.

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In seinem knapp gehaltenen Vorwort unterstreicht Niebuhr die Absicht, möglichst nüchtern und objektiv berichten zu wollen – auch auf die Gefahr hin, sein Lesepublikum zu langweilen. "Diejenigen, welche die Reisebeschreibungen bloß zum Zeitvertreib lesen, finden gemeiniglich daran das größte Vergnügen, wenn der Reisende ihnen viele Nachrichten gibt, wie er die fremden Nationen im Umgange gefunden, was er für Beschwerlichkeiten ausgestanden hat und dergleichen. Ich muß gestehen, dies ist unterhaltender als die trockene Beschreibung von der Lage der Städte und der Wege, die man gereiset ist, und ich hätte leicht von jenen gefälligen Merkwürdigkeiten mehr aufzeichnen können. Ich würde dabei nicht so viele Mühe und Gefahr gehabt haben, als bei der Entwerfung so vieler Grundrisse von Städten und der Reisekarte. Ich würde aber auch, wann ich jenes getan und hierin etwas versäumt hätte, die Absicht dieser Reise nicht erfüllet haben. [...] mir war, wie schon gesagt, hauptsächlich die Erdbeschreibung aufgetragen, und inwieweit ich hierin meine Pflicht erfüllt habe, darüber lasse ich diejenigen urteilen, welche wissen, wie viel dazu erfordert wird, in einem fremden Lande geographische Nachrichten zu sammeln, und was man vorher von Arabien gewusst hat. Von dieser Seite glaube ich mit mir nicht unzufrieden sein zu dürfen, nur wünschte ich, dass ich dem Leser meine gesammelten Nachrichten in einer angenehmern Schreibart hätte vortragen können." [9]

<8>

Niebuhr lehnte sich bei seiner Reisebeschreibung eng an jenen wissenschaftlichen Bericht an, den er kurz zuvor über die Reise und ihre Erträge verfasst hatte, [10] versuchte aber mit seinem bewusst nüchternen Stil auch für die Wahrhaftigkeit der von ihm zum Teil erstmalig berichteten Erfahrungen und Erkenntnisse zu werben. [11] Dennoch – oder vielleicht sogar deshalb: Der Bericht wurde kein großer Erfolg, im Gegenteil, der dritte Band wurde schließlich erst posthum veröffentlicht, weil die ersten beiden Bände beim Lesepublikum auf wenig Begeisterung stießen und dadurch zu einem eklatanten wirtschaftlichen Misserfolg führten.

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Auch der modernen Leserin verlangt der eifrige Geometer mit seinem Reisebericht einiges an Geduld ab. Seine Darstellung ist – vor allem angesichts der Pionierleistung der Arabienreise, aber auch der teilweise dramatischen Umstände der Forschungsexpedition, die seine Mitreisenden allesamt das Leben kostete – an Nüchternheit kaum zu überbieten. Selbst in emotional bewegenden Momenten bleibt Niebuhr geradezu irritierend sachlich. Bei der Schilderung des Todes seiner Reisegefährten, insbesondere seines "Freundes Forskal", der ihm bei seinen arabischen Sprachstudien behilflich gewesen war, und der ihm auch altersmäßig sowie vom wissenschaftlichen Engagement her am nächsten stand, erwähnt er seine persönlichen Gefühle nicht. Sein Hauptaugenmerk gilt hier den Schwierigkeiten, die ein christliches Begräbnis im jemenitischen Alltag darstellte. [12]

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Lediglich eine nüchterne und formal strenge Würdigung der Leistungen der Verstorbenen für die Expedition und damit für den Fortschritt der Wissenschaften markiert den Übergang von den Lebenden zu den Toten. [13] So erweckt Niebuhr mit seiner Darstellung der Expeditionserfahrungen letztlich den Eindruck, es handle sich hier um ebenso heroische wie patriotische Akte – patriotisch allerdings weniger im Sinne der nationalen als vielmehr der wissenschaftlichen 'Heimat' –, die mit Gleichmut und absoluter Selbstbeherrschung und vor allem ohne viele Worte ertragen, ja, durchlitten werden müssten. Und auch Liebe, Freude, Angst, physischer Schmerz, Ärger, Frustration oder Kummer werden im Bericht nur höchst selten zum Ausdruck gebracht. [14]

2. Grenzziehungen

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Umso bedeutsamer sind deshalb die wenigen Textstellen, in denen von solchen Gefühlen die Rede ist. Diese erscheinen vor allem im Zusammenhang von Begegnungen mit 'dem' bzw. 'den Fremden' – und dies sind insbesondere jene "Morgenländer", von denen das Buch ja im Wesentlichen handelt. Bei jeder erstmaligen Begegnung mit 'Fremden' finden sich Hinweise auf Angst und Misstrauen – etwa bei der Ankunft der Gruppe in Griechenland, [15] in Konstantinopel [16] oder schließlich auf der arabischen Halbinsel: "Wir haben uns nirgends vor den Einwohnern einer Stadt so sehr gefürchtet als in Dsjidda. Weil man den Europäern in Ägypten mit so vieler Verachtung begegnet, so glaubten wir, dass der Eifer der Mohammedaner gegen die Christen sich immer mehren würde, je mehr wir uns den von ihnen für heilig gehaltenen Städten näherten. [...]." [17]

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Die schärfste Grenzziehung wird also zunächst durch diese Angsterfahrung markiert – und diese trennt vorerst das Eigene, Christlich-Europäische vom Fremden, "Mohammedanisch-morgenländischen". Hierfür gibt Niebuhr sowohl eigene Erfahrungen als auch allgemeine Beobachtungen über das Verhalten von Europäern im Orient wieder, etwa wenn er angesichts seiner durchweg positiven Erfahrungen bei Ausflügen ins Umland von Kairo bemerkt, es sei die – in der Regel unbegründete – Furcht vor dem Fremden, die die meisten "Europäer, welche in diesen Gegenden reisen", unnötiger Weise jede Menge Zeit und Geld koste. „Die nächste Folge dieser Einbildung besteht oft darin, dass ein Bedienter von der obrigkeitlichen Person, zu der man sich gewendet hat, den ersten Schiffer holet, den er nur antreffen oder von dem er ein Geschenk erwarten kann, und dieser [...] glaubt sein Glück gemacht zu haben. Er versäumt keine Gelegenheit, wo er etwas gewinnen oder wo er sich demjenigen, welcher ihm anvertrauet ist, notwendig machen kann; und um seinen Eifer recht zu zeigen, unterlässt er nicht einen jeden Schritt auch da, wo nichts zu fürchten ist, für gefährlich auszugeben." [18]

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Die Fremdheit des "Morgenländischen" kann sich aber auch auf orientalische Christen beziehen, deren Kirchen dem "europäischen Auge" wenig angenehm ausgestaltet, ja geradezu hässlich erscheinen, ganz so wie orientalische Musik oder das dortige Theater, aber auch wie Wohnhäuser und Straßenzüge, die Niebuhr als eng und äußerlich wenig ansprechend beschreibt. [19]

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Diese Trennungslinie wird noch unterstrichen durch die Abwehr, Verachtung und Abwertung, die seitens der "Morgenländer" gegenüber den "Europäern" praktiziert bzw. empfunden wird – etwa in Kairo, wo sich Europäer wegen ihrer seltsamen Kleidung dem öffentlichen Spott ausgesetzt sehen, [20] oder wo die Expeditionsmitglieder – ebenso wie die einheimischen Christen und Juden – von ihrem Reittier absteigen mussten, um einem vorbeireitenden muslimischen Würdenträger die Ehre zu erweisen. [21] Diese Abgrenzung kann sich bis zur hysterischen Furcht vor Mord und Totschlag steigern – und zwar auf beiden Seiten: Als beim Zoll in Moccha die seltsamen Waren der forschungsreisenden Europäer begutachtet wurden – unter anderem auch Schlangenpräparate und andere Meerestiere –, kam der Verdacht auf, man wolle die Einwohner der Stadt vergiften. Die Forscher entkamen danach nur mit Mühe der Wut des "Pöbels", wie Niebuhr berichtet. [22] Umgekehrt sahen sie sich nicht selten hilflos der gastgebenden Staatsmacht ausgeliefert, so etwa im südlichen Jemen, wo sie einer Streitmacht von 500 bis 600 Mann gegenüberstanden, deren Befehlshaber ihnen den Weg in ein nahegelegenen Gebirges verwehren wollte. [23]

3. Praktische Möglichkeiten der Grenzüberschreitung

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Gegen solche Gewalterfahrungen, aber auch gegen Schikanen seitens der türkischen und arabischen Behörden half in der Regel die Solidarität der Europäer – sei es bei der Beisetzung christlicher Reisender im "fernen" Morgenland (etwa in Ägypten oder im Jemen), sei es durch Informationen oder direkte Vermittlung. Hier waren es häufig ortsansässige Griechen oder andere Europäer, die schon länger im "Morgenlande" lebten und Handel trieben, [24] aber nicht selten auch orientalische Juden, deren prekärer Status als "Religionsfremde" für die europäischen Reisenden ein Moment der Solidarität darstellte. Gerade die Kenntnisse und Beziehungen der Juden zur lokalen Obrigkeit waren für die Expedition oft von großer Nützlichkeit. Neben den unersetzlichen Diensten von solchen lokalen Maklern und kulturellen Vermittlern und Vermittlungen aller Art – angefangen von Empfehlungsschreiben über die Hilfe ortsansässiger Europäer bis hin zu jüdischen Kaufleuten und schließlich muslimischen Ortskundigen – unterstreicht Niebuhr insbesondere drei Aspekte der kulturellen Grenzüberschreitung, die die Reisenden selbst zu leisten hatten:

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Zum einen war dies die äußerliche Anpassung an die örtlichen Gegebenheiten, so etwa in Kleidung, Ernährung [25] und sonstiger Lebensweise. Tatsächlich ließen sich die Forschungsreisenden schon in Istanbul (das Niebuhr konstant "Konstantinopel" nennt, während er alle anderen Orte, etwa Kairo, mit dem arabischen Namen bezeichnet – Kahira) die Kleidung "vornehmer Türken" anfertigen, die sie dann so lange trugen, bis ihnen in der Hitze Arabiens die formlosere arabische Kleidung angenehmer erschien. Dort mussten sie auch ihre Ernährungsgewohnheiten stark anpassen – ein Problem indes, das ihnen auch einiges abforderte, während die orientalisierte Kleidung offenbar eher eine angenehme Veränderung des Körpergefühls bewirkte. [26] Zum zweiten – und wesentlicher noch – unterstreicht Niebuhr die Bedeutung, die Sprachkenntnissen im interkulturellen Austausch zukommt – und zwar in alle Richtungen:

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"Wenn ein nach den Morgenländern reisender Europäer etwas von der Landessprache weiß, so hat er schon viel gewonnen, aber wenn er einigermaßen mit Bequemlichkeit reisen will, so braucht er auch Bediente, die schon verschiedene Reisen in diesen Ländern gemacht haben..." [27] Tatsächlich begegnet das Thema "Erwerb von Sprachkenntnissen" in Niebuhrs Reisebericht an zahlreichen Stellen – man kann gut nachvollziehen, welche Befriedigung er aus der Verbesserung seiner Arabischkenntnisse jeweils zog. Sie ermöglichten ihm Rechercheerfolge, die er nur auf diesem Wege erzielen konnte; den für Asienreisende zu dieser Zeit sonst eher üblichen Rückgriff auf Dolmetscher konnte er so vermeiden und sich einen direkteren Eindruck von seinen Gesprächspartnern und ihren Lebensverhältnissen verschaffen. [28]

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Drittens macht Niebuhr unmissverständlich deutlich, dass durch finanzielle Mittel und hohes Sozialprestige vieles möglich war, was sonst wohl unmöglich gewesen wäre. Ähnlich wie das Thema sprachliche Verständigung zieht sich das Thema Geld, in Form von Geschenken, Entlohnung oder anderer Ausgaben, wie ein roter Faden durch den Bericht – und zwar gilt dies für alle, sowohl für die Reisenden wie auch für die bereits im Orient ansässigen Europäer.

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"Vor nicht gar vielen Jahren war ein reicher engländischer Konsul in dieser Stadt [Kairo, C.O.], der sich wie ein vornehmer Türk kleidete und auch beständig zu Pferde ritt. Sein Vermögen setzte ihn in den Stand, dass er sich von den vornehmen Kahirinern bewirten lassen und sie wieder bewirten konnte. Wenn er auf der Straße erschien, so teilte er reichlich Almosen aus, und der Pöbel sah ihn gerne." [29]

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Auch Niebuhr selbst und seine Gefährten machten von Geschenken oder bisweilen auch Bestechung Gebrauch, um ihren Reisezielen näher zu kommen, so etwa, wenn sie Einheimischen für Informationen Geld anboten – ein Mittel, das insbesondere bei "armen Gelehrten" probat erschien und das Niebuhr in Kairo wie auf der arabischen Halbinsel erprobte. Aber auch, um lokale Machthaber oder deren Beamte für sich einzunehmen, erwiesen sich 'Geschenke' aller Art als nützlich. Nicht zuletzt waren "gute Worte" Niebuhrs Erfahrung nach eine Möglichkeit, sich wichtige Informationen zu verschaffen, zusätzlich oder jenseits von kleinen pekuniären Anerkennungen.

4. 'Innere Akkulturation' oder: Die Überwindung der Angst vor dem Fremden

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Vor allem aber ist es ein vierter Aspekt, der als Moment der Grenzüberschreitung wichtig erscheint und der gleichsam einen "dritten Raum" zwischen den Interessen- und Erfahrungsfronten von "Eigenem" und "Fremdem" darstellt. Es ist dies eine Haltung, die ich als 'innere Akkulturation' bezeichnen möchte, und die mir bei Niebuhr als besonders typisch für einen Forschungsreisenden der Aufklärungszeit erscheint. [30] Diese 'innere Akkulturation' beruht auf einem grundsätzlichen Infragestellen der bekannten Grenzziehungen – und beginnt (auch zeit-räumlich) infolge der zentralen Bedeutung der religiös-kulturellen Grenzlinie mit dem Unterstreichen von religiöser Offenheit und Toleranz bzw. dem "vernünftigen Gebrauch der Religion". [31] Schon in die Schilderung des ersten Kontakts mit Muslimen, auf dem See-Weg nach Istanbul, bringt Niebuhr diesen Grundsatz in seinen Bericht ein:

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"Im Disputieren über die Religion zeigte [der ägyptische Schreiber, C.O.] sich als ein wahrer Mohammedaner. Einer aus unserer Gesellschaft wollte ihn von der Wahrheit der christlichen Religion überzeugen. Der Schreiber stand gleich auf und sagte, dass diejenigen, welche außer Gott noch andere Götter glaubten, Ochsen und Esel wären und ging gleich zur Türe hinaus. Der gute Mann gab uns dadurch eine Erinnerung, einen jeden glauben zu lassen, dass seine Religion die beste sei, solange er selbst nicht daran zweifelt. Ich hielt es nicht für meinen Beruf, Proselyten zu machen. Aber wenn ich mich nachher bei vernünftigen Mohammedanern nach den Grundsätzen ihrer Religion erkundigte, so erzählte ich ihnen bisweilen auch von dem Christentum, ohne zu behaupten, dass es besser wäre als die Lehren, welche im Koran vorgetragen werden, und keiner ist darüber in Eifer geraten." [32]

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Diesem vernünftigen Grundsatz der religiösen Toleranz stehen das aktive Missionieren und der leidenschaftliche Streit um die "wahre Religion" konträr gegenüber, welche aus Sicht des Aufklärers notwendig in Konflikt und Auseinandersetzung münden und eigentlich nur Sache des ungebildeten "Pöbels", gewissenloser Geschäftemacher oder allenfalls rückständiger Katholiken sind. So kann es sich der Protestant Niebuhr nicht verkneifen, bei jeder Gelegenheit die 'eigenen, aber dennoch fremden' Katholiken zu denunzieren – und damit gleichzeitig die Muslime zu rehabilitieren:

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"Die Katholiken hatten [einem ägyptischen Schreiber, C.O.] ebenso große Ungereimtheiten von den übrigen Christen erzählt, als die Sunniten von andern mohammedanischen Sekten zu erzählen pflegen. Ich fragte ihn einmal, ob man in den Ländern des Sultans noch Heiden fände, und er antwortete: Deren sind viele in Deutschland und Ungarn, sie heißen daselbst Lutheraner, sie wissen gar nichts von Gott und seinen Propheten usf." [33] Mit dieser entlarvenden Bemerkung war aus der Sicht Niebuhrs und seiner Leser also schon eines der hauptsächlichen "Minenfelder" inter-kultureller Verständigung, die vor allem auf religiöser Differenz basiert, entschärft.

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Des Weiteren besteht die 'innere Akkulturation' des Aufklärers Niebuhr im Kampf gegen Vorurteile aus der Herkunftskultur, der durch das rationalisierende Erklären von Fremdem ebenso geführt werden kann wie durch das Widerlegen nicht zutreffender Beobachtungen älteren Datums und anderer Reisender. Beides führt schließlich zu jener emotionalen Beruhigung, zum Abbau von Ängsten und jener Furchtsamkeit, die Niebuhr an anderer Stelle als primäre und weit verbreitete Gefühlsäußerung der Europäer angesichts muslimischer "Fremder" konstatiert.

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"Ich war zufrieden, dass ich die Araber ebenso menschlich fand als andere gesittete Nationen, und ich habe in allen Ländern, die ich besucht habe, angenehme und unangenehme Tage gehabt, so wie es jeder Reisende erwarten muß," betont Niebuhr in seinem Vorwort. Und genau dies zu beweisen, ist denn auch eines der wichtigsten Anliegen der Reisebeschreibung, wo der Autor keine Gelegenheit auslässt, das in der Tat höchst negative Image der von ihm Erforschten zu verbessern und "seine" Araber in ein positiveres Licht zu setzen, denn: "Die Araber sind nicht so fürchterlich, als wir Europäer sie gemeiniglich finden, bevor wir ihre Denkungsart kennen und ihre Sprache reden können". [34]

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Vielfach nämlich sind die Motive der "Fremden" weder hinterhältig noch unvernünftig, sondern ihre Vorstellungen und Praktiken sind bei näherem Hinsehen ebenso rational wie zielführend und nicht selten sind sie den europäischen Sitten – oder vielmehr Unsitten - noch deutlich überlegen. So etwa auch, wenn man die orientalische Badekultur genauer betrachtet:

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"[Die öffentlichen Bäder haben, C.O.] Bediente, wovon jeder seine besonderen Verrichtungen hat. Die Zeremonien, welche diese mit einem, der sich baden will, vornehmen und die schon von andern weitläufig beschrieben worden sind, scheinen einem neu angekommenen Europäer so besonders, dass er glauben muß, sie wollen ihn zum Gelächter haben. Aber die Morgenländer sind hierzu nicht aufgelegt, sondern man kann nur alles mit sich machen und sogar alle Glieder ausstrecken lassen, und man wird sich wohl darnach befinden." [35]

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Eine ganz wesentliche Dimension kultureller Grenzüberschreitung und der 'inneren Akkulturation' ist deshalb, so lässt sich Niebuhrs Reisebericht resümieren, das Zurückweisen von falschen Grenzziehungen und Ängsten, die den Kontakt nur erschweren und die Bewegungsfreiheit in der vermeintlichen Fremde einschränken. [36] Diese aber ist das Ergebnis eines längeren und bisweilen durchaus belastenden Lernprozesses. Denn neben einer grundsätzlichen Offenheit gegenüber dem Neuen ist dafür auch die Dauer des Aufenthalts und die dadurch erworbene Gewohnheit im Umgang mit dem/den Fremden wichtig. [37] Die lange Dauer hilft einerseits beim Spracherwerb und damit bei der Verbesserung der Kommunikation. Andererseits – und vor allem – erleichtert sie den angemessenen Umgang mit den 'fremden' Orientalen, die dann bald gar nicht mehr so fremd erscheinen – und dies gilt, so versichert Niebuhr, für alle, nicht nur für die Gelehrten: "Es ist nicht allemal die Vermutung großer Gelehrsamkeit, was einen Europäer bei den Mohammedanern beliebt macht, weit mehr trägt es dazu bei, wenn er sich nach ihren Sitten bequemen kann." [38]

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Allerdings ist die Macht der Gewohnheit nicht ohne Weiteres zu brechen; in Konflikt- und Krankheitsfällen bleibt auch beim Langzeitreisenden Niebuhr und seinen Begleitern die habituell verankerte europäische Lebensweise das Maß aller Dinge. So konstatiert Niebuhr im Sommer 1761, nach fast einem Jahr auf der arabischen Halbinsel: "Wir waren schon so sehr nach der arabischen Manier zu leben und zu reisen gewohnt, dass wir es gar nicht mehr unbequem fanden, solange wir gesund waren. Allein jetzt lerneten wir, wie betrübt es sei, in jenen Ländern krank zu werden, ohne etwas auf europäisch zu essen oder zu trinken erhalten zu können... ." [39]

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Insofern gibt es auch Grenzen der 'inneren Akkulturation'. Diese liegen einerseits in der Überforderung durch die fremde Lebensweise und das ungewohnte Klima, die immerhin Niebuhrs Begleiter allesamt das Leben kosten sollten, trotz ihrer weitgehenden Anpassungsfähigkeit und trotz der ansonsten auch von Niebuhr so hochgerühmten Fähigkeiten und Kenntnisse des mitgereisten europäischen Arztes Cramer, der 1764 in Bombay an der Malaria starb. Die Überwindung der Kulturgrenzen ist insofern auch keine einfache Aufgabe; sie erfordert sozusagen den "ganzen Mann" und eine große Härte den eigenen Bedürfnissen, Gefühlen und Gewohnheiten gegenüber. [40]

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Die Schwierigkeit liegt dabei andererseits darin, der Verführung zu widerstehen, das mitgebrachte 'Eigene' völlig zu verleugnen und zurückzulassen, in der Annahme des Anderen als Eigentlichem und Eigenem – und der gleichzeitigen Übernahme der damit verbundenen Grenzziehungen gleichsam von der anderen Seite aus. Die Verkörperung dieser "selbstvergessenen" Grenzgänger sind die "Renegaten" – zum Islam übergetretene Europäer –, von denen Niebuhr fast in allen Städten Arabiens einige findet. Sie werden jedoch in der Regel als eher unsympathische Zeitgenossen geschildert – selbst wenn es Ausnahmen gibt, wie etwa jenen "Italiener, welcher in seinen jüngern Jahren ein angesehener Kaufmann in Kahira gewesen war, aber wegen seiner Schulden nicht wieder nach seinem Vaterlande hatte zurückgehen können, sondern sich entschlossen hatte, ein Mohammedaner zu werden. [...] Er bezeigte sich also noch immer sehr freundschaftlich gegen die Europäer, ohngeachtet er schon viele Jahre ein Mohammedaner gewesen war. Die gemeinen Renegaten pflegen sonst gemeiniglich größere Feinde der Europäer zu sein als die geborenen Mohammedaner." [41]

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Niebuhr selbst jedenfalls und seine Begleiter versuchten nach Möglichkeit, nicht als Renegaten zu gelten; in Moccha etwa vermieden sie zunächst den Kontakt mit englischen Kaufleuten, weil sie fürchteten, "dass diese uns aus unserem Aufzuge für Landstreicher oder Renegaten und nicht für ehrliche Europäer halten möchten." [42] Nach gut zweijährigem Aufenthalt in der muslimisch-arabischen Welt war ihnen offenbar 'von außen', das heißt von Seiten weniger gut integrierter Europäer, die kulturelle Zugehörigkeit nicht mehr eindeutig anzusehen.

5. Von der Liebe zu den "freiheitsliebenden Arabern"

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Letztlich aber gab es zu keiner Zeit Zweifel an der kulturellen Zugehörigkeit – die Überlegenheit der europäischen Wissenschaften, die sich etwa in der enormen Bedeutung der mitgebrachten Messgeräte und der ungebrochenen Anerkennung der geographischen, astronomischen wie auch medizinischen Kenntnisse der Expeditionsteilnehmer niederschlug, und über die Niebuhr jeweils sehr ausführlich berichtet, halfen ihm offenbar über alle Selbstzweifel und gesundheitlichen Probleme hinweg. Niebuhr und seine Gefährten hatten eine eigene, höhere Mission zu erfüllen, die weit über den kleinlichen Konflikten um die "wahre Religion" oder die richtige Alltagsgestaltung lag, die aber auch Handelsbeziehungen, wirtschaftliche Interessen und politische Konflikte weit hinter sich ließ. Von dieser erhöhten Warte aus konnte es sich Niebuhr leisten, die üblichen Grenzmarkierungen zu ignorieren – bis hin zu einer so starken auch emotionalen Annäherung, dass man zurecht vom "arabophilen" Niebuhr sprechen kann, der sich konsequent zum Anwalt der bis dahin übelbeleumdeten Bewohner der arabischen Halbinsel machte.

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Er rühmt ihre Höflichkeit, ihre Gastfreundschaft, ihren Mut, ihre Kaltblütigkeit angesichts von Katastrophen und Gefahren [43] und schließlich auch die imponierende Ordnung, die unter den teilweise schwierigen klimatischen und politischen Bedingungen, die auf der arabischen Halbinsel herrschten, umso mehr hervorzuheben war. [44] Vor allem aber lobt er das große Interesse, das insbesondere einige Vertreter der Oberschicht den Forschungen der europäischen Reisenden entgegenbrachten und aus dem sich schließlich, laut Niebuhr, echte Freundschaft entwickelte. [45]

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Ein gelehrter Schreiber aus Kairo beispielsweise wurde zu einem unverzichtbaren Mittelsmann und gelehrten Freund der Orientreisenden. Er "war aus der europäischen Türkei gebürtig und hatte schon in seinem Vaterlande und zu Konstantinopel viel von dem Vorzug gehört, den die Europäer vor den Mohammedanern in den Wissenschaften haben. Weil er weder unsere Bücher lesen konnte noch Umgang mit solchen Europäern gehabt hatte, die sich auf Wissenschaften gelegt und dabei morgenländische Sprachen redeten, so suchte er unsere Bekanntschaft und kam sehr fleißig zu uns. Ob er gleich eifriger Mohammedaner war, so war er doch nichts weniger als abergläubisch oder stolz gegen fremde Religionsverwandte, sondern ein wahrer Menschenfreund und ein ehrlicher Mann. [...] Wir hatten nicht weniger Vorteil von seinem Umgange als er von dem unsrigen; denn wir übten uns nicht nur in der arabischen Sprache, sondern erhielten durch ihn auch manche Nachricht, wovon wir sonst nichts würden erfahren haben." [46]

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Auch der "Kichja", ein Beamter des Pascha von Djidda, war ein solch neugieriger Gelehrter: "[Er] empfing uns auch mit der größten Leutseligkeit und erkundigte sich nach dem Scheich und seinen andern Freunden in Kahira. Wir besuchten ihn nachher sehr fleißig. Er fragte bisweilen nach der Religion, nach den Sitten und Gewohnheiten der Europäer, bei welcher Gelegenheit wir ihm und den vornehmen Arabern, welche bei ihm waren, einen bessern Begriff von unserm Vaterland beibringen konnten, als sie bisher gehabt hatten. Sonst dachten sie ohngefähr ebenso von den Europäern wie wir von den Chinesen. Sie hielten sich selbst für die Klügsten unter allen Nationen, wenn sie auch gleich nicht leugnen konnten, dass andere in den Wissenschaften den Vorzug vor ihnen hätten." [47] Auch der Imam von Sana und sein Wesir, Fakih Achmed gehörten zu diesem illustren Kreis: "Er tat viele Fragen an uns, die zeigten, dass er sich mehr um die Wissenschaften bekümmert hatte, als seine Landsleute gemeiniglich zu tun pflegen, und dass er vielen Umgang mit Fremden, nämlich mit Türken, Persern und Indianern [Indern, C.O.] gehabt hatte… ." [48]

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Der wichtigste Gönner und Freund der Expedition und insbesondere Niebuhrs selbst wurde jedoch der Emir (Gouverneur) von Loheia mit Namen Farhan. "Er war ein Afrikaner und von Farbe ganz schwarz. Er ward in seiner Jugend nach Jemen zum Verkauf gebracht und hatte das Glück, einen Herrn mit Namen El mas zu erhalten [...] Dieser gab dem jungen Farhan eine gute Erziehung, beförderte ihn anfänglich zu kleinen Bedienungen, und als erst seine Verdienste bei Hof bekannt wurden, so war er bald Amtmann oder Statthalter in einem ansehnlichen Distrikt. Er war wirklich ein sehr höflicher und rechtliebender Herr und ein großer Freund der Fremden. [...]". [49]

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Diese Freundschaften basierten zwar offenbar auf persönlicher Zuneigung und Anerkennung, aber vor allem auf der Idee der "res publica litteraria", wie sie die europäische Gelehrtenkultur schon in der Renaissance entwickelt hatte. Sie fand besonders in der aufklärerischen Assoziationskultur, den Gelehrten Gesellschaften und den Akademien in Form von eigenen Organisationsformen ihren Niederschlag. Alle Gebildeten und wissenschaftlich Interessierten sollten Freunde werden, über alle Kultur-, Stände- und Glaubensgrenzen hinweg. [50] Auch Niebuhr hing spürbar dieser Idee an – und er identifizierte solche 'Freunde im Geiste' selbst im fernen Arabien, wie beispielsweise jenen "Scheich, der Schreiber bei einem der vornehmsten Gelehrten der Akademie Dsjamea al ashar zu Kahira war", [51] aber auch den eben erwähnten Emir Farhan von Loheia, den Niebuhr ganz unumwunden als "Freund" bezeichnet und dem er zum Abschied ein "vierfüßiges englisches Fernglas" schenkte, das diesen für immer an die Besucher aus dem Okzident erinnern sollte. [52]

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Das Gegenbild zu dieser Gemeinschaft der Gebildeten und Edlen, die mit ihrem Interesse an Niebuhr und seinen Kollegen natürlich auch die wissenschaftliche Expedition selbst gleichsam "nobilitierten" (wovon dann auch der Forscher selbst wiederum profitieren konnte), [53] war der "Pöbel". Ihm wurden nicht nur alle Untugenden und negativen Emotionen zur Last gelegt, wie religiöse Leidenschaftlichkeit, Gewaltbereitschaft, Furcht und Aberglaube, sondern er pflegte seine Schändlichkeiten ebenso kulturübergreifend "universell" wie die Gelehrten ihre Gelehrsamkeit und ihre wissenschaftlichen Freundschaften. In der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft der Gelehrten und Forschenden fand Niebuhr deshalb offenbar eine (neue) Heimat, selbst im fernen Arabien, der er sich in der Folge "landsmännisch verbunden" fühlen konnte und die er gerne auch seinem Sohn "vererbt" hätte. [54]

<41>

Es gibt indes noch eine andere Ebene der Verbindung, ja des Bündnisses zwischen dem europäischen Ethno-Geographen Niebuhr und seinen arabischen Freunden und mentalen Bundesgenossen – und zwar eine politische. Tatsächlich rühmt Niebuhr in seinem Arabien-Bericht nicht zuletzt auch die politischen Eigenschaften der Araber, die neben einer starken republikanischen Tradition in Kairo vor allem ein großer Freiheitswille antreibe. [55] Die Araber werden zum positiven Gegenbild der stolzen, aber auch tyrannischen und zur wahren Freundschaft ebenso wie zur gerechten Herrschaft unfähigen Türken oder "Otmanli", wie Niebuhr sie nennt. Die wichtigsten Eigenschaften der Araber gleichen hier insofern denen aller freiheitskämpfenden Nationen: "Ich weiß nicht, ob man die Araber in diesem Stücke [Handel, C.O.] mehr Betrüger oder unerfahrene Kaufleute nennen kann. Sie lieben die Freiheit und wenige Worte." [56]

<42>

Gleichzeitig konnte Niebuhr damit an Vorurteilsstrukturen anknüpfen, die insbesondere in Deutschland schon lange verwurzelt waren und die seiner "arabophilen" Les- und Lebensart eine zusätzliche Glaubwürdigkeit verleihen konnten. Dies wird schließlich in der biographischen Skizze seines Sohnes nochmals deutlich herausgestellt: "Der Türkenkrieg, welcher um jene Zeit [1788] ausbrach, beschäftigte ihn lebhaft und veranlasste mehrere Aufsätze. So warm er die Araber liebte, und obwohl im Grunde nach seiner Eigentümlichkeit die Araber von Medina, Bagdad und Cordoba unter den Khalifen eigentlich die Leute nach seinem Herzen waren, so sehr hasste er die hoffärtigen starren Türken – auch als Tyrannen seiner Araber –, und er wünschte herzlich, dass sie aus dem Segenslande vertrieben werden möchten, welches unter ihnen zur Wüste wird." [57]

<43>

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als der osmanische Einfluss auf dem Balkan von Europa aus zunehmend infragegestellt und sukzessive von Freiheitskämpfern diverser ethnischer Provenienz zurückgedrängt wurde, erschien ein solch sympathieträchtiger Wunsch nach Freiheit der Araber aus (mittel-)europäischer Sicht ebenso legitim wie zeitgemäß. Die Grenzgänge Niebuhrs in den arabisch-islamischen Raum hinein, seine enge "landsmännische" Verbundenheit mit den freiheitsliebenden Arabern führten ihn damit also letztendlich wieder direkt zurück ins aufklärerisch-europäische "Eigene".

Fazit

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Die "Liebe zu Arabien", die Reinhard Niebuhr seinem weitgereisten Vater in einer biographischen Notiz zuschrieb, lässt sich auch in dessen "Reisebeschreibung nach Arabien und andern umliegenden Ländern" auffinden. Sie erscheint hier allerdings im Gewand einer Gelehrtenfreundschaft, die indes nur vor dem Hintergrund einer sukzessiven Grenzüberschreitung entstehen konnte, welche durch Erfahrungen und Maßnahmen der Forschungsreisenden ebenso bewerkstelligt wurde wie vor allem durch die Überwindung von Ängsten und Vorurteilen mithilfe einer bestimmten Einstellung. Gemeint ist die 'innere Akkulturation', die sich aufklärerischen Grundsätzen und Überzeugungen – etwa von der universellen Natur des Menschen oder der religiösen Toleranz – ebenso verdankte wie der Vorstellung von der 'respublica litteraria', die alle Gebildeten umfassen und im gemeinsamen Ziel einer generellen Welterkenntnis vereinen sollte bzw. konnte. Eben diese 'innere Akkulturation' verhinderte ihrerseits aber auch eine allzu große Identifizierung mit dem 'Fremden', da sie in ihren Grundzügen einem durch und durch europäischen Projekt, dem wissenschaftlichen Fortschritt, verpflichtet war.

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Gefühle spielten in diesem Akkulturationsprozess keine geringe, aber eine überwiegend negative Rolle. Sie behinderten im schlechteren Fall den transkulturellen Verkehr und waren vor allem beim ungebildeten "Pöbel" verbreitet, der aus Sicht des Aufklärers Niebuhr zwar überall zu finden war, der Gemeinschaft der Gebildeten aber diametral entgegenstand. Innerhalb dieser gab es nämlich nur gemäßigte, positive Gefühle von Freundschaft und Anerkennung, während die Forscher und Entdecker selbst mit Gleichmut, Selbstverleugnung und männlichem Mut auf die Herausforderungen zu reagieren hatten, die ihnen die Entdeckung neuer Welten abverlangten.

Autorin:

Prof. Dr. Claudia Opitz-Belakhal
Universität Basel
Departement Geschichte
Hirschgässlein 21
CH - 4051 Basel
claudia.opitz@unibas.ch



[1] Carsten Niebuhr (* 17. März 1733; † 26. April 1815) stammte aus eher einfachen Verhältnissen, studierte aber unter gewissen Mühen zunächst in Hamburg, dann in Göttingen Mathematik und Geographie und wurde 1758 zum Geograph der Arabienexpedition gewählt, an der er dann mit großer Begeisterung nach zweijähriger Vorbereitungszeit 1761-1767 teilnahm. Nach seiner Rückkehr wurde er 1768 zum Ingenieurkapitän und 1778 zum Wirklichen Justizrat ernannt. Mit dem Sturz seines Gönners, des Grafen von Bernstorff, 1770 geriet auch Niebuhrs Karriere ins Stocken; er musste sich mit einem Landschreiber-Posten in der Provinz, in Meldorf in Dithmarschen begnügen, den er von April 1778 bis zu seinem Tode innehatte. Pläne für eine zweite Forschungsreise hatte er 1773 zugunsten der Eheschließung mit der Tochter des ehemaligen königlichen Leibarztes, Christiane Sophie Blumenberg, und einer sicheren Beamtenposition als Landschreiber (Stellvertreter und rechte Hand des Landvogts) aufgegeben. Immerhin konnte er in dieser Position nebenberuflich noch einige seiner auf der Arabien-Expedition zusammengetragenen Daten und Erkenntnisse publizieren und profitierte in seinen späteren Jahren von dem großen Prestige, das ihm die Forschungsreise und seine skrupulöse Berichterstattung eintrugen.

[2] Vgl. hierzu insbesondere die Beiträge in Josef Wiesehöfer / Stephan Conermann (Hg.): Carsten Niebuhr (1733-1815) und seine Zeit, Stuttgart 2002.

[3] Vgl. Carsten Niebuhr: Reisebeschreibung nach Arabien und andern umliegenden Ländern. Mit einem Vorwort von Stig Rasmussen und einem biographischen Porträt von Barthold Georg Niebuhr, Zürich 1992.

[4] Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 902.

[5] Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 907.

[6] Dies im Gegensatz zu Forschungen über Fremdheit und Fremdsein in der 'eigenen', der europäischen Gesellschaft. Hier spielt – im Gefolge der Bewältigung des Holocaust, aber auch im Zusammenhang von Arbeitsmigration und Integration – die emotionale Befindlichkeit von Gruppen und Einzelpersonen eine weit größere Rolle. Vgl. dazu etwa Peter Janz (Hg.): Faszination und Schrecken des Fremden, Frankfurt a. M. 2001, hier besonders den sehr ausführlichen Forschungsbericht von Ulrich Bielefeld. Zur Reiseberichtsforschung generell Peter J. Brenner: Die Erfahrung der Fremde. Zur Entwicklung einer Wahrnehmungsform in der Geschichte des Reiseberichts, in: ders. (Hg.): Der Reisebericht. Die Entwicklung einer Gattung in der deutschen Literatur, Frankfurt a. M. 1989, 14-49; Jürgen Osterhammel: Geschichtswissenschaft jenseits des Nationalstaats. Studien zur Beziehungsgeschichte und Zivilisationsvergleich, Göttingen 2001; sowie Joachim Eibach: Annäherung – Abgrenzung – Exotisierung. Typen der Wahrnehmung 'des Anderen' in Europa am Beispiel der Türken, Chinas und der Schweiz (16.- frühes 18. Jahrhundert), in: ders. / Horst Carl (Hg.): Europäische Wahrnehmungen 1650-1850. Interkulturelle Kommunikation und Medienereignisse, Hannover 2008, 13-73.

[7] Zur Bedeutung (bzw. zum Fehlen) von Emotionen in der Geschichtswissenschaft allgemein vgl. Ute Frevert: Was haben Gefühle in der Geschichte zu suchen, in: Geschichte und Gesellschaft 35 (2009), 183-208; speziell in der Wissenschaftsgeschichte siehe Lorraine Daston: Wunder, Beweise und Tatsachen. Zur Geschichte der Rationalität, Frankfurt a. M. 2001.

[8] Über den Forschungsauftrag, den Verlauf und die Erträge dieser Forschungsreise siehe neben dem Vorwort von Stig Rasmussen in Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 7-46, auch Dieter Lohmeier: Carsten Niebuhr. Ein Leben im Zeichen der Arabischen Reise, in: Wiesehöfer / Conermann: Carsten Niebuhr (wie Anm. 2), 17-42.

[9] Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 52.

[10] Carsten Niebuhr: Beschreibung von Arabien, Kopenhagen 1772.

[11] Die Bedeutung des nüchternen Schreibstils für die Positionierung eines Reiseschriftstellers und insbesondere für seine Glaubhaftigkeit in der zeitgenössischen Diskussion des späteren 18. Jahrhunderts betont Jürgen Osterhammel: Die Entzauberung Asiens. Europa und die asiatischen Reiche im 18. Jahrhundert, München 2010, 179-183.

[12] "Wir bedauerten seinen Verlust gar sehr; denn er hatte durch den vielen Umgang mit den gemeinen Leuten [...] nicht nur am besten von der ganzen Gesellschaft die arabische Sprache und ihre verschiedenen Dialekte gelernt und war deswegen sehr oft unser Fürsprecher, sondern er nahm sich auch überhaupt des glücklichen Fortgangs unserer Reise sehr eifrig an." Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 400.

[13] So rühmt er jeden seiner Reisegefährten anlässlich ihres Todes für ihren Anteil, den sie jeweils am Projekt und an der Wissenschaft über Arabien hatten. Über den Zeichner Baurenfeind etwa fügt er im August 1762 einen Nachruf ein: "Es würde überflüssig sein, wenn ich etwas zum Lobe dieses Künstlers sagen wollte, da viele Prospekte von Städten und die Zeichnungen von Kleidertrachten, welche man zerstreuet in diesem Bande findet [...] zur Genüge von seiner Geschicklichkeit und seinem Fleiße zeugen." Niebuhr: Reisebericht, 140. Und weiter über den Diener Berggren anlässlich dessen Tod etwa zur gleichen Zeit: "Dieser hatte bei einem schwedischen Husarenobersten in Pommern gegen die Preußen gedient. Er reisete mit uns von Kopenhagen, er hatte eine sehr starke Gesundheit und achtete die Fatiguen auf einer Reise nach Arabien anfänglich sehr geringe. Allein auch er war nicht stark genug, sie zu ertragen. Er starb den folgenden 30ten August, und beide Leichen wurden in die See geworfen." Ebd.

[14] Hier zeigt sich Niebuhr ganz als Forschungsreisender der frühen Aufklärung. Schon wenige Jahre später sollte sich indes in der spätaufklärerischen Reiseliteratur ein neuer Stil etablieren, ein Stil der Empfindsamkeit, der vor allem die emotionale Befindlichkeit und die Reflexion von Empfindungen und Erlebnissen in den Mittelpunkt der Darstellung rückte. Zum veränderten Schreibstil der Spätaufklärung vgl. Brenner: Erfahrung der Fremde (wie Anm. 6).

[15] "Während der Zeit, da wir bei Tenedos [an der griechischen Ägäis, C.O.] lagen, kamen schon verschiedene Türken an Bord. [...] Ihre Sprache, Kleidung und ihr ganzes Betragen war uns so fremd, dass wir nicht große Hoffnung hatten, in den Morgenländern viel Vergnügen zu finden." Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 67.

[16] "Auch ich hatte bei meinem ersten Aufenthalt zu Konstantinopel noch so fürchterliche Begriffe von den Mohammedanern, dass ich es kaum wagte, dieses Stück des Altertums [einen Obelisk, C.O.] nur genau zu betrachten. Aber bei meiner Zurückkunft kopierte ich alle Hieroglyphen, welche man auf diesem Obelisk siehet, ohne etwas von mehr als hundertundfünfzig Türken, die Zuschauer bei dieser Arbeit waren, zu befürchten." Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 75.

[17] Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 279. Einzige Ausnahme war und blieb hierbei die heilige Stadt Mekka, deren Besuch für Ungläubige bei Todesstrafe verboten war. Niebuhr bemerkt dazu: "Dies sagte man uns gleich anfangs. Es war also billig, dass wir uns darnach richteten." Ebd., 280.

[18] Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 110. Niebuhr selbst tappt später mit seiner Gruppe in eine solche Falle und vertraut sich im Jemen einem "falschen Freund" an, der ihm ebenfalls vorspiegelt, dort in großer persönlicher Gefahr zu schweben, nur um ihm desto mehr Geld und Geschenke abzujagen. Ebd., 352f.

[19] "Da die Kopten während des ganzen Gottesdienstes stehen und dies für manchen sehr unbequem ist, so lehnen sich viele auf Krücken. Zu dieser Absicht liegt eine große Menge hölzerner Krücken auf dem Fußboden, und dies ist in den Augen eines Europäers eben kein schöner Zierat in einer Kirche. Die Gemälde der Kopten sind überaus schlecht." Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 113. Ähnliches gilt auch für orientalische Musik, Tanz und Theater – und auch umgekehrt gefällt europäische Musik den Arabern wenig. Ebd., 302.

[20] "Wir hätten zwar noch zu Alexandrien in europäischer Kleidung gehen können, weil die Einwohner daselbst gewohnt sind, Franken, das heißt Europäer zu sehen. Aber zu Kahira und in Arabien würde unsere aus so vielen kleinen Stücken zusammengesetzte Kleidung, die so sehr von der simplen morgenländischen Tracht verschieden ist, uns nicht nur vielen unangenehmen Fragen, sondern bei dem Pöbel auch der Verspottung ausgesetzt haben, und für uns selbst würde sie sehr unbequem gewesen sein [...]". Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 78. Und weiter heißt es: "Jetzt reiten die Herrn Konsuls [in Kario, C.O.] nur an dem Tage zu Pferde, da sie Audienz bei dem Pascha haben. Sie sind alsdann auf europäisch und aufs prächtigste gekleidet. Mich wundert daher gar nicht, dass sie bei dieser Gelegenheit von dem Pöbel so viele Schimpfworte geduldig anhören müssen; denn unsere kurze und enge Kleidung ist in den Augen der Morgenländer für einen ehrbaren Mann höchst unanständig, und Gold oder Silber siehet man gar nicht auf den Kleidern der hiesigen Einwohner." Ebd., 147.

[21] "In Konstantinopel sind den Christen und Juden nicht allein alle lebhaften Farben zu ihren Kleidern verboten, sondern wenn sie ihre Häuser auswendig anstreichen wollen, so muß dies ebenfalls mit einer dunklen Farbe geschehen. In Ägypten kann jeder die Farbe seiner Kleidung nach eigenem Gefallen wählen, wenn er nur nicht grün nimmt; denn diese Farbe haben die Mohammedaner unter der türkischen Regierung bloß ihren Glaubensgenossen vorbehalten." Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 165.

[22] Vgl. Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 357ff.

[23] Vgl. Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 387.

[24] Ein Beispiel dafür ist der Schotte Franz Scot, der die Reisenden in Moccha zum Essen einlädt und ihnen bei Verhandlungen mit dem Zoll hilft: "wir erhielten in ihm auch einen wahren und beständigen Freund." Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 358.

[25] Hier wurde indes noch sehr lange versucht, europäische Gewohnheiten aufrechtzuerhalten. Noch im Jemen berichtet Niebuhr von einem Erlebnis mit einem jungen Stammesfürsten: "Da wir bisher noch, soviel möglich, nach europäischer Art lebten, so setzten ihn der Tisch, die Bänke, die vielen Teller, Löffel, Messer und Gabeln in Erstaunen. Die Morgenländer pflegen ihre Fleischspeisen in Stücken zerschnitten auf den Tisch zu bringen. Bei uns sah er ganze gebratene Hühner. [...] Dieser Araber wird seinen Freunden in der bergigen Gegend gewiß wunderbare Sachen von den Gebräuchen der Europäer erzählt haben: man hat ihn ohne Zweifel auch ebenso begierig angehört als manche Europäer diejenigen Reisenden, welche ihre Abenteuer erzählen, die sie in fremden Ländern erlebt haben wollen." Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 302. Bei seinen Ausflügen ins Bergland aber verzichtete Niebuhr auf jegliche europäische Nahrung und Lebensweise. Ebd., 321.

[26] Nach zwei Jahren in Ägypten und einem halben Jahr im Jemen war die Assimilation vollständig, wie Niebuhr konstatiert: "Wir beide [Niebuhr und Forskal, C.O.] hatten schon einen ehrwürdigen arabischen Bart und also in der langen Kleidung ein ziemlich morgenländisches Ansehen. Damit wir aber noch weniger für Europäer gehalten werden möchten, so nahm jeder von uns einen arabischen Namen an, und diese unsere Anstalten überredeten selbst unsern Eseltreiber, dass wir keine Europäer wären, sondern etwa morgenländische Christen sein müssten." Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 338.

[27] Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 226. Dies gilt im Übrigen für beide Seiten: "Der [ägyptische, C.O.] Schiffer, sein Schreiber und seine Steuerleute redeten ziemlich gut Italienisch. Der Schreiber war nicht nur zu Venedig und in andern italienischen Häfen gewesen, sondern einmal auch nach Wien gekommen." Ebd., 84. "[...] ich habe hier [in Alexandria, C.O.] und sonst nirgends, auch geborne Mohammedaner angetroffen, die das Provenzalische, das Dänische oder Schwedische fast ebenso gut redeten, als wenn sie in Frankreich, in Dänemark oder Schweden geboren wären. [...] Vermutlich aber ist es nur die Hoffnung des Gewinstes und ein geringer Grad von Anhänglichkeit an ihre Religion, was sie aufmuntert, sich auf fremde Sprachen zu verlegen." Ebd.

[28] Vgl. dazu auch die Beispiele für Kommunikationsprobleme durch mangelnde Sprachkenntnisse oder den Einbezug von Übersetzern bei Osterhammel: Entzauberung (wie Anm. 11), 128-139.

[29] Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 146. Die Bedeutung einer auch im jeweils bereisten Land anerkannten hohen Stellung für europäische Forschungsreisende zeigt auch Osterhammel: Entzauberung (wie Anm. 11).

[30] Unter 'innerer Akkulturation' lässt sich allgemein eine willentliche, sowohl intellektuelle wie auch habituelle Annäherung an das Fremde bzw. ein sukzessiver Abbau von Differenzängsten und Vorurteilen verstehen, was schließlich zu einem weitgehenden Abbau der Grenzziehung zwischen Eigenem und Fremdem führen kann. Diese Haltung erscheint bei Niebuhr insbesondere vom Universalismus aufklärerischer Menschen- und Bildungsvorstellungen geprägt.

[31] Die 'innere Akkulturation' ist insofern das konträre Gegenteil der (vor allem äußeren) Akkomodation, der sich etwa jesuitische Missionare befleißigten, um den asiatischen Gläubigen den Weg zum Christentum zu ebnen (vgl. dazu den Beitrag von Antje Flüchter in dieser Ausgabe). Eine solche missionarische Grundorientierung und religiöse Kernüberzeugung war Niebuhr vom Prinzip her fremd, da er ja vor allem Erkenntnisse über die fremde Kultur sammeln wollte und sich selbst im Wesentlichen als Medium im Dienste der westlichen Wissenschaft, als Überbringer von Informationen und Beobachtungen aus Asien betrachtete, nicht umgekehrt.

[32] Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 85.

[33] Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 84. Auch die katholischen Missionare werden von Niebuhr immer wieder als radikale Friedensstörer und irrationale Eiferer denunziert: "An europäischen Mönchen fehlt es in Ägypten nicht [...] Alle diese Väter haben einen sehr großen Trieb zu bekehren, und oft glückt es ihnen auch, aus einem morgenländischen Christen einen römischen zu machen. Die Mohammedaner glauben zwar nicht, dass diese Neubekehrten bessere Mitbürger werden, allein die Regierung hat doch keine Ursache, den europäischen Aposteln entgegen zu sein, denn durch die Uneinigkeiten, welche sehr oft zwischen den Neubekehrten und denen, welche bei der alten Kirche bleiben, entstehen, haben die Paschas manche Gelegenheit, große Strafgelder bald von der einen, bald von der andern Partei zu erhalten, und bisweilen müssen die Mönche rechtschaffen bezahlen." Ebd., 140. Gelegentlich sind sie aber auch nur nüchterne Geschäftemacher wie alle anderen auch: "Indessen findet man noch bisweilen unter den Christen Privatpersonen, denen es nicht an Eifer fehlt, für den Glauben an Christum zu streiten, wenn sie sonst keine bessere Gelegenheit finden können, ihr Glück zu machen. Denn vermutlich ist die Hoffnung des Gewinnes bei ihnen größer als der Eifer für das Christentum". Ebd., 64.

[34] Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 214.

[35] Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 133.

[36] So widerlegt Niebuhr auch die in Europa verbreitete Vorstellung von den räuberischen Arabern anhand eines selbst erlebten Beispiels: "Nachher reiseten wir noch einmal in Gesellschaft von verschiednen Kaufleuten nach den Pyramiden. [...] Doch ward einer aus unserer großen Gesellschaft geplündert. [...] Ich möchte aber deswegen die Araber überhaupt noch nicht Räuber nennen, obgleich andere Reisende vielleicht nicht mehr Ursache gehabt haben, ihnen einen solchen Namen beizulegen. Sie taten weiter nichts, als was auch bei einem Auflauf des europäischen Pöbels zu geschehen pflegt." Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 215.

[37] "Ich lernete nach und nach, mich bei meinen Beobachtungen von den Mohammedanern und ihrem Argwohn in acht zu nehmen, welches vornehmlich notwendig war, so lange ich selbst nicht mit ihnen reden konnte." Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 95.

[38] Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 269.

[39] Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 395. Umgekehrt teilte er aber die Auffassung vieler europäischer Reisender und auch Ärzte, dass es von Vorteil wäre, sich vor allem in der Lebensweise und Ernährung an die örtlichen Usancen anzupassen.

[40] Diese Schlussfolgerung legen auch die Nachrufe auf seine Begleiter nahe, die Niebuhr ja als außergewöhnlich belastbar und verdienstvoll präsentiert, die es aber dennoch nicht schafften, die Reise zu beenden – eine Perspektivierung, die zur eigenen Heroisierung ebenso beiträgt wie sie die Härten der unternommenen Reise nochmals hervorhebt. Dass Forschungsreisen nur etwas für "ganze Männer" seien, wird damit ebenfalls suggeriert.

[41] Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 116f. Ein Negativbeispiel ist dagegen der als Dolmetscher fungierende konvertierte Grieche, den sie in Konstantinopel in ihren Kreis aufnahmen: "Herr Cramer fand es für gut, einen Dolmetscher mitzunehmen [...] Dieser war ein geborner Grieche, der wegen seiner schlechten Aufführung ein Mohammedaner geworden war, und war dazu ganz unwissend auf Reisen." Ebd., 227. Über das allgemein höchst negative Ansehen der Renegaten Osterhammel: Entzauberung (wie Anm. 11), besonders 110f.: "Der Konvertit gilt nicht als Mittler zwischen den Kulturen, sondern als irrender Wanderer zwischen ihnen."

[42] Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 351.

[43] Zum Beispiel die "Standhaftigkeit der Araber in Unglücksfällen". Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 347. Ein weiteres Beispiel: "Das ist das einzige Mal [bei Damiat, C.O.] auf meiner ganzen Reise, dass ich Mohammedaner furchtsam vor Gespenstern gesehen habe, und unter den Arabern habe ich niemals etwas davon gehört." Ebd., 120.

[44] "Wir freueten uns, die Sitten der Mohammedaner immer besser zu finden, je weiter wir uns von Ägypten entfernten, besonders aber, dass die Einwohner in diesem Lande, welches zu durchreisen die Hauptabsicht unserer ganzen Unternehmung war, uns gleich im Anfange so höflich begegneten." Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 297). "Ich wusste nunmehr schon aus der Erfahrung, dass man in Jemen ebenso ungehindert und mit ebenso großer Sicherheit reisen kann als in irgend einem Land in Europa [...]". Ebd., 328. Ein "hochmütiger und prahlender Araber", den Niebuhr in einer Herberge zu Zebid traf, bleibt umgekehrt die große Ausnahme – "als ich nirgends einen unter den Mohammedanern getroffen habe". Ebd., 325.

[45] Vgl. etwa auch Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 362. Allerdings konnte der Eindruck auch täuschen. Einmal stießen die Arabien-Forscher auf einen "falschen Freund", der aus seiner Freundschaft Kapital im materiellen Sinne schlagen wollte: "Überdies hatten wir hier [in Mockha, C.O.] schon einen Bekannten und, wie wir nicht anders glaubten, einen Freund. [...] Ismael war einer von denen Leuten, die ihres Eigennutzes wegen die Bekanntschaft der Fremden suchten. Bloß deswegen hatte er sich auf die holländische Sprache gelegt. [...] Ismael gewann sehr wenig von uns, aber er machte uns viel Verdruß." Ebd., 352f.

[46] Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 280f.

[47] Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 282f.

[48] Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3),, 412.

[49] Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 299.

[50] Zum Freundschaftsideal der Aufklärung siehe Helga Brandes: Art. "Freundschaft", in: Lexikon der Aufklärung, hg. von Werner Schneiders, München 1995, 139-141; zum Assoziationswesen vgl. Ulrich im Hof: Das Europa der Aufklärung, München 1993, besonders Kap. IV, 95-139.

[51] Vgl. Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 280f.

[52] Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 308f. Dass sich diese emotionale Bindung auch auf andere "Künste" als die (Natur-)Wissenschaft richten konnte, wird an einem weiteren Beispiel deutlich: "Ein Kaufmann, welcher vor Alter kaum mehr gehen konnte, aber doch gerne Europäer sehen und ihre Musik hören wollte, ließ sich auf einen Esel setzen, von zwei Bedienten halten und kam zu uns. Er war sehr höflich. Er versicherte uns, dass er kein Feind der Christen wäre, ja, dass er es seiner Religion nach nicht sein könnte, weil Gott alle Menschen erschaffen hätte und alle Religionen duldete. Von allen fremden Religionsverwandten liebte er die Christen am meisten." Ebd., 302. Bedeutsam erscheint hier die enge Verknüpfung von (Religions-)Verwandtschaft, Freundschaft und Liebe.

[53] Umgekehrt stilisiert sich Niebuhr nicht selten als asketischer Forscher ohne Ansprüche an sein persönliches Wohl; er passt seinen Lebensstil ganz den Landessitten an, nicht zuletzt, weil man so weniger Geld braucht, aber auch "mehrere Verdrießlichkeiten [vermeidet, als], wenn man viele Bediente hat, und überdies [...] nicht allezeit mit so großer Sicherheit als ein anderer, bei dem man nicht viel vermutet", reisen kann. Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 321. Mehrfach beklagt er die Umstände, die die ganze Reisegesellschaft machte, und rühmt die Flexibilität und Effizienz, die seine den Landessitten angepasste Reiseform mit sich brachte.

[54] Vgl. dazu das biographische Portrait von Niebuhr junior: "Er wünschte ursprünglich nichts anderes, als dass ich sein Nachfolger in Reisen im Orient werden möchte. Aber der Einfluß einer sehr zärtlichen und ängstlichen Mutter auf meine physische Erziehung verdarb den Plan." Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 907.

[55] "Der Pascha, welcher hier [in Kairo, C.O.] residiert [...] hat in diesem Lande keine so große Macht als die Paschas in den übrigen Provinzen, sondern hängt größtenteils von der Republik ab oder von seinem Diwan, das heißt von den Beys [Prinzen, C.O.], von den Häuptern der ägyptischen Truppen und vielen andern vornehmen Kahirinern. Da nun diese gemeiniglich anders denken als der Pascha, welchen sie als ihren Tyrannen ansehen, so geschieht es nicht selten, dass dieser Statthalter des Sultans von den Ägyptern abgesetzt wird [...]". Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 141.

[56] Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 151.

[57] Niebuhr: Reisebeschreibung (wie Anm. 3), 907f. Vgl. hierzu auch Gottfried Hagen: "Unter den Tyrannen seiner Araber" – Carsten Niebuhr über Konstantinopel, Türken und Osmanisches Reich, in: Wiesehöfer / Conermann: Carsten Niebuhr (wie Anm. 2), 301-324.

Empfohlene Zitierweise:

Claudia Opitz-Belakhal : Der "arabophile" Carsten Niebuhr. Über emotionale und andere Grenzüberschreitungen im „glücklichen Arabien“ , in: zeitenblicke 11, Nr. 1, [07.11.2012], URL: http://www.zeitenblicke.de/2012/1/Opitz-Belakhal/index_html, URN: urn:nbn:de:0009-9-33963

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